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Foto: Eric Pawlitzky - aus der Serie "Und alles ist weg / Ortes des 1. Weltkrieges in Polen"

Pepper: 2014, als sich der Beginn des ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal gejährt hat, hast du ein Buch veröffentlicht, das sich mit den Orten großer Schlachten auf dem Gebiet des heutigen Polen in diesem verheerenden Krieg auseinandersetzt. Du hast diese Orte aufgesucht und sie fotografiert, so wie sie heute sind. Nichts deutet mehr hin auf das große Schlachten, das schreckliche Sterben, das hier vor einem Jahrhundert stattfand. Dem, was du fotografiert hast, zumeist idyllische Landschaften, seltener Gebäude, Bahngleise, einmal einen scheinbar zugewachsenen Friedhof, setzt du Berichte gegenüber, die von den Kriegsgeschehnissen berichten, von den Scharmützeln, Gefechten und blutigen Kämpfen. Das alles ist irritierend, weil sich die Schönheit der Fotos, die das Heute zeigen, so schwer in Verbindung bringen lässt mit den schauerlichen Berichten, die aus der damaligen Zeit stammen.

In deinem Vorwort schreibst du von der Fragilität des Friedens, den wir heute in Europa erleben, und das er uns nicht allzu selbstverständlich sein sollte, denn um uns herum und auch im eigenen Land rumort es. Vaterländisches Getöse, Nationalismen, Fremdenfeindlichkeit, antiliberale Gesinnungen und dergleichen nehmen wieder zu. Unmittelbar vor 1914 hatten die meisten Europäer auch nicht wirklich mit einem großen Krieg gerechnet, so wie wir im heutigen Europa die Möglichkeit eines Krieges auf unserem Kontinent eher von uns weisen. Ich selbst bin da skeptisch und halte ein Scheitern Europas sehr wohl für möglich, und damit auch neue Kriege. Du scheinst dieses Gefühl, diese Sorge zu teilen. Und hast deshalb dieses Buch publiziert, das uns diese unbekannten Orte des ersten Weltkriegs auf dem Territorium unseres östlichen Nachbarn zeigt. War diese Sorge um den heutigen Frieden der Auslöser für dieses Fotoprojekt?

Eric Pawlitzky: Im Sommer 2012 habe ich mit Frau und jüngstem Sohn eine sechswöchige Eisenbahnreise entlang der EU-Ostgrenzre unternommen. Unsere Idee: viel sehen, neue Leute kennenlernen und vor allem die weißen Flecken auf der inneren Landkarte tilgen. Die erste Erkenntnis: Europa verfügt im Osten über faszinierende Landschaften, die von einer Industrialisierung – nicht nur der der Landwirtschaft – weitgehend verschont wurden. Und dann haben wir viel im Internet gestöbert (schon damals gab es im Osten der EU nahezu flächendeckend freies W-LAN). Wir wollten etwas erfahren über die Orten, in denen wir mehr oder weniger zufällig landeten. Stutzig wurde ich, als ich im deutschsprachigen Netz häufig auf Seiten traf, die vor allem militärische Ereignisse aus dieser Zeit schilderten. Da wurde mir klar, dass ich eigentlich kaum etwas wusste vom Krieg im Osten vor hundert Jahren. Umgekehrt konnte ich Schilderungen militärischer Ereignisse kaum geografisch einordnen. Wo fand sie denn genau statt, die Schlacht bei Tannenberg? In Polen wollten mir die Menschen dann immer den Weg zu Soldatenfriedhöfen zeigen. Aber wo wirklich gelitten wurde, war auch dort oft in Vergessenheit geraten.

Meine Mutter zeigte mir eine Fotografie meines Urgroßvaters wie er vor einem Bauernhaus auf einem Pferd sitzt. „Das war in Russland“, sagte sie. Aber der Ort, auf die Rückseite der Fotografie notiert, liegt in Polen, in den Masuren.

Als mein Entschluss feststand, zu diesen vergessenen Ereignisse zu arbeiten, hatte ich anfänglich auch vor, Porträts von Familien in Deutschland und Polen zu machen, Familie, in denen es Menschen gab, die im 1. Weltkrieg im Osten gefallen sind oder verletzt wurden. Aber von etwa tausend Menschen, die ich kontaktierte, gab es nur zwei Rückmeldungen. Die Mehrheit weiß schlicht nichts mehr über diese Zeit. Und die Masse des deutschen Heeres war eben auch an der Westfront. Gleichwohl: Giftgaseinsätze und zermürbende Grabenkämpfe hat es auch im Osten Europas gegeben.

Motiviert war ich aber auch durch meine Sympathie für die Polen und die polnischen Landschaften. So kam es letztlich zu der Idee, etwas für Geschichtsbewusstsein zu tun und gleichzeitig die Neugier auf diese Orte zu wecken.

