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Pepper: Auf deiner Tumblr-Seite ist relativ neu ein Foto von dir zu sehen, das ein doppelt belichtetes, sepiagetöntes Schwarzweissbild eines jungen weiblichen Aktmodels als Projektion zeigt. Zumindest denke ich, dass es sich um eine Projektion handelt, denn im Vordergrund des Fotos ist noch eine rotorangene Chrysantheme zu sehen, die offensichtlich mit dem Motiv angestrahlt wird, und dadurch einen Schatten wirft . Auch scheint sich das Motiv auf den Blättern und Blüten in Fragmenten abzubilden. Es ist ein sehr intensives Foto, das du da zeigst, und das von der Schönheit des Models ebenso wie von deiner experimentellen Herangehensweise lebt. Welchen Stellenwert hat das Experiment in deiner fotografischen Arbeit?

Resa Rot: Das Experimentieren ist sehr wichtig für mich, ich würde es sogar eher als ganz natürlichen Spieltrieb bezeichnen. In der Fotografie bin ich unglaublich neugierig, mutig, erlaube mir, alles zu denken und zu fühlen und diesem Ausdruck zu verleihen. Die Erwachsenenwelt ist eine Das-tut-man-nicht-Welt. Die kann ich hier wunderbar hinter mir lassen. Alles ist möglich. Das gilt aber nicht nur für mich, sondern auch für die Menschen, mit denen ich arbeite. Ich unterstütze ihren Willen zum Spiel, ja suche danach. Jedes Bild erzählt immer etwas über beide beteiligte Personen, so auch das von dir Angesprochene.

Pepper: Was erzählt das Bild über dich, was erzählt es über das Model?

Resa Rot: Die Deutung und Erklärung eines Bildes betrachte ich nicht als notwendig. Sie nimmt ja alles vorweg, was man als Betrachter selbst darin sehen kann. Das geht mir übrigens als Rezipient anderer Werke ebenso. Viel spannender wäre also die Frage, was du darin siehst.

Pepper: Ich muss gestehen, dass mir diese Aufnahme vor allem aus formalen und ästhetischen Gründen aufgefallen ist. Es gibt da viele andere Fotos von dir, die für mich symbolträchtiger sind. Wobei dann nicht unbedingt Rückschlüsse auf konkrete Aspekte aus dem Leben und der Empfindungswelt der Fotografin oder des Models bei meiner Rezeption im Vordergrund stehen würden. Ich sehe den Symbolgehalt da eher als intellektuelle Idee. Aber vielleicht meinst du ja auch genau das. Um noch konkret auf deine Frage zu dem Foto mit der Doppelbelichtung als Projektion zu antworten: es hat etwas von Erinnerung an etwas Vergangenes, vielleicht ist es aber auch eine Art Tagtraum, der hier visualisiert wird; vielleicht auch ein Begehren?

Resa Rot: Ich finde es immer wieder spannend, was der jeweilige Betrachter sieht. Deine Reaktion sagt ja wiederum viel über dich aus! Ach man müsste da öfter ins Gespräch kommen.

Pepper: Was sagt mein Kommentar denn über mich aus?

Resa Rot: Ich habe kein konkretes Bild, was es über dich aussagt, sondern denke einfach, dass jeder etwas anderes sieht, je nach Erfahrungen im Leben, im Konsumieren von Kunst etc.

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Pepper: Du sagst, dass du dir in der Fotografie alles zu denken und zu fühlen erlaubst. Bist du ohne Kamera befangener, selbstrestriktiver?

Resa Rot: Ich erlaube mir auch sonstig, zu denken und zu fühlen, wie es mir beliebt. Ich kann mir gar keinen Zustand vorstellen, in dem das völlig unterdrückbar wäre, ohne daran zu erkranken und das kann man ja nicht ernsthaft wollen. Der Ausdruck all diesen Denkens und Fühlens ist wieder ein anderes Kapitel.

Pepper: Was bedeutet die Kamera für dich?

Resa Rot: Sie ist ein Kommunikationsmittel, eine Art Übersetzer, zudem Zauberkasten und Empfindungsaufzeichner.

Pepper: Fällt es dir leichter, dich mittels Kamera auszudrücken, oder steht sie gleichberechtigt neben deiner „normalen“ Kommunikation?

