„Ich gebe mein Bestes, um Gedankenfutter zu liefern.“ – Jens Pepper im Gespräch mit Michał Szlaga

Foto: Michal Szlaga, part of the '' Poland '' series, made from 2004 to 2016

Jens Pepper: Ich habe gehört, dass das Cente Pompidou kürzlich Arbeiten aus deiner Serie über die alte Schiffswerft in Danzig erworben hat, also Bilder aus deiner Langzeitdokumentation, die das langsames Verschwinden der Werft, die Demontage zeigen. War das eigentlich die Lenin-Werft? Ich hatte diese Fotos 2014 im Polnischen Institut in Berlin gesehen und war ganz fasziniert von ihnen. Gut zu wissen, dass sie nun in solch einer wichtigen Sammlung sind. In Berlin war das damals ja deine erste Einzelausstellung außerhalb Polens. Ist diese Erwerbung nun der erste Museumsankauf für dich?

Michał Szlaga: Das ist richtig, im Dezember 2016 hat das Centre Pompidou die gesamte Ausstellung, die du in Berlin gesehen hast, für seine Sammlung gekauft. Das sind 32 Fotos mit Breitenmaßen zwischen 25 und 180 cm, 24 Dias und 12 Sets mit Objekten von der Werft aus der Zeit vor und nach der Demontage, das Buch mit dem Titel ‚The Shipyard‘ und ein Film aus dem Jahr 2012. Meine Verhandlungen mit dem Vertreter des Centre Pompidou haben vier Jahre gedauert und nun ich bin wirklich froh, dass es im Besitz des gesamten Materials ist, einfach weil ich glaube, dass nur solch vollständiges Material die ganze Geschichte wiedergeben kann, die ich hier dokumentieren konnte. Für mich ist es das erste große Konvolut von Arbeiten, das ich einer Fotografie sammelnden Institution verkaufen konnte. Ein Foto von mir, das Portrait eines Arbeiters von 2004, ist in der Sammlung des Centre for Contemporary Art ‚Zamek Ujazdowski‘ in Warschau, eine weitere Arbeit, das Portrait der legendären Solidarność-Aktivistin Anna Walentynowicz, ebenfalls von 2004, befindet sich im Depot des National-Museums in Gdańsk.

Jens Pepper: Polnische Fotografie wird noch nicht so viel außerhalb Polens gesammelt. Ich nehme an, dass es in deinem Fall hilfreich war, dass die bekannte polnische Ausstellungsmacherin und Kunsthistorikerin Karolina Ziębińska-Lewandowska seit 2014 Kuratorin am Centre Pompidou ist. Eine kraftvolle Stimme auf dem Feld der Fotografie. Anders sieht es beim reinen Interesse an polnischer Fotografie außerhalb Polens aus. Dort scheint es ein langsam wachsendes Interesse zu geben, gefördert von jungen polnischen Kuratoren die im Ausland leben und arbeiten. Wie wichtig ist es für dich, im Ausland auszustellen? Und wie wird deine Arbeit bisher im Ausland rezipiert?

Michał Szlaga: Du hast recht, unglücklicherweise gibt es nicht viel polnische Fotografie in wichtigen Sammlungen. Wir freuen uns daher über jeden polnischen Kurator, der an einer bekannten ausländischen Institution arbeitet. Überraschenderweise ist die Situation in Polen aber nicht besser. Das Sammeln ist hier eher eine neugeborene Sache, es gibt keine Kultur des Erwerbens und Sammelns von Fotografie, weder institutionell noch privat. Sammlungen sind sehr ängstlich. Ich wage es zu behaupten, dass ich keinen einzigen polnischen Fotografen kenne, der zu 100% vom Verkauf seiner Arbeiten leben kann. Wir alle machen Nebenjobs, beispielsweise Presse- und Werbegeschichten oder Lehraufträge. Das ist typisch für meine Generation. Trotz mehr als ein dutzend Jahre der Aktivitäten die auf eine Errichtung eines Marktes für künstlerische Fotografie abzielten, erleben wir noch immer keine finanzielle Stabilität. Meistens finanzieren wir unsere künstlerische Arbeit mit eigenem Geld, das wir woanders verdienen.

Im Ausland polnische Fotografie zu promoten ist auch nicht einfach. Wenn wir einmal dort sind, werden wir in der Regel mit positiven Emotionen empfangen. Dieses Interesse ist gut nachzuvollziehen, soweit es unsere westlichen Nachbarn betrifft; die wollen uns kennenlernen und besser verstehen. Ich erinnere mich aber auch an Ausstellungen in den USA oder China, dort machen wir einen vollkommen anderen Eindruck; wir gelten dort als exotisch.

Jens Pepper: Wieso hast du dich entschlossen, eine Dokumentation über die Danziger Schiffswerft zu machen? Weil sie ein Symbol für die Solidarność wurde, für das Ende des Kommunismus in Polen, für das Ende der Ost-West-Konfrontation? Oder eher, weil du dich für die Veränderungen in der Urbanität interessiert hast? Oder beides oder was ganz anderes?

Michał Szlaga: Nein, eigentlich nichts davon. Ich bin 1999 erstmals auf die Werft gekommen, als Fotografiestudent der Kunstakademie. Ich berief mich auch auf den Studentenstatus, um Zugang zu dem Werftgelände zu bekommen und dort ein Routine-Foto-Training machen zu können. Einer unserer Professoren hatte jeden von uns gebeten, einen Ort zum Fotografieren zu finden. Ich war zu der Zeit 21 Jahre alt und zuvor noch nie dort gewesen. Ich hatte es immer interessant gefunden, wie die Schiffswerft von außen aussah. Vor allem die Krähne sah man ja von vielen Stellen in Danzig aus sehr gut. Ich schaffte es also, legal Zugang zur Werft zu erhalten. Nach dem ersten Besuch folgte der zweite und die Werft begann mich immer mehr zu faszinieren. Alles in allem hatte ich Zugang zu rund 100 Hektar Gelände, das zu der Zeit noch Arbeitsfläche war. Damals wusste noch niemand von den Plänen, dass hier ein neues Stadtviertel entstehen sollte.

Das wurde erst 2001 bekannt, als publik gemacht wurde, dass der größte Teil des Geländes an einen Entwickler verkauft worden war. Man könnte sagen, dass die Firma, die das Geläne erworben hatte mein natürlicher Partner bei der Arbeit wurde. 2002 entschloss sich der Entwickler Künstler auf das Werftgelände zu holen und so kam es, dass bis 2007 ein paar Dutzend Künstler in ein paar Gebäuden auf dem Gelände lebten und arbeiteten. Ich selbst arbeitete in der sogenannten ‚Künstlerkolonie‘, die in dem ehemaligen Gebäude der Telefonzentrale beheimatet war. Anfangs war ich nur an den Arbeitern interessiert, an der Technik für den Schiffsbau und ich genoss die Zeit. Später begann ich mich auch für die urbanen Veränderungen zu interessieren. Der Entwickler fütterte uns mit schönen und positiven Visionen. Als ich dann die Uni abschloss, begann ich meine ersten seriösen Jobs für der Presse zu machen, vor allem für Newsweek Polska, für die ich u.a. 2004 das Portrait einer der legendären [Solidarność-] Führerinnen machte, das von Anna Walentynowicz. Nach Anna kamen dann die nächsten Legenden und die nächsten Aufträge.

Du siehst, dass das alles eher unschuldig und zufällig passierte. Später wurde es zu einer vielschichtigen und multi-thematischen Erkundung der Schiffswerft und der Dinge, die damit verknüpft waren. Was die Solidarność angeht, so habe ich mich erst nach fünf Jahren auf der Werft damit beschäftigt.

Jens Pepper: Habe ich das richtig verstanden? Du hast auch auf dem Werftgelände gelebt, in der Künstlerkolonie?

Michał Szlaga: Eigentlich war das aus mehreren Gründen gut. Zunächst einmal konnte ich an einem besonderen Ort leben und diesen kennenlernen. Fast alle, die dort ein Atelier hatten, malten, machten Theater oder Musik. Es war eine insprierende Erfahrung, für ein paar Jahre miteinander zu leben. Ein weiterer Vorteil waren die vielen Möglichkeiten und Freiheiten. Wir hatten zu der Zeit kaum Zugang zu den Galerien in der Stadt, aber das spielte auf einmal keine Rolle mehr, weil wir unsere eigene Galerie gründeten. Wir haben Ausstellungen und Konzerte organisiert, Filmvorführungen in unseren Ateliers oder in den Fluren der Künstlerkolonie. Wenn wir wollten, konnten wir umsonst eine Ausstellung oder eine Veranstaltungsreihe in einem der vielen Lagerhäuser organisieren. Beispielsweise co-organisierte ich 2003 gemeinsam mit Tomek Sikora and Andrzej Świetlik eine Ausstellung unter dem Titel ‚Homeless Gallery‘. Wir siedelten sie im sogenannten U-Boot-Lagerhaus an, das während des Dritten Reichs errichtet wurde und in dem zu Beginn der 1940er Jahre U-Bootmotoren gebaut wurden. Dieses Lagerhaus hatte drei außergewöhnliche Räume, jeder 3000 Quadratmeter groß. Unsere ‚Homeless Gallery‘ wurde während der paar Tage seines Bestehens von tausenden Menschen aus der Dreistadt [Danzig, Gdingen und Zoppot] besucht. Für mich war das eine wirklich inspirierende Erfahrung gewesen. Ein weiterer unbestreitbarer Vorteil für mich war, dass ich auch permanenten und unlimitierten Zugang zu dem Gelände und den Fertigungsstätten in der Zeit nach dem ursprünglichen Werftbetrieb hatte. Dort wurde ja immer noch gearbeitet. Um also legal reinzukommen, hatten wir spezielle Arbeitspässe, ähnlich denen, die auch die Werftarbeiter hatten. Für mich markiert diese Zeit den Anfang einer langjährigen und intensiven Beschäftigung mit der Werft. Zu allem kam noch, dass die Ateliermiete dort extrem niedrig war, weshalb ich mir einen 100 Quadratmeter großen Raum leisten konnte. Außerhalb der Werft wäre das sicherlich nicht möglich gewesen. 2007 wurde die Künstlekolonie aufgelöst, gleichzeitig mit einem erfolgten Besitzerwechsel. Danach begannen die Demontagen, die bis 2012 andauerten. Da ich diesen Ereignissen nah sein wollte, habe ich die Werft nicht verlassen. Zunächst wohnte ich für zwei Jahre ein paar hundert Meter innerhalb des Geländes, in einer anderen Kunstenklave mit Namen ‚Modelarnia‘. 2009 kaufte ich mir eine Wohnung genau außerhalb der Werftzäune, am Solidarność Platz, von der aus ich das Gelände überblicken konnte. Ich behielt auch mein Atelier auf der Werft. In gewisser Weise ist es noch immer so.

Jens Pepper: In Deutschland wurde Anna Walentynowicz ein wenig bekannt durch Volker Schlöndorffs Film ‚Strajk‘, dennoch sind es vor allem die Männer der Solidarność, die man allgemein kennt. Wie hast du sie portraitiert. Und wie war sie als Person, als du sie trafst?

Michał Szlaga: Nach meinem Uniabschluss konnte ich keinen richtigen Job finden. Gelegentlich wurde ich als Schiffsmaler auf der Werft angestellt. Das war eine harte und schlecht bezahlte Arbeit, so dass ich mich entschloss, von der Fotografie zu leben. Ich begann damit, mein Portefolio an Redaktionen zu schicken und schaffte es, das Interesse des Fotoredakteurs von Newsweek Polska zu wecken. So wurde ich deren Korrespondent im Norden. Einer meiner ersten Aufträge war es, Anna Walentynowicz zu fotografieren. Das Foto war für einen Artikel, in dem darüber berichtet wurde, wie Menschen, die von dem kommunistischen Regime unterdrückt wurden, Einsicht in ihre Unterlagen beim Geheimdienst, dem Urząd Bezpieczeństwa, erhalten konnten. Anna Walentynowicz wurde zeitweilig von dutzenden von Agenten gleichzeitig überwacht. Mein Wissen über Anna war ziemlich dünn, weil sich die Führer der Solidarność nach dem Kriegsrecht miteinander zerstritten und ein Teil von Ihnen, auch Anna, bei der Machtübernahme durch die Solidarność 1989, keine Posten innerhalb der Strukturen des neuen Staates erhielt und auch nicht in den Medien auftauchte. Sie gerieten in Vergessenheit. Deshalb konnte ich auch nicht viel über sie wissen. Umso neugieriger war ich natürlich auf dieses Treffen. Ich dachte, das ich eine zerstörte und müde Frau in den Ruinen der Schiffswerft zeigen würde. Anna wurde die Mutter der Solidarność genannt und die Werft bezeichnete man als die Wiege der Solidarność. Ich wollte also Mutter und Wiege zusammen, in schlechtem Zustand zeigen, sozusagen als mein persönliches Statement zur Lage der Dinge. Ich rief sie also an. Es stellte sich heraus, dass sie seit mehr als einem dutzend Jahren nicht mehr auf der Werft gewesen war, was mich ziemlich überraschte. Sie stimmte einem Spaziergang über die Werft zu. Und so ist eines meiner wichtigsten und bekanntesten Portraits entstanden. Das Redaktionsbüro war allerdings nicht so glücklich mit dem Foto, weshalb ich Anna einen Tag später noch einmal in ihrem Apartment in Gdańsk-Wrzeszcz fotografierte. Nach einem Jahr erschien mein Werftfoto dann noch einmal aus Anlass des 25jährigen Bestehens der Solidarność-Bewegung. Und noch ein paar Jahre später ist eine 1,5 Meter große Version des Bildes in die Sammlung des Nationalmuseums in Danzig aufgenommen worden. Tatsächlich, als der Film ‚Strajk‘ gedreht wurde, bat mich Volker Schlöndorff vorher um ein Treffen, da er das Foto kannte und davon beeindruckt war. In dem Film ist auch die heutige, ältere Anna zu sehen. Die Art, wie man Katharina Thalbach für den Film stylte, wurde durch mein Foto inspiriert.

