„Der Aufnahmeprozess mit der Großformatkamera hat etwas Rituelles“ – Ein Gespräch mit Winfried Bullinger über seine Afrikanischen Portraits

“Nuer (2011)”

“Nuer (2011)”

”Nomade mit Gewehr (2009)”

”Nomade mit Gewehr (2009)”

“Mädchen mit Waffe (2009)”

“Mädchen mit Waffe (2009)”

Jens Pepper: Zum Jahreswechsel warst Du zum wiederholten Mal in Äthiopien um dort beheimatete Volksgruppen aufzusuchen und die Menschen und ihr Leben fotografisch zu dokumentieren. Was interessiert Dich an Äthiopien?

Winfried Bullinger: Äthiopien beherbergt völlig unterschiedliche Kulturräume. Mich interessieren dabei für meine Arbeit gerade die Grenzgebiete. Das Wüstenvolk der Afar im Nordosten an der Grenze zu Eritrea oder die Völker im Westen an der Grenze zu Sudan und Südsudan. Die Menschen leben dort in autonomen Gesellschaften, die sich jetzt teils im Umbruch befinden. Sieben Aufenthalte dort und im Sudan haben es mir ermöglicht, meine Portraits zu konzentrieren und eine Entwicklung zu verfolgen.

Jens Pepper: Welche Entwicklung hast Du beobachten können?

Winfried Bullinger: Das Interesse verlagert sich hin zu einem Kernbereich, auf den sich die photographische Arbeit dann konzentriert. Nach den vielen Aufenthalten lenkt mich wenig ab. Ich konzentriere mich auf die Person – ich portraitiere sie wie ich dich portraitieren würde. Alles “exotische” geht verloren. Die Bildfolgen werden so stringent.

Jens Pepper: Damit unterscheidest du dich auch wohltuend von Fotografen die eben nur wegen der Exotik afrikanische Volksgruppen aufsuchen. Deine Arbeit hat, so wie du sie machst, eine ethnologische Komponente. Das gefällt mir.

Winfried Bullinger: Im Mittelpunkt steht ein reichhaltiges Portrait, das über Spuren kulturelle Verknüpfungen offen legt. Das ist in der Tat ein ethnologischer Aspekt. Das Bild einer Nuer Frau aus dem Süden beispielsweise verrät die Verbindung zum arabischen Nordsudan, aus dem ihr Kleid stammt. Zugleich müssen die Bilder eine abstrakte Qualität aufweisen – sie müssen losgelöst von ihrem Kontext als Werk “funktionieren”.

Jens Pepper: Hattest du bei den portraitierten Personen durch Vorgespräche auch Zugang zu deren privatem Schicksal, so dass die Fotos nicht nur geografische und historische Korrelationen aufzeigen, sondern ganz explizit auch Ausdruck individueller Lebensumstände sind ?

Winfried Bullinger: Es bleibt das Bild selbst, das über den Lebensweg der portraitierten Person etwas aussagt. Ich konzentriere mich auf das Bild. Mein Gegenüber gibt mir für die Begegnung ein bestimmtes Maß an Zeit. Die Aufnahme mit der Großformatkamera unter Feldbedingen braucht meine ganze Aufmerksamkeit. Manchmal folgt dem Portrait ein Gespräch, übersetzt durch den lokalen Guide, manchmal zieht die Person beschäftigt weiter. Immer recherchiere ich für ein anstehendes Projekt die Lebensbedingungen und politischen Zusammenhänge. Vor Ort ergeben sich Gespräche meist zwischendurch. Ich fertige aber über die portraitierte Person keinen Text an.

Jens Pepper: Wie offen sind die Menschen in den Regionen, die du bereist deinem Ansinnen gegenüber sie zu portraitieren?

Winfried Bullinger: Fast immer besteht die Bereitschaft, meiner Einladung zu einer Portraitsitzung zu folgen. Der Aufnahmeprozess mit der Großformatkamera hat etwas rituelles, wofür die Portraitierten empfindlich sind. Sie behalten die Kontrolle über ihr Selbstbild. Schwierig war es für mich, in Ruanda und Ostkongo Portraitaufnahmen zu machen. Die Menschen dort waren gegenüber Portrait-Fotografie skeptisch.