Resa Rot: Gleichberechtigt kann diese Form der Kommunikation naturgegeben nicht sein. Möchte ich in einem Geschäft einkaufen, oder frage jemanden nach dem Weg, hilft mir eine Kamera nicht weiter.

Sie hat ihre Berechtigung in ganz bestimmten Bereichen eher non-verbaler Natur. Ich kann dir das schwer beschreiben, merke ich gerade und vielleicht ist dies auch schon eine Antwort… Ich musste gerade an kleine Kinder denken, die durch ihr Spiel kommunizieren, weil sie noch über keine oder zu wenige Worte verfügen.

Pepper: Ich habe das so gefragt, weil ich in einem anderen Interview gelesen habe, dass Du eine Zeit lang ziemlich zurückgezogen gelebt hast. Es war die Kamera, der Entschluss, Menschen zu fotografieren, der Dich wieder stärker mit anderen Menschen in Verbindung gebracht hat. Darum lag es in meinen Augen nahe, nachzufragen, ob die Kamera dir eine Kommunikation mit anderen Personen leichter macht, sie vielleicht gar erst ermöglicht, weil du die Menschen ansprechen musst, wenn du sie fotografieren, also in Kontakt treten willst. Oder sie müssen dich kontaktieren, wenn sie von dir fotografiert werden möchten. Die Kamera wäre dann ein Vehikel, ohne die bestimmte Dinge einfach nicht stattfinden würden, ohne die Du bestimmte Gespräche und Begegnungen nicht erleben würdest. War das so von Dir gewollt?

Ein zweiter Aspekt wäre, ob Du mittels einer Bildgestaltung Dinge ausdrücken kannst, die Du verbal nicht so leicht zu äußern vermagst, aus welchen Gründen auch immer. Denn sprachlich hast du offensichtlich eine Begabung und mit Worten verstehst du gut umzugehen, wie einige Deiner Formulierungen ja nahelegen.

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Resa Rot: Ja das stimmt, und es ist auch aktuell so, dass ich eine Art Einsiedlerleben führe und das auch brauche. Die Kamera-Kommunikation ist tatsächlich ein Hilfsmittel, das ich für mich er- und gefunden habe. Und in diesem Sinne hast du auch Recht, dass sie Kontakte vereinfacht, denn sie ist in dem Moment die Brücke, das verbindende Element. Zum zweiten Aspekt deiner Frage: es gibt noch andere Bereiche der Kunst, wenn man das so nennen will , die ich in den letzten Jahren genutzt habe, sei es Musik oder Schreiberei, um mich auszudrücken. Es gibt vielfältige Möglichkeiten und jede hat ihre Berechtigung. Die Frage ist gar nicht, ob ich mich ohne die Kunstkrücke nicht äußern kann, sondern ob ich es will. Menschliche Kommunikation ist für mich oft derart kryptisch, dass mir die Sprache eines Bildes vergleichsweise klarer und plausibler erscheint.

Pepper: Du arbeitest vor allem mit Menschen in deiner Fotografie, machst Portraits von ihnen oder inszenierst sie in Szenerien, die von melancholisch über dramatisch bis hin zu absurd und surreal reichen. Hast du zuerst die Bilder im Kopf und suchst dir dazu passend die Modelle aus, oder kommt die Idee erst in Zusammenarbeit mit einem Model?

Resa Rot: Sowohl als auch, beides. Wobei ich mittlerweile eine längere Zusammenarbeit mit einem Menschen bevorzuge. Man entwickelt so gegenseitiges Vertrauen, das für mich unabdingbar ist. Und aus den gemeinsamen Gesprächen, die wir führen, entwickeln sich Stück für Stück neue Ideen. Ich habe aber auch ein Notizbuch, in dem ich stetig eindrücke sammle. Das tägliche Leben mit seinen Merkwürdigkeiten ist im Grunde reine Inspiration.

Pepper: Was für Eindrücke sammelst du in dem Notizbuch, welche Merkwürdigkeiten interessieren dich besonders?

2Resa Rot: Das können Gesprächsfetzen sein, die ich notiere, quasi Alltagscomics, die mich amüsieren. Oder ich beschreibe eine bestimmte Atmosphäre eines Spazierganges. Die Tage duften unterschiedlich, klingen mal fremd, mal vertraut, sind eckig oder rund und haben mal sehr grelle, mal sanfte, freundliche Farben.