Jens Pepper: Polen scheint dein Thema zu sein. Deine Ausstellung im Instytut Fotografii Fort in Warschau war das aktuellste Beispiel. Du hast dort Schnappschüsse gezeigt, die das Alltagsleben und die Kultur in Polen zeigen und die du während einer Reise durch Polen gemacht hast. Was entdeckst du, wenn du durch Polen reist? Und wonach suchst du?

Michał Szlaga: In der Tat taucht Polen als Thema in meinen Arbeiten häufig auf. Mein Debut war eine Serie von Selbstportraits, die 2002 in dem Fotomagazin Kwartalnik Fotografia erschienen. In diesem Projekt schlüpfte ich in die Rollen von verschiedenen Menschen, die mit der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden sind. Seit 2004 bis heute beschäftige ich mich auch mit dem Thema Solidarność, indem ich beispielsweise deren Helden portraitiere. Mein Flaggschiff-Projekt ‚The Shipyard‘ dreht sich vor allem um die Frage, welchen Preis man für den Wechsel des politischen Systems nach 1989 zahlt. Das ‚Global Prosperity‘-Projekt dagegen habe ich in Indien, am Strand von Alang gemacht, dort wo Schiffe, die an der Wende der 1970er zu den 1980er Jahren in Danzig gebaut wurden, abgewrackt werden.

Mein Projekt ‚The Children of the Revolution‘ ist eine Serie von Portraits junger Arbeiter, die 1980 geboren wurden – eine symbolische Verknüpfung mit der Solidarność [die ebenfalls 1980 gegründet wurde]. ‚The Gate‘ besteht aus Fotos und Filmen aus einem Zeitraum von sechs Jahren und hinterfragt den heutigen Zustand der Solidarność als Symbol. 2015 habe ich für ein Buch des Museums des Warschauer Aufstands Portraits von Teilnehmern dieses Ereignisses gemacht, an das bis zur Mitte der 1950er Jahre im kommunistischen Polen bei Strafandrohung nicht erinnert werden durfte.

Und schließlich das Projekt ‚Polska‘, entstanden zwischen 2004 und 2016, das mehr umfasst als Danzig und die Solidarność. Es ist der Versuch, ein Gemeinschaftsportrait der Polen zu konstruieren. Mich interessierten hierbei das Alltagsleben, die Veränderungen der Infrastruktur, Kultur, Ökonomie, Politik, alles was offensichtlich ist.

Ich habe an unterschiedlichen Orten in der Welt kommerzielle Aufträge gemacht und auch wenn es merkwürdig klingt, jedes Mal, wenn ich von einem Trip zurückkam, hatte ich eine neue Idee für Polen. Ich meine jetzt nicht, dass ich irgendwie wegen des Themas oder der Fotogenität Polens verblendet wäre; ich sehe vielmehr eine Notwendigkeit und die Möglichkeit über die Probleme des Landes mit dem Medium der Fotografie zu arbeiten.

Als ich ein Teenager war, dachte ich allen ernstes an ein Geschichts- oder Forstwirtschaftsstudium. Ich bin allerdings froh, dass ich mich für Fotografie entschieden hatte, denn mit ihr kann ich mich auch mit diesen alten Passionen beschäftigen. Ich verknüpfe in meiner Fotografie Dinge miteinander. Und wonach suche ich? Die Antworten auf Fragen, die mich brennend interessieren.

Jens Pepper: Politisch entwickelt sich Polen in eine Richtung, die vielen Menschen – in Polen und im Ausland – Sorgen bereitet. Demokratie scheint unter der gegenwärtigen Regierung abgebaut zu werden und viele Polen scheint das nicht zu interessieren, Oder zumindest zeigen sie nicht ihre Sorge und Missbilligung. Ich habe allerdings eher das Gefühl, dass zu viele Polen nicht wirklich interessiert sind an dem, was da vor sich geht. Als Fotograf beschäftigst du dich mit polnischen Themen. Du lernst durch deine Arbeit die polnische Seele kennen. Bist du wegen der gegenwärtigen Situation besorgt? Versuchst du Dinge, die du siehst, in deinen Fotos sichtbar zu machen? Ist das jetzt eine Zeit für Fotografen und Künstler mit ihren Arbeiten politisch aktiv zu werden?

Michał Szlaga: Das ist wahr, die Ereignisse der vergangenen Monate sind ziemlich einzigartig. Die neue Regierung denkt, dass ihre Mehrheit im Parlament ihnen das Recht gibt, ein neues Rechtssystem zu schaffen. Die nach 1989 erzielten demokratischen Errungenschaften gelten ihr als unvollendet und destruktiv. Deswegen demontiert sie wichtige Strukturen des polnischen Staates und baut sie neu auf. Die letzten Ereignisse konzentrieren sich auf das Verfassungsgericht und die Jurisdiktion im Allgemeinen.

Häufig werden Veränderungen im Rechtssystem im Schnelldurchlauf durchgeführt, unter Umgehung regulärer Prozeduren. Der Verdacht liegt nahe, dass hier auch konstitutionelles Recht gebrochen wird. Das alles führte zu sozialen Protesten, die dazu führten, dass der gegenwärtige Präsident [Andrzej Duda], der der Regierungspartei angehört, erstmals aus der Parteilinie ausgebrochen ist und eines der Gesetzesvorhaben des Parlaments ablehnte. Ich denke nicht, dass das jetzt das Ende des Konflikts ist, sondern dass unsichere Zeiten vor uns liegen. Aber paradoxerweise glaube ich auch, dass die Zivilgesellschaft gestärkt aus diesen Geschehnissen hervorgehen wird. Es ist an der Zeit, dass wir uns selber Fragen stellen: Was ist mir wichtig? Was fühle ich? Woran glaube ich? Kann ich diese gefährlichen Trends akzeptieren? Etc.

Während der vergangenen [knapp drei] Dekaden haben keine Aktivitäten von polnischen Regierungen solch einen bürgerlichen Widerstand versursacht, wie es gegenwärtig der Fall ist. Es ist positiv, dass die Menschen ihre fundamentalen Gesetze und Werte verteidigen wollen und es auch tun. Zu deiner Theorie, dass die Leute sich nicht kümmern – ich denke nicht so. Die starke Unterstützung der jetzigen Regierungspartei durch einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung hängt sehr mit der sozialen Unterstützung [u.a. eine Erhöhung des Kindergeldes] zusammen, die sie von der gegenwärtigen Regierung erhalten. Die weniger wohlhabenden Leute, zuvor oft marginalisiert, fühlen sich jetzt finanziell bahaglicher, manchmal zum ersten Mal in ihrem Leben. Es kann auch nicht gesagt werden, dass alle vorhergegangenen Regierungen gut waren; es gab soziale Ungleichheiten, da waren soziale Probleme und diese Probleme spitzten sich zu. Aus diesem Grund unterstützt so ein nennenswerter Teil der Bevölkerung die derzeitige Regierung und akzeptiert die popularisierte Ideologie der PiS.

Die nächste Wahl wird der wahre Test sein sowie die Frage, ob die Opposition in der Lage sein wird, das aktuelle politische Arrangement zu gefährden. Wir müssen abwarten und sehen. Der Künstler als Bürger hat immer das Recht auf Grundlage seines Bewusstseins entsprechend zu agieren. Er hat das Recht kritisch zu sein in Bezug auf Themen, die er für wichtig hält. In meiner eigenen Arbeit untersuche ich beispielsweise das Erbe von Solidarność, im Projekt ‚The Gate‘ zum Beispiel. Ich frage nach ihrem Zustand, nach ihren Resten 30 Jahre nach ihrer Gründung, ich beobachte wie sie bewertet wird, ich frage nach den Kosten der Veränderungen seit 1989. Für mich ist das alles sehr wichtig, weil diese Bewegung – im Moment ihrer Entstehung – Millionen von Menschen vereint und zu den politischen Veränderungen von 1989 geführt hat. Sie hat das Land seitdem viele Male regiert und tut es in gewisser Weise noch immer. Der gegenwärtige Konflikt ist eigentlich ein Konflikt zwischen ehemaligen Freunden, man kann wohl sagen, dass der rechte Flügel den rechten Flügel bekämpft. Zu diesem Thema zu recherchieren, darüber zu arbeiten und es zu kommentieren ist für mich sehr wichtig. Werden Betrachter meine Arbeit benutzen, um zu ihren eigenen Schlussfolgerungen zu gelangen? Ich habe darauf keinen Einfluss. Nichtsdestotrotz gebe ich mein Bestes, um Gedankenfutter zur liefern.

Michał Szlaga

Michał Szlaga wurde 1978 in Polen geboren. Von 1999 bis 2004 studierte er Fotografie an der Akademie der Bildenden Künste in Danzig. Er arbeitet als Fotojournalist und Dokumentarfotograf. 2017 ist er von Danzig nach Warschau gezogen.

www.szlaga.blogspot.com

Foto links: Michał Szlaga 

„Hier in Polen ist die Herangehensweise an Schönheit idealisiert und sehr patriarchalisch.“ – Interview mit Zuza Krajewska von Jens Pepper.

Zuza Krajewska , aus der Serie IMAGO

Jens Pepper: Ich war sehr beeindruckt von deinen Fotografien in der Ausstellung IMAGO während des letzten Gallery Weekends in Warschau 2016. Dein Galerist Michał Suchowa hatte sie kuratiert und deine Aufnahmen von 14 bis 18 jährigen Jungs, die in einer Art offenen Vollzug in einem Boot Camp leben zusammen mit Fotografien von Anna Grzelewska gezeigt, die über viele Jahre ihre eigene Tochter im Teenageralter portraitiert hat. Das Alter der jungen Leute in beiden Werkgruppen ist also in etwa gleich. Aber deren Lebenssituation unterscheiden sich komplett voneinander. Wer hatte die Idee, Annas und deine Arbeiten gemeinsam in einer Ausstellung zu zeigen?

Zuza Krajewska: Es war Michałs Idee unsere jeweiligen Arbeiten in einer Ausstellung miteinander zu kombinieren. Ich erinnere mich, dass wir über das Ausstellungskonzept gesprochen haben und dass ich mich, anders als zunächst von mir geplant, Jungs in der Ausstellung zeigen wollte und keine Mädchen. Ich habe also meine Pläne geändert um eine weibliche Perspektive zu vermeiden und um einen europäischen Kontext über Jungs in einer Jugendstrafanstalt herzustellen. Der Kontrast zwischen Annas und meinen Fotos hebt die Bedeutung hervor; die Geschichten und sozialen Situationen sind nebeneinandergestellt. Meine Jungs kommen gesellschaftlich von ganz unten. Es ist sehr viel seltener, dass ein Kind mit wohlhabenden Hintergrund und vernünftig aufgewachsen in solch einer Situation zu finden ist. Die Kinder in meiner Serie wurden getreten, nicht respektiert und verachtet. Sie sind daran gewöhnt nicht zu gehorchen und befolgen keine Regeln, sie kennen keine moralische Grenzen. Ihr Ziel war es zu überleben, zu besitzen und zu gewinnen.

Ich denke, diese Jungs zusammen in einer Ausstellung mit Bildern eines Mädchens aus einer Großstadt zu zeigen, das glücklich aufwuchs und glückliche und offene Eltern hat, ist hier von großer Bedeutung. Und die Ästhetik der Fotos unterstreicht das ganze Ausstellungskonzept. In diesem Sinne sind meine Bilder rau und dreckig. Annas Arbeiten dagegen sind schön und poetisch. Die geschmackvolle Einrichtungen auf ihren Fotos und die Art, wie sich ihre Tochter die Zeit vertreibt, wirken ziemlich luxuriös im Vergleich zu dem, was die Jungs in der Haftanstalt erleben. Ich wollte gerne auch Dokumente aus dem Archiv von Studzieniec [dem Ort, wo sich eine der Anstalten befindet] zeigen, was mir auch ermöglicht wurde: Dokumente, Briefe, Spielsachen, Fotografien, Zeichnungen etc. Diese Gegenstände waren – glaube ich – die bewegendsten für die Besucher. Es sind Dinge, die etwas über die Emotionen der Jungen aussagen, über ihre Sehnsucht nach einem besseren Leben, ihre Hoffnungslosigkeit, verursacht durch ihre Herkunft. Die Welten beider Bilderserien, Annas und meiner, finden nur zusammen durch das Alter der Dargestellten. Alles andere scheint so vollkommen anders zu sein. Aus diesem Grund war das so eine kraftvolle Ausstellung.

Jens Pepper: Unglücklicherweise war ich nicht dazu in der Lage diese Dokumente zu lesen, weil ich kein Polnisch spreche. Aber die Fotografien in der Ausstellung waren bewegend genug. Der Großteil deiner täglichen Arbeit dreht sich um Mode, Glamour, Beauty und Werbung da du eine sehr bekannte und beschäftigte Modefotografin in Polen bist. In diesem Arbeitsbereich hast du auch sehr viel mit jungen Leuten zu tun, den Models beispielsweise. Ich vermute, dass diese Models ein relativ abgesichertes Leben vor sich und weniger fundamentale Zukunftsängste auszustehen haben. War es für dich komisch, zur selben Zeit mit benachteiligten Menschen zu tun zu haben und mit Leuten, mit denen du normalerweise zu tun hast? Du musstest dich permanent auf die jeweils andere Situation einlassen, denn so wie ich mich erinnere, sagtest du, dass du ziemlich oft in der Jugendstrafanstalt warst.