Jens Pepper: Ach, warum das? Angst vor Okkultismus?

Winfried Bullinger: Die Skepsis hängt dort mit dem Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 und den nachfolgenden Konflikten zusammen. Die Bevölkerung scheut jede Form der Registrierung. Ich habe das respektiert.

Jens Pepper: Kannst du mir erzählen, wie dein Interesse daran in Afrika zu fotografieren entstanden ist? Du hast Ende der 1980er Jahre in Kapstadt studiert. Ist das der Beginn deiner Leidenschaft für diesen Kontinent?

Winfried Bullinger: Das Interesse reicht lange zurück. Mich hat zunächst die Radikalität afrikanischer Skulpturen berührt. Hinzu kamen Filme und Fotografien, die ich in den achtziger Jahren gesehen habe. 1987 habe ich dann ein Jahr lang Kunst an der UCT in Kapstadt studiert. In der Malereiklasse waren Schwarze und Weiße zusammen. Die Apartheid in Südafrika ging ihrem Ende zu. Es war eine Zeit des Umbruchs und die Reisen in die Nachbarländer Südafrikas haben damals meinen Plan wachsen lassen, künftig an einer Aggregation von Bildnissen zu arbeiten. Ich fühle mich mit dem afrikanischen Kontinent und den Menschen dort verbunden – ich denke, das ist eine wichtige Voraussetzung für meine bildnerische Arbeit.

Jens Pepper: Was veranlasst dich in digitalen Zeiten analog und in schwarz/weiß zu arbeiten?

Winfried Bullinger: Am Ende der Kette steht der analog vom 4 mal 5 inch Negativ gefertigte Print mit der Größe 180 cm mal 145 cm auf Barytpapier, dessen Qualität ich liebe. Ich halte die Entscheidung, die Bildnisse schwarz/weiß aufzunehmen, nicht für anachronistisch. Es ist eine Form, die Bilder zu gestalten . Ich benutze bei meiner Produktion übrigens stets moderne Technik.

Jens Pepper: Fotografen wie Sebastiao Salgado oder James Nachtwey bevorzugen ebenfalls den analogen Schwarz/Weiß-Film. Zumindest Salgado bedauert allerdings, dass sich das analoge Filmmaterial verändert, schlechter wird. Ich meine mich zu erinnern, dass er den geringeren Silberanteil genannt hat, wodurch er nicht mehr die von ihm gewünschten Grauabstufungen erzielt. Was für Erfahrungen hast du mit dem von dir verwendeten Filmmaterial?

Winfried Bullinger: Ich benutze Fuji Acros 100 Film, der bisher in unveränderter Form hergestellt wird. Der 4 mal 5 inch Film ist aber in Europa nicht zu haben. Ich decke mich deshalb in New York damit ein. Klassische Schwarz/Weiß-Filme wie der Kodak TriX sind aber am verschwinden.

Jens Pepper: Könntest du dir vorstellen in Farbe zu fotografieren?

Winfried Bullinger: Ja, andere Bildfolgen nehme ich in Farbe auf. In den neunziger Jahren habe ich überwiegend Farbfilm benutzt. Allerdings verwende ich in den letzten Jahren vorwiegend Schwarz/Weiß-Planfilm. Die Filmwahl folgt dem bildnerischen Plan. Es gibt aber keinerlei dogmatische Festlegung.

Jens Pepper: Welche Kamera bzw. welche Kameras benutzt du?

Winfried Bullinger: Ich benutze eine Linhof Technika Master 2000, zwei Hasselblads (503 und 501), eine Leica MP und eine Nikon F3, letztere seit 1989.

Jens Pepper: Für die Portraits über die wir eingangs sprachen nimmst du die Linhof, oder?

Winfried Bullinger: Ja, die Portraitserie entsteht mit der Linhof-Kamera.

Jens Pepper: Hast du Unterstützung von Assistenten, wenn du deine Reisen unternimmst?

