„Etwas zu kopieren muss langweilig sein.“ – Zosia Prominska im Gespräch mit Jens Pepper.

"Dominika, 13" aus der Serie "Waiting Room" von Zosia Prominska

Jens Pepper: Du nimmst gerade an der ShowOff Ausstellung beim diesjährigen Krakow Photomonth teil, in der neue Talente einem größeren Publikum vorgestellt werden. Es war der Dokumentarfotograf Michał Szlaga, der dich den Organisatoren von ShowOff vorgestellt hat. Wie ist deine Verbindung zu Michal und weshalb hat er dich für diese Ausstellung ausgesucht?

Zosia Prominska: Ich hatte keine Gelegenheit Michał vor unserer Zusammenarbeit für ShowOff zu treffen. Natürlich kannte ich seine Arbeit ziemlich gut. Darum war es ja auch so eine Ehre, dass er mich aus 700 Teilnehmern ausgewählt hatte und mein Kurator wurde. Die Tatsache, dass er ein Dokumentarfotograf ist, erlaubte es mir, das Projekt von einer neuen Seite aus anzugehen. Das war sehr spannend. Ich möchte jetzt nicht für Michał sprechen, aber ich weiß, dass er den dokumentarischen Wert von „Waiting Room“ mochte, ebenso wie die Tatsache, dass die Sache von einem Insider erzählt wurde, der ein großes Wissen über das Thema hat. Ich war ja selbst seit meinem 15. Lebensjahr ein Model und ging denselben Pfad wie die Teens, die ich für mein Projekt portraitiert habe. Es gibt ein kurzes Video auf Facebook*, in dem Michał erklärt, warum er mich ausgewählt hat. Es hat keinen Untertitel, darum werde ich übersetzen was er sagt.

Er sagt in etwa: „Es ist ein sehr einzigartiger und vielschichtiger Werkkomplex über die Welt des Modelns. Zosia gelang es, eine beeindruckende Anzahl von Teenagern – 100 in ganz Polen – zu portraitieren, die davon träumen professionelle Modelle zu werden. Einzigartig ist diese Bilderzählung für mich, weil sie von einer Insiderin erzählt wird, von Zosia, die Jahre zuvor exakt denselben Weg gegangen ist.“

Jens Pepper: Ah, ok, er hat dich also nicht für die Ausstellung vorgeschlagen weil er deine Arbeit schon kannte, sondern er hat dich aus einer großen Anzahl von Personen ausgewählt, die zuvor in einer ersten Auswahlrunde nominiert oder ausgewählt wurden. Michał war also ein eingeladener Kurator für die diesjährige Ausgabe von ShowOff, richtig?

Zosia Prominska: Das ist korrekt. ShowOff hatte diesmal vier eingeladene Kuratoren. Jeder von ihnen wählte zwei von den Künstlern aus, die Arbeiten eingereicht hatten, und mit denen sie gerne kooperieren wollten. Michał Szlaga war einer der diesjährigen Kuratoren, zusammen mit Monika Szewczyk, Marga Rotteveel und Lukasz Rusznica.

Jens Pepper: Du sagtest, als Michał, der Dokumentarfotograf, dich auswählte, dass es dir dadurch möglich wurde dein eigenes Projekt von einer neuen Seite aus anzugehen. Aus was für einer Perspektive hast du es denn vorher betrachtet? Einer konzeptuellen?

Zosia Prominska: Der Anfang von „Waiting Room“ war insofern konzeptuell, als dass ich gestylte neue Modelgesichter in ihren eigenen Räumen gezeigt habe. Obwohl ich mir des dokumentarischen Aspekts dieser Serie bewusst war, enthüllten sich mir während der Bildauswahl für ShowOff viele weitere Bedeutungsebenen.

Jens Pepper: Erzähl mir, warum du dich für dieses Thema interessiert hast? Du warst selbst Model, ok, aber das alleine erklärt wahrscheinlich noch nicht, warum du – als Fotografin – damit begonnen hast tiefer in dieses Thema – warum junge Menschen sich danach sehnen Model zu werden – vorzudringen.

Zosia Prominska: Ich denke, ich habe dieses Thema aus ganz persönlichen Gründen gewählt. Wie ich dir erzählt habe, war ich beinahe in meiner ganzen Teenagerzeit ein Model, eigentlich war ich es die Hälfte meines Lebens, denn ich begann mit 15 Jahren. Mit einem echten Anfängerenglisch hatte ich damals den Bus von Polen nach Paris genommen, wo ich – weit entfernt von Familie und Freunden – verfrüht ein Erwachsenenleben begann. Als Fotografin dann, die sowohl Kunst als auch Auftragsarbeiten im Modebereich macht, begann ich die Art, wie unser Schönheitskanon konstruiert wird, in Frage zu stellen – mit vorpubertären Models. Ich fand mich dabei auch selbst häufig verführt durch die Schönheit, Reinheit, Jugend und Unschuld der Teenage-Models, die ich fotografierte.

Jens Pepper: Du bist mit 15 mit dem Bus nach Paris gereist? Ganz alleine? Wie hast du das Angebot erhalten, dort zu modeln?

Zosia Promnska: Ich bin ein paar Tage vor meinem sechzehnten Geburtstag nach Paris gegangen. Mir wurde ein Vertrag von einem Scout angeboten, der mich bei einem Casting meiner sogenannten Mutteragentur in meinem Heimatort in Polen gesehen hatte. Aber es war die Schwester meiner Freundin die vorschlug, dass ich mein Glück bei der Agentur versuchen sollte. Ich habe auf sie gehört und 2000 begann dann mein Model-Abenteuer, das mich die nächsten 16 Jahre beschäftigen sollte.

Jens Pepper: Wurden deine eigenen Träume, die du als Mädchen über die Modeindustrie hattest, wahr?

Zosia Prominska: Model zu sein war das Resultat eines Zufalls und nie mein Traum. Aber im Rückblick gelang es mir mehr zu erreichen als ich mir je hätte erträumen können. Es war eine Ehre für Idole wie Vivianne Westwood, Alexander Wang, Botega Veneta arbeiten zu können oder für Karl Lagerfeld bei Fendi auf der Großen Mauer in China laufen zu dürfen oder in fünf internationalen Ausgaben der Vogue drin zu sein.

Jens Pepper: Welches waren die interessantesten Fotografen, mit denen du in dieser Zeit gearbeitet hast?

Zosia Prominska: Der berühmteste Fotograf, mit dem ich gearbeitet habe, war Mario Testino. Die Art wie Signe Vilstrup arbeitet hat mich sehr inspiriert. Es war auch während eines Shootings mit ihr für Vanity Fair, als ich mich letztendlich entschied Menschen zu fotografieren.

Jens Pepper: Wann kam dir der Gedanke, dass die Fotografie als Job auch ein Weg sein könnte, sich den Lebensunterhalt zu verdienen?

Zosia Prominska: Ich war immer an Fotografie interessiert und seit meinen frühen Teennagerjahren hatte ich immer eine Kamera dabei. Das war damals nur eine Leidenschaft. Anfangs musste ich auch noch meine Ängste beim Fotografieren einer Person überwinden. Ich wusste aber sofort, dass ich dafür bestimmt war. Der wegweisende Moment war ein Portrait, das ich 2013 machte und das von der Agentur des Models das ich fotografiert hatte gemocht und sofort kommerziell verwendet wurde. Das hat mir die Möglichkeiten gezeigt, die vor mir lagen. Ich hatte schon viel mit Selbstportraits experimentiert, aber nun wollte ich auch andere fotografieren. Ich fing an eine Menge zu lernen und Testshootings mit Freunden únd Models zu machen und beinahe jeden Tag zu arbeiten. Mit der Zeit konnte ich mich dann auf mein Talent verlassen und damit Geld verdienen.

Jens Pepper: Hast du dich wegen deines Alters nicht mehr als Model gesehen und dich deshalb nach neuen Karrieremöglichkeiten umgesehen? Oder war es einfach Zeit für einen Wechsel in deinem Leben?

Zosia Prominska: Ich habe noch Vollzeit als Model gearbeitet als ich Fotografin wurde. Aber die Fotografie wurde immer wichtiger und irgendwann hatte ich einfach keine Zeit mehr für das Modeln. Außerdem fühlte es sich, nachdem ich mit dem Fotografieren begonnen hatte, unnatürlich an, Subjekt zu sein; ich fühlte mich in dieser Position nicht mehr wohl.

Jens Pepper: Lebtest du noch in Paris, als du mit dem professionellen Fotografieren begonnen hast?

Zosia Prominska: Am Ende meiner Modelkarriere begann ich mir die selteneren und interessanteren Orte auszusuchen, an die ein Model mit einem Kontrakt fliegen kann. Ich wollte das letzte Jahr nutzen, um die Welt zu bereisen. Es war auch in Kapstadt, Südafrika, wo ich die Kamera das ersten Mal nutzte.

Jens Pepper: War es anfangs dein Ziel kommerzielle Fotos zu machen, Modefotos, um Geld zu verdienen? Du hattest ja schon etliche Kontakte in die Szene.

Zosia Prominska: Mein Ziel war es, so gut zu werden als Fotografin wie es nur ging. Ich wollte üben, Wissen erlangen und experimentieren. Mit der Mode zu beginnen war für mich ein sehr natürlicher erster Schritt. Und weil ich ziemlich viel Erfahrungen in diesem Bereich hatte, bekam ich auch schnell Jobs. Ich liebe Modefotografie.

Jens Pepper: Ich bin neugierig. Mit was für einer Kamera hast du deine professionelle Karriere begonnen? Mit was für Material hast du gearbeitet, auch in der Postproduktion? Hast du dir anfangs Hilfe gesucht, Assistenten?

Zosia Prominska: Meine erste professionelle Kamera mit der ich gearbeitet habe war eine Canon 6D. Anfangs habe ich Null Postproduktion gemacht. Auf Details zu achten und die Bilder so gut wie möglich aufzunehmen, ohne auf eine Retusche zu zählen, war eine gute Übung. Ich habe zu Beginn für mich selbst experimentiert, vor allem mit Tageslicht. Jetzt, wo ich ein Studio mit Lichtanlage habe, arbeite ich oft mit Assistenten und einem Post-Produktions-Team.

Jens Pepper: Was war dein erster Auftrag?

Zosia Prominska: Das war ein Portrait von einer des besten Schauspielerinnen Polens, Magdalena Boczarska. Das war für ein Magazin.

Jens Pepper: Du nanntest Signe Vilstrups Art Modefotos zu machen inspirierend. Meinst du die Fotos selbst oder die Art, wie sie am Fotoset agiert?

Zosia Prominska: Ich war fasziniert von der Art wie Signe arbeitete. Die Passion, die Kreativität und kleine Gesten, die einen großen Unterschied machten. Ich sah das Ergebnis erst später, als das Magazin erschienen war und das war sehr beeindruckend.

Jens Pepper: Was oder wer hat dich am Anfang deiner Karriere als Fotografin noch inspiriert?

Zosia Prominska: In verschiedenen Perioden meines Lebens habe ich mich von verschiedenen Künstlern inspirieren lassen. Ich erinnere mich an eine Diane Arbus Ausstellung, in die ich gegangen bin als ich noch in Paris unter Vertrag stand, bevor ich Fotografin wurde. Ich wusste damals nichts von ihr aber der Besuch hat starke Gefühle in mir hervorgerufen. Mir wurde damals klar, dass es entscheidend ist, Betrachtern deiner Fotos solche Gefühle zu vermitteln. Das erste Mal in Arles zu sein war auch ein großer Meilenstein für mich.

Jens Pepper: Hast du anfangs Stile kopiert oder hattest du von Anfang an eine eigene Bildsprache?

Zosia Prominska: Ich habe nie Stile kopiert. Ich verstehe auch nicht das Konzept des Kopierens. Wenn du jemanden kopierst, dann liegst du immer einen Schritt zurück. Und das ist kein gute Platz. Am Anfang wusste ich nicht viel über Fotografiegeschichte und andere Fotografen. Autodidaktisch zu beginnen war eine gute Sache, weil ich nicht durch einen Lehrer oder eine dritte Person beeinflusst wurde. Ich war frei Dinge auszuprobieren und konnte sehen, was funktioniert und Sinn für mich ergibt und was nicht. Etwas zu kopieren muss langweilig sein. Du entscheidest dich für eine kreative Arbeit wegen der Kreativität die sie bietet. Warum solltest du dich selbst dieser Möglichkeit berauben?

Jens Pepper: Wie nahm die Serie über diese Jugendlichen, die davon träumen Models zu werden, ihren Anfang? Sie alle tragen Designstücke von polnischen Modemachern. War das also zunächst eine Idee für ein Modemagazin oder war es vom ersten Foto an als Kunstprojekt konzipiert?

Zosia Prominska: „Waiting Room“ war von Anfang an ein persönliches Kunstprojekt und begann mit einem Konzept. Ich wusste, was ich mit meinen Fotos aussagen wollte. Die Idee entwickelte sich über Jahre. Nachdem ich verschiedene Herangehensweisen ausprobiert hatte, ging das Projekt dann formal in die Richtung die du jetzt siehst. Ich verwende die Sprache der Modefotografie als Werkzeug. Das ist nur eine Geste, die es zu entschlüsseln, zu lesen gilt. Das Styling fungiert als Kostüm, das es erlaubt diese jungen Models im Rampenlicht der Modewelt zu sehen, also der Welt, zu der sie gerne gehören wollen.

Jens Pepper: In gewisser Weise ist diese Serie eine Kritik an der Modewelt, zum Beispiel ihren Fokus auf sehr junge, oft minderjährige Menschen, die auf den Catwalks laufen und Mode in Editorials präsentieren. Wie hast du die Modemacher, die ihre Arbeiten für dieses Projekt gaben, davon überzeugt mitzumachen? Waren sie nicht besorgt über mögliche negative Publicity, falls die Presse deine Serie als kritisch ansehen würde?

Zosia Prominska: Es war nicht nötig oder von mir gewollt jemanden davon zu überzeugen bei „Waiting Room“ mitzumachen. Jeder hat mein Projekt freiwillig unterstützt und wusste worum es dabei geht. Ich wollte den Betrachter dazu bringen zu reflektieren und vielleicht das Konzept zu hinterfragen, wie Schönheit konstruiert wird. Hat die Kunst nicht zu allen Zeiten die Jugend als Definition für Schönheit benutzt? Liegt es nicht in der menschlichen Natur die Frische, Unschuld und Naivität zu bewundern? Wir heben die Jugend und nicht das Alter auf den Sockel. Mode, eine unbestreitbar narzisstische und oberflächliche Industrie, ist hier keineswegs anders als andere Kulturbereiche oder die kreativen Künste. Wir können von den Modedesignern keinen Wechsel in ihrer künstlerischen Herangehensweise erbitten, den wir dann nicht auch bei Malern, Schriftstellern oder Filmregisseuren haben wollen. Meine Hoffnung ist, dass durch diese kritische Dokumentation, in dieser Zeit der verbesserten Wahrnehmung von Diversität und Inklusion in allen Industrien, dass wir uns künftig auch um bessere Unterstützungssysteme für unsere Jugend kümmern werden.

Jens Pepper: Was meinst du mit einem besseren Unterstützungssystem für unsere Jugend?