Zuza Krajewska: Das ist eine sehr interessante Frage. Wir müssen uns aber vergegenwärtigen, dass wir in Polen sind und der Ostblock noch ziemlich arm ist. Ich habe auch schon Models fotografiert, die aus verarmten und hoffnungslosen Gemeinden stammen. Die Modewelt ist also auch nicht immer so rosig. Aber du hast recht, es gibt diesen unbestreitbaren Kontrast zwischen der Modewelt und der Werbung, also dem größten Teil meiner Arbeit und den Besuchen in Studzieniec und Mrozy. Das sind zwei völlig ungleiche Welten innerhalb derer ich mich bewege, doch ich denke dass sie sich auch – in bezug auf meine Arbeit – gegenseitig befruchten. Ich fühle, dass mir diese Erfahrungen einen größeren Blickwinkel verschaffen, dass sie etwas freisetzen in mir. Ich muss meine Ängste überwinden, die reine Empathie in eine rationale Einschätzung der Situation überführen, damit ich nicht meinen Verstand verliere, damit ich an die Arbeit gehen kann, damit ich auch helfen kann, mit den Mitteln die mir zur Verfügung stehen. Ich erlebe auch ein Gefühl der Demut, es beruhigt mich und ich finde wieder zu einer Wertschätzung meines eigenen friedlichen Lebens. Die Herangehensweise an meine Themen ist immer dieselbe, weißt du. Ich bin versessen nach den Berühmtheiten die ich fotografiere und ich höre ihnen genauso zu wie ich den verlorenen Kindern von den Müllhalden der Gesellschaft zuhöre. Ich bewerte nicht und ich versuche zu verstehen. Erinnere dich, dass ich Portraitfotografin geworden bin, weil ich Menschen wirklich mag.

Jens Pepper: Erzähl mir von deinen Anfängen. Wann hattest zu zuerst den Wunsch Fotografin zu werden? Und warst du von Anfang an an Berühmtheiten interessiert? Gab es Fotografen, die du bewundert hast?

Zuza Krajewska: Mein liebstes Hobby war es schon immer Menschen hinterherzuspionieren. Ich habe damit früh begonnen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, auf der Post, in der Schule, im Zug. Ich erinnere mich auch daran, dass mein Vater eine Menge western-style Erwachsenen-Magazine hatte und ich in ihnen meine ersten Helmut Newton Bilder sah. Ebenfalls erinnere ich mich an eine Zeitschrift, die heute ein Kult-Sammlerstück wäre, voller 6x9 Fotos inmitten feuilletonistischer Artikel; ich kenne noch jedes einzelne Bild daraus. Mit 15 habe ich dann meine erste Kamera bekommen, eine Zenit. Später haben wir dann in der Kunstschule Filme bekommen die alle schon ziemlich weit über dem Haltbarkeitsdatum lagen, aber das hat den Fotos dann so etwas von Vintage-Feeling gegeben. Und noch eine Erinnerung: ich überredete eine Freundin mit mir an die Küste zu fahren wo ich sie dann bat ihre Klamotten auszuziehen, alles bis auf die Strumpfhosen. In dieser Zeit habe ich viele erotische Fotos gemacht, schreckliche wie auch lustige.

Mir ist es übrigens egal, ob ich berühmte oder nicht berühmte Menschen fotografiere. Im Unterricht hatten wir ein Buch von Nan Goldin durchgenommen und in meiner Jugend hatte ich tolle Portraits auf den Covern anderer Fotobücher gesehen; von wem die waren weiß ich nicht. Aber es war und ist mir auch egal. Es gab da keinen Unterschied für mich und so ist es noch heute. Bei meiner kommerziellen Arbeit habe ich manchmal weniger Freiheiten, manchmal habe ich keine. Aber wie ich über Portraits denke ist immer dasselbe. Es geht immer um eine Person und ihre Geschichte.

Es gibt eine Menge Fotografen die ich sehr schätze, deren Arbeiten meine Liebe zur Fotografie weckten. Wer mich aber am meisten beschäftigt sind Helmut Newton und Zofia Rydet, weil sie sich relativ spät in ihrem Leben aufgemacht haben. Ich mag die Idee, das Fotografie mein Leben ist, mein ganzes Leben, nicht nur der Moment eines Hypes.

Jens Pepper: Wurdest du für deinen ersten Mode- oder Glamour-Job angefragt weil jemand deine Arbeit bereits kannte und dich nun haben, dir eine Chance geben wollte? Oder musstest du dich bewerben, mit deinem Look Book oder so etwas ähnlichem herumgehen und dich vorstellen um einen Fuß in die Tür zu bekommen?

Zuza Krajewska: Der ersten Auftrag den ich machte war ein kommerzielles Mode-Shooting. Ich

hatte für den Kunden als Kreativdirektorin gearbeitet und war während der Fotoshootings immer unerträglich. Ich steckte meinen Kopf immer überall rein und folterte die armen Fotografen, weil ich wollte, dass sie meine Vision sahen. Beim dritten Fototermin fragte der Markenchef mich, ob ich die Fotos selber machen wolle. Ich sagte ja. Anschließend haben sie mich ganz aus der Agentur geschmissen, zum Glück.

Interessant ist, dass ich noch nicht einmal wusste, wie die Lampen hießen, als ich mich für die ersten Shootings vorbereitete. Ich sah mir die Sachen an die sie hatten und fragte dann wie ein Kind nach diesem „großen runden Ding“. Heute weiß ich, dass es ein Octa ist. Es war damals auch stressig, da wir alles auf Dias aufnahmen. In der vordigitalen Zeit war es einfach, ein komplettes Shooting zu ruinieren. Im Prinzip hatte ich damals begonnen, mir mein Portefolio mit Werbeaufnahmen zusammenzustellen; nicht unbedingt der typische Weg.

Jens Pepper: Habe ich das richtig verstanden? Du hast als Kreativdirektorin in der Modeindustrie begonnen, bevor du dich der Fotografie als Beruf zuwandtest? Und du hattest deine Jobs als Kreativdirektorin durch eine Agentur bekommen? Wieso wurdest du nach dem ersten Shooting gefeuert?

Zuza Krajewska: Ich habe Grafikdesign und nicht Fotografie studiert. Für Werbeagenturen zu arbeiten war da eine ganz natürliche Entwicklung. Alles in allem ziemlich fruchtbar, es gab Preise, interessante Projekte, die erste professionelle kommerzielle Foto-Produktion in Polen. Weißt du, ich glaube, dass die Jungs nicht damit klar kamen, dass ich hinter meinem Computerbildschirm hervorkroch und Fotos machte und irgendwann das Design Design sein ließ. Sie hatten dafür kein Verständnis. Sie zogen es also vor die harte Nummer zu fahren und sauer zu werden. Mich hatte das nicht im geringsten gestört. Ich bin einfach gegangen und nicht wiedergekommen.

Jens Pepper: Wie lange hat es von diesem Moment an gedauert, bis du dir eine sichere Position als Fotografin erarbeitet hast, mit der du dir deinen Lebensunterhalt verdienen konntest?

Zuza Krajewska: Ich weiß, dass das schwer zu glauben ist, aber ich habe in der Werbung begonnen und sofort an kommerziellen Sachen gearbeitet. Ich denke nicht, dass es das Beste war, so schnell da reinzustolpern, in diese ganze Maschinerie des Geldverdienens und des Fokussieren auf das Geschäft. Ich denke, dass mich meine Bescheidenheit ein wenig vor Schaden bewahrt hat und die Tatsache, dass ich mit ID und Dazed [(… & Confused). Zwei einflussreiche englische Zeitgeistmagazine] aufgewachsen bin, ich daher einen gewissen Foto-Stil im Hinterkopf hatte, so eine menschliche und natürliche Herangehensweise. Du must dir in Erinnerung rufen, dass West-Europa völlig anders ist. Hier in Polen ist die Herangehensweise an Schönheit idealisiert und sehr patriarchalisch. Es gibt hier wenig Raum für das Natürliche.

Jens Pepper: Was denkst du, macht dich so erfolgreich? Ganz offensichtlich hast du Bildideen, die Magazine und andere Kunden veranlassen dich zu buchen.

Zuza Krajewska: Ich denke, dass ich die Jobs kriege, weil ich Dinge in die Tiefe gehend bespreche. Meine Kunden fühlen sich sicher bei mir. Ich arbeite schnell, ich weiß was ich tue. Und dich habe ein offenes Ohr für das, was sie zu sagen haben.

Jens Pepper: Wir haben über deinen Wunsch gesprochen, mehr Freiraum zu erhalten, um die Fotos machen zu können, die du auch machen willst. Denkst du, es ist in Polen schwieriger eigene Ideen umzusetzen als woanders?

Zuza Krajewska: Zunächst einmal muss man sagen, dass es in Polen keine Medien gibt, wirklich,

es gibt nichts außerhalb der kommerziellen Aufträge, na, zumindest beinahe. Die Leute sind hier nicht neugierig, sie wollen nichts Neues entdecken und sie wollen auch nicht für solche Entdeckungen bezahlen. Das ist alles eine ziemlich komplexe Situation. Das hat seine Ursache darin, dass Polen nichts selber entwickeln sondern dazu neigen nur alles zu imitieren. Das hat etwas mit Selbstwertgefühl zu tun. Der polnische Charakter ist bipolar. Sie lieben und hassen sich zugleich. Aus diesem Grund ist es nicht so einfach für sie selbstständig zu denken, sie haben eine geringe Belastbarkeit und es mangelt ihnen an Entschlusskraft. Sie sind schnell verunsichert, wenn es Kritik gibt. Gleichzeitig mögen Polen keine Schwäche, sie respektieren sie nicht und sie zeigen selten Empathie. Meine Serie IMAGO hatte international eine ziemliche Wirkung, aber in Polen steht man ihr ziemlich reserviert gegenüber. Polen erklimmen noch die Erfolgsleiter und das was sie am meisten antörnt sind Reichtum und Erfolg.

Ich beneide Sharon Lockhart [amerikanische Künstlerin, die vor allem mit den Medien Film und Fotografie arbeitet] ein wenig, weil es ihr gelingt, von ihren sozialen Projekten zu leben. Sie beschäftigt sich künstlerisch mit Armut, Unglück, Ausgrenzung und kann davon anständig leben. Von so einem Leben träume ich.

Jens Pepper: Kannst du dir vorstellen deinen Arbeitsort zu wechseln, also die Stadt, das Land? Du hattest mit der New York Times Kontakt nachdem die deine Arbeit gesehen haben, insbesondere das soziale Projekte IMAGO. Was wäre der Ort, an dem du gerne sein möchtest? Vielleicht würdest du ja aber auch gerne in zwei Städten leben, in Warschau und noch irgendwo?

Zuza Krajewska: Schwierige Frage. Ich weiß es nicht. Ich liebe Polen und es inspiriert mich ohne Ende. Meine Familie und Freunde sind hier und ich hänge an ihnen. Ich schau einfach, wohin mich meine Arbeit führt. Das Interesse an IMAGO und der Respekt, der diesem Projekt im Ausland entgegengebracht wurde, hat Dinge in Bewegung gesetzt und mich nachdenklich gemacht. Wir werden sehen. Ich bin ziemlich mutig und habe keine Angst vor Veränderungen.

Jens Pepper: Gibt es ein soziales Projekt, an dem du derzeit arbeitest?

Zuza Krajewska: Ja, ich arbeite gerade an zwei Projekten mit sozialen Themen. Ich möchte aber noch nicht so viel darüber erzählen.

Jens Pepper: Fotografierst du die Mode- und Portraitfotos, die du für Magazine machst, überwiegend in Polen?

Zuza Krajewska: Gerade jetzt sind einige der Aufnahmen die ich mache für internationale Publikationen und Kunden aus Europa. Ich denke, dass das eine ganz natürliche Entwicklung ist. Die Welt wird ein wenig kleiner, wenn es darum geht, wie weit ein Foto seine Wirkung entfalten kann. Es ist einfacher zu arbeiten weil wir durch die Ästhetik kommunizieren.

Jens Pepper: Wie fühlt es sich für dich an, wenn du am Kiosk Cover siehst, die du für K-Mag, Elle etc. gemacht hast?

Zuza Krajewska: Ich schaue mir meine Fotografien nach ihrer Entstehung gar nicht an. Natürlich gefällt es mir, sie zu machen und ich mag es auch, wenn die Leute darauf reagieren, aber ich folge nicht ihrer Spur. Nur ab und zu überprüfe ich mal die Druck- und Farbqualität.

Jens Pepper: Was war dein bisher spannendstes Modeshooting?

Zuza Krajewska: Ich mag am liebsten Off-Editorials, die ich nach meinen eigenen Ideen zusammenstelle. Dann fühle ich mich wie eine Filmregisseurin.

Jens Pepper: Du arbeitedst mit der LAF Agentur zusammen. Wie wichtig ist es für eine Mode- und Lifestylefotografin in Polen mit solch einer Agentur zu kooperieren?

Zuza Krajewska: Gute Frage. Ich bin gerade dabei, mich außerhalb Polens nach einer Agentur umzusehen und es kann durchaus sein, dass ich meine Agentur wechseln werde. Eine die mehr Gewicht in Sachen PR hat wäre gut.

Dieses Gespräch wurde 2017 für mein Buch „Gespräche über polnische Fotografie“  (Klak-Verlag, Berlin) via Email geführt. 