Winfried Bullinger: Die Fotoprojekte führe ich wie eine kleine Filmproduktion durch. Es gibt stets einen Guide, der die Expedition leitet und Englisch spricht. Es gibt dann immer einen lokalen Guide, der sich mit den Personen, die ich portraitieren möchte, verständigen kann. Es gibt einen Koch und teilweise einen oder mehrere Begleiter, die für die Sicherheit sorgen. Hilfe brauche ich für das Licht: ich benutze einen großen weißen Reflektor, um Schatten milde aufzuhellen. Ich vermeide Blitzlicht, das die Figur herauslöst.

Jens Pepper: Wie viele gültige Fotos hast du von deiner letzten Reise mitgebracht, also Fotos, von denen du Prints machen wirst?

Winfried Bullinger: Die Zahl ist noch offen. Der Projektaufenthalt endete am 9. Januar, so dass sich die Auswahl immer noch weiter verdichtet. Rund 15 Portraits sind jetzt in der näheren Auswahl. Die Planfilmnegative werden für die Auswahl und Archivierung digitalisiert und anschließend auf etwa A4-Größe gedruckt. Weiter projiziere ich die Bilder mit einem Beamer in der späteren Originalgröße. Der letzte Schritt sind dann Probestreifen quer durch das gesamte Bild, die Jochen Rohner, mit dem ich bei den endgültigen, analogen Prints zusammenarbeite, herstellt. Alles muss stimmen. Bei einem analogen Print dieser Größe lässt sich nichts verbergen – schummeln ist ausgeschlossen. Vom Projekt bis zum ersten großen Print vergehen ein bis zwei Jahre.

Jens Pepper: Du legst dich auf eine ja recht große Printgröße fest. Die Wirkung ist bei dem beinahe lebensgroßen Format natürlich phantastisch. Aber der Kundenkreis für deine Arbeit ist dadurch auch begrenzt. Deine Fotografien in unterschiedlichen Größen herzustellen widerstrebt dir aus künstlerischen Gesichtspunkten?

Winfried Bullinger: Die Größe der Bilder ist wichtig und Teil des Konzepts. Der Betrachter kann das Portrait als Ganzes nahezu lebensgroß erfassen. Es gibt aber auch die Nahsicht: Strukturen, Materialien, Narben von Wunden oder Skarifaktionen – das sind erhabene Narbentätowierungen die durch Ritzen und anschließendes, bewusstes Verschmutzen der Wunden entstehen – werden sichtbar und lassen sich erfahren.

Jens Pepper: Du verwendest Metallrahmen, damit die Wirkung der Bilder sich bestmöglich entfaltet.

Winfried Bullinger: Ja, der Rahmen ist für die Portraitbilder festgelegt. Ich benutze einen an den Ecken geschweißten Aluminiumrahmen. Das Bild als dreidimensionales Objekt wird auch durch den Rahmen geprägt.

Jens Pepper: Du hast deine Arbeiten zuletzt in einer Einzelausstellung in der Schweiz gezeigt. Wo werden sie als nächstes zu sehen sein?

Winfried Bullinger: Von mir waren gerade drei Portraitbilder in einer von Christoph Tannert im Berliner Künstlerhaus Bethanien kuratierten Gruppenausstellung zu sehen. Und dann wird es in diesem Jahr eine Ausstellung in der Galerie von Sassa Trülzsch geben.

Christian Reiser - Photo by Pepper

Weitere Informationen unter www.winfried-bullinger.com

Das Gespräch wurde im Mai 2013 geführt und ursprünglich in der Zeitschrift Brennpunkt 3/2013 (Heft Juli – September) veröffentlicht.

“Vielleicht sind die Deutschen einfach in anderen Bereichen erfolgreicher.” – Ein Gespräch mit Christian Reister über Street Photography

Christian Reister - Aus der Serie “Alex” (2008 – 2010)

Christian Reister – Aus der Serie “Alex” (2008 – 2010)

 

Jens Pepper: Du hast Dich in Deiner Arbeit als Fotograf vor allem auf die Street Photography konzentriert. Wie hat sich das entwickelt?