Zosia Prominska: Wir sehen einen verbesserten Ansatz von Top-Industrieunternehmen, die Plattformen schaffen, um integrative und diverse Organisationen am Arbeitsplatz zu fördern. Es wurden auch einige positive Plattformen von der Modebranche ins Leben gerufen, die für junge Models bestimmt sind, die private Nachhilfelehrer für Jugendliche zur Verfügung stellen, die während Castings und Jobs die Schule verpassen. Erst kürzlich wurden Ernährungsberatungsdienste von den Agenturen eingerichtet, die einen gesunden Lebensstil fördern sollen und auch spezielle Gesundheitsdienste für die Models der Agenturen. Es wäre großartig, wenn sich dieser Ansatz beschleunigen würde.

Jens Pepper: In Krakau hast du mir erzählt, wenn ich mich recht erinnere, dass diese Serie noch nicht abgeschlossen ist. Wie viele Fotos umfasst sie bisher und wieviel mehr würdest du gerne noch haben?

Zosia Prominska: Für „Waiting Room“ habe ich 100 Personen fotografiert. Es ist ein laufendes Projekt und ich werde mich mit denselben Leuten noch einmal in ein paar Jahren treffen und sie in den Räumen fotografieren, in denen sie dann leben.

Jens Pepper: Ist das deine bisher einzige künstlerische Fotoserie oder gibt es noch weitere? Und wirst du mit der kommerziellen Fotografie parallel zur künstlerischen weitermachen oder hast du vor dich auf eine Sache zu fokussieren?

Zosia Prominska: Ich bin derzeit mit ein paar Kunstprojekten beschäftigt und plane beide Wege, den künstlerischen und den kommerziellen, weiter zu verfolgen.

Zosia Prominska. Selbstportrait

Zosia Prominska stammt aus Posen/Poznan, Polen. Sie studierte Ethno Lingustik an der Adam Mickiewicz Universität in Posen und später Fotografie an der Warsaw Academy of Photography. Nach eineinhalb Jahrzehnten Arbeit als Model mit Standort Paris lebt sie seit ein paar Jahren als freiberufliche Fotografin in Zürich und Portugal, wo sie auch ihr Studio hat. 

www.zosiaprominska.com

Foto links: Zosia Prominska

„Bei uns kommen sie alle zusammen.“ – Jens Pepper interviewt Pauline Friesecke, Tobias Laukemper, Vanya Pieters und Anna Charlotte Schmid.

Fototreff Talk mit Jessica Backhaus, Moderation: Matthias Harder, Fototreff 29, April 2019, Foto: Uwe von Loh

Jens Pepper: 2014 wurde der Fototreff Berlin ins Leben gerufen; von euch vieren oder war die Anfangscrew eine andere? Und warum wolltet ihr dieses Treffen überhaupt organisieren? Fehlte euch irgendetwas in der Stadt, eine Lücke, die ihr füllen wolltet?

Anna Charlotte Schmid: 2014 waren es Tobias und ich, die den Fototreff Berlin ins Leben gerufen haben. Damals noch in einer völlig anderen Dimension. Da haben wir keine Technik besorgt, wie z.b. die LED Lampen, ganz zu schweigen von Mikrofonen oder so. Da waren maximal zehn Personen anwesend und wir nutzten Neonröhren, um den Tisch für die Präsentationen auszuleuchten. Es fehlte mir damals eine Plattform, ein Ort des Austauschs und der Begegnung mit anderen Fotografen, um über Entwicklungen von Arbeiten und neue Projekte sprechen zu können. In Berlin, wo du jeden Abend zu einer Veranstaltung gehen kannst und auf viele, interessante Menschen triffst, die in demselben Bereich arbeiten, kannst du dich als Künstler bzw. Künstlerin im Prozess des Schaffens ziemlich alleine fühlen. Ich sah und fühlte selbst diese Lücke. Und die musste gefüllt werden.

Tobias Laukemper: Genau, unser eigener Bedarf war der Ausgangspunkt einer langen Reise. Diese war ja damals noch nicht abzusehen. Ich wollte beispielsweise mein Verhältnis zur Fotografie neu bestimmen, und dafür in den Austausch mit anderen treten. Charlotte und ich hatten im Gespräch miteinander beide das Gefühl: eine solche Möglichkeit fehlt – die muss geschaffen werden. Direkte Kommunikation und Vernetzung ist für mich sehr wichtig, wo doch das meiste heute über die verschiedensten Medien und Kanäle läuft. Da wir beide in einer Community unterwegs sind, in der es zwar die regelmäßigen Treffen bei Ausstellungseröffnungen gibt, aber damals kein Ort existierte, der die Möglichkeit bot Diskurs und Netzwerk miteinander in einem intimen Rahmen zu erleben – und Charlotte diese großartige Möglichkeit in der Küche ihrer Studiogemeinschaft hatte – hat es sich einfach angeboten, den Treff ins Leben zu rufen.

Jens Pepper: Ok, Anna Charlotte und Tobias gaben den Startschuss. Wie kamt ihr dazu, Vanya und Pauline?

Vanya Pieters: Für mich ergab sich im September 2018 die Möglichkeit mitzumachen. Das war, als ich gerade die Bildredaktionsklasse an der Ostkreuzschule absolvierte. Ich erinnere mich noch gut an einen Gespräch mit Tobias auf dem Unseen Photo Gelände in Amsterdam, wo er mir die Besonderheiten und die neuen, aufregenden Pläne für den Fototreff erläuterte.

Pauline Friesecke: Und bei mir war es so, dass ich Charlotte und Tobias in Berlin kennengelernt habe, weil wir in der Kehrer Galerie ein Veranstaltungsformat hatten, bei dem ähnliche technische Vorraussetzungen nötig waren. Aus diesem Grund haben wir uns damals ausgetauscht. Nachdem wir uns dann im Sommer 2018 auch in Arles wiedergetroffen hatten, kam Charlotte im Herbst auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte beim Fototreff einzusteigen. Das war natürlich eine schöne Möglichkeit, um auch außerhalb der Galerie mein Networking in der Fotoszene voranzutreiben.

Jens Pepper: Was sind eigentlich eure beruflichen Hintergründe? Tobias und Vanya arbeiten u.a. als Bildredakteure, Anna Charlotte fotografiert und Pauline war für die Kehrer-Galerie in Berlin tätig, aber das ist bei allen ja noch nicht alles. Was sind eure Berufsprofile?

Anna Charlotte Schmid: Durch den Fototreff habe ich erst meine Faszination für das Kuratieren entdeckt. Neben der Tätigkeit als Fotografin, die ich auch weiterhin leidenschaftlich ausführe, mag ich es sehr, dass Programm für die Veranstaltungen beim Fototreff zu entwickeln. Die Idee mit anderen Institutionen auch außerhalb Deutschlands zu kooperieren, öffnen im kuratorischen Sinne noch mal ganz andere Türen. Die internationale Vielfältigkeit in der Fotografie bildet auch die Basis des Austauschs bei den Veranstaltungen des Fototreff Abroad. Auch hier steht das persönliche Aufeinandertreffen im Vordergrund, und nicht nur die mediale Vernetzung.

Vanya Pieters: Ich bin freiberuflicher Bildredakteur und seit 2017 bei der Welt tätig. Daneben schreibe ich Texte für Fotografieprojekte, mache Interviews, organisiere Veranstaltungen u.a. für die Narrative Journalism Foundation und berate Künstler und Fotografen. Ich besitze ich einen MA für Film & Photographic Studies von der Universität Leiden.

Tobias Laukemper: Ich komme ursprünglich aus der bildenden Kunst und habe lange als Künstler, und später viel für andere Künstler gearbeitet. Dort habe ich erst assistiert, und dann Projektleitungen übernommen. Die Bildredaktion kam später dazu. Nun arbeite ich als Freier Bildredakteur, meistens im Editorial – d.h. für Magazine wie die GEO oder die brand eins. Für mich ist dieses Arbeitsumfeld aus der erneuten Beschäftigung mit der Fotografie entstanden, die ich ursprünglich mal, genauso wie Kunst, studiert hatte. Mir gefällt bei meiner Editorialarbeit ebenso wie bei der Tätigkeit für den Fototreff die Kombination aus Kuration, Organisation und Editing. Ich bewege mich da vor allem im dokumentarfotografischen und künstlerischen Bereich.

Pauline Friesecke: Und ich bin Kunsthistorikerin. Das Studium der europäischen Kunstgeschichte legt ja keinen besonderen Fokus auf Fotografie, doch nach dem Studium in Heidelberg, ergab sich die Möglichkeit das 5. Fotofestival in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen – heute Biennale für aktuelle Fotografie – mit zu organisieren. Dort konnte ich vor allem die Portfolio Reviews betreuen. Anschließend war ich ein gutes Jahr beim Badischen Kunstverein in Karlsruhe für die Pressearbeit zuständig und habe dann 2015 bei der Kehrer Galerie angefangen und mich beruflich wieder vornehmlich mit der Fotografie beschäftigt. Nachdem ich zunächst als Assistentin anfing, habe ich ab Sommer 2016 die Galerie alleine gemanagt.

Jens Pepper: Wie hat sich der Fototreff seit 2014 gewandelt, also wie sah seine erste Ausgabe im Vergleich zu dem anspruchsvollen Programm, das er heute ist, aus? Charlotte hat ja bereits Andeutungen gemacht.

Tobias Laukemper: Der Fototreff ist organisch gewachsen. Anfänglich war es ja nur ein Treffen im Freundeskreis – es kamen vielleicht zehn Personen, manchmal auch weniger. Langsam wurden die Veranstaltungen größer, und so ab dem zehnten Treffen kamen dann mehr Leute. Wir haben zu diesem Zeitpunkt auch das Konzept umgestellt und erstmalig beworben – vorher waren es ja nur mündliche Einladungen an Freunde. Da haben wir dann auch verstanden, das es einen Bedarf gibt, ein solches Treffen anzubieten, weil wirklich viele Leute gekommen sind. Das hat uns natürlich sehr gefreut. Das Konzept hat sich dann nach und nach auch verändert, und wir haben angefangen Gespräche zu machen, Bücher vorzustellen und weiterhin Portfolios zu sichten und vorzustellen.

Jens Pepper: Die jeweiligen Treffen unterteilen sich in aktuell drei Programmpunkte die allesamt für sich genommen schon einen Abend erlebenswert machen würden. Warum diese Fülle bei jedem Treff?

Tobias Laukemper: Wir haben drei Module, die unterschiedlich kombiniert werden können, und versuchen die Treffs nicht zu überfüllen, in dem wir meist zwei der drei Module auswählen. Manchmal sind unsere Gäste gerade in der Stadt – dann macht es Sinn sie kurzfristig mit ins Programm zu nehmen. So kamen sicher auch Abende zu Stande, in denen das Publikum viel Information auf einmal aufnehmen musste. Normalerweise versuchen wir jedoch nur zwei Programmteile zu konzipieren. Diese ergeben eine interessante Reichhaltigkeit, können sich ergänzen oder zuwiderlaufen, und so das Publikum inspirieren weiterzudenken, die Informationen miteinander zu kombinieren und einen Diskurs zu führen.

Anna Charlotte Schmid: Die Idee des Show & Tell gab es ja schon von Anfang an, seit dem es den Fototreff Berlin gibt. Heute wird er durch einen Open Call kuratiert, um ein bisschen den Überblick und eine Struktur zu behalten. Der Programmpunkt Book Slot kam erst später dazu. Wir haben die Nachfrage nach Präsentationen und Gesprächen über das Machen von Fotobüchern und Magazinen ernst genommen und versucht, sie in unseren Abend zu integrieren. Der Fototreff Talk ist in unseren Augen ein guter Start für die Abendveranstaltung, den wir immer als Basis für das Event nehmen. Wie Tobias sagte, ist das alles zusammen gesehen ein ganz schön volles Programm und wir schauen immer, dass wir zumindest die Module Show & Tell und Book Slot variieren, um die Abende nicht zu überreizen.

Pauline Friesecke: Deine Frage ist aber trotzdem berechtigt. Wir müssen immer wieder schauen, dass die Abende nicht zu voll werden und unser Publikum auch bis zum Ende Freude an der Veranstaltung hat. Das ist manchmal ein schmaler Grat zwischen zu viel und zu wenig.

Jens Pepper: Jetzt habt ihr, wie schon angesprochen wurde, auch noch begonnen, im Ausland aktiv zu werden. Im Frühjahr habt ihr einen Fototreff in Budapest organisiert. Habt ihr keine Angst, dass ihr euch übernehmt?

Tobias Laukemper: Ja unser erster Fototreff Abroad war ganz große klasse, wir sind immer noch ganz voll davon. Die Idee den Fototreff auch extern zu veranstalten gibt es schon lange. Im letzten Jahr haben wir dann angefangen, eine Location zu suchen und uns intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Budapest bot sich an, da wir in Berlin schon mit dem Collegium Hungaricum zusammengearbeitet haben, wir viele Kontakte nach Budapest unterhalten, unsere Gäste mit Budapest in Zusammenhang stehen – und nicht zu letzt, weil wir denken, dass eine qualitativ hochwertige Kulturarbeit in Ungarn sicher auch ein politisches Signal ist. Wir möchten sehr gern weiter gehen, und pro Jahr ein paar externe Veranstaltungen durchführen. Diese sind für uns in der Organisation etwas Besonderes, und werden mit viel Aufmerksamkeit bedacht und kuratiert. Gleichzeitig müssen wir unsere Ressourcen bündeln und geschickt einsetzen. So werden wir darauf achten, dass auch die Berliner Veranstaltung sich weiter entwickelt und mit einem interessanten Programm überzeugen kann – klar.

Vanya Pieters: Um zurückzukommen auf deine Frage, ob wir Angst haben uns zu übernehmen: Die Ausflüge des Fototreffs ins Ausland geben uns viel Energie. Und die Zusammenarbeit mit den Institutionen, mit denen wir bei solchen Gelegenheiten zu tun haben, verschaffen uns Raum, um uns auf die Inhalte konzentrieren zu können, denn die übernehmen oftmals die Technik, das Catering, viele logistische Angelegenheiten, also alles Dinge, die wir in Berlin selber machen müssen. Diese interkulturellen Verbindungen herzustellen ist für uns sehr wertvoll.

Anna Charlotte Schmid: Übernehmen? Nein. Ich habe noch während der Veranstaltung in Ungarn über weitere Ideen für Kooperationen nachgedacht. Das Feedback dort war unglaublich und wir haben gemerkt, dass nicht nur in Berlin diese Lücke gefüllt werden will, sondern auch woanders. Ich persönlich hatte von Anfang an die Idee, eine internationale Vernetzung von Akteuren zu schaffen, die in der Fotowelt aktiv sind. Dafür muss man sich aber erst einmal einen Standpunkt schaffen. Und den haben wir in Berlin, wo wir auch zu Hause sind. Nach fast fünf Jahren waren wir dann auch so weit, um den Fototreff außerhalb Deutschlands stattfinden zu lassen. Alles in allem ist das viel Arbeit, aber es macht ja auch glücklich, etwas, das man selbst auf die Beine gestellt hat, international wachsen zu sehen. In solchen Momenten spielt es keine Rolle, wie viel Arbeit drin steckt.

Pauline Friesecke: Vielleicht ist es auch wichtig, das im Kontext zu sehen. Der Fototreff ist nach und nach gewachsen und jetzt haben wir einfach die Kapazitäten, um auch ins Ausland zu gehen.