Zuza Krajewska fotografiert von Jens Pepper

Zuza Krajewska (*1975). Grafikdesign-Studium an der Kunstakademie in Danzig. Anschließend Arbeit für Werbeagenturen. Mehr oder weniger zufällig erste Fotojobs in der Modeindustrie. Heute freischaffend mit Basis in Warschau. Aufträge und Cover u.a. für Vice, Elle, K-Mag etc. Diverse Preise. Nebenher fotografiert sie Sozialreportagen.

www.zuzakrajewska.com

Foto links: Zuza Krajewska, fotografiert von pepper

„PR-Tools lassen sich auf jedes Genre anwenden.“ – Jens Pepper im Gespräch mit Nadine Dinter.

Jens Pepper: Das, was du machst, nämlich Fotogalerien, Institutionen, Sammler und Fotografen in Sachen fotografierelevanter PR zu beraten bzw. zu unterstützen und die Pressearbeit zu übernehmen, ist ein Beruf, den es so lange noch gar nicht gibt. Eines der ersten Unternehmen dieser Art in Deutschland, vielleicht sogar das erste überhaupt, war photomarketing von Bernd Fechner in Berlin. Du bist im Vergleich dazu noch relativ neu im Geschäft, hast dir aber bereits einen illustren Kundenstamm aufgebaut. Was hat dich dazu bewogen, hier einzusteigen?

Nadine Dinter: Das ist in der Tat richtig. Als ich mich 1998/1999 dazu entschied, „Public Relations“ zu studieren, gab es an den meisten Universitäten nur die klassischen Studiengänge wie Kunst, Kunstgeschichte oder Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Etwas wie PR zu studieren, war „damals“ noch recht neu. Nach meinem Abschluss und einem kurzen Pitstop bei einer Werbeagentur für Pharmakunden ging es dann in die USA, wo ich u.a. Art Administration an der New York University studierte, den historischen Fotografieclub „Pictorial Photographers of America“ (PPA) in Sachen Marketing und Mitgliederakquise beriet und bei der ebenso hippen wie etablierten Galerie WHITE COLUMNS neben einem Praktikum meine Abschlussarbeit schrieb. Ich gehöre also nicht zu den zig Quereinsteigern im Bereich PR, sondern habe das wirklich studiert. Meinen Kundenstamm habe ich mir dann über die letzten zwölf Jahre sukzessive, mit viel Engagement, Energie und Freude an der Arbeit aufgebaut.

Jens Pepper: Das heißt, dein Interesse an der Fotografie hat sich in New York entwickelt? Hattest du dir den Job bei dem Fotografieclub und später den Praktikumsplatz bereits gezielt gesucht?

Nadine Dinter: Die Liebe zur Fotografie bestand schon lange vor meiner Zeit in New York; darüber hinaus habe ich selbst viel fotografiert und nach einigen kleinen Präsentationen auch das eine oder andere – z.B. im Auftrag von Kunstzeitschriften – publiziert. Somit waren die Anlaufstellen klar, die Details haben sich dann vor Ort ergeben bzw. konnten durch gezieltes Networking und Empfehlungen umgesetzt werden.

Das Großartige an meiner New Yorker Zeit war, dass man nicht nur die schiere Menge an Ausstellungen tagtäglich genießen, sondern dadurch auch sein Auge schulen konnte. Gespräche mit verschiedenen Galeristen wie z.B. Bruce Silverstein haben mir, gerade im Laufe des Studiums und der weiteren Karriereplanung, sehr geholfen, das Galeriegeschäft besser einzuschätzen und mich gegen eine eigene Galerie, aber für eine PR-Agentur zu entscheiden.

Jens Pepper: Hast du wirklich mal darüber nachgedacht, Galeristin zu werden?

Nadine Dinter: Ja, absolut und auch eine längere Zeit. Im Endeffekt habe ich mich aber dafür entschieden, zwar MIT Galeristen zu arbeiten, aber eben in der Rolle der von ihnen beauftragten PR-Beraterin.

Jens Pepper: Hast du gleich zu Beginn eine Firma gegründet oder erst einmal versucht, frei einzelne Aufträge an Land zu ziehen?

Nadine Dinter: Im Sommer 2006 habe ich meine Agentur gegründet. Anfangs habe ich dann zum einen Berliner Künstler in den Bereichen Marketing, Logistik und Art Administration unterstützt, zum anderen für eine Berliner Agentur Projekte übernommen und diese in deren Namen betreut.

Jens Pepper: Denkst du, dass dein Start hier in Deutschland anders verlaufen wäre, wenn du nicht die Erfahrungen in der New Yorker Fotoszene gemacht hättest?

Nadine Dinter: Auf jeden Fall. 2001, als ich nach New York ging, war die Berliner Kunstszene noch im Werden und Wachsen. Die Anzahl der Galerien war gering und die wenigsten davon hatten einen Inhouse-PR-Beauftragten, geschweige denn einen externen PR-Berater. Erst in New York habe ich erkannt, dass ich mit der Kunst und als Teil der Kunstwelt leben möchte. Und wie wichtig es dafür ist, über den regionalen Tellerrand zu schauen und wie vielschichtig, profund und aufregend die Welt der Fotografie ist.

Jens Pepper: Hatten New Yorker Galerien damals bereits Marketingstrategien, die in Europa bzw. in Deutschland noch nicht verfolgt wurden? Hast du diesbezüglich etwas mitbekommen? New York war ja bereits ein Zentrum des internationalen Fotohandels, wenn nicht sogar DAS Zentrum überhaupt, als du dort studiert und gearbeitet hast. Peter MacGill von Pace/MacGill, Howard Greenberg von der gleichnamigen Galerie, die Liste der Marktteilnehmer im Big Apple liest sich wie ein Who is Who der Szene. In Deutschland gab es damals nur Kicken, später dann, ab 1997, auch Camera Work, die als einflussreiche Global Player von Deutschland aus operierten. Was hast du in deiner New Yorker Zeit gelernt, was du in Deutschland vielleicht nicht vermittelt bekommen hättest?

Nadine Dinter: Die Zeit in New York hat mich gelehrt, wie wichtig Networking ist, das Zusammenführen von verschiedenem Expertenwissen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.
Teamwork heißt ja nicht, dass man seine eigene Qualifikation unter den Scheffel stellt. Im Gegenteil, nur, wenn sich mehrere Leute – individuell und kraftvoll – für eine Sache stark machen, potenziert sich das Ergebnis.

Jens Pepper: Wie viel Überzeugungsarbeit musstest du anfangs bei der Kundenakquise leisten, um jemanden von der Notwendigkeit oder zumindest vom Nutzen deines Angebots zu überzeugen? Und hat sich in den zwölf Jahren seit Bestehen deiner Firma in Deutschland etwas verändert in Bezug auf die Offenheit der Galerien, Fotografen und Institutionen einer PR-Dienstleisterin gegenüber?

Nadine Dinter: In der Anfangsphase habe ich, wie bereits erwähnt, für eine andere PR-Agentur Projekte übernommen und mir durch Kontakte bei Vernissagen, Events etc. mein Netzwerk sukzessive aufgebaut. Der Rest lief über Empfehlungen oder ergab sich im direkten Gespräch mit potenziellen Auftraggebern. Normalerweise wurde man am Anfang für ein Projekt engagiert – auch um zu sehen, wie beide Parteien ticken, wie die Zusammenarbeit funktioniert und was man gemeinsam erzielen kann. Zum Glück kann ich sagen, dass aus den meisten „Proberunden“ eine kontinuierliche und jahrelange Zusammenarbeit geworden ist. Im Laufe der letzten Jahre hat sich die Nachfrage nach PR extrem gesteigert; eigentlich parallel zu der Anzahl der Galerien, Museen und Fotografen, die sich alle Aufmerksamkeit für ihre Ausstellung oder ihr Projekt wünschen.

Jens Pepper: Kannst du konkrete Beispiele nennen?

Nadine Dinter: Beispielsweise wurde ich 2015 für die PR-Begleitung der Ausstellungen in der Berliner Galerie 206 (im 1. OG des Departmentstore Quartier 206) gebucht; daraus entstand mein zweiter Job, die Promo für den deutschen Fotografen Vincent Peters, der seine großformatigen, im Hollywood-Stil der 1920er-Jahre beleuchteten Fotografien präsentieren wollte. Das Projekt lief am Ende so gut, dass er mich nicht nur für seine Auftaktausstellung in der Münchner Galerie IMMAGIS im Herbst 2016 empfahl –  und für die betreue ich seitdem alle Ausstellungen.

Jens Pepper: Ich finde es interessant, dass individuelle Fotografen deine PR-Arbeit buchen. Es sind vor allem Fotografen, die im Glamour-, Werbe- und Modebereich tätig sind, also Bereiche, in denen auch heute noch gut Geld verdient werden kann. Ist dieser Kundenstamm von dir eher zufällig so gewachsen oder ist es einfach so, dass Fotografen, die in reinen Kunstgefilden oder in der Reportage unterwegs sind, oftmals weniger Geld für PR zur Verfügung haben? Oder, falls die Mittel doch ausreichend sind, eine professionelle Marketingbetreuung nicht für notwendig erachten?

Nadine Dinter: Das ist wiederum eine interessante Frage. Eigentlich gestaltet es sich so, dass mich diese Fotografen an ihre Galerien empfehlen und ich dann entweder im Team mit deren Inhouse-Press Rep die Kampagne betreue – wie z.B. im Falle von Yoram Roth bei CWC Gallery – oder eben Neukunden wie bei IMMAGIS in München gewinne. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mehr institutionelle Kunden als Einzelpersonen habe: die Helmut Newton Stiftung in Berlin, die Galerie Bene Taschen in Köln und die besagte IMMAGIS Galerie in München.

Die Aussage, dass viele der Fotografen, mit denen ich arbeite, aus dem Werbe- und Modebereich kommen, ist allerdings richtig: sei es Greg Gorman, Vincent Peters, Ellen von Unwerth, Marc Hom und allen voran natürlich Helmut Newton waren bzw. sind für Magazine tätig und stellen parallel dazu in Galerien aus. Manche wie z.B. Frank Horvat oder auch David Drebin haben dem Magazin-Business nach vielen Jahren entsagt und sich letztendlich für die Kunstfotografie entschieden.

Jens Pepper: Was genau bietest du den unterschiedlichen Kunden an? Was ist bei allen gleich, was wird individuell auf die Person, Galerie oder Institution zugeschnitten?

Nadine Dinter: Meinen Kunden biete ich die klassische PR-Kampagne auf internationaler Ebene an, d.h. das Erstellen einer Pressemitteilung, Auswahl von attraktiven Pressebildern, Mailings, Follow-ups, Interview- und Eventkoordination sowie die persönliche Begleitung der Veranstaltungen wie Vernissage oder Presse-Preview. Bei musealen Kunden wird anstelle einer Presse-Preview eine offizielle Pressekonferenz organisiert, zu der nicht nur gezielt eingeladen, sondern auch z.B. eine Pressemappe mit den entsprechenden Komponenten wie Informationen zur Ausstellung und den Künstlern erstellt wird. Hier geht es natürlich auch immer um eine Dramaturgie, die man zusammen mit dem Kunden festlegt und dann durchführt. Einzelpersonen biete ich auch ein gezieltes Coaching, Networking und eine strategische Beratung an; bei Galerien unterstütze ich darüber hinaus auch bei Themen wie der Überarbeitung der Website-Inhalte, Akquise, Networking und Gästemanagement für VIP-Veranstaltungen. Die Leistungen, die ich im Auftrag durchführe, richten sich also immer nach Bedarf und Zielsetzung des einzelnen Kunden. Das sogenannte „Customizing“ empfinde ich als besonders wichtig, um auf individuelle Wünsche eingehen zu können.

Jens Pepper: Wie muss ich mir denn das beauftragte Networking vorstellen? Kann das im Sinne des Kunden funktionieren? Nach meiner Erfahrung bleiben die Kontakte, die man knüpft, eher mit der Person verbunden, die sie initiiert und nicht mit der, die sie gerne hätte, einfach, weil das persönliche Element bei Kontakten wichtig ist.

Nadine Dinter: Das Networking ist Teil des Gästemanagements, d.h. meine Agentur lädt ausgewählte und thematisch passende Kontakte aus dem eigenen Netzwerk zur Kundenveranstaltung ein. Ziel ist es, dass die Neukontakte z.B. ihre Visitenkarten bei der Galerie hinterlegen und um Aufnahme in den Verteiler bitten; sich mit ihr auf Facebook verbinden und idealerweise bei den nächsten Veranstaltungen wieder dabei sind.

Jens Pepper: Verstehe. Wie groß ist denn inzwischen dein persönlicher Verteiler? Ich nehme an, dass es auch deine Kontakte sind, die den einen oder anderen Kunden dazu bewegen, mit dir zusammenzuarbeiten, oder liege ich da falsch?

Nadine Dinter: Bei persönlichen Kontakte finde ich die Qualität wichtiger als die Quantität, daher möchte ich das gar nicht beziffern. Außerdem bin ich keine Event-Agentur per se, deren Hauptkapital aus der Anzahl der Kontakte besteht. Wichtig ist mir vielmehr, dass die Mischung der Personen auf dem Event stimmt, interessante Gespräche und neue Geschäftsimpulse entstehen.

Jens Pepper: Beim letzten Gallery Weekend in Berlin im April hast du die Vernissage von Yoram Roth bei CWC für geladene Gäste betreut. Wie schon bei Roths Eröffnung vor zwei Jahren war das Publikum für Berliner Verhältnisse überdurchschnittlich elegant und offensichtlich auch wohlhabend. Noch vor zehn, fünfzehn Jahren war solch ein Publikum in dieser Stadt eher selten zu finden. Die Bevölkerungsstruktur Berlins ändert sich allmählich und zum Gallery Weekend kommen auch zahlreiche gut betuchte Besucher von auswärts, etliche aus dem Ausland. Wie wirkt sich der Zuwachs an potenziellen Kunstkäufern, der Zuwachs an Kapital in der Stadt auf deine Arbeit aus?