Pepper: Was beeinflusst oder inspiriert dich noch? Welche anderen Fotografen, welche Filme, Bücher, Kunstwerke, welche Architektur, welche Natur?

Resa Rot: Zuviel, zuviel! muss ich rufen… Ich versuche es aber… Ich mag die kargen Landschaften der Nordländer sehr. Prinzipiell ist Natur für mich das vollkommenste Kunstwerk. Die Architektur des Bauhaus fasziniert mich Aus dieser Zeit gibt es auch großartige Fotografen und Maler. Wenn ich ein mir wichtiges Buch nennen muss, dann ist es „Malina“ von Ingeborg Bachmann. Ein Film, den ich liebe, wäre „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders.

Pepper: Spielen Psychologie und Psychoanalyse eine Rolle in deinem Werk?

Resa Rot: Kannst du die Frage näher ausführen? Du wirst ja sicherlich nicht an Freud denken. Es gibt liegende Personen, aber wenig bis keine Phallussymbolk in meinen Bildern. Sicherlich kann man aber von Übertragung bzw. Gegenübertragung beim Prozess der Bildfindung und Gestaltung sprechen. Wer wäre davon frei, in der Zusammenarbeit mit Menschen? Oder habe ich dich missverstanden

Pepper: Beschäftigst du dich mit diesen Themen, evtl mit Fallstudien. Künstler wie Dali oder Filmemacher wie Bunuel haben auf diese Wissenschaften zurückgegriffen. Vielleicht verarbeitest du auch eigene Erfahrungenß

Resa Rot: Ich lese generell sehr viel. Psychologie oder auch Philosophie interessieren mich. Dies hat aber keinen bewussten Einfluss auf meine Arbeit bzw., ich tue es nicht zum Zwecke der Themenfindung.

Dass eigene Erfahrungen in Bilder einfließen ist wieder ein anderer Aspekt. Natürlich ist das unumgänglich. Das, was da denkt, bevor es den Auslöser drückt, ist ja mein Kopf. Und der ist angefüllt mit den Empfindungen, den Eindrücken, die ihm eigen sind.

Pepper: Würdest du Auftragsarbeiten annehmen? Oder muss der Impuls zum Foto ausschließlich von dir aus kommen?

Resa Rot: Das muss er nicht. Da ich alle Knöpfe meiner Kamera kenne, kann ich sie auch gezielt zur Freude mir nahestehender Menschen einsetzen und sie vor Bäumen, Gebäuden, Gewässern o.ä. Ablichten. Auch darüber hinaus mache ich natürlich Auftragsarbeiten. Das Herz hängt aber tatsächlich am freien Tun.

1Pepper: Im Internet, bei Facebook z. b., oder bei Tumblr und natürlich auf deiner Homepage findet man eine große Auswahl deiner Bilder. Ist die Kamera dein ständiger Begleiter? Wieviele Fotos machst du in der Woche?

Resa Rot: Eine kleine, einfache Kamera habe ich tatsächlich immer dabei, als visuelles Notizbuch. Geplante Fototermine realisiere ich zwischen einmal wöchentlich und einmal monatlich.

Pepper: Was für Kameras verwendest du?

Resa Rot: Ich nutze eine kleine Digicam für unterwegs und eine digitale Spiegelreflexkamera, meine alte 400d.

Pepper: Welche Bedeutung hat das Internet für dich in bezug auf die Präsentation deines Werkes?

Resa Rot: Das Internet gibt mir die Möglichkeit, auf verschiedenen Plattformen wie Tumblr, Flickr etc. meine Arbeit zu zeigen, ohne viel Aufwand zu betreiben. Eine Ausstellung wäre ungleich zeitintensiver und würde viel Vorbereitung erfordern.

Pepper: Das klingt so, als ob du gar nicht so sehr an Ausstellungen interessiert wärst?

Resa Rot: Ja, das ist richtig.

Pepper: Machst du Prints von deinen Fotos oder genügt dir ihre digitale Konsistenz?

Resa Rot: Ich mache meist auch Prints für mich selbst. Etwas zum Sehen und Anfassen mag ich. Zudem gibt es auch so manchen Printtausch mit anderen Fotografen.

Pepper: In was für Formaten machst du die Prints und welches Papier verwendest du?