Jens Pepper: Eure Veranstaltungen sind inzwischen krachend voll. Also an Aufmerksamkeit und Zuspruch mangelt es euch keinesfalls. Die Gäste werden gebeten, eine Spende als Eintritt zu bezahlen. Damit und mit dem Verkauf von Getränken finanziert ihr was? Das Equipment? Die Aushilfen am Tresen? Ihr selbst macht die Arbeit – so wie ich es verstehe – nach wie vor ehrenamtlich. Wie sieht es mit euren Gesprächsgästen aus, erhalten die eine Vergütung?

Tobias Laukemper: Oh ja – alles. Was bei einer Veranstaltung eingespielt wird ist nicht viel Geld, selbst wenn alle Eintritt bezahlen. Wir haben viele kleine Kostenfresser: die Aushilfe am Tresen, die neue Verlängerungsschnur, die Raummiete, wir drucken Postkarten, gestalten verschiedene Printprodukte und stellen ein Online-Programm zur Verfügung. Für uns persönlich bleibt da nichts hängen, sondern es fliesst alles wieder ins Projekt. Gäste bekommen die Fahrtkosten bezahlt und/oder wir versuchen eine Vergütung durch ein gutes gemeinsames Essen. Es soll niemand Unkosten haben und WinWin aus der Veranstaltung gehen – das ist wichtig für uns.

Vanya Pieters: Wir hoffen natürlich, dass sich das im Laufe der Zeit ändern wird und wir ein gesundes Ertragsmodell finden. Für Künstlerhonorare beispielsweise.

Anna Charlotte Schmid: Ja, und dass wir irgendwann Sponsoren finden oder Fördermittel erhalten. Es würde unter anderem der Realisation von geplanten Konzepten mit Gästen aus dem Ausland helfen; um diese einfliegen zu lassen und angemessen zu vergüten. Und ganz generell uns als Team.

Jens Pepper: Wie geht ihr bei der Auswahl der Gäste vor? Hat jeder ein Vorschlagsrecht und entschieden wird gemeinsam?

Tobias Laukemper: Natürlich kann jeder vorschlagen und die kollektiven Ressourcen nutzen, um seine Vorschläge umzusetzen. Oft ergeben sich Veranstaltungsideen über die Zeit, und werden dann umgesetzt. Es gibt Ideen die brennen und welche, die Themen kommentieren, die im Schwung sind. Wir haben sozusagen einen Zettel, auf dem schon einiges steht und vieles hinzukommt, was auf Verwirklichung wartet. Ein Teammitglied ist verantwortlich für die Veranstaltung, und die anderen arbeiten ihm zu. Dadurch ergibt sich eine eigene Handschrift, die sehr eng mit dem Fototreff verknüpft ist.Wir versuchen den Spagat zwischen individueller Vorstellung und einem gemeinsamen Streben.

Anna Charlotte Schmid: Das Schöne an der gemeinsamen Tätigkeit ist das Zusammenbringen von Netzwerken, die jeder ursprünglich einmal für sich geknüpft hat. Oftmals ist es dann so, dass ein Teammitglied die Idee für den Fototreff Talk hat, der dann die Basis für die Veranstaltung ist. Also übernimmt auch dieses Teammitglied die Verantwortung für diese Veranstaltung. Alle anderen arbeiten ihm dann zu. Jeder von uns hat einen klar definierten Arbeitsbereich, der für jede Veranstaltung gilt.

Vanya Pieters: Die Auswahl der Gäste und die Konzeption des Programm funktionieren eigentlich immer sehr organisch und zügig.

Jens Pepper: Über welche bisherigen Gäste habt ihr euch besonders gefreut, vielleicht weil sie so bekannt sind und nicht alles mitmachen würden oder weil sie gar nicht in Deutscchland oder Europa leben und deshalb nicht mal so einfach eingeladen werden können? Und welche Traumgäste gibt es noch?

Anna Charlotte Schmid: Das ist eine schwere Frage, weil wirklich alle Gäste etwas Besonderes sind. Klar, der ein oder andere ist bekannter, aber das macht nicht gleich das Gespräch interessanter. Wir versuchen für die Talks passende Gesprächspartner suchen, da dieser Teil als Einstieg sehr wichtig ist. Es hat mir z.B sehr viel Spaß gemacht, die Veranstaltung mit Peter Bialobrzeski und Loredana Nemes zu kuratieren. Die beiden kannten sich nur flüchtig und waren sehr daran interessiert, sich auf diese Weise das erste mal richtig zu treffen. Und es war auch für uns das erste Mal, dass wir zwei Fotografen als Gesprächsteam einladen, wobei es bei diesem Talk in erster Linie um die Arbeit von Peter ging. Ich hatte mir vorweg viele Interviews und Videos von Loredana angeschaut und wusste, dass ich nur sie Peter gegenübersetzen möchte. Sie arbeiten beide unterschiedlich und verfolgen andere Ansätze in der Fotografie. Peter fotografiert – grob zusammengefasst – Städte, Megastädte, ihre Architektur und Infrastruktur, Loredana hingegen geht nah an den Menschen heran, sehr intim und persönlich. Diese konträren Herangehensweisen an Themen fand ich spannend für ein Gespräch. Und es hat wunderbar funktioniert. Traumgäste gibt es natürlich viele. Wir verraten hier aber noch nichts.

Pauline Friesecke: Diese Frage ist für mich noch etwas früh, so viele Veranstaltungen habe ich ja noch gar nicht mitgemacht. Der Abend mit Peter Bialobrzeski und Loredana Nemes war wirklich sehr schön, aber diese Frage würde ich gerne in einem Jahr beantworten.

Tobias Laukemper: Jeder Abend hat seine Reiz, und wir freuen uns auf alle Gäste. Es gibt keine Hierarchie und wir versuchen, für alle eine gastfreundliche und offene Atmosphäre zu schaffen. Ganz subjektiv hat mir das Gespräch von Tobias Kruse und Feng Li besonderen Spaß gemacht. Feng kommt wirklich von weit her, aus China, und ich fand die Situation mit einer Dolmetscherin, die ihren Job wirklich sehr gut gemacht hat, dazwischen eine sehr interessante Situation. Feng spricht nur chinesisch und so gab es keine Vorbereitung sondern nur den Moment. Das Gespräch war sehr lustig, und hatte interessante Themen – ja das war sehr gelungen.

Jens Pepper: Ist euch auch schon mal ein Abend daneben gegangen?

Anna Charlotte Schmid: Bestimmt! Aber das ist ja auch sehr subjektiv. Es kam vor, dass wir am Ende eines Abends mal nicht ganz so zufrieden waren – beispielsweise wegen kleinerer organisatorischer Fehler – während das Publikum und die Gäste die Veranstaltung super fanden. Die Neonröhren bei 120 Besuchern, da würde ich vielleicht sagen, dass das technisch nicht ganz optimal ist. Aber was das Programm angeht, da versuchen wir das Optimale herauszuholen.

Pauline Friesecke: Es gibt eigentlich immer Kleinigkeiten, die man beim nächsten Mal ein bisschen anders machen möchte. Aber wir entwickeln uns da ja auch immer weiter.

Jens Pepper: Ein Freund wies mich noch mal auf euer vorzügliches Marketing hin, online aber auch mit Flyern etc. Ihr betreibt ein regelrechtes Branding. Wäre der Fototreff ohne diese Maßnahmen ebenso erfolgreich wie er jetzt ist?

Pauline Friesecke: Das ist natürlich immer schwer zu sagen, aber ich denke, dass das für unsere Außenwirkung unerlässlich ist.

Anna Charlotte Schmid: Weil Wiedererkennungsmerkmale wichtig sind, haben wir uns auch mit Grafikern zusammengesetzt und eine Corporate Identity entwickelt, die zum Fototreff passt; online und print. Die Postkarten funktionieren wunderbar als Give away. Sie sind etwas Besonderes, das wir nicht einfach nur auslegen, sondern gezielt verteilen. Es wird peu a peu weiter an einem Auftritt gearbeitet, der auch für eine internationale Vernetzung hilfreich ist.

Tobias Laukemper: Die Ressource Aufmerksamkeit ist sehr knapp, da ist der Wiedererkennungswert sehr wichtig. So haben wir uns vor längerer Zeit dazu entschieden besonderes Augenmerk auf eine hochwertige Präsentation unserer Veranstaltung zu legen. Unsere Marketingprodukte zeigen Qualität statt Quantität, und wir freuen uns natürlich, das das beim Betrachter und Publikum auch ankommt.

Jens Pepper: Wer ist euer Publikum? Nur Fachleute aus der Fotoszene oder auch neugierige Bürger, die sich einfach nur für Fotografie interessieren? Erreicht ihr auch Studenten der Udk [Universität der Künste], von der Ostkreuzschule oder der Freien Schule für Fotografie?

Pauline Friesecke: Ich denke schon, dass unsere Besucher größtenteils aus der Fotoszene kommen, aber es gibt auch Fachfremde, die neugierig sind.

Tobias Laukemper: Wir sprechen jeden an, der sich für dokumentarische Fotografie interessiert. Unser besonderes Augenmerk gilt jedoch den Profis, also Fotografen, Bildredakteuren und Menschen, die sich jeden Tag im professionellen Kontext mit Fotografie auseinander setzen. Wir versuchen dieser Zielgruppe ein besonderes Programm zu bieten. Unsere Veranstaltung sind inhaltlich ausgelegt, und wir möchten Diskurs auf hohem Niveau präsentieren. So richten wir uns natürlich auch an die Studenten der unterschiedlichen staatlichen oder privaten Schulen für Fotografie, Kunst und Design. Wir freuen uns, wenn das Publikum generationsübergreifend ist, und verschiedene Altersklassen und Karrierestufen miteinander agieren und voneinander inspiriert sind.

Anna Charlotte Schmid: Die geladenen Gäste des Fototreff Talks bringen ja auch noch mal Leute aus ihren Netzwerken mit. Bei uns kommen sie alle zusammen.

Jens Pepper: Wie sieht die Zukunftsplanung aus?

Tobias Laukemper: Wir möchten auch in Zukunft ein sorgfältig kuratiertes und fachspezifisch interessanten Programm zusammenstellen. Unsere Aktivitäten konzentrieren sich ja inzwischen nicht mehr nur auf den Berliner Raum, sondern wir streben internationale Zusammenarbeiten an. Der Schritt nach Budapest in Kooperation mit dem Goethe-Institut geht in die richtige Richtung. Wir möchten mehr mit Institutionen und Festivals im In- und Ausland kooperieren und hoffen so, weitere Publikumsschichten zu erreichen und für unsere Veranstaltung zu interessieren.

Jens Pepper: Zum Schluss. Ihr fahrt alle nach Arles und werdet euch dort präsentieren. Wie? Und wie wichtig ist Arles für euch?

Tobias Laukemper: Das Fotofestival in Arles ist das Highlight und einer der Branchentreffpunkte der dokumentarischen und künstlerischen Fotografie. Da dürfen wir natürlich nicht fehlen. Für uns ein Event mit interessanten Ausstellungen und ein Treffen mit vielen Kollegen und Gleichgesinnten. In diesem Jahr sind wir als Gäste dabei, möchten neue und interessante Kontakte knüpfen, und Ausstellungen ansehen. Oftmals ergeben sich auch vor Ort für uns neue Ideen und Weiterentwicklungen von schon geplanten Events. So sind wir auch in diesem Jahr wieder sehr gespannt, was diese sieben Tage in der südfranzösischen Sonne mit sich bringen. Für die Zukunft wäre natürlich auch eine Kooperation mit dem Festival des Rencontres interessant.

Pauline Friesecke: Ich werde leider nicht mit nach Arles fahren können in diesem Jahr. Aber es ist toll, dass die anderen drei alle fahren.

Das Team vom Fototreff Berlin, Gruppenbild Frühjahr 2019, v.l.n.r.: Tobias Laukemper, Vanya Pieters, Anna Charlotte Schmid und Pauline Friesecke

Das Team vom Fototreff Berlin, Gruppenbild Frühjahr 2019, v.l.n.r.: Tobias Laukemper, Vanya Pieters, Anna Charlotte Schmid und Pauline Friesecke

Foto Tobias Kruse

www.fototreff-berlin.de

 

„Zentral ist für mich der Prozess selbst und die in ihm enthaltene Zeit.“ – georgia Krawiec und Marek Noniewicz im Interview mit Jens Pepper.

georgia Krawiec und Marek Noniewicz - Katalog Torun

Jens Pepper: Ihr werdet bald gemeinsam in Toruń ausstellen. Ihr kennt euch schon eine ganze Weile und arbeitet beide mit alten Fototechniken. Wann habt ihr euch dazu entschlossen gemeinsam auszustellen und was ist euer Konzept für diese Ausstellung?

georgia Krawiec: 2007 haben wir uns im winterlichen Boston kennengelernt, bei einem Projekt von Jesseca Ferguson, die eine Ausstellung zur Lochkamerafotografie kuratierte und dazu sieben Künstler aus Polen in den USA einlud. Wir hatten das Glück zu diesen zu gehören! Schon dort tauchten dieselben Grundgedanken auf, die jetzt dem Konzept der Ausstellung in Toruń zugrunde liegen: Ursprünglichkeit, Entschleunigung, die Nähe zum Material, zum Medium, das Haptische. Natürlich haben wir uns nicht schon damals entschieden diese Ausstellung zu machen, aber ich dachte in den vergangenen Jahren immer wieder: „Irgendwann mal will ich doch mit Marek ein Projekt machen!”

Marek Noniewicz: Als wir uns 2007 begegnet sind, war die Lochkamerafotografie das verbindende Element. Danach hatten wir noch häufiger Gelegenheit, uns während anderer Projekten zu begegnen, die ebenfalls mit alten fotografischen Techniken zu tun hatten. Dabei fiel mir auf, dass wir einen ähnlichen Zugang zu dem Medium haben. Wir sind nicht so sehr von der Technik an sich fasziniert, sondern von den Versuchen, zeitgenössische Kontexte zu entdecken. Heute sind wir erstaunt darüber, dass jeder für sich trotz dieser räumlichen Entfernung ähnliche Herausforderungen angegangen ist. Wir mussten uns also treffen!

Jens Pepper: Auf was für ähnliche Herausforderungen beziehst du dich, Marek?

Marek Noniewicz: Betrachte doch mal Fotografie als Prozess. Da findet man organische Verbindungen. Fotografie ist ein Prozess, Natur ist ein Prozess. Vielleicht sollte man nochmals André Bazin lesen, der schrieb, dass „Fotografie auf uns als ’natürliches‘ Phänomen wirkt: ähnlich wie eine Blume oder ein Schneekristall, deren Schönheit unteilbar mit der Entstehung einer Pflanze oder einem Mineral verbunden ist.” Bazin schrieb das vor siebzig Jahren, aber es klingt ziemlich aktuell.

georgia Krawiec: Ja, Marek, das Prozesshafte ist für uns beide wirklich zentral. Ich zeige in Toruń zum Beispiel Arbeiten, bei deren Belichtung der Besucher zusehen kann. Man könnte sagen, die Fotografien performen sich selbst. Und apropos Schnee: Du hast doch mal Fotogramme mit Schneekristallen belichtet, oder? Dabei stand, so wie ich mich erinnere, eher der Schmelzprozess im Mittelpunkt?

Marek Noniewicz: Ich habe Eis belichtet. Ich habe das Eisblättchen in den Vergrößerer gegeben und es auf dem Fotopapier belichtet. Dann habe ich ein bisschen gewartet bis es geschmolzen war und habe erneut belichtet. Ich bin sehr interessiert an deinen Baumstammbildern und wie es dir gelungen ist, sie herauszuarbeiten. Es ist schon klasse, dass wir an ähnlichen Experimenten gearbeitet haben, ohne voneinander zu wissen.