Als Friedensaktivisten habe ich mich in dem Kontext eher nicht gesehen, wenngleich das Thema durch den Ukraine-Krieg plötzlich wieder eine enorme politische Relevanz bekommen hat.

Pepper: Wie hast du die exakten Ort ausfindig gemacht, oder zeigen die von dir fotografierten Landschaften nur in etwa die Stellen, an denen damals gekämpft wurde?

Eric Pawlitzky: Mein Anspruch war es schon, authentisch zu sein. Begonnen habe ich meine Arbeit mit einem umfassenden Quellenstudium. Ziel war es, Ereignisbeschreibungen zu finden, die präzise Ortsbeschreibungen enthalten: Straßenkreuzungen, Bahnübergänge, Kirchen, Brücken, markante Hügel, einzelne Häuser usw. Oft war es auch möglich Hügel zu identifizieren, weil es beim Militär üblich ist, diese mit den jeweiligen Höhenmetern zu bezeichnen, „Höhe 432“ z.B. Manchmal wussten auch Leute vor Ort, was gemeint war, wenn ich nach bestimmten Geländemarken gefragt habe. Nicht zuletzt hat auch mein eigenes bescheidenes militärisches Wissen geholfen, zu entscheiden, wo etwas gewesen sein musste. Es gibt Regeln, wo man sich im Gelände z.B. für eine Verteidlgungsstellung oder eine Artilleriestellung positioniert, die bis heute gültig sind. Am ergiebigsten waren übrigens Augenzeugenberichte in Propagandaschriften, die noch während des Krieges gedruckt wurden.

Habe ich solche Orte identifiziert, habe ich mir die Gegend über Google-maps angesehen, um Enttäuschungen zu vermeiden. Vor den Reisen nach Polen habe ich mir dann Karten präpariert und die Quellentexte auszugsweise mitgenommen. Bei der Bildauswahl für Ausstellung und Buch habe ich mich dann aber von der fotografischen Qualität und von dramaturgischen Aspekten leiten lassen. Freunde, die die Geschichte hinter den Bildern nicht kannten, sollten aus etwa 100 Fotografien die auswählen, die sie für interessant hielten.

Pepper: Ich hoffe, du hast dich nicht nur nach der Auswahl der Freunde gerichtet, denn ein wichtiges Geschehen in der damaligen Zeit rechtfertigt in meinen Augen auf jeden Fall die Auswahl eines qualitativ weniger gelungenen Fotos oder eines, das vom Motiv her weniger hübsch ist. Ich kann ja nachvollziehen, dass man in einer Buchpublikation einen dramaturgischen Fluss anstrebt, (du hast das Buch ja auch mit Calin Kruse zusammen gestaltet, der sehr viel Wert auf diese dramaturgische Zusammengehörigkeit von Bildern beim Durchblättern eines Buchs legt), aber spätestens in einer Ausstellung sollte es in meinen Augen möglich sein, den Attraktivitätsaspekt bei der Bildauswahl hinter sich zu lassen um den Inhalt in den Vordergrund zu stellen.

Eric Pawlitzky: Natürlich überlasse ich die finale Bildauswahl nicht dem spontanen Urteil von Freundinnen und Freunden. Wenn man aber in seiner eigenen Bildwelt gefangen ist, Bilder – wie bei dem Projekt über Orte des 1. Weltkriegs – nicht nur als Bild sieht, sondern diese oft in einem positiv wie negativ faszinierenden Kontext des Erzählhintergrundes stehen, ist der unbefangene Blick Außenstehender auf das Bildmaterial einfach wieder ein Stück Objektivierung. Es erleichtert Entscheidungen und es befreit vom eigenen verstellten Blick. Nicht zuletzt sieht ein unbefangener Mensch in einer Vielzahl von Bildern oft neue Zusammenhänge oder einen Kontext, der mir im Moment des Fotografierens gar nicht klar war. So haben beispielsweise zwei meiner Kritiker in der Landschaftsauffassung eine Nähe zu Caspar David Friedrich und zur barocken Landschaftsmalerei gesehen. Und das stimmt. Natürlich habe ich im Moment des Fotografierens nicht überlegt „Wie kann ich die alten Meister nachmachen?“. Aber mir ist bewusst geworden, wie stark meine in der Kindheit beginnende ästhetische Sozialisation, in der eben diese Bildwelt eine große Rolle spielte, im Unterbewusstsein nachwirkt.

Selbstverständlich treffe ich final dann immer eine eigene Entscheidung, die sich oft genug erneut vom Urteil der Freunde emanzipiert. Es ist also weniger Unsicherheit, die nach dem Urteil Dritter fragt, auch nicht unbedingt Suche nach Selbstvergewisserung oder gar Anpassung. Es ist Teil meines Arbeitsprozesses, schon früh auszuprobieren, wie meine Sachen auf Außenstehende wirken.