Resa Rot: Ich denke, die Antworten auf diese Fragen könnten dich nur enttäuschen bzw. sind uninteressant. Mir sind Motive wichtig, nicht das Papier. Und bei der Größe stellt mich ein 13x18-Ausdruck vollauf zufrieden.

Pepper: Oh, das enttäuscht mich nicht. Jeder hat seine persönliche Motivation, warum er etwas tut. Und das ist völlig in Ordnung so. Würdest du denn gerne mal ein Buch mit deinen Fotos machen?

Resa Rot: Ja, das würde mir gefallen. Mache ich etwa einmal im Jahr auch für mich selbst.

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Pepper: Wie sehen diese Bücher denn aus? Stellen sie einen Jahresüberblick dar, oder sind es thematische Bücher?

Resa Rot: Sie fassen die Arbeiten des jeweiligen Jahres zusammen, und haben damit eher dokumentarischen Charakter.

Pepper: Lässt du sie digital drucken?

Resa Rot: Ja.

Pepper: Könntest du dir vorstellen, deine Arbeiten als Serie von Projektionen zu zeigen? Ich frage das, weil ich bei meiner ersten Frage an dich ja von einer Projektion als Grundlage für das erwähnte Foto ausgegangen bin und ich vermute, dass dir diese Technik zusagt. Vielleicht liege ich ja aber auch komplett daneben, auch schon – was diesen Aspekt anbelangt – bei meinem Gedanken in der Eingangsfrage.

6Resa Rot: Das Eingangsfoto war keine Projektion, nein. Und ich kenne mich mit dieser Technik nicht aus. Es gibt sicherlich die verschiedensten Möglichkeiten der Bildpräsentation, von denen die eine mehr, die andere weniger interessant für mich wäre, wie wir ja bereits feststellten.

Pepper: Jetzt bin ich aber neugierig, wie denn das Foto entstanden ist. Verrätst du es?

Resa Rot: Es ist eine Doppelbelichtung. Das ist eigentlich das ganze Geheimnis.

Pepper: Aber der Körper des doppelten Models ist so monochrom und transparent. Auch scheint einer der beiden Körper teilweise über der farblich intensiven Blume zu liegen.

Resa Rot: Ist das eine Frage?

Pepper: Ja, ich sehe da eine weitere Komponente. Zweimal dasselbe Model und einmal die Blume.

Resa Rot: Es sind zwei Bilder. Das eine war bereits eine Doppelbelichtung.

Pepper: Du fotografierst vor allem in s/w. Weshalb?

Resa Rot: Zum einen wegen der Ästhetik, zum anderen bekommt selbst das chaotischste Szenarium in schwarz-weiß eine gewisse Struktur. Farbe würde da bereits einen Kollaps der Sinne auslösen, was mir übrigens im Alltag auch manchmal im Kleinen passiert. Da hätte ich gern einen Schalter an meinem Kopf, zum Farben rausdrehen.

Pepper: Viele deiner Aufnahmen zeigen Akte. Welche Bedeutung hat der Akt für dich?

Resa Rot: Die Haut ist ein Kleid; im Grunde das Kleid an sich, das wir alle tragen. Aus demselben Grund, aus dem ich mich gern auf schwarz-weiß beschränke, mag ich das hautfarbene Kleid, die Reduzierung auf das Wesentliche.

Pepper: Du lebst in Leipzig und fotografierst vor allem eben dort. Gibt es etwas, von dem du denkst, dass nur diese Stadt es dir geben kann, z. B. ein Lebensgefühl, eine ganz spezielle Arbeitsatmosphäre? Oder könntest du überall gleich gut arbeite?

Resa Rot: Ich könnte überall arbeiten, würde ich spontan sagen. Denn es bindet mich keine Idee speziell an diese Stadt. Andererseits brauche ich ein gewisses inneres Gleichgewicht, um fotografieren zu wollen. Da ich diese Stadt sehr liebgewonnen habe und sich eine Art Heimatgefühl über die Jahre eingestellt hat, ist das sicher eine gute Voraussetzung.

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Resa Rot. Foto von Marcus Engler

Resa Rot ist Fotografin und lebt in Leipzig.

https://www.facebook.com/ResaRotFotografie
http://resa-rot.tumblr.com/

Portraitfoto links: Marcus Engler