Nadine Dinter: Beim Gallery Weekend hat man oftmals das Gefühl, dass die Mehrzahl der Personen von außerhalb anreisen, dadurch entsteht dieser People Mix. Im Falle von Yoram Roths Event waren z.B. sehr viel Gäste aus Israel und New York angereist. Auf meine Arbeit wirkt sich dies aber nicht wirklich aus.

Jens Pepper: Yoram, den ich auch interviewen werde, erzählte mir, dass du ihn auch als Künstler in Sachen Presse berätst. Mit welchen Fotografen bzw. Künstlern arbeitest du eigentlich bevorzugt zusammen? Muss dir deren Werk immer gefallen oder bist du da vollkommen neutral und würdest jeden beraten und unterstützen? Und wie sieht es bei den Galerien und Institutionen aus?

Nadine Dinter: Unter den Fotografen habe ich thematisch keine Präferenz; viel wichtiger ist mir, dass sie ein interessantes Werk vorzuweisen haben oder Ansätze, die für mich in eine spannende Richtung weisen. Authentizität und Zielstrebigkeit ergänzen dies. Bei der Beratung bin ich vollkommen neutral, denn die PR-Tools lassen sich auf jedes Genre anwenden; bei der PR-Unterstützung, d.h. der Entscheidung, ob ich einen Fotografen bzw. seine Ausstellung bewerbe, kommen noch Faktoren wie Reputation und der Entwicklungsstand innerhalb des Werks (Newcomer, etablierter Fotograf, Starfotograf) hinzu, die für den Erfolg einer PR-Kampagne nicht gerade unwichtig sind. Bei Galerien und Institutionen bin ich ebenso unvoreingenommen und freue mich über jegliche Kontaktaufnahme. Im gemeinsamen Gespräch erörtert man dann, was geplant ist, in welchem Umfang was getan werden soll und wie die Rahmenbedingungen sind.

Jens Pepper: Du hast für Jean Pigozzi gearbeitet. Warst du mal bei einer seiner legendären Partys in Südfrankreich zugegen?

Nadine Dinter: Ja, mittlerweile sind wir mitten in der dritte Kooperation. Aber leider hat mich noch keine Einladung erreicht… mal sehen… vielleicht kommt das ja noch!

Jens Pepper: Was sind die schönsten, was die skurrilsten Erlebnisse, die du mit Fotografen gehabt hast?

Nadine Dinter: Jede Veranstaltungen, die gut besucht ist und dem Fotografen ein glückliches Lächeln aufs Gesicht zaubert, ist ein schönes Erlebnis für sich. Besonders schön für mich ist es, wenn davor oder danach noch etwas Zeit für Anekdoten und das Kennenlernen bleibt; man sich unterhält und etwas mehr über die Person/den Künstler erfährt. Mit einem befreundeten Fotografen bin ich z.B. nach in einer Grand Tour von Kassel nach Hamburg gefahren und habe, als plötzlich der Spediteur ausfiel, die Werke kurzerhand selbst per Minisprinter nach Berlin gefahren. Mit den New Yorker Hilton Brothers habe ich wiederum ich einen legendären Nachmittag auf einem Kreuzberger Markt verbracht, nachdem wir in einem Rolls-Royce zu Bowies „Bring me the Disco King“ durch die Straßen Berlins gecruist sind. Alles andere bleibt im Nähkästchen…

Jens Pepper: Wie schade. Gehören nicht gezielt gestreute Klatsch- und Tratschgeschichten, eben das Plaudern aus dem Nähkästchen, zu einem gelungenen Marketing? Gerade wenn man es, wie du, mit vielen prominenten Fotografen zu tun hat? Oder unterschreibst du bei denen Verschwiegenheitsklauseln?

Nadine Dinter: Offiziellen Klatsch- und Tratsch kann man natürlich weitergeben, aber persönliche Erfahrungen mit den Fotografen, z.B. was wurde beim Aftershow-Dinner ausgeplaudert oder was hat man en passant mitbekommen, müssen diskret behandelt werden. Darauf verlassen sich die Kunden und dies ist auch Teil meiner Unternehmensphilosophie.

Jens Pepper: Du hast mit Mario Testino zu tun gehabt. Viele haben ihm nach Bekanntwerden möglicher Missbrauchsfälle den Rücken gekehrt und die Arbeitsverhältnisse aufgehoben oder ruhen lassen, u.a. der Condé Nast Verlag, also Vogue und Anna Wintour. Juristisch ist bisher keine Klage erhoben worden. Auch wenn es die New York Times war, die diese Sache in die Medien brachte, und somit von der Seriosität der Information ausgegangen werden kann, scheint mir die folgende globale Hasswelle, die es vor allem in den sozialen Medien und im Boulevard, aber auch in feministischen Medien gab, ziemlich suspekt, einfach aus dem Grund, weil noch gar nichts abschließend geklärt ist und es sich auch nicht um Kapitalverbrechen wie Vergewaltigung handelt, zumindest soweit ich informiert bin. Wie gehst du mit solchen Fällen um? Würdest du noch eine Ausstellung von Mario Testino betreuen? Wie denken deine Galerie- und Museumskunden darüber, die ebenfalls mit Testino oder Bruce Weber und Terry Richardson, denen ebenfalls Missbrauch zur Last gelegt wird, zu tun haben?

Nadine Dinter: Richtig, ich habe Testinos große Show im Sommer 2017 promotet und es war eine äußerst professionelle Zusammenarbeit sowie eine erfolgreiche Kampagne. Sollte ich in der Zukunft eine Anfrage erhalten, würde ich entsprechend dem dann aktuellen Stand urteilen. Insgesamt kann ich natürlich nur für mich sprechen.

Jens Pepper: Zum Schluss, Nadine, wie groß ist dein Team? Du arbeitest ja mit einer ganzen Anzahl von Freiberuflern zusammen. Auch mit festen Mitarbeitern?

Nadine Dinter: Mein Team besteht aus festen Freien, die alle auf ihrem Gebiet Experten – Lektorat, Übersetzung, Recherche und mediale Auswertung – sind und mich bereits seit vielen Jahren begleiten. Dafür bin ich sehr dankbar! Angestellte habe ich also per se keine, aber vom Spirit sind wir ein großes Team.

Das Interview wurde im Mai 2018 via E-Mail geführt.

Nach einer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin für Englisch und Französisch arbeitete Nadine Dinter mehrere Jahre in der Marketingabteilung des Pharmakonzerns Schering in Berlin. 2000 machte sie einen Abschluss als PR-Beraterin an der Deutschen Akademie für Public Relations (DAPR) und zog nach New York, wo sie Art Administration an der New York University studierte. 2006 gründete sie ihre PR-Agentur Nadine Dinter PR in Berlin.

http://dinter-pr.de/de/

 

„Wenn jemand die Galerie in einer anderen Stimmung – hoffentlich positiver – verlässt als er reingekommen ist, dann bin ich happy! „ – Jens Pepper im Gespräch mit Michael Biedowicz von ‚pavlov’s dog‘.

"Slippy Floor", eine der ersten Ausstellungen in der Galerie pavlov's dog (2011)

Jens Pepper: Als Fotograf Autodidakt, aber mit einem Abschluss von der Kunsthochschule Weißensee, Theaterfotograf am Berliner Maxim Gorki Theater, Gründungsmitglied der taz ddr, Bildredakteur, u.a. beim Henschel Verlag, noch zu DDR-Zeiten und auch heute noch beim Zeit magazin und noch vieles mehr. Diese Infos habe ich von der Homepage der Ostkreuzschule, wo du als Gastdozent tätig bist. Ein Leben für die Fotografie, anders kann man es nicht beschreiben. Seit ein paar Jahren betreibst du nun auch noch mit mehreren Partnern zusammen die kleine Fotogalerie pavlov’s dog in Berlin Mitte. Wer hatte die Idee zu diesem Ort und gab es mit der Gründung ein klares Konzept für das Programm?

Michael Biedowicz: Die „kleine“ Fotogalerie pavlov’s dog hat einen existierenden Galerieraum übernommen, Anfang 2011 war das. An gleicher Stelle befand sich eine Galerie mit den Namen „Berg 19“, betrieben von der Fotografin Petra Karadimas. Sie hatte eines Tages Nachfolger für Ihren Raum gesucht und dann kamen ganz schnell sechs Kollegen, die sich mehr oder weniger gut kannten, zusammen. Uns verband das Medium Fotografie, wir hatten alle irgendwie damit zu tun, als Fotografen oder Bildredakteure. Wir Gründungsmitglieder wollten zunächst einmal den Ort erhalten und dafür sorgen, dass es mit Ausstellung weitergeht und auch verhindern, dass der Kommerz dort einzieht oder noch ein weiterer Späti aufmacht.

Nach den ersten Zusammenkünften war ganz schnell klar, dass wir nicht nur einen guten Namen sondern ein neues Konzept brauchen. Klar war zuerst nur, dass sich alle Ausstellungen stark voneinander unterscheiden sollten und dass wir in den Nischen der Fotografie die spannenderen Projekte fanden, alles war denkbar – aber bloß keinen Mainstream!

Jens Pepper: Wer waren die Gründungsmitglieder und ist die Mitgliederstruktur heute die gleiche wie damals?

Michael Biedowicz: Das waren die Gründungsmitglieder: Daniel Hahn, Isabell Köhncke, Bernhard Moosbauer, Mirjam Siefert und Pamela Spitz – mit mir sechs. Der Kollektivgedanke war in der frühen Phase sehr wichtig und hat uns auch eine stabile Struktur gegeben. Nach ungefähr drei Jahren, als die erste Euphorie nachgelassen hat, brauchten wir aber eine Perspektive – wohin soll die Reise gehen und wie wollen wir uns entwickeln? Da haben wir festgestellt, dass jeder von uns andere Ideen über die Ausrichtung hatte. Einige haben die Galerie verlassen, aus den unterschiedlichsten Gründen – neue Mitglieder kamen hinzu und blieben manchmal kürzer oder länger. Die Struktur aber blieb. Interessanterweise denke ich seit diesen Tagen, dass das Modell sich eventuell überholt hat und nicht mehr richtig passt.

Jens Pepper: Warum habt ihr euch nach dem berühmten Experiment Pavlovs benannt? Um damit der Zielsetzung, bloß nicht Mainstream sein zu wollen, einen anderen Weg gehen zu wollen, Nachdruck zu verleihen?

Michael Biedowicz: Die Namensfindung war der Punkt der am längsten und ausgiebigsten diskutiert wurde. Wir hatten uns die Vorgaben gegeben, dass der Galeriename auf Deutsch und Englisch funktionieren sollte und dass die naheliegenden Begriffe für eine Galerie: „ art- “, „Photo – “ und „Kunst – “ tabu waren. Das war uns zu unoriginell.

Mir fiel eines Tages ein Refrain eines Liedes ein, da kam der Begriff „pavlov’s bell“ ( Frustrating von SJ Essau, heißt der Song) vor – und ich dachte , die Experimente mit der Konditionierung von Iwan Pavlov kann man auch auf die Kunst und einen Galeriebetrieb anwenden. Ausschlaggebend war aber dass es catchy klingt und auch merkfähig. Ein Berater, den wir zum Glück nicht hatten, hätte die Hände über den Kopf zusammengeschlagen.

Jens Pepper: In welche Richtung würdest du denn gerne den Galeriebesucher konditionieren? Das klingt, als ob dir bzw. euch etwas in der Rezeption von Fotografie in Deutschland fehlt.

Michael Biedowicz: Die Konditionierung im verhaltensbiologischen Sinne meint: Du machst 20 gute Ausstellungen, die Leute kommen und goutieren das. Die 21. Ausstellung musst Du nur noch ankündigen und Du erzielt den gleichen positiven Effekt.

Aber im Ernst, ich möchte unsere Besucher weder konditionieren noch wünsche ich mir den idealen Galeriebesucher. Ich bin froh, wenn jemand die Galerie in einer anderen Stimmung ( hoffentlich positiver) verlässt als er reingekommen ist – dann bin ich happy! Die besten Momente waren für mich immer, wenn es zwischen fremden Menschen eine Kommunikation ausgehend von den ausgestellten Bilder gibt. Man redet plötzlich miteinander, weil ein Bild eine Brücke schlägt.

In der Beschaffenheit unseres Galerieraumes liegt eine Besonderheit – er ähnelt eher einem Salon als einem White Cube Space. Uns ist der Besucher wichtig, für ihn machen wir Ausstellungen und andere Aktivitäten. Bei einer White Cube Gallery denke ich immer, dass Betrachter eher störend sind. Es gibt ja Menschen, die sich in keine Galerie trauen, weil sie sich dort unwohl fühlen und fürchten dass sie dort in Gespräche verwickelt werden bei denen sie sich blamieren – genau das Gegenteil wünschen wir uns bei pavlov’s dog. Die Fotografie ist eins der zugänglichsten Medien, aber seit sie im Kunstmarkt fest verankert ist, kommen auch schreckliche Attitüden hinzu, Eitelkeiten und elitäres Denken. Das stört mich total.

Wir hatten im letzten Jahr eine Veranstaltung mit dem Schauspieler Matthais Matschke gemacht. Das Programm nannte sich „Keine Ahnung warum ich das fotografiert habe“ – Matschke hat schlichte Amateurfotos der Besucher spontan kommentiert und interpretiert, ein ganz großer Spaß! Matthias ist übrigens ein Fördermitglied der Galerie, darüber bin ich sehr froh!