Jens Pepper: Ihr beide verwendet Fotografie ganz offensichtlich recht experimentell. Der Prozess, der zu einem Bild führt ist genauso wichtig wie das finale Bildergebnis selbst, vielleicht sogar wichtiger. Sich Zeit zu nehmen bei der Produktion von Bildern ist ebenfalls etwas, das ihr beide teilt. georgia beispielsweise lässt manchmal Bilder im Verlauf eines Jahres oder so entstehen. Eure Arbeitsweisen werden dem einen oder anderen recht antiquiert vorkommen. Es wirkt fast so, als ob ihr zeitgenössische Arten Bilder zu produzieren ablehnt aber dennoch Bilder schaffen möchtet die in unsere Zeit passen. Wie haben sich eure jeweiligen Einstellungen zum Medium Fotografie entwickelt? Und was sind eigentlich eure Einstellungen dazu?

georgia Krawiec: Was ist noch zeitgenössische Kunst, und was schon nicht mehr? Ob ein Künstler, der das 0/1-Binärsystem verwendet, automatisch auch zeitgenössischer Künstler ist? Für mich stellt sich die Frage nach der Einordnung in eine Zeitrechnung gar nicht. Zentral sind für mich der Prozess selbst und die in ihm enthaltene Zeit. Sie enthalten etwas Transzendentales; das Gestalten wird zur Schöpfung, der Künstler zum Schöpfer. Die Fokussierung auf den Prozess hat hierbei nicht nur einen Einfluss auf uns selbst, sondern auch auf den Betrachter, der Teil des Ganzen wird. Dabei sind Fotogramme die vermutlich ursprünglichste Methode der Bildgebung, ich denke, die der Natur am nächsten liegende. Über Monate und Jahre hinweg kumulieren sie [während des Belichtungsprozesses (Anm. JP)] Zeit. Sie sind jeden Tag bei mir; ich beobachte sie an den Wänden meiner Wohnung und meines Ateliers, ich schaue sie an und genieße sie, ohne zu wissen, wann ich ein fotografisches Bild von einem dieser Stillleben [beispielsweise aus Blättern (Anm. JP)] mal als Fotogramm entwickeln werde. Für mich sind sie auf jeden Fall zeitgemäß!

Marek Noniewicz: Das Wichtigste für mich sind Impulse und genaue Beobachtung. Ich beobachte die Realität, aber ich schaue mir ebenso Veränderungen an, die es in der Fotografie gibt. Ich suche nach Anwendungen für digitale Fotografie, aber diese Technik ist für mich nicht transparent. Es gibt Unterschiede zur fotochemischen Fotografie. Irgendwann fiel mir auf, wie sich der Fixierer kristallisierte, der in der Dunkelkammer zurückgeblieben war. Dann habe ich den Fixierer in eine Petrischale gegeben und beim Kristallisieren nochmals auf Fotopapier kopiert. Es sieht wie eine alte Astrofotografie aus! Herschel, der ja den Fixierer erfand, war bekanntlich Astronom! Ich habe dann die Arbeit „Planet Herschel” genannt. Man kann es als Dialog mit der Fotogeschichte ansehen, oder einfach nur als großen Spaß.

Jens Pepper: Spaß und Freude sind die Begriffe, die ihr gerade verwendet habt, als ihr von euren Arbeitsprozesse spracht. Spaß und Freude der Ausstellungsbesucher werden anders sein, da sie natürlich nicht am Kreativprozess teilhaben können. Sie werden nur die finalen Resultate eurer Experimente sehen. Sagt mir, was sind das für Arbeiten, die die Besucher in Toruń sehen werden?

Marek Noniewicz: Ich habe schon immer geglaubt, dass ein Bild eine Einladung zu einer tiefer gehenden Reflektion darstellen kann. Manchmal denke ich, dass meine Fotografien Fragen sind, die für mich und die Betrachter bestimmt sind. Das sind keine leichten Fragen, ebenso wie die Fotos nicht einfach sind. Sie haben nichts mit einer herkömmlichen Betrachtungsweise zu tun. Wie auch immer, es bleibt die Frage nach der Form. Kann man ein Ästhet sein und gleichzeitig bis zu einem gewissen Grad Konzeptualist? Die Form bedeutet mir sehr viel, oftmals visualisiere ich die Dinge, die ich in meinen Experimenten erreichen möchte. Ich bin offen für Chancen, aber wenn die letzten Ergebnisse weit entfernt von den vorhergegangenen Visualisierungen sind, verschiebe ich solch eine fotografische Arbeit; ich lehne sie nicht ab, aber ich lege sie zur Seite. Ich weiß nicht, was die Ausstellungsbesucher sehen werden. Ich zeige Cyanotypien aus der Iliaster-Serie, die inspiriert wurde von der Cosmologie Paracelsus‘, von Montagen aus Röntgenbildern, von Naturfragmenten und anderen Fundstücken. Dann Silver Prints, die ohne Kamera entstanden sind, die so etwas sind wie Aufzeichnungen einer Entropie. Vielleicht eine Art von überbelichtetem Lochkameranegativ das in einem Astloch entstanden ist. Ich glaube, dass beim Aufbau der Ausstellung noch eine Menge passieren wird.

georgia Krawiec: Ich denke, Marek, natürlich JA! Du kannst gleichzeitig ein Konzeptualist und ein Ästhet sein, für mich sind dies keine Gegensätze, sondern zwei verschiedene Aspekte. Diesmal jedoch sind die Arbeiten, die ich in Toruń zeige, eindeutig nicht konzeptuell – deshalb auch der Titel. Ursprünglich habe ich sie als Stillleben gestaltet, um mich nach den engagierten Themen davor abzureagieren. Ich brauchte einen Abstandhalter in einer unangestrengten, meditativen und problembefreiten Wolke, um von dort aus alles aus der Ferne entspannt zu beobachten und neue Kraft für andere Projekte zu schöpfen. Ich genieße also diese reine Ästhetik und schäme mich gar nicht für sie [lacht].

In der Wozownia in Torun werde ich die Fotogramm-Serie „antyKONCEPCYJNE” zeigen, die ich wegen der bereits erwähnten langen Belichtungszeiten entschleunigt nenne. Ein Teil der Serie, „FLUXA”, ist für mich eine eine Art Spiel, nicht unbedingt ein fotografisches. Diese Arbeiten sind unkonkret, sie zeigen weitgehend die Bilder, die jeder anhand seines eigenen Erfahrungshorizontes im Kopf entstehen lässt. Die mit „MANU” betitelten Arbeiten sind Papierschnitte und die „LUNA” genannten sind mit einer Zeichnung versehen. Diese formale Seite distanziert sie von der Fotografie als solchen. In letzter Zeit sehe ich meine Arbeit in einem größeren Zusammenhang, vielleicht weil ich in Berlin Mitglied in einer Galerie mit Künstlern aus verschiedenen Bereichen bin oder weil ich das Atelierhaus mit vierzig anderen Künstlern teile, von denen sich nur zwei mit Fotografie befassen. In Warschau war ich hauptsächlich in der Welt der Fotografie tätig, in einer Welt, die viel hermetischer war. Außerdem hast Du die These aufgestellt, dass der Besucher nicht am Entstehungsprozess beteiligt ist. Ja, in der Fotografie ist dies selbstverständlich, aber in meinem Fall wird es anders sein: Wenn ich doch schon an den Wänden meiner Wohnung Ewigkeiten belichten kann, beinahe zumindest, warum dann nicht auch in der Galerie!

Jens Pepper: georgia, du lebst seit einigen Jahren in Berlin und kannst die polnische und die deutsche Fotoszene miteinander vergleichen. Wird deine Arbeit, die ja auch die Entschleunigung in einer immer schneller agierenden Welt zum Thema hat, in Polen anders gesehen als in Deutschland? Gibt es da Erfahrungswerte?

georgia Krawiec: Bereits ab Anfang der 90er Jahre reiste ich häufiger nach Berlin, jedoch als Touristin. Später dorthin reisend, als ich bereits in Warschau lebte und daher mit einer Warschauer Perspektive versehen, hatte ich von Berlin den Eindruck einer entschleunigten Gesellschaft. Ich nahm an, dass dies nur eine Illusion eines entspannten Kulturreisenden ist, der aus der zehrenden Warschauer Beschleunigung kommend überall woanders eine Langsamkeit vorfindet. Aber ich habe mich geirrt. Berlin ist auch für seine Bewohner langsamer, entspannter, weniger gestresst und weniger zielorientiert. Und diese positive Einstellung zur Entspannung – die sicherlich nicht preußisch ist – wirkt sich auch positiv auf die Rezeption von entschleunigter Kunst aus. Selbst an solch verrückten Wochenenden wie dem Gallery Weekend oder der Eröffnung des Europäischen Monats der Fotografie, wenn die ganze Stadt brodelt und überall gleichzeitig eine Ausstellung eröffnet wird, gibt es Menschen die sich Zeit nehmen, eine Galerie zu betreten um vor einer Lochkamera 20 Minuten reglos zu verharren. Ich hatte die Gelegenheit, eine solche performative Aktion bei C/O Berlin durchführen zu können, und fragte mich damals, ob es wirklich einen Freiwilligen geben würde? Es sind dann viele entspannte Freiwillige gekommen!

Die Rezeption meiner Arbeit in Polen und Deutschland kann ich allerdings nicht vergleichen, weil sie hier und dort verschieden eingeordnet wird. Wenn man die polnischen so genannten fotografischen Kreise bemüht, für die ist meine Arbeit, wie auch die von Marek, nischenhaft und wird mit einem Augenzwinkern betrachtet. Es ist vielleicht wie zwei Baobab-Bäume in einem Kiefernwald. Wenn man diesen fotografischen Horizont überwindet, lassen die von uns erstellten Experimente und ihre Ergebnisse eine andere Fauna auf einem anderen Planeten entstehen. Vielleicht sind es dann zwei Kiefern? Aber wenn, dann im Dschungel, und dort sind sie gleichberechtigt, exotisch.

Jens Pepper: Wie siehst du das mit der unterschiedlichen Rezeption von Kunst, Marek? Wie wird dein Werk im Ausland rezipiert. Ihr beide hattet ja beispielsweise in Boston Erfahrungen mit amerikanischen Betrachtern sammeln können. Ist der Zugang zu deinen Themen durch unterschiedliche historische und soziale Prägung im Ausland anders als in Polen?

Marek Noniewicz: Außerhalb Polens ist die Rezeption der Arbeiten wirklich anders. Die Neugier und Offenheit der Amerikaner ist beeindruckend. Mir ist schon klar, dass meine Experimente weit vom Mainstream entfernt sind. Ich wurde sogar von akademischen Kreisen meiner Alma Mater angegriffen, die meinten, dass meine Arbeit zu fotografisch sei. Aber es ist keine Fetischisierung des Analogen, so wie sie gerade ziemlich populär ist. Wie bei Georgias Arbeiten ist da etwas anderes. Ich spüre, dass die Kombination unserer Arbeiten zu einer interessanten Situationen führen kann, die eine eindeutige Interpretation verhindert.

Jens Pepper: Leider werde ich nicht in der Lage sein, mir eure Ausstellung in Toruń anzuschauen. Habt ihr eigentlich Pläne, die Schau auf Reisen zu schicken, vielleicht nach Deutschland?

georgia Krawiec: Schade! Es ist schade, dass du diese Ausstellung nicht persönlich sehen wirst. Ich denke, wir könnten dann noch ein weiteres, aber ganz anderes Interview führen. Arbeiten, die in Mappen verpackt, auf einem Monitor oder als Druck in Katalogen betrachtet werden, können nicht miteinander kommunizieren und somit kann auch kein neues Ganzes entstehen. Wir, also Marek und ich, hatten bisher selten Gelegenheit, sie miteinander zu konfrontieren, und wenn, dann in einem mehrstimmigen Dialog. Somit ist diese Ausstellung eine Premiere. Ich freue mich sehr über diese neue Konstellation!

Die Ausstellung in Toruń ist insofern einzigartig, als dass es derzeit keine konkreten Pläne gibt, sie in Deutschland zu wiederholen. Darüber hinaus ist Wozownia ein spezifischer, ein historischer Ort, und ich denke, dass seine Atmosphäre nicht wiederholbar ist. Wenn eine solche Ausstellung doch beispielsweise in Berlin entstehen würde, dann würdest du ein völlig anderes Projekt zu sehen bekommen, was aber spannend und aufschlussreich sein kann! Mein Teil der Ausstellung wandert im August in die IHK-Galerie im westdeutschen Siegen. Dort bleibt sie aber ein Monolog.

 

Dieses Interview erschien im Frühjahr 2019 in Englisch und Polnisch im Ausstellungskatalog „georgia Krawiec / Marek Noniewicz – Anomalia Naturalia“ der Galeria Sztuki Wozownia in Toruń, Polen. 

georgia Krawiec (*1972). Polnisch-deutsche Fotokünstlerin mit derzeitigem Wohnsitz in Berlin.

http://georgiakrawiec.net/de/

Marek Noniewicz (*1971). Polnischer Fotograf.

 

„Wir möchten die Menschlichkeit in der Fotografie zurückholen“ Sebastian Gansrigler im Interview mit Christian Reister

Die erste Ausgabe des Auslöser

Christian Reister: Im März erscheint die erste Ausgabe des Magazins „Auslöser“. Braucht die Welt tatsächlich noch ein neues Fotomagazin?

Sebastian Gansrigler: Ich denke es gibt momentan genug Medien am Markt, die sich auf einer technischen und oberflächlichen Weise mit Fotografie auseinandersetzen. Also so gesehen braucht die Welt wirklich kein neues Fotomagazin. Was wir mit dem Auslöser erreichen möchten, ist die Menschlichkeit in der Fotografie zurückzuholen, die Fotografie allgemein zu entschleunigen und wirklich diese wundervollen, persönlichen Geschichten hinter den Fotos zu erzählen. Das machen sehr wenige Magazine und können auch nur wenige, und wenn dann nur in einer sehr kurzen, reduzierten Form. Das ganze Projekt hat natürlich auch alles viel mit Zeitlosigkeit zu tun. Wir bringen keine Ausstellungsnews und berichten auch nicht über die neueste Kamera und wie viele Megapixel die hat. Wir versuchen da wirklich in die Tiefe zu gehen und alles zu hinterfragen, Traditionen aufzubrechen und in einer verstaubten Medienlandschaft etwas Lebendiges, Frisches durchzusetzen.

Christian Reister: Wer ist „wir“?

Sebastian Gansrigler: Ich bin selbst Fotograf und medienübergreifend, von Webdesign bis Print, unterwegs. Arbeite hauptsächlich für Museen und Galerien in Wien, aber auch sehr gemischt Aufträge für verschiedenste Firmen. Durch den Auslöser kann ich alle diese Bereiche verbinden, was wirklich viel Spaß macht. Und dazu habe ich für den Auslöser ein kleines Team aufgebaut. Ich wollte nicht, dass die Ansichten und Aussagen alle nur an mir hängen und von mir kommen.