Christian Reister: Ich kam zur Fotografie in einer Zeit in der ich sehr stark in meinen Brotjob als Webdesigner eingebunden war. Ende der Neunziger war ich Ende zwanzig und saß quasi Tag und Nacht am Computer. Da haben sich als analoge Gegenbewegung drei Dinge in mein Leben geschlichen: die Lust an langen Spaziergängen, vor allem auch nachts, häufiger eine Reise in irgendeine Stadt und die Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel. Alles drei passt ja wunderbar zusammen. Letzteres fand am Anfang eher spielerisch mit einer Plastikkamera der Lomografischen Gesellschaft statt. Blende und Belichtungszeit waren mir damals Fremdworte, ich habe einfach geknipst, was mir über den Weg lief. Hauptsache irgendwie bunt, schief und verwackelt. Erst mit der Zeit habe ich dann begonnen, mich ernsthafter mit Fotografie zu beschäftigen. Aus der spaßigen Freizeitbeschäftigung wurde Passion und da ich diese schon immer hauptsächlich auf der Straße betrieben habe, haben mich dann auch bald die Meister dieses Genres am meisten beeindruckt: Frank, Winogrand, Klein, Erwitt… all diese New Yorker Fotografen. Aber auch Martin Parr war für mich damals eine ganz große Entdeckung.

Bis ich mich selbst an Menschen rangetraut habe, hat es einige Zeit gedauert und letztlich habe ich mir das auch alles nicht überlegt sondern habe in erster Linie immer einfach gemacht. Irgendwann wurde der Begriff „Street Photography“ dann wieder populär und ich dachte, super, da kannste dich einreihen, da haste nen Label, das passt schon irgendwie, Erklärung ende. Auch wenn ich mich im Detail wenig für die Definition oder Abgrenzung zu anderen Genres interessiere und ich vieles, was unter „Street Photography“ läuft, gähnend langweilig finde, glaube ich doch, dass in den ungestellten, spontan erfassten Momenten aus dem öffentlichen Leben einen gewisse Urkraft der Fotografie liegt, die mir so unendlich mehr gibt und über unsere Gesellschaft verrät, als die aufwändigsten Inszenierungen. Einfach weil nichts planbar ist und ich am Ende des Tages – wenn es gut läuft – ein Bild mit nach Hause nehme, das mir die Welt ein bisschen anders zeigt, als ich sie bisher gesehen habe.

Jens Pepper: Du hast in London und New York Einheimische fotografiert, aber eher im klassischen Portraitbereich, in Berlin hast Du Dich intensiv mit dem Treiben der Menschen auf dem Alexanderplatz beschäftigt. Sind es bestimmte Städte und dort bestimmte Orte, die Dich vor allem anziehen, oder hast Du Deine Kamera grundsätzlich bei Dir und benutzt sie auch tagtäglich; ist es also eher ein Zufall, dass durch Deine aktuellen Publikationen und Ausstellungen der Eindruck einer sehr gezielten Location-Suche entsteht?

Christian Reister: Nun, es ist schon so, dass ich die Kamera immer dabei habe und laufend am “einsammeln” bin. Eine gezielte Locationsuche gibt es daher eher nicht. Die Projekte entstehen da, wo ich eben bin. Meistens ist das Berlin. New York und London sind Städte, die mir von mehreren Aufenthalten und wahrscheinlich auch von der Mentalität her recht vertraut sind. Die Grundlagen für die angesprochenen Arbeiten sind alle mehr oder weniger spontan auf der Straße entstanden. Wobei die Straßenportraitserien jeweils in drei Tagen fertig waren, ALEX hat mich dann zwei Jahre beschäftigt.

Jens Pepper: Was hat Dich am Alexanderplatz gereizt?