Jens Pepper: Wenn du von Attitüden und elitärem Denken sprichst, wen meinst du damit genau? Du sprichst von Galeristen und Kunstvermittlern, oder? Ich komme ja selber aus dem Galeriebetrieb und habe so etwas bei den meisten Kollegen eigentlich nicht erlebt, zumindest nicht in auffällig hoher Dosierung. Und in meinen eigenen Galerien war die direkte Kommunikation mit jedem Besucher immer wichtiger Bestandteil der Arbeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass pavlos’s dog Menschen anlockt, die gleichzeitig Angst vor einem Besuch in anderen Galerien haben. Die, die Angst vor Kunst oder einer inquisitirischen Befragung in einer Galerie haben, werden das Gefühl auch vor eurer Tür nicht ablegen, insbesondere wenn nur der Galerist oder die Aufsicht aber kein anderer Besucher durch das Fenster zu sehen ist.

Michael Biedowicz: Ich kenne auch nur gute und engagierte Kollegen die Spaß an den Werken und noch mehr Spaß an der Vermittlung haben. Was ich meine ist die „Institution Galerie innerhalb des Kunstmarkts“ die sich elitär geben muss – der Markt verlangt es so. Kunst lebt vom Ausschluss – das habe ich in den sieben Jahren gelernt. Wer auf dem Kunstmarkt bestehen will, muss sich mit den undurchsichtigen Gepflogenheiten des Marktes arrangieren. Da werden exklusive Galerie Dinner veranstaltet, Previews etc. – es soll dem Sammler oder potentiellen Käufer immer ein Gefühl der Auserwähltheit vermittelt werden, quasi wir nehmen dich in diesen Kreis auf – und schon fühlt sich der Eingeladene geehrt. Ich selbst war als Gast einer Preview zur MoMa Wiedereröffnung in New York einladen. Ich fühlte mich an diesem Abend als etwas Besonderes, das hielt aber nur solange an bis ich erfahren habe, dass es am Abend vorher schon eine Pre-Preview gab. Ich will das System gar nicht kritisieren, es funktioniert und ist somit nicht anzuzweifeln.

Was mich aber eher auf diesem Feld stört, sind oftmals die begleitenden Texte zu Ausstellungen. Da liest man leider allzu oft Unverständliches. Die verzweifelten Versuche sich durch geschraubte Formulierungen auf eine Metaebene zu katapultieren sind schon manchmal grotesk.

Jens Pepper: Gibt es Kunstvermittler, Fotohistoriker, Kritiker, Kuratoren etc. deren Schreibe du besonders schätzt, die du als Beispielhaft ansiehst?

Michael Biedowicz: Da denke ich vor allem an die Großmeister Klaus Honnef und Hubertus von Amelunxen. Sie waren und sind für mich wichtig, ihre Reflexionen zum Medium Fotografie haben mich ganz stark geprägt. Bei der jüngeren Generation fällt mir spontan Ulf Erdmann Ziegler ein: schlaue Texte! Vor allem schätze ich bei ihm die Fähigkeit, sich mit allen Sinnen (und nicht nur durchgeistigt ) mit der Fotografie einzulassen – ergebnisoffen!

Bei pavlov’s dog haben wir uns recht bald auf einen literarischen Zuschnitt der Texte geeinigt. Das passt am besten zur Galerie – vielleicht auch deshalb weil wir damit Brücken zu anderen Genre schlagen wollen.

Jens Pepper: Interessant; gerade Texte von Amelunxen finde ich ja ziemlich geschraubt und für einen Laien, den man für die Fotografie begeistern möchte, eher ungeeignet. Da sieht man mal wieder, wie unterschiedlich Wahrnehmungen sind. Wer schreibt denn für euch die Texte, wenn ein literarischer Zuschnitt erwünscht ist?

Michael Biedowicz: Aktuell gerade ich selbst! Ich bin Dir dankbar für Deine Anmerkung, die mich dazu bringt darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, an den Adressaten zu denken.Theorie wird außerhalb eines wissenschaftlichen Diskurses immer schwer konsumierbar erscheinen. Will ich die Rolle des Vermittlers annehmen, dann wird es fraglich ob ich mit dem Sound eines theoretischen Textes gut beraten bin. Mein Verdacht ist, dass er auch Mittel einer Distinktion ist.

Pavlov’s dog setzt im seinem Programm auf eine Sinnlichkeit der Fotografie, wir beteiligen uns weniger an einer theoretischen Erforschungen des Mediums. Daher gilt für den begleitendenText: Verständlichkeit ist oberstes Gebot, das bedeutet aber nicht Gedankenarmut ! Die besten Ausstellungstexte stammen von Andreas Wolf, er war für kurze Zeit Mitglied der Galerie und sein Textverständnis beruhte auf gut lesbare Literatur: ein, zwei gute Gedanken und diese schön formuliert. Besser hat nie wieder jemand für die Galerie geschrieben. Für die nächste Ausstellung von Alexander Gehring schreibe ich den Text – harte Arbeit für mich, aber ich merke, dass der Reiz der Überforderung funktioniert.

Jens Pepper: Wie kommen die Bilder zu euch in die Galerie? Sucht ihr aktiv, stellen sich Fotografen und Fotografinnen vor, … es gibt da ja verschiedene Wege, um an gute Ausstellungen zu kommen.

Michael Biedowicz: Das ist sehr unterschiedlich: meistens ist es ein Künstler den man toll findet und dann bespricht man ein Ausstellungskonzept, das auf die Größe der Galerie zugeschnitten ist. Im Idealfall wäre das eine Ausstellung die nur bei pavlov’s dog funktioniert. So war das z. B. mit Michael Wesely. Seine Idee war es Menschen mit dem Namen „Pavlov“ zu porträtieren – eine super Idee die 100%ig auf unsere Galerie zugeschnitten war. Wir haben dann versucht viele Pavlovs in Berlin zu finden, alle Mittel waren recht. Wesely hat leider die Frauen die natürlich Pavlova hießen, nicht haben wollen. So mussten wir auch ein russischen It-Girl aussortieren, Anna Pavlova hieß sie. Das war schade.


Natürlich wenden sich auch viele Künstler an die Galerie, das ist meistens weniger erfolgreich. Ein Galerist will jemanden entdecken, das bringt den meisten Spaß. Was überhaupt nicht geht, sind Künstler die sich per Sammelanschreiben melden.

Jens Pepper: Beschließt ihr alle Ausstellungen im Team oder hat jeder von euch auch die Möglichkeit, mal das zu zeigen, was einem persönlich wichtig ist?

Michael Biedowicz: Wir beschließen im Team über die nächsten geplanten Dinge, meistens im Konsens. Bisher kam es auch nie zu Blockaden oder ähnlichem. Wenn jemand partout eine Idee eines Künstlers nicht mag, dann zieht er sich etwas zurück. Im Gründungsgedanken liegt ja auch die Vielseitigkeit des Programms. Mir ging es nur einmal so, dass ich ein Ausstellungskonzept emotional nicht mittragen konnte. Wir haben das Grafikkollektiv Hypgnosis präsentiert, ihre Schallplatten Cover sind echte Klassiker: Pink Floyd, Led Zeppelin u. v. a.m. – ein hochinteressantes Kapitel der Pop Kultur. Nur wollten die beiden Macher ihr ganzes Werk zeigen, dass in den 80ziger Jahren leider nur noch durchschnittlich war. Die Ausstellung war dann nur eine uneditierte und leider auch unreflektierte Werkschau. Aber wir haben daraus gelernt, dass die Idee des Künstlers auch einen Konterpart braucht, einen Partner mit einer Haltung.

Jens Pepper: Was steht denn auf eurer Wunschliste, also welche Ausstellung bzw. Ausstellungen würdet ihr gerne machen? Ich weiß, dass du gerne etwas mit Daniel Josefsohn gemacht hättest. Gibt es diesbezüglich noch Pläne?

Michael Biedowicz: Mit Daniel Josefsohns Arbeiten machen wir auf jeden Fall wieder eine Ausstellung. Er hinterließ einen so riesigen Bilderschatz. Wir sind da auch schon ganz weit mit der Planung. Ich bin ganz optimistisch, dass wir es noch in diesem Jahr realisieren können. Mit Daniel hatte 2011 die Galerie eröffnet. an einem bitterkalten Februartag kamen hunderte Leute. Es war der perfekte Start für uns. Übrigens auch für Daniel. Er war damals im Gespräch mit den Volksbühnen Leuten, es ging um den Posten als Posten des Kreativ Direktors. Er hatte sie zur Eröffnung eingeladen, einen Tag später war er engagiert.

Die nächste Ausstellung bestreitet Alexander Gehring, ein Künstler den wir vertreten. Sein Thema ist diesmal die Beziehung von Alchemie und Fotografie – es wird ganz sicher spannend! Was ich darüber hinaus verraten darf: beim EMOP sind wir hoffentlich wieder dabei – ich darf nicht vergreifen, die Jury muss zunächst darüber befinden. Ich mag diesen Monat der Fotografie sehr – ein immer besser organisiertes, hierarchieloses Publikumsfestival. Beim letzten Mal hatte ich eine Besucherin aus Australien die zu mir sagte: endlich bin ich bei pavlov’ dog, der Galerie von der ich so oft gehört habe.

Jens Pepper: Das heißt, ihr vertretet Künstler auch so wie klassische Galerien es tun, ihr kümmert euch langfristig um Partnergalerien, Ausstellungen in Institutionen, um Presse und um Käufer? Wie bringt ihr das mit euren Brotjobs unter einen Hut? Hat jeder im Team da eine bestimmte Aufgabe , vielleicht den persönlichen Fähigkeiten entsprechend?

Michael Biedowicz: Ja, wir machen es so wie viele: einige Künstler vertreten wir, das bedeutet eine gewisse Bindung für beide Seiten. Wenn einer der Partner meint, das bringt nichts mehr, lösen wir diese Verbindung auch wieder auf. Das bedeutet, man geht einen gemeinsamen Weg: supportet die eigenen Künstler wo es nur geht und erwartet eine gute Entwicklung des Künstlers. Partnergalerien haben wir nicht, zu der einen oder anderen Galerie gibt es schon einen guten Draht – man besucht sich, und versucht Synergien hinzubekommen. z.B. die Vernissagen zu koordinieren.

Ja, jeder von uns hat ja noch einen Brotjob ohne den wir uns nicht halten könnten. Es ist schon viel Arbeit, die die Galerie erfordert, das bedeutet Selbstausbeutung – darüber darf man gar nicht rational nachdenken, sonst verliert man die Lust. Zuständigkeiten sind natürlich an persönliche Vorlieben geknüpft. Einmal wurde es eng, der Webdesigner ist ausgestiegen und keiner konnte ihn so schnell ersetzen. Was tun ? Ich habs dann versucht und html gelernt – ohne Galerie hätte ich das nie angefangen. Ich find es wunderbar!

Überhaupt, ich würde den Job des Galeristen nicht machen, wenn ich nichts zurückbekommen würde. Mit jeder Ausstellung ist mein Erfahrungsschatz gestiegen, ich hatte durch die Galerie so tolle Menschen kennengelernt und das Medium ganz neu erfahren. Als Bildredakteur setzt man Fotografie im journalistischen Sinne ein, das ist immer mit einer Absicht verbunden, mal ganz offensichtlich, mal sehr diffizil. In der Galerie gibt es das nicht: Hier kann die Fotografie auch mal ganz absichtslos sein, kann ganz bei sich sein.

Jens Pepper: Mit Edward B. Gordon vertretet ihr auch einen Maler. Wie kommt das?

Michael Biedowicz: Ja in der Tat, das ist etwas ungewöhnlich für eine Fotogalerie. Es hat vielfältige Gründe: erstens: Sein Blick ist fotografisch, für einen Maler etwas ungewöhnlich. Viele seiner Motive sind wie fotografische Momentaufnahmen. Zweitens: Malerei verkauft sich grundsätzlich gut, es gibt da keinen Zweifel, dass ein Ölbild ein Unikat ist. Wie viel schwieriger ist es einem Kunden die Gepflogenheiten der Fotowelt mit ihren künstlich limitierten Editionen zu erklären. Drittens: mit Edward verbindet mich nicht zuletzt eine Freundschaft. Wir sind aber beileibe nicht die einzige Galerie, mit der Edward arbeitet. pavlov’s dog hat zwei sehr erfolgreiche Ausstellungen mit Edward B. Gordon ausgerichtet, an die ich mich gern erinnere.

Jens Pepper: Ah, die Auflagen. Das wäre in der Tat mal ein extra Gespräch wert. Wie du weißt, habe ich so meine Probleme mit einer Limitierung von Fotografie. Es gibt genug Beispiele, dass hohe Auflagen oder fehlende Auflagen keineswegs zu niedrigen Preisen von guten und/oder wichtigen fotografischen Werken führen. Die künstliche Verknappung widerspricht den Möglichkeiten des Mediums Fotografie vollkommen und ist ausschließlich als Instrument zu sehen, möglichst schnell möglichst hohe Preise für einzelne Werke zu erzielen, selbst von gänzlich unbekannten Fotografen und Fotografinnen. Der Galerist Volker Diehl erzählte mir im vergangenen Jahr, dass er es gerne hätte, wenn die von ihm gehandelten Fotografen nur jeweils einen Print herstellen und dann das Negativ vernichten oder die Datei löschen. Ich finde das absurd. Also, ein Thema für die Zukunft Michael.

Wie sieht es denn bei euch auf der Einnahmeseite aus? Trägt sich die Galerie, buttert ihr Eigenkapital zu oder verschafft sie euch als Galeristen zumindest gelegentlich auch mal ein kleines Extraeinkommen?