Mit Kay von Aspern und Niko Havranek mache ich die Auswahl und Zusammenstellung der FotografInnen, das ist schon ein langer Rechercheprozess für jede Ausgabe. Wir stellen den Inhalt sehr kontrastreich zusammen und haben kein Thema und keine Kategorien. Kay und Niko sind beide großartige Fotografen, die sich in dem Bereich auch richtig auskennen und sich damit intensiv beschäftigen. Martina Schreiner übernimmt das Marketing, Social Media und Eventplanung. Meine Schwester, Veronika Gansrigler, macht das Lektorat und die Übersetzung von Deutsch zu Englisch bzw. Englisch zu Deutsch. Das sind auch wieder zwei große Bereiche, die sehr wichtig sind. Im Grunde ist der Auslöser jetzt von einer kleinen Idee zu einem großen Team- und Communityprojekt gewachsen. Eigentlich verrückt und ich versuche das selbst noch alles zu realisieren. Das ging alles sehr schnell.

Christian Reister: Ein Verlag steht also nicht dahinter, viel mehr ein Team aus Wiener Enthusiasten.

Sebastian Gansrigler: Ja, genau.

Christian Reister: Wie finanziert ihr den Auslöser und wie wird er vertrieben?

Sebastian Gansrigler: Es war von Anfang wichtig, dass das ein unabhängiges Magazin werden soll. Natürlich, ganz unabhängig ist nie etwas. Wir sind sehr dankbar, dass wir ein paar Firmen gefunden haben, die uns finanziell unterstützen können. Die Druckkosten sind doch recht hoch. So eine sehr positive Rückmeldung habe ich mir anfangs gar nicht erwartet. Zu der Zeit war das Magazin ja noch gar nicht am Markt, trotzdem haben wir schon großartige Partner und Supporter wie z.B. in Wien das WestLicht, Kunstforum, Kunsthalle, Secession gewinnen können, die uns auch dieses Vertrauen geschenkt haben. Teilweise sind da auch größere Kooperationen geplant und teilweise sind das reine Anzeigenplatzierungen im Magazin. Also es gibt durchaus Werbung in jeder Ausgabe. Die ist sehr reduziert und einheitlich mit einem Logo gestaltet. Das fällt fast nicht als Werbung auf, weil sie sich so schön und harmonisch in das Layout einfügt. Das hat eine Zeit gedauert bis das überhaupt verstanden wurde und angekommen ist, ich glaube das ist ein sehr neues Konzept. Aber einige Indie Magazine machen das so, finde ich richtig großartig. Man liest die Werbung dann sogar gerne. Mit dem Auslöser haben wir da echt jetzt sehr viel Kontrolle über die Gesamtgestaltung, das ist weit entfernt von selbstverständlich. Wenn bei einem gedruckten Magazin schon die ersten 12 Seiten mit kunterbunter Werbung vollgestopft sind, mache ich das meistens gleich wieder zu. Da vergeht mir die Lust am Lesen.

Den Vertrieb machen wir auch selbst, über unseren Onlineshop. Wir bringen jede Bestellung selbst händisch zur Post und jede/r BestellerIn bekommt eine persönliche Notiz dazu. Immer wenn ich jetzt über den Onlineshop eine neue Vorbestellung sehe, bin ich total aufgeregt und freue mich riesig und muss gleich nachschauen, woher die Person kommt und was die macht. Das wäre bei einem großen Verlag oder Vertriebspartner gar nicht möglich. Da würde mir die persönliche Verbindung zum/r LeserIn fehlen. Wir beliefern dann auch einige ausgewählte Buchhandlungen, Galerien, Museums- und Magazinshops für den Anfang in Österreich und Deutschland, wo man den Auslöser dann auch einfach physisch ansehen und kaufen kann. In Berlin und München gibt es großartige, die speziell nur Indie Magazine verkaufen. Das ist eine sehr schöne Szene.

Christian Reister: Kommen wir zum Inhalt der ersten Ausgabe. Ihr habt vier recht unterschiedliche Fotograf*innen
im Heft, mit denen ihr Interviews geführt habt. Diese Interviews erscheinen im Heft zusammen mit Fotografien der Interviewten und haben eine Länge, die weit über den üblichen Rahmen hinausgehen.

Sebastian Gansrigler: Ja, das sind wirklich Langforminterviews. Jede/r FotografIn bekommt 26 bis 30 Seiten im Magazin. Das ist so toll, weil man dadurch wirklich in die Materie, Arbeit und Persönlichkeit eintauchen kann. Ich habe jetzt selbst durch diese Gespräche extrem viel gelernt. Das kann man gar nicht mit dem Lernstoff eines Workshops, einer Fotoschule oder Universität vergleichen. Das ist viel intensiver, was wir hier versuchen.

Christian Reister: Nach welchen Kriterien seid ihr bei der Auswahl vorgegangen?

Sebastian Gansrigler: Zur Auswahl des Inhalts fließen viele verschiedene Kriterien mit rein. Da wir keine Themenvorgaben haben, stellen wir die FotografInnen so unterschiedlich wie nur möglich zusammen. Wir mischen das auch bunt durch, was das Alter, die Herkunft, die Sprache, die Fototechnik, den Stil und den Bekanntheitsgrad betrifft. Wir setzen berühmte FotografInnen neben sehr unbekannte, sehr junge neben ältere. Dadurch entsteht ein sehr spannender Kontrast und sehr unterschiedliche Ansichten. Wir beleuchten dadurch die Fotografie aus vielen verschiedenen Perspektiven und zeigen, wie breit gefächert sie sein kann.

Wichtig ist uns, dass wir pro Ausgabe immer zwei Frauen und zwei Männer zeigen. Ich denke, dass in der Fotografieszene und generell noch immer eine größere Repräsentation von Frauen und deren Arbeiten fehlt. Gegen genau das kämpfen wir auch an. Abgesehen davon, suchen wir in erster Linien nach guten Geschichten, nicht nur guten Fotos. Der/die FotografIn muss einen bestimmten, bewussten Zugang und Reflektion über die eigene Arbeit haben. Das ist natürlich bei manchen mehr, bei anderen weniger der Fall.

Christian Reister: Wie wurden die Interviews geführt? Klassisch bei einem persönlichen Treffen oder per Email-Ping-Pong, so wie wir das gerade tun?

Sebastian Gansrigler: Unterschiedlich. Immer was zeitlich oder auf Grund der Location möglich ist. Wolfgang Zurborn, der in Köln lebt, konnten wir in Salzburg persönlich treffen. Er hat dort im Fotohof gerade sein neues Buch „Karma Driver“ vorgestellt und davor haben wir das Interview mit ihm gemacht. Das war, glaube ich, sogar das längste Gespräch von den vier. Wolfgang kann sehr gut und sehr genau über seine Arbeiten reden, und auch sehr viel, wir mussten sogar große Teile davon streichen, war sehr schade war, aber wir möchten uns natürlich auf die Essenz und die Kernaussagen fokussieren. Ich habe schon überlegt nach ein paar Jahren dann eine eigene Publikation mit den Outtakes zu machen. Das wäre sicher lustig.

Friedl Kubelka hat ihr Atelier in Wien, wir konnten sie auch persönlich treffen. Ich war jetzt sogar schon zweimal bei ihr und jedes Mal entstehen sehr schöne Gespräche. Es ist sehr unterschiedlich wie jede Person auf die Interviewfragen reagiert und antwortet. Manche introvertiert und man muss das Interview mehr lenken, andere weniger und der Redefluss entsteht von selbst. Bei unserer Recherche notieren wir viele Fragen, aber beim tatsächlichen Interview entstehen oft ganz andere Dinge, die wir vorher gar nicht absehen oder einplanen konnten, da sind wir dann auch flexibel und passen die Fragen an. Wir möchten die Gespräche auf jeden Fall als natürlich und sehr flüssig zeigen.

Mit Yanina Boldyreva und Brian Finke war das etwas schwieriger. Yanina lebt in Novosibirsk, im tiefsten Russland. Ich wäre sogar gerne hingereist, aber das Reisebudget reicht noch nicht ganz aus. Mit ihr haben wir das Interview schriftlich über Skype gemacht und es wurde sehr spannend, obwohl sie viel besser Russisch als Englisch spricht und schreibt. Mir ist dann im Nachhinein bei der Übersetzung ins Deutsche und der Korrektur des englischen Textes vieles noch klarer geworden. Die Sprache und Kommunikationseinschränkungen darf man nicht vergessen, habe ich unterschätzt. Mit Brian Finke, aus New York, war das Interview verbal über Skype und eher kürzer und auf den Punkt gebracht. Ich denke, man merkt auch sofort wenn jemand schon öfters Interviews gegeben hat.

Christian Reister: Wer führt die Interviews? Habt ihr verschiedene Autoren?

Sebastian Gansrigler: Bis jetzt waren drei von mir geführt und eines gemeinsam mit Niko. Die Fragen recherchieren wir alle gemeinsam. Ich glaube im Laufe der nächsten Ausgaben werden wir das alles erst herausfinden, wie das am besten funktioniert. Wir sind keine Journalisten und keine Kunsthistoriker, es kommt alles aus einer persönlichen Perspektive. Erst viel später im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass das Interview, welches ein bis zwei Stunden dauert, die wichtigste Zeit des ganzen Projektes ist. Das ist der kürzeste Teil von allem, aber genau dieses Teil ist der wichtigste. Da wird man bisschen verrückt wenn man sich das kurz vor dem Treffen durch den Kopf gehen lässt.

Christian Reister: Neben den Interviews mit den Fotografen habt ihr auch eine Geschichte über Steidl im Heft. Wie war’s in Göttingen? War es einfach, als vollkommen neues Magazin in die heiligen Hallen der Druckerei zu kommen?

Sebastian Gansrigler: Ich war extrem überrascht, dass wir überhaupt eine Antwort, und dann sogar eine Einladung bekommen haben. Ich hatte einfach per E-Mail zweimal angefragt ob wir ein Interview machen dürften und das Konzept zum Magazin auf 12 Seiten dazugeschickt. Genau wie Friedl Kubelka gibt auch Steidl sehr wenige, nur speziell ausgewählte, Interviews, was mir stark bewusst war. Den Film „How to make a book with Steidl“ habe ich oft gesehen, der ist auch bekannt und die Reportage im New Yorker über ihn fand ich auch großartig.

Gerhard Steidl persönlich hat mich dann an einem Sonntag zu Mittag angerufen. Ich war am Telefon etwas mehr als verblüfft. Den Termin zum Besuch haben wir dann zwei Monate im Voraus ausgemacht. Wie wir dann dort in Göttingen waren, war das wie eine andere Dimension, die man betritt. Sie nennen das nicht ohne Grund „Steidlville“. Es ist alles perfekt geplant und durchdacht. Jeder einzelne Produktionsschritt von jedem Buch wird von Gerhard Steidl persönlich kontrolliert. Wir haben am Anfang eine lange Tour durch alle Gebäude und alles genau erklärt bekommen und durften alles fotografieren. Wir haben sogar einen Schlüssel bekommen und durften jederzeit überall hinein. Eine extrem sympathische, freundliche Stimmung liegt in der Luft. Es hat doch alles eine gewisse Strenge, aber dadurch erzielt man wohl diese hohe Qualität, wofür Steidl so bekannt ist. In Göttingen haben wir übernachtet und den nächsten Tag auch noch bei Steidl verbracht. Um fünf Uhr Früh waren wir dabei wie Herr Steidl die Druckerei, was er jeden Morgen macht, aufsperrt. Später kommen dann die Mitarbeiter nach und nach. Wir besuchten sogar sein Privathaus und Archiv. Wer ein Steidl Buch kennt, kennt auch diesen bestimmten Papiergeruch. Der ist auch überall in der Druckerei präsent. Man merkt, dass das eine Kultur ist, die sich um die Kunst herum bewegt, um die Liebe zur Fotografie, zum Papier und zum Handwerk. So etwas ist ganz besonders
und extrem selten.

Zum Abschied haben wir noch eine große Tasche an Steidl Büchern und Katalogen erhalten. Es war eine sehr surreale Reise, ein wunderschöner, herzlicher Aufenthalt mit vielen spannenden Gesprächen. Eine sehr besondere Erfahrung. Ich musste mich noch ein paar Tage später davon „erholen“. Im Auslöser zeigen wir davon viele Zitate begleitet von einer langen Fotostrecke.

Christian Reister: Letztlich gibt es dann auch noch ein wenig Kameratechnik im Heft.

Sebastian Gansrigler: Wir zeigen pro Ausgabe eine Kamera im Detail, aber da geht es gar nicht um die Technik, sondern mehr um die Ästhetik des Objekts und die Geschichte dahinter. Von den meisten Magazinen wird die Kamera immer rein technisch beschrieben, was sie aber ja nicht ist. Natürlich ist sie ein Werkzeug, genau wie für einen Tischler der Hammer und der Nagel. Aber diese Objekte haben noch ganz andere Seiten. Wir behandeln das fast so, als wäre die Kamera ein Mensch, der uns eine Geschichte erzählt, als würden wir ein Interview mit der Kamera führen.

In der ersten Ausgabe zeigen wir Susse Frères Daguerréotype, die erste kommerziell hergestellte Kamera der Welt, und die Letzte ihrer Art, die noch existiert. Dazu haben wir eine tolle Kooperation mit dem WestLicht Kameramuseum in Wien gemacht. Die Kamera ist dort im Schaudepot ausgestellt, wir durften sie herausnehmen und in unserem bestimmten Studiosetup ausleuchten. Sie feiert mit uns heuer 180 Jahre Fotografie und somit die Erfindung und Gründung des fotografischen Verfahrens, wie wir es heute kennen. Ich denke, das ist super passend für die erste Auslöser Ausgabe, auch wenn wir vom „Auslösen“ ansich sprechen.

Christian Reister: Ist zur Veröffentlichung der ersten Nummer ein Event geplant?

Sebastian Gansrigler: Da bin ich schon sehr aufgeregt. Das ist am 7. März 2019 von 18:00 bis 22:00 im VIU Store Neubaugasse in Wien. Wir werden dort eine große Magazin Release Party feiern und den Auslöser präsentieren. Es gibt Goodie Bags, Poster, Getränke und gute Musik. Ich hoffe, dass der Auslöser dadurch auch etwas beworben wird, da es ja um die Unterstützung der Community und FotografInnenszene durch diese Geschichten geht. Und diese Geschichten wollen wir verbreiten und weitererzählen. Ich freue mich schon sehr auf mehr Feedback.

Christian Reister: Gibt es schon konkrete Pläne für die zweite Ausgabe?

Sebastian Gansrigler: Wir recherchieren schon intensiv und möchten mit der zweiten Ausgabe noch verrückter und mutiger werden. Ich hoffe die Leute sehen in welche Richtung wir mit dem Auslöser mit der ersten Ausgabe gehen und diese Richtung wollen wir vertiefen und noch weiter ausbauen. Die Fotografie hat so viel zu bieten, da gibt es endlos viel Material und die Selektion und Zusammenstellung ist schwierig und spannend.

Christian Reister: Gibt es eine Art Traum-Interviewpartner, die oder den du früher oder später interviewen möchtest?

Sebastian Gansrigler: Ich denke, dass es sehr viele Traum-Interviewpartner gibt. Gerhard Steidl war ganz weit oben auf der Liste. Eine Person in der Schweiz habe ich auch interviewt, da möchte ich aber noch nicht zu viel verraten. Generell denke ich aber, dass man sich vom Status und Bekanntheitsgrad nicht ablenken lassen sollte. Ich glaube eher, dass das Entdecken des Unbekannten viel mehr Spaß macht. Und auf Langzeit gesehen, dass dadurch viel schöne Beziehungen und Freundschaften wachsen können.