Pepper: Hast du Unterschiede bei der Rezeption der Bilder zwischen deutschen und polnischen Betrachtern feststellen können?

Eric Pawlitzky: Die Reaktionen bei deutschen und polnischen Rezipienten unterscheiden sich höchstens bezüglich des narrativen Kontexts. Für viele Betrachter aus den gebrauchten Bundesländern ist es interessant gewesen, einen Bezug zu polnischen Landschaften zu finden. Als Reaktion kam nicht selten das Eingeständnis, dass man noch nie in Polen gewesen ist. Damit habe ich ein Ziel der Arbeit, Interesse für unseren polnischen Nachbarn zu wecken, vielleicht erreicht. Eine polnische Besucherin der ersten Ausstellung in München bekam vor einem der Bilder glänzende Augen, als sie merkte, dass es sich um eine Landschaft in der Nähe ihres Heimatdorfes handelt. Sie war sichtlich gerührt, dass das Bild so viel von der Schönheit dieser Gegend erzählt. Vielen polnischen Freunden ist auch 2014 schon klar gewesen, dass diese Arbeit eine gewisse europapolitische Brisanz birgt. Der damals heraufziehende Ukrainekonflikt hat das gewiss noch verstärkt. Bei den polnischen Freunden, die das Projekt unterstützt haben, hat es sich durchweg um überzeugte Europäer gehandelt, zu denen ich mich übrigens auch zähle.

Pepper: Hast du bei deinen Recherchen nach historischem Material eigentlich auch nach Fotografien gesucht, die die Schlachten oder zumindest die von dir aufgesuchten Landschaften zur Zeit des 1. Weltkriegs zeigen?

Eric Pawlitzky: Die Intention der Arbeit war kein „damals/heute“. Natürlich wäre es interessant gewesen, auch anhand von Fotografien exakte Geschehensorte zu rekonstruieren. Tatsächlich habe ich auch Bilder gefunden, worauf z.B. Gebäude zu sehen sind, die es heute noch gibt. Militärische Handlungen wurden fast nie in Echtzeit abgebildet. Das ließ auch die damalige Kameratechnik kaum zu. Tatsächlich wurde auf Übungsplätzen nachgestellt, inszeniert, übrigens auch noch während des zweiten Weltkrieges. Fotografisches Material beschränkt sich auf Gefangenenlager, Marschkolonnen, Zerstörungen oder Situationen nach Gefechten, Bilder aus der Etappe. Auf das Sammeln von Geodaten hat man bei Fotografien damals aber weitgehend verzichtet. Daher waren für mich Textquellen wichtiger, zumal für Buch und Ausstellung die Symbiose aus Quellentexten und der Abbildung der Landschaft heute vorgesehen war. Gleichwohl – in meinem Archiv haben sich auch viele Bücher mit Fotografien aus der Zeit angesammelt, Zigarettenbilderalben zum Beispiel.

Pepper: Ist das ein Archiv, das du nur für die Arbeit an diesem Projekt angelegt hast, oder ist es umfassender?

Eric Pawlitzky: Immer, wenn ich ein umfangsreicheres Projekt mache, gibt es ein „Archiv“ aus analogen und digitalen Materialien. Oft fange ich schon Jahre vor der Umsetzung mit der Stoffsammlung an. Ich sammle Zeitungsartikel, Bücher, Artefakte, Links, schneide Bilder aus, manchmal auch noch nach dem Abschluss der Arbeit. Ich beschäftige mich oft mit Themen, die mich in vielfältiger Hinsicht interessieren. Manchmal wird sogar Kunst draus, denke ich jedenfalls.

Pepper: Was hast du noch für Archive? An welchen arbeitest du zur Zeit aktiv?

Eric Pawlitzky: Das ist jetzt aber geheim: Es sind immer ca. zehn Projekte, an denen ich gerade gearbeitet habe, immer noch arbeite oder demnächst arbeiten werde. Eins steht vor der Schließung, weil Buch und Ausstellung fertig sind: „Zeit, Zeitverschiebung, Zeitbegriff, Zeitwahrnehmung, Visualisierung von Zeit“ Projekt DOPPELREISE.

Pepper: Ist dieses Projekt auch ein fotografisches?

Eric Pawlitzky: Ja, alle Projekte haben einen „fotografischen Kern“. Aber in der Korona entstehen oft auch Texte, Blogs, und das Finale des Projektes über den 1. Weltkrieg in Polen war ein großformatiges Gemälde. DOPPELREISE wird ab dem 27. April in Paris ausgestellt, parallel dazu wird zum Kontext des Buches ein Hörspiel produziert.