Michael Biedowicz: Über die Editionspraxis kann man lange referieren und versuchen dieses Gebaren transparent zu machen. Es hilft nicht viel und für die potentiellen Käufer bleibt es rätselhaft, warum ein Medium sich so selbst beschränkt. Es sind die Gesetze des Kunstmarktes die hier greifen – eigentlich sehr schade, denn in ihrem Wesen ist die Fotografie ja sehr demokratisch. Ein jeder kann das Bildermachen schnell erlernen und neuerdings auch im Handumdrehen für alle publik machen.

Du sprichst die Einnahmen an, darauf muss ich sogleich kontern: welche Einnahmen?? Wir können uns nur halten, indem wir alle Betriebs(un)kosten teilen, sodass es den Einzelnen nicht ganz so doll schmerzt. Man muss es ganz klar sagen, ohne unsere finanziellen Beiträge ginge nichts. Hinzu kommt noch die Selbstausbeutung, denn die Arbeit eines jeden wird natürlich auch nicht bezahlt.

Es gibt ab und an Verkäufe – zum Glück! Neben dem finanziellen Gewinn ist aber der ideelle Effekt fast stärker. Ein Käufer findet ein Bild so gut, dass er es für Geld erwirbt. Ich bin dann immer sehr gerührt. In der Anfangsphase hatten wir überlegt, dass es eine Gefahr sein könnte, sich über Verkäufe zu finanzieren – das könnte ja das Programm beeinflussen und wir könnten zum Kommerz verführt werden. Sieben Jahre später sieht alles ganz anders aus – der Markt ist viel unerbittlicher geworden und Berlin-Mitte ist so teuer wie noch nie. Das soll nicht verbittert klingen, ich wollte das Geschäft eines Galeristen lernen und bin froh, dass es damit noch nicht zu Ende ist.

Jens Pepper: Diese Sorge vor betriebswirtschaftlichen Elementen im Galeriebetrieb sollten wirklich nicht als Gefahr für ein gutes Galerieprogramm gesehen werden, insbesondere dann, wenn Künstler fest vertreten werden, wie ihr es ja ansatzweise auch macht – derzeit immerhin fünf Personen, u.a. Andreas Rost. In der Regel erwarten die dann ja ein Engagement in Bezug auf mögliche Verkäufe; deshalb stimmen sie ja einem Vertretungsanspruch zu. Natürlich ist die Verantwortung für das Unternehmen dann eine andere, man ist nicht mehr nur für seine eigenen Ideale zuständig. Der Gedanke an mögliche Kunden wird raumfüllender.

Ihr macht gelegentlich auch Veranstaltungen, wie die von dir erwähnte mit dem Schauspieler Matthias Matschke, der mitgebrachte Fotos der Veranstaltungsbesucher spontan kommentiert hat, Geschichten aus ihnen entwickelt hat. Das klingt spannend. Kommen zu solchen Veranstaltungen Menschen, die sonst womöglich nicht in eure Galerie kommen würden?

Michael Biedowicz: Richtig, die Erwartungen an ein Engagement seitens der Galerie sind hoch, diese versuchen wir nach unseren Möglichkeiten auch zu erfüllen – z. B. dass man Kunstmessen ansteuert. Das geht jedoch nur, wenn die finanziellen Mittel vorhanden sind, so eine Koje kostet viel Geld und das Risiko ist hoch. Zweimal waren wir auf Messen, der Wert bestand auch hier mehr oder weniger im Erkenntnisgewinn.

Neben den Ausstellungen sind die vielfältigsten Veranstaltungen fester Bestandteil des Programms. Wir hatten schon alles: Vorträge, Filmaufführungen, Book Lauches, Portfolio reviews, artist talks . Das ungewöhnlichste war sicher die Veranstaltung mit Matthias Matschke, der auch Mitglied der Galerie ist, die wir schon bald wiederholen. Matthias ist eine ganz große Stütze der Galerie. Seine Partnerin hatte die Idee zu dieser Performance, dass Matthias zu Bildern die er zum ersten mal sieht, frei assoziiert und Geschichten erfindet- ein Riesenspass!! Dahinter steckt aber auch ein Gedanke: das Medium Fotografie bietet so viel Stoff – z. B. auch in der Amateurfotos. pavlov’s dog möchte die ganze Palette abdecken – nur eins darf nicht passieren: das Publikum langweilen.

Jens Pepper: Gibt es fotografische Werke, die dich im Laufe deines Lebens visuell persönlich am stärksten geprägt haben? Oder war da immer die Liebe zur gesamten Fotografie?

Michael Biedowicz: Ich habe meine Obsession zur Fotografie erst spät benennen können. Es war einfach der Fakt, dass ich diese Sprache verstehen konnte und in mir wuchs die Idee, mich auch so ausdrücken zu wollen. Ich wollte die Sprache der Fotografie erlernen – ein klassischer Autodidakt eben. Dann prägten mich auch ganz besondere Ausstellungen, Sugimoto in der Neuen Nationalgalerie zum Beispiel.

Jens Pepper: Was gefällt dir an Hiroshi Sugimoto? Sein Werk besteht vor allem aus seriellen Projekten, wie die Seestücke, die Lanzeitbelichtungen von Kinoleinwänden während der Vorführungsdauer eines Films, die Wachsfiguren usw. Bei ihm ist alles Konzept, die Arbeiten sind bis ins Detail geplant, Spontanität gibt es bei ihm nicht, lebende Menschen ebenfalls nicht.

Michael Biedowicz: Sugimotos Schau in der Neuen Nationalgalerie ist ein Beispiel für eine ganz besondere, ich möchte sagen ganzheitliche Präsentation. Noch nie hatte ich vorher oder später wieder so eine Form der Überwältigung durch Fotografie erlebt. Es war das perfekte Raumerlebnis. Tillmans steht natürlich auch dafür.

Jens Pepper: Du sprichst jetzt von der Hängung, oder? Ich habe die Ausstellung in der Nationalgalerie nicht gesehen, ich habe Sugimoto auch nur einmal in der Deutschen Guggenheim Berlin in einer Einzelpräsentation gesehen, aber die war klassisch gehängt. Wie war das in der Neuen Nationalgalerie?

Michael Biedowicz: „Hängung“ ? – der Begriff wäre viel zu klein für diese Offenbarung. Es hatte fast schon etwas religiöses. Die Geschichte des Hauses ( und nicht zuletzt der Moderne ), die Bilder , die ganze Klarheit des Konzepts – alles griff ineinander, das war einmalig. Richtig gute Fotoausstellungen können so besondere Erlebnisse sein, dass auch jeder Versuch der Wiedergabe in Katalogen etc. scheitert. Mir ist und war immer der Raum wichtig, er ist ja viel mehr als Kulisse oder Stellfläche. In ihm nehmen wir die Kunst war und dieses Zusammenspiel beeinflusst unsere Wahrnehmung. Der direkte Kontakt mit der ausgestellten Fotografie wird auch nur im Ausstellungsraum komplett sein und schafft den Dialog mit dem Betrachter. Das ist jetzt mal ein Plädoyer für den Galerie- und Museumsbesuch, oder ?

Jens Pepper: Oh ja, das war leidenschaftlich vorgetragen. Überlasst ihr bei pavlov’s dog die Konzeption der Hängung den Fotografen, entscheidet ihr gemeinsam mit den Ausstellenden, oder entscheidet ihr als Kuratoren selber?

Michael Biedowicz: Es läuft in der Regel so: die allermeisten Künstler kommen mit einem Hängekonzept, das haben sie so im Kopf. Dann kommt die wunderbare Phase, diese Idee im Raum umzusetzen – und dann merkt man schnell, es funktioniert, oder manchmal auch nicht – und alles ist wieder offen. Ich mag das und finde das ganz großartig! Wir verstehen uns dabei auch als Mentoren und versuchen die Ausstellungsidee sichtbar zu machen. Die Haltung der Galerie ist wichtig, es geht nicht darum einen Raum herzugeben unter dem Motto, so tobt Euch aus – nein, die Galerie hat ja eine Idee, was sie will und nicht zuletzt auch gesammelte Erfahrung, welche Wirkung erzielt werden kann. Der Prozess der Hängung ist hochintensiv und meistens auch konfliktfrei. Mich macht das immer glücklich und das möchte ich nie mehr in meinem Leben missen.

Jens Pepper: Als ihr Oliver Marks schwarzweiße Polaroids bzw. Impossible-Aufnahmen gezeigt habt, gab es sowohl original Sofortbilder von ihm zu sehen als auch große Bilder, also gescannte Originale, die vergrößert geprinted wurden. Gab es diese Vergrößerungen als Editionen zu kaufen oder waren es lediglich Ausstellungsprints, die nicht zum Verkauf standen? Ich frage das, weil ich die Ausstellung nicht gesehen habe. Sie hätte mich aber interessiert, da ich seine zu diesen Aufnahmen bei Hatje Cantz erschienene Publikation in Heftform im Folioformat daheim habe und sehr interessant finde.

Michael Biedowicz: Die Original Impossible Polaroids konnte Oliver gar nicht zeigen, sie waren schon 3 Monate nach der Aufnahme verblichen. Ich weiß nicht, ob das Impossible Material inzwischen haltbarer ist – sie sollten diese nicht unwichtige Information auf ihre Schachtel schreiben. Man muss also beizeiten das Bild einscannen, sonst ist es für immer verschwunden. Wir hatten vom Künstler die Daten bekommen und ausgeprintet, als A1A artprints in verschiedenen Größen. Diese hatten eine Auflage, ich glaube 3+ 1 und 5+1. Ich erinnere mich gern an das Projekt, es waren zumeist Prominente auf den Bildern zu sehen, aber jenseits von Glamour – sehr raues Material.

Jens Pepper: Doch, doch, Impossible hatte den S/W-Film dann noch in den Griff bekommen. Das Grau wurde zwar teilweise mit der Zeit Sepia, aber die Bildinformation blieb erhalten. Jetzt, nachdem Impossible wieder Polaroid ist, habe ich den Film noch nicht auspropiert. Wollen wir es bei diesem Schluss lasssen? Wir könnten ja noch ewig weiterreden, aber lass uns das beim Pepper’s Photo Chat Live im April machen, wenn du mein Gast bist. Ich freue mich schon darauf. Besten Dank für heute Michael.

Michael Biedowicz: Gut, wunderbar, hat Spaß gemacht lieber Jens!

Michael Biedowicz fotografiert von Darius Ramazani

Michael Biedowicz wurde 1955 geboren. Als Fotograf Autodidakt, jedoch mit Abschluss an der Kunsthochschule Weißensee. Zehn Jahre lang war er Fotograf am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Freie journalistische Arbeiten, dann ab 1988 Bildredakteur im Henschel Verlag. Gründungsmitglied der „taz ddr“. Seit 1997 bei der Zeit, derzeit als Bildredakteur des ZEITmagazins. 2011 war er Gründungsmitglied der Galerie pavlov’s dog. Nebentätigkeiten als Dozent und Jurymitglied.

http://www.pavlovsdog.org/

Foto links: Darius Ramazani

„Es geht ausschließlich um Scheinheiligkeit, Doppelzüngigkeit, Geschäft und Geld. Alles in Farbe.“– Jens Pepper im Gespräch mit Paweł Jaszczuk

Foto: Pawel Jaszczuk

Jens Pepper: Bevor ich dich persönlich kennengelernt habe, kannte ich bereits dein Buch Kinky City, das bei dienacht publishing erschien, Everything you do is a Balloon, veröffentlicht von Lieutenant Willsdorff in Frankreich sowie den Gemeinschaftskatalog zusammen mit Nobuyoshi Araki, der anläßlich der Ausstellung in der Leica Galerie in Warschau 2014 herausgegeben wurde. Sie alle zeigen Fotografien, die du in Tokyo gemacht hast. Auf deiner Homepage gibt es noch weitere Serien aus Tokyo. Erzähl mir von deinem Fokus auf japanische Szenerien und warum du keine Fotos zeigst, die hier in Warschau entstanden sind.

Paweł Jaszczuk: Wenn du dich mit Tokyo beschäftigst ist das eine nie enden wollende Geschichte. So viele Möglichkeiten. Es ist wie ein Buch mit Tausend Geschichten, das aber nie zuende ist. Als ich ca. 2003, 2004 ankam war ich vom ersten Moment an sprachlos. Alles, und ich meine alles, war vollkommen anders als alles was ich bisher gesehen hatte und ich war schon viel gereist. Die Stadt ist wie von einem anderen Planeten. Liebe auf den ersten Blick. Mir sind sofort die Menschenmassen aufgefallen, was nicht weiter schwer ist, und ich wusste, ich würde mich darauf konzentrieren den Trubel und die Hektik in der Stadt zu fotografieren. Warschau? Ich lebe und arbeite jetzt in Warschau, nach fast einem Drittel meines Lebens im Ausland komme ich jetzt zurück. Also sei geduldig, die Fotos aus Warschau kommen. Allerdings glaube ich nicht, dass es von Bedeutung ist wo du lebst und woher du bist, sondern was du zu sagen hast. Der Inhalt ist am wichtigsten.

Jens Pepper: Was hat dich überhaupt nach Japan verschlagen? Warum hast du Polen verlassen?

Paweł Jaszczuk: Ich habe Polen auf der Jagd nach Abenteuern verlassen. In meinen frühen Zwanzigern hatte ich nicht die Prüfungen für die Kunstakademie in Łódz bestanden. Zu dieser Zeit plante mein bester Freund eine Reise nach Sydney und eines Tages haben wir beschlossen, dass wir gemeinsam dorthin gehen. In Sydney habe ich dann Reiko getroffen, ein japanisches Mädchen, das mein Leben veränderte. Sie ist heute meine Frau, aber das ist nur eine weitere romantische Geschichte. Nach meinem Abschluss an der Schule für Bildende Künste in Sydney 2004 sind wir dann beide nach Tokyo gezogen. Sie musste dorthin zurück und ich bin ich gefolgt.