Obst und Muse ist auch eine große Inspiration für den Auslöser und ich finde sehr schön was ihr macht. Ich möchte dir herzlich danken für das Interview!

Christian Reister: Mein Dank zurück und viel Erfolg mit dem Auslöser!

Sebastian Gansrigler

Sebastian Gransrigler, *1994,  ist Herausgeber des neuen Fotomagazins Auslöser. Er arbeitet als unabhängiger Fotograf und Grafikdesigner für Museen und Galerien in Wien.

gansrigler.com
ausloeser.org

„Berlin – Alles ist möglich“ – Florian Reischauer und Christian Reister im Gespräch über Pieces Of Berlin

der david und der louis

berlin – der david und der louis

der graham

berlin – der graham

die kaya

berlin – die kaya

Christian Reister: Florian, bevor wir auf deine fotografische Arbeit zu sprechen kommen, ein paar Worte zu dir. Du bist Österreicher und Ende der Nuller Jahre in Berlin aufgeschlagen. Wie alt warst du damals und warum gerade Berlin?

Florian Reischauer: 2007 bin ich in Berlin angekommen und ich war 22 Jahre alt. Berlin war für mich damals eine große Unbekannte, aber ich wollte und musste eine neue Heimat für mich finden. Mein Bild der Stadt, die ich noch nie zuvor besucht hatte und die ich ausprobieren wollte, war geprägt durch Herr Lehmann und den Leuten die sagten: „zum Geld verdienen brauchst du hier her nicht kommen, zum Leben schon.“.

Christian Reister: Hast du in Berlin angefangen zu fotografieren oder schon vorher? Was hast du in deiner alten Heimat gemacht?

Florian Reischauer: Ich hatte bereits in Wien damit angefangen und an der Graphischen Fotografie studiert. Ich bin direkt nach dem Abschluss nach Berlin mit dem Ziel als Fotograf zu arbeiten.

Christian Reister: Nun, das klingt nun wirklich nach Herrn Lehmann: mit dem Ziel, als Fotograf zu arbeiten, bist du ausgerechnet in die Stadt gezogen, von der man dir erzählt hat, dass es hier kein Geld zu verdienen gibt. Wie einfach war es für dich, hier Fuß zu fassen? Was waren die ersten Jobs?

Florian Reischauer: Nun ja, ich wollte mich von diesen Stimmen nicht beirren lassen, und dachte mir, dass schon irgendwie alles klappen wird. Nach dem Motto: Berlin – alles ist möglich. Ich hatte gleich anfangs die Chance für eine Künstlerin zu arbeiten. Neben Dunkelkammer, Lichtbestimmen, Kommunikation und Ausstellungsvorbereitungen bekam ich da einen tollen und inspirierenden Einblick in den Künstleralltag. Gleichzeitig hatte ich eine Assistenz für einen Fotografen begonnen und nebenbei entwickelten sich eigene Fotojobs und es blieb eben auch noch Zeit eigene Projekte zu realisieren.

Christian Reister: …und eines dieser freien Projekte war dann „Pieces Of Berlin“, ein Langzeitprojekt, das ich damals zuerst über deinen Blog kennengelernt habe. Es gab dort Stadtansichten, aber hauptsächlich immer wieder neue Porträts von Menschen auf der Straße, kombiniert mit kurzen Texten, in denen du die Person beschreibst. Wie ist die Idee für das Projekt entstanden und wie wichtig war von vornherein der Blog, der ja sehr bekannt wurde und über den man das Wachstum der Serie quasi „live“ verfolgen konnte?

Florian Reischauer: Als ich hier ankam war vieles neu für mich. Der ganze Platz, die urbanen Wastelands, die vielen Möglichkeiten, das unvergleichbar Improvisierte. Da mir am Anfang auch noch nicht klar war, wie lange ich wohl in Berlin bleiben würde, hatte ich immer meine alte Kamera dabei, um für mich, etwas tagebuchartig, die Stadt zu erkunden beziehungsweise zu dokumentieren. Schnell wurde mir klar, dass gerade solche Brachen sehr schnell verschwinden und wie rasant sich sowieso alles verändert in Berlin. So begann das Sammeln. Durch die Neugier nach mehr und auch wegen des gewonnen Bewusstseins, eine neue Heimat gefunden zu haben, wollte ich die Stadt vor allem durch ihre Einwohner kennen lernen. Der Blog war natürlich in dem Sinne wichtig, da es eine einfache Methode war etwas zu publizieren und es für alle zugänglich zu machen.

Christian Reister: Die Porträtierten sind in der Regel Zufallsbekanntschaften von der Straße, richtig? Nach welchen Kriterien gehst du vor, wenn du Menschen ansprichst?

Florian Reischauer: Genau, hier spielt der Faktor Zufall eine große und wichtige Rolle. Ich spreche im Prinzip jede*n an, und versuche so uneingenommen wie möglich zu sein. Für jeden Spaziergang nehm ich mir in der Regel einen Rollfilm mit, 12 Fotos, pro Person auch nur ein Bild. Das Einzige auf das ich bei der Auswahl jedoch achte, ist ein ausbalanciertes Geschlechterverhältnis der Porträtierten.

Christian Reister: Gibt es viele Ablehnungen?

Florian Reischauer: Im Schnitt würde ich sagen, dass ca. die Hälfte der Leute mitmacht. Aber es kommt natürlich auch auf Faktoren wie Wetter und Jahreszeit an. Generell ist es einfacher junge und alte Menschen davon zu überzeugen. Das „Mittelalter“ ist da bei weitem nicht so offen, bzw. auch oft sehr misstrauisch. Im Grunewalder Villenviertel ist es zum Beispiel auch schwieriger, in Kreuzberg oder Nordneukölln deutlich einfacher. Man kann da natürlich Tendenzen aufzeigen, aber im Endeffekt wird man sehr oft überrascht, und das ist das spannende und schöne daran. Man muss halt hartnäckig bleiben.

Christian Reister: Lässt du dir ein Model Release für die Veröffentlichung unterschreiben?

Florian Reischauer: Nein, es gibt tatsächlich kein Model Release. Es basiert quasi alles auf Vertrauen. Ganz am Anfang hatte ich eins mit, aber das war zumindest für mich eine unangenehme Situation, jemanden dem man gerade kennen gelernt hat, eben das Vertrauen gewonnen hat, ein Formular unter die Nase zu halten.

Christian Reister: Apropos Vertrauen: 2013 hast du dein erstes Buch über Crowdfunding finanziert. Erzähle doch mal, wie das lief – wie viele haben mitgemacht, um welche Summe ging es und wie hast du die Supporter erreicht? Von deinem Blog haben wir schon gesprochen, das Projekt hatte offensichtlich schon eine gewisse Fanbase.

Florian Reischauer: Das Crowdfunding hatte sehr gut funktioniert. Ich hatte dazu lediglich eine eigene Seite am Blog online gestellt mit allen Infos und Unterstützungsmöglichkeiten, wie Pre-orders usw. Das Ganze lief so zusagen autark ohne einer der bekannten Crowdfunding-Plattformen. Auch ein Experiment so zu sagen, da ich damit überhaupt keine Erfahrung hatte.

Voraussetzung, dass es geklappt hat, waren natürlich die vielen Follower, die sich in den 5 Jahren davor gesammelt hatten und der Zeitpunkt war auch nicht verkehrt, da die Kampagne kurz vor der Einführung der „sponsored posts“ auf Facebook gelaunched wurde. Man konnte daher noch eine sehr hohe Reichweite mit der Facebook Fanpage generieren. Am Ende waren es über 100 Unterstützer und eine Summe von ca. 5000 € die das erste Buch möglich gemacht haben, bzw. einen Großteil des ganzen Budgets eingespielt haben.

Christian Reister: Das Buch ist gestalterisch nichts von der Stange. Offene Fadenbindung, Graukarton-Cover mit ausgepartem Rahmen für ein Bild, das dahinter eingeklebt ist. Ich glaube das ist sogar ein Original-Fotoprint? Außerdem gestempelt, nummeriert, signiert, alles mit sehr viel Liebe gemacht. Das ist alles sehr stimmig bis ins Detail, weshalb das Buch auch zu Recht für den Deutschen Fotobuchpreis nominiert wurde. Wie bist du damals an die Gestaltung rangegangen und wo hast du das Buch drucken lassen?

Florian Reischauer: Das Buch kam tatsächlich quasi als „Rohling“ von der Druckerei (Livonia Print in Riga) und ich habe den „Cover Print“ dann selbst reingeklebt. Ich mochte den Gedanken, jedes einzelne Buch noch in der Hand zu haben und selbst das i-Tüpfelchen draufzumachen – sprich nach der maschinellen Erzeugung noch bisschen eigene Handarbeit. Das hat Spaß gebracht. Beide Bücher sind mit dem Wiener Gestalter Stefan Bauernberger (http://stefanbauernberger.com/) entstanden. Das Erste hatte ich ganz am Anfang schon sehr klar im Kopf wie es aussehen sollte, Stefan hat alles verfeinert und sich vor allem dann um die Typo und Textlayout gekümmert.

Das zweite Buch war deutlich herausfordernder. Die Frage war, wie schafft man eine intensive Weiterentwicklung, packt symbolisch Stadtentwicklungen mit rein und wie kann man den Wiedererkennungswert der Serie beibehalten. Wie kann man Kontraste, die das Berliner Stadtbild so stark bietet, auch gestalterisch mit einfließen lassen – usw.! Gleichzeitig hatte ich mir vorgenommen, viel freier und frecher zu agieren. Auch der Fotografie oder dem Foto an sich gegenüber: weg vom starren 6x6 Quadrat, das für mich vor 5 Jahren und im ersten Buch quasi noch unantastbar war.

Am Ende war es viel Recherche und ein geniales Ping-Pong Spiel, in dem wir uns Ideen und Vorschläge permanent hin und her geschickt hatten, bis das Buch immer klarer wurde. Eine inspirierende und spannende Zusammenarbeit.

Christian Reister: Wie im ersten Buch, das die Jahre 2009-2013 umfasst, sind auch im zweiten (2014 – 2018) die Themen der Protagonisten breit gefächert. Es fällt aber auf, daß sich jetzt viele um die steigenden Mieten und generell um die Gentrifizierung Berlins große Sorgen machen. Zu diesem Thema hast du auch mehrere Texte verschiedener Autoren mit aufgenommen, u.a. von Andrej Holm und Michael Prütz, einem Vertreter der Initiative „Deutsche Wohnen enteignen“. Damit beziehst du klar Stellung. Wie wichtig ist dir die gesellschaftspolitische Komponente des Buchs? Und generell in deiner Arbeit als Künstler?

Florian Reischauer: Die rasant steigenden Mieten, Angst aus dem Kiez verdrängt zu werden, usw. waren mit Abstand die am häufigsten genannten Sorgen der porträtierten Berliner*innen. Das war eben der Anlass diese Themen zu vertiefen und dazu wollte ich Experten aus dem wissenschaftlichen, aktivistischen und juristischen Bereich zu Wort kommen lassen. Ziel war es den Status Quo zu erörtern, Möglichkeiten zur Veränderung aufzuzeigen und einen Ausblick in die Zukunft zu geben. Es war ein Versuch einer positiven Herangehensweise an dieses Problem und auch das Herausstreichen einer Berliner Tugend bzw. eines Zeitgeistes der meiner Meinung nach noch immer gültig ist: “Berlin – Alles ist möglich” Die Stadt beheimatet eine ausgeprägte kritische Masse wie keine andere, und die ist auch das A und O in dieser Frage. Mir persönlich ist es wichtig, dass das Buch diesbezüglich zu Diskussionen anregt und Inputs gibt.

Christian Reister: Ein anderes großes Thema der letzten Jahre waren natürlich „die Flüchtlinge“. Du hast einen Extra-Teil im Buch mit kurzen Interviews, die du zusammen mit Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien gemacht hast. Wie kam das?

Florian Reischauer: Wir hatten Workshops für minderjährige unbegleitete geflüchtete Kids organisiert. Die waren voller Datendrang und natürlich sehr neugierig. Wir sind in kleinen Gruppen los, wie Reporterteams. Sie haben sich vorher Fragen überlegt, die sie ihren quasi neuen Mitmenschen in Berlin stellen möchten. So haben wir nach dem „Pieces Of Berlin-Schema“ zufällig Leute auf der Straße angesprochen, porträtiert und interviewt. Den Kids hat das sehr viel Freude bereitet und es war toll mal den Spieß umzudrehen, sprich, nicht über Geflüchtete zu berichten sondern umgekehrt Geschichten zu erzählen.

Christian Reister: Es fällt auf, dass der „normale Berliner“ unter deinen sonstigen Protagonisten ein recht entspanntes Verhältnis zur Zuwanderung hat. Man sieht das eher gelassen oder auch durchaus positiv. Nun kann ich mir aber schwerlich vorstellen, dass dir nicht auch der ein oder andere AfD-Wähler oder sonstige zumindest latent rassistische Berliner vor die Kamera gekommen ist. Was machst du mit solchen Positionen? Einfach weglassen, weil du solchen Stimmen kein Sprachrohr liefern willst?

Florian Reischauer: Das ist ein sehr interessantes Thema, und hat mich in den letzten Jahren auch sehr beschäftigt. Also wie gehe ich damit um, wenn jemand etwas Menschenverachtendes sagt. Da ich die Texte nicht kommentiere, habe ich mich dazu entschlossen derartiges nicht zu publizieren. Aus dem einfachen Grund, da es sonst solchen Aussagen eine offene Bühne bietet und noch mehr zur Normalität wird.

Das Interessante ist jedoch, dass es in all den Jahren nie zu so einem Fall gekommen ist, und ich muss auch dazu sagen, dass ich bei den Interviews sehr neugierig sein kann, und ich keineswegs versuche, Themen zu umgehen, sondern das Gegenteil. Ich kann mir das nur so erklären, dass dieser Prozentsatz an Menschenfeinden in unserer schönen Stadt sich in den ca. 50% verbergen muss, der auf meine Anfragen hin nicht mitmachen will. Es ist halt einfacher, feige im Netz zu haten.

Christian Reister: letzte Frage: Seite 89 sieht aus wie ein Fehler – wo sonst das Porträt ist, ist ein weißer Freiraum. Hat sich der namenlose 23jährige, dessen Zitat daneben abgebildet ist, nicht fotografieren lassen wollen?

Florian Reischauer: Genau, er wollte sich nicht fotografieren lassen, hat mir aber sehr viel aus seinem Leben erzählt. Großteils Lebensgeschichten die man niemanden wünschen möchte. Ich wollte keinenfalls im Buch darauf verzichten und fand gestalterisch die weiße Seite sehr stark und aussagekräftig. Beim Durchblättern wird man dadurch irritiert und es werden auch Fragen aufgeworfen bezüglich dem sich fotografieren lassen.

Florian Reischauer, porträtiert von Christian Reister

Florian Reischauer, geb. 1985 in Ried im Innkreis (Österreich)
Seit 2007 als Fotograf in Berlin tätig.

www.piecesofberlin.com
www.florianreischauer.com

„Die gelebte Kunst war wichtig, nicht das Geld, der Ruhm, oder die Macht!“ – Jens Pepper interviewt Colette Lumiere.