Christian Reister: Seit ich 1997 nach Berlin gekommen bin, bin ich meist mehrmals die Woche am Alex, meist einfach nur um von der einen Bahn in die andere umzusteigen, kurz eine Erledigung zu machen oder sonst wie durchzuhuschen. So wie es alle anderen in aller Regel auch machen. Bemerkenswert an diesem Platz ist ja, dass er allgemein als ziemlich hässlich und unwirtlich wahrgenommen wird. Städtebauliche Maßnahmen haben zumeist zur Folge, dass er danach noch unschöner, grauer und grauseliger daherkommt als vorher. Das sind so Phänomene, die mich staunen lassen. Wie kann das denn eigentlich sein, dass in der Mitte von Berlin-Mitte, die gerne für das trendigste und yuppihafteste gehalten wird, was die Haupststadt zu bieten hat, der größte und bekannteste Platz derart unelegant daherkommt? Mit allerhand Festivitäten wird immer mal wieder versucht, ein wenig Gemütlichkeit auf den Platz zu zaubern. Dann werden die immergleichen Buden notdürftig dem jeweiligen Anlass entsprechend umdekoriert – ob Oktoberfest oder Weihnachtsmarkt macht kaum Unterschied… Kurz: das ist dort alles irgendwie so uncharmant mit all seiner Antiästhetik, dass es bei mir ein gewisses „jetzt erst recht“ hervorruft. Wer sind die Menschen da? Was machen die da? Und siehe da – ich habe mich dann auch immer mal wieder dabei ertappt, wie ich dort fröhlich zur Bulette mein Bier getrunken habe und durchaus auch mal zu dem ein oder anderen Schlager mitgesummt habe, der dort über die Betonplatten weht. Na also, geht doch.

Jens Pepper: Mir gefällt Dein Buch mit den Alex-Fotos ziemlich gut. Mit was für einer Kamera hast Du hier gearbeitet?

Christian Reister: Mit einer recht unspektakulären Kompaktknipse. Neu für mich war damals die 24 mm Brennweite und die Bildproportion 16:9. Beides benutze ich sonst nicht und hat der Arbeit einen besonderen Stempel aufgedrückt.

Jens Pepper: Was benutzt Du denn sonst? Also, was für Kameras.

Christian Reister: Kommt aufs Projekt an. Meist Kameras, die in die Jackentasche passen. 35 mm, nichts ungewöhnliches also.

Jens Pepper: Analog, digital, oder beides?

Christian Reister: Beides.

Jens Pepper: Gibt es Situationen, Motive, in bzw. bei denen Du eine Technik bevorzugst? Was sind die jeweiligen Vorteile der einen Technik gegenüber der anderen, wenn man Street Photography betreibt?

Christian Reister: Farbarbeiten digital, die neue Serie NACHT allerdings war von vornherein als schwarz/weiss und grobkörnig angedacht, da arbeite ich dann lieber mit Film als Digitalbilder umzuwandeln. Obwohl das natürlich auch ein völlig legitimes Mittel ist, ich bin da kein Dogmatiker. An der Arbeit mit Film schätze ich u. a. auch, dass man das Ergebnis nicht immer gleich sieht und ich lasse die Filme gerne lange liegen, bevor sie entwickelt werden. Das entschleunigt die Arbeitsweise und trennt die Bilder besser vom persönlich Erlebten zum Zeitpunkt der Aufnahme.

Jens Pepper: Was heißt, lange liegen lassen? Gleich mehrere Monate oder einfach nur ein paar Tage?

Christian Reister: Ruhig ein paar Monate.

Christian Reister - aus der Serie “Nacht” (seit 2011)

Christian Reister – aus der Serie “Nacht” (seit 2011)

Jens Pepper: Wieso denkst Du, dass der noch vorhandene Eindruck des gerade erst Erlebten Dich in einer objektiven Beurteilung der gemachten Aufnahmen beeinflussen könnte? Als seherfahrener Mensch kannst Du doch die Spreu vom Weizen trennen.