Jens Pepper: Wie wolltest du in Tokyo deinen Lebensunterhalt verdienen? Hast du Japanisch gesprochen?

Paweł Jaszczuk: Von Anfang an war es mein Wunsch und mein Bedürfnis Fotos zu machen. Das hatte bei mir immer größte Priorität, auch heute noch. Nach unserer Ankunft habe ich sehr viel fotografiert, alles und jeden Tag. Später, als ich mich ein bisschen beruhigt hatte, begann ich mehr nachzudenken, zu planen und mich besser zu organisieren. Und die Sprache? Ich habe eine Sprachschule besucht, so dass ich ein Basisjapanisch lernte. Nachdem meine Tochter geboren wurde, hörte ich auf mit der Schule und habe zumeist Englisch gesprochen.

Jens Pepper: Ist Reiko auch eine Künstlerin?

Paweł Jaszczuk: Sie hat einen Abschluss von einer Kunstschule, aber nein, sie ist keine Künstlerin. Reiko arbeitet als Redakteurin für Kultur-, Reise- und Lifestyle-Magazine und genießt das sehr. In Polen hat sie eine Internetplattform gegründet, ZPOLSKI, auf der du alles findest, was zum Besten in der Kunst und Kultur in Polen gehört. Sie promotet polnische Kunst in Japan.

Jens Pepper: Wenn Reiko eine Redakteurin ist, kooperiert ihr für Zeitschriftenprojekte?

Paweł Jaszczuk: Dank Reiko bekam ich viele kommerzielle Aufträge. Ich habe für ihr Magazin gearbeitet und sie hat mich anderen Magazinen vorgestellt. Das hat Dinge für mich einfacher gemacht. Ich hatte Glück. Ohne ihre Verbindungen wäre es sehr viel schwieriger gewesen, einen Job in Japan zu bekommen.

Jens Pepper: Erzähl mir von deinen kommerziellen Arbeiten. Was fotografierst du da und für welche Lifestyle- und Reisemagazine arbeitest du?

Paweł Jaszczuk: Auftragsarbeiten und Editorials waren nur eine kurze Episode in meinem Leben, nur ein paar Jahre. Interessant, gut bezahlt aber nicht wirklich befriedigend. Verschiedene Sachen; ich habe CD-Cover fotografiert, DENKI GROOVE zum Beispiel, Accessoires wie Handtaschen; für Louis Vuitton habe ich eine Reihe für das Verita Magazin gemacht, für Top Shop oder Hunting World. In Japan habe ich mit dem Modemagazin Fashion Color zusammengearbeitet. Dann habe ich ein paar Portraitfotos für die New York Times gemacht, für D Donna Di la Repubblica in Italien und für Twoj Styl in Polen, nur um ein paar zu nennen. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, da es zehn Jahre her ist.

Jens Pepper: Womit verdienst du heute als Fotograf dein Geld?

Paweł Jaszczuk: Fotoprints, Bücher, Workshops. Ich unterrichte auch Fotografie.

Jens Pepper: Was kosten Prints von dir. Sind deine Fotos limitiert oder unlimitiert?

Paweł Jaszczuk: Das fängt bei 1.600 € an. Meistens gibt es zwei Größen: 60 x 40 cm und 80 x 120 cm. Jede der Größen ist auf 6 plus 2 AP [Künstlerexemplare] limitiert.

Jens Pepper: Du arbeitest mit Galerien zusammen?

Paweł Jaszczuk:Klar mache ich das. Manchmal ist es nur für die Dauer einer Ausstellung, aber da draußen sind Galerien, wo du meine Arbeiten kaufen kannst: OstLicht Galerie in Österreich, Zen Foto Galerie in Japan, Leica Galerie in Polen und Photo Edition Berlin in Deutschland.

Jens Pepper: Wo werden deine Fotos am meisten geschätzt? Und wo verkaufen sie sich am besten?

Paweł Jaszczuk: Deutschland, Großbritannien, die Niederlande; Westeuropa kann man sagen. Seit kurzem gibt es ein wenig Interesse in den USA, was mich sehr freut. Ich habe auch Fotos nach Australien geschickt.

Jens Pepper: Wie sieht es mit Polen aus? Ich habe gesehen, dass das Auktionsunternehmen Fotografia Kolekcjonerska ein Foto aus der Kinky City Serie angeboten hat, ein Bondage-Foto. Wurde es verkauft?

Paweł Jaszczuk: Ahhh, ja, Polen natürlich auch, sorry. Ich muss zugeben, dass ich hier ziemlich gut verkauft haben und es wird von Jahr zu Jahr besser. Das Bild von Fotografia Kolekcjonerska wurde verkauft. Mir wurde gesagt, dass es von einem polnischen Sammler erworben wurde.

Jens Pepper: Wie reagieren Polen auf deine Kinky City Serie? Hat der Katholizismus Auswirkungen auf die Rezeption deiner Arbeiten in Polen?

Paweł Jaszczuk: Wie alle Kunstformen ist auch die Fotografie unterschiedlichen Interpretationen ausgesetzt, diese sind zahlreich und hängen von den jeweiligen Perspektiven ab. Ich habe Glück und erlebe ein sehr positives Feedback, wirklich. Selbst für Menschen mit anderen visuellen Vorlieben war die Leica Galerie-Ausstellung ein faszinierendes Erlebnis. Auch die Presse und die Medien waren daran wirklich interessiert. Ich wurde von Fernseh- und Radiostationen eingeladen. Als ich erzählte, wovon dieses Projekt handelt, waren die Leute weniger argwöhnisch, weniger erschreckt. Sie lernen ein wenig über andere und sich selbst. Katholizismus mag eine Wirkung haben, sicher. Seit den 1990ern gibt es in den öffentlichen Schulen Religionsunterricht. Dort bekommen reine Kinder eine Gehirnwäsche verpasst. Das muss JETZT aufhören. Katholizismus in Polen ist eine lange Geschichte.

Jens Pepper: Bei Leica hast du mit Nobuyoshi Araki ausgestellt, oder?

Paweł Jaszczuk: Habe ich wirklich. Das war ein Privileg.

Jens Pepper: Hattest du Gelegenheit, Araki während deines Aufenthalts in Tokyo zu treffen?

Paweł Jaszczuk: Ich bin noch nie in seinem Studio gewesen. Ich habe aber eine seiner Ausstellungseröffnungen besucht. Das war an seinem Geburtstag. Eine wirklich energiegeladene Person. Pures Entertainment. Das war, als ich ihn zum ersten und bisher auch letzten Mal sah. Ich bin übrigens nicht so ein großer Fan von Eröffnungen; zu viele Leute. Ich bevorzuge es Galerien während der Öffnungszeiten zu besuchen, damit ich die Kunstwerke genießen kann.

Jens Pepper: Weißt du, was Araki zu dieser Doppelausstellung mit dir sagte? Es gab ja auch diesen Doppelkatalog.

Paweł Jaszczuk: Araki wusste über alles bescheid. Ich musste von ihm akzeptiert werden und mir wurde erzählt, dass ihm meine Arbeiten gefielen. Es war seine erste Zusammenarbeit mit einem polnischen Künstler. Das war alles sehr spannend damals. Araki war ziemlich zufrieden mit dem Katalog und er hat ein Exemplar mit einer speziellen Nachricht von mir erhalten und hat laut gelacht, als er sie las. Eine echte Geschichte. Ich werde ihn bei meiner nächsten Reise nach Tokyo treffen.

Jens Pepper: Was war das für eine spezielle Nachricht?

Paweł Jaszczuk: Grüße aus Polen du verrückter Motherfucker.

Jens Pepper: Warum hast du diese Kinky-Serie in Tokyo begonnen?

Paweł Jaszczuk: Neugierde, Passion, Umstände. Ich habe mich schon immer für menschliches Verhalten interessiert. Tue ich immer noch. Warum, das werde ich nie verstehen, ich muss es eben akzeptieren. Aber diese Neugierde und der Wille über die Dinge zu sprechen, von denen ich glaube, dass sie wichtig sind, die geben mir meine Energie. Ich werde nie damit aufhören. Bevor ich nach Japan aufbrach hatte ich schon viele Stories über die Sex-Szene in Tokyo gehört. Die wirkten so unreal. Ich beschloss also, sie zu erkunden, Nacht für Nacht und Ort für Ort. Das hat mich süchtig gemacht.

Jens Pepper: Du kannst in Japan einfach Menschen in dieser sehr privaten Situationen fotografieren? Wie ist dort die Rechtslage in Bezug auf das Fotografieren in der Öffentlichkeit und in Clubs?

Paweł Jaszczuk: Ich spreche mit den Menschen, erkläre ihnen wer ich bin und was ich mache. Ich frage immer nach der Erlaubnis. Sie wissen, dass ich da bin. Häufig wurde ich zuerst dem Besitzer der Orte vorgestellt, so dass sie von Anfang an wussten, was ich vorhatte. Ich wurde lediglich gebeten höflich zu sein und immer um Erlaubnis zu bitten. Und so habe ich es gemacht. Heimlich zu fotografieren ist nicht mein Stil, überhaupt nicht. Wenn du anderen Menschen mit Respekt und Freundlichkeit begegnest, dann musst du dich nicht um das japanische Gesetz sorgen, um kein Gesetz denke ich.

Jens Pepper: Gibt es in Warschau eine Kinky Szene? Und falls ja, würdest du sie gerne fotografieren?

Paweł Jaszczuk: Kann sein, ich nehme an, dass da eine ist. Aber um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich bin mit dem Thema durch. Es würde mich nicht mehr interessieren. Der Fall ist geschlossen.

Jens Pepper: Was sind deine fotografischen Themen in Warschau?

Paweł Jaszczuk: Ich wende meinen Blick auf die Katholische Kirche. Das Projekt heißt ¥€$U$ und ist fast fertig. Es geht ausschließlich um Scheinheiligkeit, Doppelzüngigkeit, Geschäft und Geld. Alles in Farbe.

Jens Pepper: Wird Radio Maria es mögen?

Paweł Jaszczuk: Radio Maria wird es lieben! ¥€$U$ hat mehrere Ebenen, du kannst eine Menge darin finden: Groteske, Absurdität, Heuchelei, Gier. Der Untergang. Die Katholische Kirche kommt auch vor. Zwei Jahre lang, vielleicht etwas länger, habe ich Schnickschnack gekauft und gesammelt, das irgendwie mit Jesus und die Jungfrau Maria zu hat. Figure, Devotionalien aus aller Welt. Die verrücktesten, lustigsten und absurdesten Dinge, die es zu kaufen gab. Ich habe dann versucht, die in alltägliche Situationen zu bringen und dann zu fotografieren. Zum Beispiel Damenunterhosen mit der Jungfrau Maria vorne drauf. Ich habe ein Model gebeten, sie zu tragen und ich habe sie dann fotografiert. Es wurde eines der besten Fotos, das ich je gemacht habe. Ich liebe es. Da ist immer dieser sehr wichtige Aspekt in meiner Arbeit – ich will deine Aufmerksamkeit bekommen. Ich möchte, dass du unter die Oberfläche schaust.

Jens Pepper: Bist du gläubig? Hättest du gerne, dass die Kirche spiritueller, sozialer und weniger geschäftstüchtig ist?

Paweł Jaszczuk: Ich glaube an die Wissenschaften und nicht an Märchen. Ich hätte gerne, dass die Menschen mehr an sich selbst glauben ohne all diesen Bullshit. Ich würde die Leute gerne dazu bringen zu verstehen, dass sie keine Organisation brauchen die so voller Lügen, Scheinheiligkeit und krimineller Aktivitäten ist. Alle Religionen, nicht nur die Katholische, sollten verschwinden.

Jens Pepper: Werden diese Fotos für sich stehen oder von Texten, deinen Texten, begleitet sein, von einer niedergeschriebenen Nachricht, warum es dir hierbei geht?

Paweł Jaszczuk: Die Bilder werden für sich stehen, sicher, dennoch wird es auch einen Text geben, der sich auf die Ausstellung bezieht. Das sind dann Worte eines Freundes, eines Künstlers, der dieselben Gedanken hat, diese aber anders ausdrücken wird.

Jens Pepper: Ist schon eine Ausstellung geplant? Und ein neues Buch?

Paweł Jaszczuk: Das Projekt läuft noch, aber es ist beinahe fertig. Nur noch ein paar Kleinigkeiten. Deshalb habe ich es auch noch nicht beworben. Aber am 27. Oktober, Leica Galerie in Warschau, zu 100 Prozent. Ich werde auch ein Buch machen, aber da gibt es noch keine Details zu. Sei geduldig.

Jens Pepper: Was ist dein größter Wunsch in Bezug auf die Entwicklung der Fotoszene in Polen?

Paweł Jaszczuk: Mich interessieren Fotoszenen nicht so sehr, nirgendwo. Ich möchte gesund bleiben und weitermachen bis ich in Frieden Ruhe. Ich mache einfach mein Ding, egal was da kommt.

Dieses Gespräch erschien erstmals im Buch „Gespräche über polnische Fotografie“ von Jens Pepper, KLAK Verlag, Berlin 2017 (www.klakverlag.de/programm/literatur-und-reportage/)

 

Pawel Jaszczuk fotografiert von Jens Pepper in Warschau 2016

Pawel Jaszczuk wurde 1978 in Warschau geboren. Er studierte Kunst an der School of Visual Arts in Sydney. Danach viele Jahre in Tokyo. Inzwischen lebt er wieder in Warschau.

http://paweljaszczuk.com/

Foto links:  Pawel Jaszczuk, fotografiert von Jens Pepper im Fort Mokotow, Warschau (Dezember 2016)