Colette Lumiere and the Lion

Jens Pepper: Ich habe mir gerade den Katalog der Rempire Galerie in New York angesehen, der 1991 anlässlich deiner Ausstellung „Works from 70’s-90“ erschien. Darin gibt es eine Gesamtansicht deiner Inszenierung dort, auf der auch dein Bild „‚Mata Hari & The Stolen Potatoes‘ zu sehen ist, eine malerische Arbeit kombiniert mit Assemblage. Eine schöne Arbeit, die dich vor der Berliner Mauer zeigt. Was ich da nicht erkennen kann ist, ob du die Mauer nach einer Fotografie gemalt hast oder ob du eine – vielleicht kopierte – Fotovergrößerung verwendet hast, auf der du dann gearbeitet, gemalt hast. Erzähl mir von der Geschichte hinter diesem Bild und warum du die Berliner Mauer als Kulisse gewählt hast.

Colette Lumiere: Nun Jens, da hast du die Büchse der Pandorra geöffnet. Meine Identitäten leben weiter, sind ein Teil meiner Geschichte. Ich bevorzuge es, mich auf meine Gegenwärtige zu fokussieren. Es gibt eine Raum im Löwen Palais der Stiftung Starke*, der Mata Hari and the Stolen Potatoes gewidet ist, meiner Berliner Identität von 1984 bis 1985. Konzipiert hatte ich Mata Hari and the Stolen Potatoes im Dezember 1983, kurz bevor ich New York City verlassen habe. […] Von 1978 bis dahin war ich zunächst Justine von der Colette is dead co., dann aka Justine and the Victorian Punks. […]1984 war die Mauer noch da. Es war der perfekte Ort für meine neue Identität. Inspiriert zu diesem neuen Titel wurde ich durch die mysteriöse Spionin und die Kartoffel, meine liebste deutschen Speise, und so entwickelte sich meine Identität im Lauf des Jahres. Um diese neue Person schuf ich dann neue Bilder, fotografische Arbeiten, Skulpturen, Environments. Das Foto, auf das du dich beziehst, gehört zu einer Reihe von Aufnahmen, die an der Mauer aufgenommen wurden. 1985 wurde ich gebeten eine Werbetafel für die Ausstellung „Under the Yorkbridge“ zu machen. Ich malte also über das Blow Up eines Fotos von mir als Mata Hari vor der Mauer; später fügte ich noch andere Materialien dazu. Es gibt allerdings kein niedergeschriebenes Rezept wie ich Fotografie verwende … das ist meine eigene Alchemie … die ich ‚colettesizing‘ nenne!

Ich benutze Fotografie oft so wie Maler Leinwände benutzen. Zerstörung, Rekonstruktion, Transformation sind Teil meines alchemistischen Rituals. Einige meiner liebsten Kunstwerke wurden mit Fotos, die Fremde von mir an öffentlichen Orten aufgenommen haben, Fremde, die ich gebeten hatte, mich zu fotografieren, gemacht. Die Qualität der Fotos ist nicht immer von Bedeutung für mich. Ich bin selbst auch keine professionelle Fotografin, genauso wie ich keine professionelle Sängerin oder ausgebildete Modemacherin bin. Ursprünglich waren meine Modekreationen „Antimode“. Einige Leute bezeichnen mich vielleicht als Betrügerin! Was soll’s. Nicht in diesen Bereichen trainiert zu sein, bedeutete auch frei zu sein und sie mit einem frischen Ansatz und experimentell angehen zu können. Die Ironie bei dieser Sache ist, dass diese [meine] Arbeiten dafür bekannt sind, andere in Kuntkreisen und kommerziellen Bereichen inspiriert zu haben.

Zurück zu der Art wie ich Fotografie verwende. Manchmal dient sie nur dazu, einen Moment festzuhalten. Es gibt aber auch Situationen, in denen ich gezielt mit talentierten Fotografen zusammenarbeite. Aber selbst dann werden Fotos in der Regel von mir auf die eine oder andere Art verändert.

Jens Pepper: Seit wann verwendest du Fotos von dir in deiner Kunst?

Colette Lumiere: Ich muss überlegen, wann ich Fotografie erstmals in meiner Arbeit verwendet habe und weshalb. Ich nehme an, dass das zu der Zeit war, als ich mit meiner Straßenmalerei begann und meine ersten belebten Environments schuf, also mit mir als Teil davon. Viele dieser Arbeiten waren ephemer, aber ich spürte, dass es wichtig war, sie irgendwie festzuhalten. Damals musste ich darauf vertrauen, dass ein Freund, ein Bekannter oder ein Fremder mit irgendeiner Kamera oder was auch immer für ein Instrument zur Verfügung stand, Bilder machte.

Ich hatte damit begonnen die Straßen zu bemalen, weil ich einen Film machen wollte. Thema war eine junge Frau aus dem All, die ihre persönlichen Hieroglyphen auf das Pflaster in SoHo malte, um mit ihren Freunden zu kommunizieren. Den Film habe ich nie beendet. Es gab keine finanzielle Unterstützung und außerdem bin ich oftmals zu ungeduldig. Ich habe aber Schönheit in der Straßenmalerei gesehen, und so habe ich damit weiter gemacht.

Parallel dazu habe ich damit begonnen, in einem Environment zu leben, das aus reiner eierfarbener, Seide bestand, so dass ich Teil davon wurde. Kurz darauf wurde meine Arbeit auch von bekannten Galerien und Institutionen gezeigt. Diese Environments zu dokumentieren wurde dann natürlich wichtig. Und mit Hilfe der gelegentlichen Unterstützung eines Förderers war ich in der Lage einen professionellen Fotografen zu engagieren, der zwar nicht wirklich begriff, was ich da machte, aber immer wusste, wie man Fotos macht. Und so ging es dann weiter. Irgendwie hatte ich allerdings das Gefühl, dass diesen Dokumentationen nicht meine Handschrift trugen. Und so begann ich, die Fotos zu verändern, auf ihnen zu malen, sie zu collagieren, sie zu Lichtkästen zu machen etc.

Jens Pepper: Warum hast du eigentlich damit begonnen andere Persönlichkeiten wie Mata Hari oder Justine anzunehmen? Was für eine Idee steckte dahinter?

Colette Lumiere: Colette ist mein Geburtsname, benannt wurde ich nach einer berühmten französischen Schriftstellerin. Als ich, noch ziemlich jung, meinen Nachnamen aufgab, fühlte ich mich von ihr inspiriert. Natürlich kann man sagen, dass ich naiv war in Bezug auf die Kunstwelt, auf die Welt ganz im Allgemeinen. 1978 hatte ich international Berühmtheit erlangt aber noch immer finanzielle Schwierigkeiten, um meine Projekte zu verwirklichen. Das veranlasste mich, meinen eigenen Tod zu inszenieren und eine neue Person zu erschaffen: Justine. Meine Arbeit hatte bereits Einfluss in Kunstkreisen als auch in der Welt des Kommerzes. Ich wollte meine Visionen mit einem größeren Publikum teilen, weshalb ich an unorthodoxen alternativen Orten ausstellte, auf den Straßen, in Schaufenstern von Läden, in Nachtclubs; natürlich parallel zu Ausstellungen in Museen und Galerien. Und ich integrierte Mode, Design, Audio, Projektionen in meinen Installationen, Performances und Multimedia-Präsentationen.

Justine war dann auch Chefin der Visual Art Band ‚Justine and the Victorian Punks‘. Zunächst machten die keine Musik sondern posierten. Außerdem war Justine ein Marketing-Genie. Durch Colettes Kunst und persönlichen Stil inspiriert machte sie den Kommerz zu ihrem Medium. Justine, die Präsidentin der ‚Colette is Dead Co.‘ präsentierte sich als Rockstar, Interior- und Modedesignerin und als Erfinderin von Produkten, deren Grundlage das Bild von Colette war. Weiterhin war sie ihr Nachlassverwalter. Das war eine laufende konzeptuelle Arbeit, die die Widersprüche unserer Kultur entlarvte.

Diese Figur kann man immer noch als ziemlich vorausschauend bezeichnen, sie war ihrer Zeit weit voraus. Geplant war das ganze als Parodie, aber erstaunlicherweise war es sehr prophetisch. Heute, wo Populärkultur und Ideen der Kunst miteinander verschmolzen sind, sind Appropriation, Branding, die Verwendung von anderen Identitäten, das Sich-selbst-in-ein-Kunstwerk-verwandeln normale Praktiken in der Kunst und Populärkultur. Das Internet und die Sozialen Medien tragen dazu bei, dass diese Ideen unser tägliches Leben durchdringen.

1984 wurde ich dann vom DAAD nach Berlin eingeladen, um dort ein Jahr zu verbringen. Bevor ich fuhr, hatte ich mein Lebens-Environment [in New York] demontiert. Und wie ich schon sagte, war das der Zeitpunkt, als ich zu dieser neuen Person, ‚Mata Hari & The Stolen Potatoes‘, wurde, für die Berlin zur Bühne wurde.

Alle meine Identitäten sind wie Musen. Sie haben eine Message, einen speziellen Look, ein Motto, einige haben auch Regeln, so wie die Regeln meines ‚House of Olympia‘. Sie entwickeln sich ab dem Moment ihrer Schöpfung und haben eine unvorhersehbare Lebensspanne, ganz so wie bei Menschen. Sie tauchen in der Regel dann auf, wenn es Veränderungen gibt, nicht nur in meinem eigenen Leben, bei einem Wechsel des Ortes zum Beispiel, sondern auch in der Welt.

Jens Pepper: Aktuell erleben wir massive Veränderungen in der Welt, Demokratien sind gefährdet, es gibt immer mehr Populismus, immer mehr Menschen werden durch Kriege, Rohstoffmangel und Armut zu Flüchtlingen. Können wir demnächst eine neue Identität von Colette erwarten? Falls ja, wie wird diese Person und ihre Kunst dann aussehen?

Colette Lumiere: Das ist wahr Jens. Lumiere wurde vor 9/11 geschaffen, aber den Namen habe ich erst danach verwendet. Es wurde immer klarer, dass die Welt Licht am dringendsten benötigte. Lumiere stellte die Frage danach, was im Leben am Wichtigsten sei. Durch ihre Kunst behandelte sie Themen wie Unsicherheit, Unbeständigkeit und Verdrängung.

Im wahrsten Sinne des Wortes habe ich all diese Umstände am eigenen Leib erfahren. 2001 lebte ich ziemlich nah am World Trade Center und war gezwungen, meine Räume für einige Zeit zu verlassen. 2007 wurde ich dann ohne Vorwarnung geräumt und musste mein Zuhause, das Atelier ‚Maison Lumiere‘ verlassen. Und dann wurde mein Studio während des Sturms Sandy in 2012 überflutet. Glücklicherweise überlebte ich alle drei Katastrophen und konnte die meisten meiner Arbeiten retten. ‚Maison Lumiere‘, mein legendäres Atelier, wurde nach meiner Räumung in ‚Laboratoire Lumiere‘ umbenannt. Die Themen, die Lumiere inspirierten, bestehen noch immer. Lumieres Kompositionen und die Formate ihrer Arbeiten wurden minimalistischer.

Environments gibt es immer noch, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. So gab es Beispielsweise die monumentale Arbeit ‚There’s a Mermaid in the Attic‘ im PS1 MoMA von 2016. Übrigens entstehen die neuen Persönlichkeiten durch mich, ich bin da wie ein Medium. Obwohl ich über einen Namenswechsel nachgedacht habe, ist der Ruf diesen zu manifestieren bisher nicht laut genug. Wenn neue Persönlichkeiten entsteht, beginnen sie ihr eigenes Leben. Wie auch immer, ich möchte Aufnahmebereit bleiben.

Jens Pepper: Da wir über die Verwendung und die Bedeutung von Fotografie in deiner Arbeit sprechen: Wie verändert sie sich, wenn du deine Persönlichkeit veränderst? Wenn sie es denn tut. Ich nehme an, dass sie lediglich ein Werkzeug ist, um die Werke entstehen zu lassen, die aus jeder neuen Person heraus entstehen, oder? Oder verändert der Persönlichkeitswechsel auch die Art, wie du Fotografie verwendest und wahrnimmst?

Colette Lumiere: Gute Frage! Ich babe da keine Regeln. Um Justine von der ‚Colette is Dead Co. 78‘ zu zitieren: „Das Medium, welches ich verwende, ist nicht so bedeutend wie die Tatsache, dass ich es in Kunst verwandle.“ Fotografie bleibt ein wichtiges und prominentes Medium in meiner Arbeit, wie immer die auch aussieht. Ich bin immer offen für neue Wege. Die Fotografie als Kunstform hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten entwickelt und floriert und ich möchte fortfahren damit zu experimentieren.

Jens Pepper: Hast du schon Ideen im Hinterkopf? Was wäre für dich interessant?

Colette Lumiere: Du wirst der erste sein, der davon erfährt. Ah, eigentlich … Ich habe eine vage Idee … Aber ich bin noch nicht so weit, sie zu teilen, es ist noch nicht Zeit dafür. Vielleicht ist Lumiere ja auch die letzte. Hängt davon ab, was die Götter so im Sinn haben.

Obwohl ich geschmeichelt bin von der Richtung, welche die Kunst in den vergangenen Jahrzehnten eingeschlagen hat – so viele Installtionen, Prozess-Kunst, die Verwendung der eigenen Person und anderer Charaktere, Street Art, selber Teil eines Werks zu werden etc. – all das ist normal geworden, bin ich mir manchmal nicht sicher, ob ich als lebendes Kunstwerk bezeichnet werden will. Ich bin in letzter Zeit ein wenig davon abgeschreckt, ungefähr seit der Zeit, als ich mein bewohnbares Environment abgebaut haben. […] Andererseits bin ich aber auch erleichtert, wenn ich immer noch als lebendes Kunstwerk bezeichnet werde, denn das bedeutet, dass es zumindest ein Bewusstsein für einen wichtigen Teil meines Lebenswerks gibt.

Erika Billeter [1927-2012, schweizer Kunsthistorikerin und Museumsleiterin] schrieb mal, dass ich diese Idee besser umgesetzt habe als alle anderen, die in dem Katalog ‚Soft Art‘ aus den 1970ern, anläßlich einer Ausstellung im Museum in Lausanne, vertreten waren. In gewisser Weise habe ich immer weiter gemacht. Selbst in den Zeiten, als ich mich dadurch beeinträchtigt fühlte und auch als ein Teil der Message verloren ging, wenn andere Künstler, durch mich inspiriert, dieses ’sich selbst ein Kunstwerk sein‘ und ‚die eigene Kunst leben‘ zu wörtlich nahmen. Fakt ist, dass meine Erscheinung immer noch mit meiner Arbeit in Verbindung gebracht wird. Und damit fühle ich mich wohl. Es ist so, wie wenn man das Wort ‚Liebe‘ oder den Ausdruck ‚Im Hier und Jetzt sein‘ zu sehr beansprucht. Es verliert seine Bedeutung, seine Kraft. Dennoch wünsche ich, dass meine Geschichte weiterlebt und dass man sich an die originalen Arbeiten erinnert, dass sie ausgestellt werden und man sich auf sie bezieht.