Christian Reister: Naja, kühne Behauptung. Ich kenne keinen Fotografen, der bei der Beurteilung der eigenen Arbeit nicht seine Schwierigkeiten hat, das Bild von der erlebten Realität zu trennen. Das ganze Drumrum, die Geräusche, die Gerüche, die Atmosphäre eines Ortes, die eigene Verfassung etc. schwingen ja aus der Erinnerung mit, wenn ich mein eigenes Bild betrachte. Das Bild selbst klingt und riecht aber nicht. Hat noch nicht mal eine dritte Dimension. Das ist einfach nur ein flaches Oberflächenabbild, bei dem es ja auf ganz andere Kriterien ankommt als im “richtigen” Leben. Um das klarer sehen zu können, hilft es mir, die Bilder zeitlich getrennt vom Geschehen zu betrachten. Das habe ich ja aber nicht erfunden, Henry Wessel oder Garry Winogrand sind bekannte Vertreter dieser Methode.

Jens Pepper: Winogrand hat ja zuletzt massiv fotografiert und, wenn überhaupt, mal gerade die Filme entwickelt. Als er starb hat er sehr viele unentwickelte Filme hinterlassen. Aber war das alles wirklich dem Umstand geschuldet, dass er, so wie Du, erst Abstand zu dem erlebten haben wollte? Ich dachte immer, dass er einfach ein manischer Fotograf war, der einfach arbeiten, also Bilder machen musste bzw. wollte. Die Abzüge waren da nur noch zweitrangig. Aber ich habe mich auch nur fragmentarisch mit seiner Arbeitsweise auseinandergesetzt. Da wirst Du als jemand, der im selben Bereich arbeitet, mehr über ihn wissen.

Christian Reister: Ich glaube beides stimmt. Bei seiner eigenen Arbeit ging es ihm zuletzt nur noch um das Fotografieren selbst, hat alles weitere vernachlässigt. Als Lehrer hat er aber, so weit ich weiß, die Methode des “Erst mal liegen lassens” empfohlen. Der Winogrand-Experte per se bin ich jetzt aber auch nicht. Bei Henry Wessel bin ich mir sicher, dass er so vorgeht.

Jens Pepper: In dem bisher Gesagten beziehst Du Dich ausschließlich auf Amerikaner, die in der Street Photography aktiv waren oder es im hohen Alter eventuell noch sind. William Klein allerdings lebt und arbeitet in Paris. Was aber ist mit deutschen Fotografen? Da gibt es niemanden, der Dich interessiert? Hier gab und gibt es doch auch Straßenfotografen – klingt merkwürdig auf Deutsch, ich weiß – die einiges geleistet haben. Ist es, weil die deutschen Fotografen eher mit einem dokumentarischen Ansatz an die Sache ran gegangen sind, und nicht mit diesem experimentellen Ansatz, wie er beispielsweise von Winogrand und Klein gepflegt wurde?

Christian Reister: Ja – das mit dem „eher dokumentarischen Ansatz“ trifft es sicherlich. Trotzdem gibt es natürlich auch hier viel zu entdecken. Friedrich Seidenstücker mag ich für seinen liebevollen Humor, Harald Hauswand schätze ich wegen seiner authentischen Geradlinigkeit und Gundula Schulzes frühe Arbeiten – Berlin in einer Hundenacht – sind großartig. Letztere würde man gemeinhin aber nicht als Straßenfotografin bezeichnen. Vielleicht sind die Deutschen einfach in anderen Bereichen erfolgreicher. Becher, Gursky etc. – das ist ja eine völlig andere Welt. Und sehr deutsch.

Jens Pepper: Meinst Du, die Deutschen sind eher für die Verwaltung und geordnete Archivierung von Motiven gut? Die Bechers mit ihren Wassertürmen, Candida Höfer, die die Pariser Oper oder Bibliotheken dokumentiert, usw.?

Christian Reister: Deine Formulierung ist lustig. Da grinse ich mir eins und lasse das gerne so stehen.

Jens Pepper: Wenn die deutsche Fotografie in Deinen Augen ihre ganz speziellen Eigenarten hat, wie sieht es dann mit der Rezeption von Fotografie in Deutschland aus. Ist diese nach Deinen Erfahrungen auch anders als beispielsweise in den USA, also vor allem im Bereich Street Photography, um wieder auf unser eigentliches Thema zurückzukommen? Gibt es hier andere Interessen seitens der Kritik, der Galerien, der Medien etc. Was für Erfahrungen hast Du hier?