Pepper: Lass uns zurückgehen zu dem Weltkriegsprojekt. Wieso war das Finale ein großformatiges Gemälde?

Eric Pawlitzky: So wie ich, seit ich 14 bin, fotografiere, beschäftigte ich mich auch immer mit Malerei und Zeichnung. Gerade der Unterricht in den beiden letztgenannten Disziplinen, hat mein Sehen, das Empfingen von Farben, Räumen und Komposition sehr geprägt. Auch wenn ich Malerei in den letzen Jahren mehr konsumiert als produziert habe, spielt sie doch in meinem Leben noch eine große Rolle. Beim Fotografieren arbeitet man ja im Wesentlichen mit Vorgefundenem. Natürlich kann man da abwarten, bis ein bestimmtes Licht da ist, man kann einem Menschen beim Porträt sagen, wie er den Kopf halten soll oder um eine Gebäude herumlaufen. Aber beim Malen kann man ein Bild im Kopf reifen lassen bis eine hohe Verdichtung eintritt. Sicher verändert sich das Bild aus dem Kopf dann noch mal beim Malen selbst. Aber im Unterschied zur Fotografie kann man eben ganz frei mit Räumen und Farben hantieren, das Bild eben komplett machen, wie es sein soll, ohne dass man retuschieren muss, einen Kontext in einer Serie herstellen muss, den Look eines Films oder eine Brennweite beachten muss. In den letzen zehn Jahren habe ich im Abstand von etwa zwei Jahren immer mal ein Bild gemalt. Das ist dann wenn man so will die Verdichtung all dessen, was ich in der zurückliegenden Zeit im Hinterkopf an Bildern gesammelt habe, das Kondensat des Gesehenen sozusagen.

Pepper: Ich kenne es nicht persönlich. Wie sieht denn dein gemaltes Kondensat zum Weltkriegsprojekt aus?

Eric Pawlitzky: Das Bild ist abstrakt. Aber es beschreibt eigentlich eine sehr konkrete Szene an einem winterlichen Morgen in den Miasga-Sümpfen, als die Deutschen auf dem Rückzug in Sommerausrüstung durch das völlig vereiste Terrain mussten. Die Heeresleitung hatte mal wieder getrieft, was die Ausrüstung betraf, nicht mal die Pferde hatten passende Beschläge. Mit dem Bild ging es mir um die Ambivalenz einer eigentlich beängstigenden Situation – Stau an einem Flussübergang – und zugleich so etwas wie familiärer, kameradschaftlicher Geborgenheit, weil es zunächst aus der Schusslinie ging, alles in ein freundliches Licht getaucht. Die Deutschen hatten sich – noch unbemerkt – von der Front der Russen gelöst. Da ahnten die Leute noch nicht, dass ihre endlose Kolonne wenige Stunden später auf einer schnurgeraden Straße durch ein Dorf unter brutales Artilleriefeuer geraten würde. Die deutsche Propaganda hat das dann als militärische Glanzleistung beschrieben: Durchbruch bei Brzeziny. Und tatsächlich sind die deutschen Truppen hier mit Ach und Krach aus einer tödlichen Umklammerung geflohen. Das war übrigens an dem Tag, an dem es auf dem östlichen Kriegsschauplatz die höchste Todesrate während des gesamten Krieges gegeben hat, 11.000 sind an diesem Tag gefallen in der Schlacht bei Lodz.

Pepper: Welche Bedeutung hat das Bild für dich in bezug auf die ganze Serie? Und wie erklärst du einem Publikum dieses Miteinander von Foto, Text und abschließendem Ölbild? Diese Kombination ist ja nicht alltäglich.

Eric Pawlitzky: Das Ölbild ist eigentlich mehr ein privater Schlussakkord. Es hängt im Wohnzimmer und ist damit halböffentlich zugänglich. Ich hatte bisher nicht vor, dass Gemälde zusammen mit den sonstigen Bestandteilen des Projektes zu zeigen. Nicht zuletzt ist es schwierig genug, sich als Fotograf zu vermarkten. Da bleibt nicht wirklich Raum für den Aufbau einer weiteren Identität, z.B. als Maler.

Eric Pawlitzky wurde 1960 in Leipzig geboren. Nach Studium und Promotion in Jena arbeitete er als Jurist bis er sich nach mehrjährigen Studien an der Ostkreuzschule für Photographie in Berlin als Fotograf selbständig machte. In seinen fotografischen Arbeiten beschäftigen ihn Porträts und freie essayistische Projekte. Seine Fotografien befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen im In- und Ausland. Er betreibt in Berlin ein Studio für Porträtfotografie und die Galerie „Alles Mögliche“.

www.ericp.de

Foto links: Eric by Pawlitzky