Jens Pepper: OK, darauf zähle ich jetzt mal. Viele deiner frühen Arbeiten, – Installationen, die Persormances -, überdauern nur als Foto. Sie sind Zeugnisse deine Rolle in dieser interessanten Epoche der Performances und des Feminismus in den 1970er Jahren. Ich habe ein Schwarz-Weiß-Foto von dir in einem wichtigen, umfassenden Buch über die Geschichte der Aktfotografie aus dem Jahr 1985 gefunden, ‚Das Aktfoto – Ästhetik, Geschichte, Ideologie‘. Es zeigt deine Arbeit ‚Real Dream‘ von 1975, in der du nackt im Zentrum einer inszenierten Environments liegst. War das so von dir intendiert, dass dieses Foto als eigenständigen Kunstwerk überdauert? Oder wurde es damals als reine Dokumentation verwendet – als, wie erwähnt, Material für Malerei etc. – und erst später als eigenständige Arbeit akzeptiert? Das ist eine identische Situation wie wir sie bei Marina Abramovic/Ulay oder anderen Performancekünstlern haben. Fotodokumentationen werden später zu eigenständigen Werken, die ausgestellt oder mit denen auf dem Kunstmarkt gehandelt wird.

Colette Lumiere: Noch eine gute Frage! Ja, die Dokumentationen der belebten Evironments sind wichtige Objekte, die übrig bleiben. Stücke von den Wänden dieser Environments sind ebenfalls wichtige Kunstwerke, in die ich häufig beleuchtete Fotos einbettete. Solche Stücke wurden auch so eine Art Markenzeichen. Ich mache solche Arbeiten noch immer. Einige dieser Wandstücke werden in Museen und Museumssammlungen gezeigt, genauso wie die Arbeiten in Mischtechnik, die modifizierten bzw ‚collettesized‘ Fotografien oder einfach nur die Fotos.

Anfangs musste ich improvisieren, wenn ich keinen professionellen Fotografen anheuern konnte. Ich musste mich auf Fremde verlassen oder Freunde, die Fotos machten und mir freundlicherweise die Negative gaben. Die waren manchmal nicht gut. Sie zu ändern bedeutete sie zu transformieren. Manchmal habe ich auch ein Tauschgeschäft mit den Fotografen gemacht.

Ich hatte das Glück mit wunderbaren Fotografen zusammenzuarbeiten, die Freunde von mir waren oder mit denen ich gut bekannt war, beispielsweise Christophe von Hohenberg und Torkil Gudnason. Chris hat meine ‚Beautiful Dreamer Uniform‘-Serie fotografiert, ein Experiment mit tragbarer Architektur, 1980-1982, als ich nur geraffte Kleidung trug, die von meinen belebten Environments inspiriert war. Später fotografierte Torkil Gudnason, der eigentlich Modefotograf ist, mich, sich selbst und unsere Freunde für die ‚Mata Hari and the Stolen Potatoes‘-Serie sowie die ‚Silk to Marble‘-Serie 1984 bis 1985, in der ich mit Hilfe eines großen, weißen Tuchs verschiedene Modestile verschiedenen Epochen skulptural darstelle, Stile, die durch [römische, griechische, victorianische usw.] Skulpturen überliefert wurden. Manchmal habe ich auch eine Fotosession mit einem Magazin gehabt und der jeweilige Fotograf war so freundlich, mich die Aufnahmen für meine Arbeit benutzen zu lassen. Da gab es ein gegenseitiges Einverständnis und eine Art von Handel, weil sie ja für ihren Job, mich zu fotografieren, bezahlt wurden und ich, das Kunstwerk, die Inspiration, die Berühmheit nicht. Da gab es verschiedene Umstände und Ergebnisse. Heute, mit dem Internet, machen viele Fotografen und andere Leute Aufnahmen bei sozialen Ereignissen und posten die dann auf den Social Media, immer schön mit ihrem Copyright versehen. Da bekomme ich häufig keinen Print oder die Daten und wenn, oftmals in winziger Größe. Dazu kommt, dass ich die Bilder oft nicht mag. Ich sollte künftig vielleicht eine Maske tragen oder mir eine Tasche über den Kopf ziehen. Ha.

Jens Pepper: Gibt es dann ein geteiltes Copyright, wenn du mit einem Fotografen kooperierst oder gehört das Copyright dann einem von euch allein?

Colette Lumiere: Ich bevorzuge es mit Freunden zusammenzuarbeiten, denen ich vertrauen kann. Trotzdem ist es gut, die Sache klar zu halten. Ich gebe ihnen oft ein Kunstwerk im Austausch, wenn sie eine Serie machen, oder ich lasse sie einige Negative behalten. So bewahre ich mir meine Freiheit. Wenn ich es kann, gebe ich den Credit, aber da ich selber so sehr Teil meiner Arbeit bin, ergibt das nicht immer Sinn. In all den Jahren wurde ich von vielen bekannten Fotografen und Künstlern fotografiert: Arnold Newman, David la Chapelle, Torkil Gunason, Chris von Wangenheim, Kevin Clarke, Jim Rakete, Gilles Larrain, Helmut Newton, Patrick McMullen usw., nur um die zu nennen, die mir so spontan einfallen, und ich habe bei ihnen nie Probleme gehabt, wenn es um Prints und Negative für mich ging.

Jens Pepper: Hast du dich jemals selber mit der Kamera portraitiert?

Colette Lumiere: Du meinst, ob ich mich jemals selbst in einer meiner Transformationen fotografiert habe? Selten! Aber ich inszeniere, kontrolliere, editiere meinen Look und verändere die Fotos, die von mir gemacht werden. Ich arbeite eng mit den Fotografen zusammen und interagiere mit ihnen. Zum Beispiel für die Serie ‚Lumiere in Zulu Land‘ in Afrika. Dort wurde mir der Fotograf Christian Sparka zur Seite gestellt, der mir assistieren sollte. Er war ein professioneller Wild-Life-Fotograf und hatte am Anfang keine Ahnung von dem, was ich da mache. Dabei könnte man mich doch fast schon als Wild Life bezeichnen, oder? Da mussten wir erst zusammen finden! Nach einer Weile hat er dann meine merkwürdige Kleidung, meine Posen – auf dem Markt, in der Wildnis mit den Tieren, in meiner Hütte, die ich in ein Environment verwandelt habe – verstanden. Ich habe danach immer noch einige Fotos modifiziert. Jede Situation ist eben anders. Es gibt nicht den einen Fotografen, der mir assistiert, so wie es inzwischen viele Künstler handhaben. Das ist ja auch ein relativ neues Ding. Ich bevorzuge es, mich auf das zu konzentrieren, was ich mache, das Inszenieren etc. Dann erst kommt das Foto, weil ich sonst die Spontanität verlieren würde.

Jens Pepper: Dieses Foto von dir mit dem Löwen, das ich erst kürzlich in der Seven Star Gallery in Berlin gesehen habe, ist aus dieser Zulu-Land-Serie, oder? Was für eine Idee steckt dahinter? Du warst 2016 Gast im Zululand in Südafrika, zusammen mit anderen Künstlern.

Colette Lumiere: ‚Lumiere and the Lion‘, eine der Arbeiten aus der Serie ‚Les Adventures de Lumiere a Zulu Land.‘ wurde letzten Monat, also im Mai 2018, in der Seven Star Gallery enthüllt. Es ist ja nicht ungewöhnlich bei meinen Arbeiten, dass sie verschiedene Bedeutungsebenen haben. Das gilt auch für dieses Selbstportrait mit Löwen im Zulu Land. Ich bevorzuge es aber, nicht alle versteckten Mysterien in meiner Kunst zu erläutern. Der Spaß diese zu entschlüsseln soll dem Betrachter belassen bleiben.

Zusammen mit anderen Künstlern wurde ich im November 2016 von Thanda Art Project eingeladen, eine eile im Zululand zu leben. Der Kurator, Johan Falkman, war ein alter Freund, den ich vor allem aus dem wilden New Yorker Nachtleben kannte und den ich schon Jahre nicht mehr gesehen hatte. Ich hatte keine Ahnung, dass er Künstler und Kurator war, weil wir uns damals nur im Dunkeln und bei lauter Musik sahen. Das war eine ziemlich großzügige Einladung, hinter der der Mäzen von Thanda Art Project stand. Alles was wir uns erträumen konnten war da: Essen, Getränke, Unterhaltung, die interessante Gesellschaft von Künstlern, Schriftstellern und Kuratoren, wunderbare Einheimische und dann natürlich die Natur, das Wild Life, vor dem ich zunächst Angst hatte. Wie einige andere auch.

Einer der Künstler weigerte sich sogar in seinem Zimmer zu schlafen und schlief stattdessen an der höchsten Stelle des Speisesaals, den er finden konnte. Wir mussten uns auch Nachts zu unseren Zimmern begleiten lassen, weil man in Sorge war, dass wir Opfer eines Raubtiers werden könnten. Zudem wurden wir instruiert, vor dem Zubettgehen unsere Laken auf Schlangen hin zu untersuchen und morgens in unseren Schuhen nachzusehen, ob dort eventuell Skorpionen waren. Zudem sollten wir beim Öffnen unserer Tür wachsam sein, auch wenn wir nur kurz etwas Luft reinlassen wollten oder die Aussicht genießen, denn es hätte ja ein Löwe an unserer Türschwelle sein können.

Im Lauf der Zeit habe ich mich mit einige dieser wilden Kreaturen angefreundet. Ich habe mich mehrfach – indoor und outdoor – mit meinem [ausgestopften] Lieblingslöwen fotografieren lassen. Der Löwe spielt bei mir schon immer eine Rolle. Zuerst beeindruckte er mich im Tarot, wo es eine Karte gibt, die Stärke darstellt und auf der eine Frau einen Löwen zähmt. Später war der Löwe – auch wenn nicht selber präsent – Teil eines Werktitels: ‚The transformation of the sleeping Gypsy‘, benannt nach dem berühmten Bild von Rousseau. Dann habe ich später einen Salon im Löwenpalais [der Stiftung Starke] abgehalten. Und dort, wo ich derzeit ja auch wohne, sehe ich, wenn ich von meinem Balkon schaue, täglich einen steinernen Löwen. Der Löwe ist mein favorisiertes Sternzeichen unter dem auch viele meiner Feunde geboren sind.

Jens Pepper: Du hattest diese Kooperation mit Jürgen Klauke, in welcher ihr eine Pieta inszeniert. Ist das eine reine Klauke-Arbeit, oder gibt es da ein geteiltes Copyright. Du hast das in Gänze ja schon beantwortet, aber ich bin in diesem Fall doch noch einmal ganz konkret neugierig. 2014 wurde bei Lempertz ein C-Print von 1980 versteigert (die Arbeit selbst wurde ja drei Jahre zuvor realisiert). Eine weitere Kopie, vielleicht war es ja dieselbe, wurde 2016 bei Van Ham versteigert.

Colette Lumiere: Lass mich mal sehen, an was ich mich erinnern kann. Ich lebte damals in Klaukes Atelier in Köln, wo auch die Pieta inszeniert wurde. Wir hatten uns 1977 in Paris getroffen, als ich eine Installation – ein ‚Sleeping Tableau‘ – auf der Paris Biennale machte und auch noch in einer anderen Ausstellung mit Laurie Anderson und Annette Messager in der ‚The Elizabeth De L’Age Gallery‘ teilnahm. Ich hatte Elizabeths Raum in ein Environment verwandelt und Klauke weckte mich während meiner Schlafperformance mit einem Kuss auf. So haben wir uns getroffen. Im selben Jahr nahmen wir beide in der Performance-Sektion an der Kunstmesse Köln teil. Die Messe schien nicht so kommerziell zu sein und Jürgen kam und besuchte mich in meinem Raum, wo wir auf meinem Bett Champagner tranken, uns küssten usw., während Marina und Ulay damit beschäftigt waren, sich gegenseitig zu schlagen. Das wurde alles von anwesenden Fotografen aufgenommen. Das war 1977. Wir waren jung und wild. Und es war damals eine andere Zeit. Die gelebte Kunst war wichtig, nicht das Geld, der Ruhm, oder die Macht!

Das letzte, das mir im Kopf rumschwirrte, waren Copyrights. Und ich glaube nicht, dass Jürgen die Situation manipuliert hat. Ich habe ihm assistiert und klar, mir war bewusst, dass ich auch berühmt war. Er hat mir ein paar Prints gegeben. Wir lebten auf verschiedenen Kontinenten. Und so drifteten wir wieder auseinander.

Die Pieta wird also wieder gesehen, in Katalogen etc. Ich verfolge nicht, was auf Kunstauktionen vor sich geht, aber ich kann ehrlich sagen, das ich keinerlei Problem damit habe. Das war damals eine inspirierende Zeit, die wir miteinander verbracht haben und ich fühle, dass da immer noch Respekt und Liebe füreinander ist. Ich habe das Bild collettesized, habe es transformiert und mit meiner eigenen alchemistischen Signatur versehen. Ich bezweifle, dass er das beanstanden würde. Was ich viel merkwürdiger fand, als ich im Internt nach dieser Pieta suchte, nachdem du mir davon berichtet hattest, dass ich eine aktuellere Pieta entdeckt habe und zwar eine von Marina Abramovic und Ulay, mit denen wir befreundet waren. Die haben das später als wir gemacht und ich wusste das nicht. Es ist manchmal schwer zu sagen, von wo eine Idee herkommt. Pietas gab es ja nicht nur in den Medien, sie sind in Galerien, Museen und Kunstgeschichtsbüchern zu sehen. Und jede Situation ist anders. Schau dir die aktuelle Retrospektive mit Arbeiten der späten Ana Mendieta im Martin Gropius Bau in Berlin an. Die dort gezeigten Fotografien ihrer rituellen Performances aus ihrer gesamten Karriere haben einen ziemlich starken Bezug zu meiner ‚Jamaican Kool Aid Sand‘-Serie von 1972. Aber nur wenige kennen meine Arbeit, obwohl sie schon ausgestellt und publiziert wurde bevor ihr Name bekannt wurde. Das kann manchmal ziemlich verwirrend sein. Aber egal; immer vorwärts.

Jens Pepper: Kann es sein, dass Medieta deine Arbeit sah?

Colette Lumiere: Sehr gut möglich, die Punkte sind miteinander verbunden. Aber ich bevorzuge es, nicht diejenige zu sein, die so etwas ins Spiel bringt. Trotzdem wünsche ich mir für andere, dass sie sich dieser vergessenen Serie bewusst sind, die ja in Verbindung zu anderen Arbeiten steht, die ich gemacht habe, insbesonder die Bett-Serie. Bildidee und Konzept waren ähnlich, aber mit anderen Materialien.

Jens Pepper: Hast du die Fotografien schon ausgestellt?

Colette Lumiere: Ich hatte ein paar wichtige Soloschauen, die vor allem meinen Fotoeditionen gewidmet waren, die zu Performance, Tableaux und Installationen von mir entstanden waren. Zum Beispiel in der Kim Foster Gallery in New York, 1999 in Chelsea. Und dann gab es ‚Basic Instinct‘ bei Black and White Projects in Williamsburg New York, 2010, 2011.

Jens Pepper: Dann warten wir jetzt auf eine Museumsausstellung, die die fotobasierten Arbeiten und die Fotodokumentationen sowie die Portraits von dir zusammenführt. Hast du über eine solche Schau schon mal nachgedacht?

Colette Lumiere: Ja, Jens, und ein Coffe Table Book ist auch fällig.

* Stiftung Starke: gemeinnützige Kunststiftung in Berlin Grunewald, das ein Artists-in-Residence-Programm hat.

Colette Lumiere, in Tunesien geboren, wuchs in Frankreich auf, bevor sie nach New York ging und dort eine internationale Karriere als Künstlerin begann. Sie lebt derzeit in Berlin.

http://www.artnet.com/awc/colette.html
http://collectcolette.com
http://colettetheartist.strikingly.com