Christian Reister: Sicher – die Fotografie und vor allem die Straßenfotografie hat in Amerika seit je her einen ganz anderen Stellenwert. Die gehört da einfach zur Kultur und war ja auch schon viel früher eine anerkannte Kunstform. Ich beklage das aber nicht. Es gibt in Deutschland, besonders in Berlin, genug Raum, das auszuleben, sowohl was das Fotografieren angeht als auch die Ausstellungsmöglichkeiten. Im ersten Halbjahr 2013 habe/hatte ich Ausstellungen in Kneipen, Off-Galerien, einem Hotel, einem italienischen Restaurant und – in Wien – in einen „Schauraum für Mode und Fotografie“. Das sind alles keine subventionierten Kunstadressen und das ist doch großartig! In gewisser Weise hängen die Bilder dort wo sie herkommen. Ich würde mich nicht gegen eine Ausstellung in einem Museum wehren, aber notwendig ist das nicht. Neue Wege der Zurschaustellung der eigenen Arbeit bietet das Internet und es ist immer einfacher, selbst Künstlerbücher zu produzieren und auch ein Publikum dafür zu finden.

Jens Pepper: Wie benutzt Du das Internet um Deine Arbeit zu verbreiten?

Christian Reister: Ich habe eine Website mit den wichtigsten Arbeiten darauf (reister-images.de) und betreibe ich einen Blog (blog61), auf dem ich hin und wieder Fotos poste, ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudere und auf Fotografen, Veröffentlichungen oder Ausstellunge hinweise, die ich gerade bemerkenswert finde. Nach langer Verweigerungshaltung nutze ich mittlerweile auch Facebook. Und: Ich vertreibe meine Bücher über meine Website. Ohne Verlag, ohne Dealer, alles direkt vom Erzeuger. Dafür gibt es ein weltweit überschaubares aber sehr interessiertes Publikum.

Jens Pepper: Ein Buch selbst zu produzieren hat ganz klar Vorteile: Du hast die Kontrolle über die von Dir favorisierte Gestaltung, und du verdienst mehr, wenn sich das Buch überhaupt verkauft; vorausgesetzt natürlich, die Stückzahl ist hoch genug. Natürlich trägst Du dann das Risiko. Ein Verlag hingegen, wenn es denn ein eingeführter und im Markt etablierter ist, bringt ein Buch über Buchmessen und ein vorhandenes Distributionsnetz im Zweifelsfall an mehr potentiell interessierte Kunden. Beide Publikationswege haben also ihre Licht- und Schattenseiten.

Christian Reister: Ich sehe meine kleinen bescheidenen Werke ja eher als Künstlerbücher. Mit der Arbeit eines professionellen Verlags ist das nicht zu vergleichen.

Jens Pepper: Welche Fotobücher, die Du in letzter Zeit gesehen hast, findest Du besonders reizvoll?

Christian Reister: Oliver Kern: Die deutsche Aussicht. “Miss” von Martin Guggisberg. Die Compilation “Mono Vol.1″ aus dem Gomma Book Verlag – eine sehr schön gemachte Übersicht zeitgenössischer Schwarzweissfotografie. Persönliche Wiederentdeckungen der letzten Zeit: “Tony Ray-Jones by Russell Roberts” und „Grim Street“ von Mark Cohen.

Christian Reister - o. T. (Berlin, 2010)

Christian Reister – o. T. (Berlin, 2010)

Christian Reiser - Photo by Pepper

Christian Reister, *1972,  ist Fotograf, Gestalter und Ausstellungsmacher. Er lebt und arbeitet in Berlin. Dokumentations- und Straßenfotografie, Portraits. Zahlreiche Veröffentlichungen und Ausstellungen im In- und Ausland. Betreibt das Fenster61.

Ein gekürzte Fassung dieses Gesprächs ist in der Zeitschrift Brennpunkt, Ausgabe 3/2013, erschienen.

Website des Fotografen