“Die Exhibitionisten begegnen den Voyeuren auf einer Ebene.” – Jens Pepper und Klaus Honnef über zeitgenössische Aktfotografie

Foto: Pepper

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Jens Pepper: In ihrem aktuellen Beitrag für die Kunstzeitung beschreiben sie den Bedeutungswandel der Aktfotografie und ihre in ihren Augen zunehmende Seichtheit und Gleichförmigkeit. Sie vermissen innovative und mutige Künstler und Fotografen, die Tabus zu brechen oder ästhetische und gesellschaftliche Impulse zu geben in der Lage sind. Dabei haben sie mit Ryan McGinley ja selbst einen Namen genannt, der eine wohltuende Frische in das Sujet bringt, auch ganz ohne Tabubruch. Ich sehe die Situation nicht so verfahren wie sie, denn neben all den, ich will mal sagen, Mainstreamfotografen, gibt es, wie es ja immer der Fall war, auch Ausnahmeerscheinungen. Denken sie zum Beispiel an Jürgen Teller, der, aus der Modefotografie kommend, sich nackt auf einem Flügel rekelnd, in seiner Korpulenz selbst portraitiert. Das ist doch eine Position, die nicht gekünstelt ist sondern ehrlich und authentisch. Ein paar solche Persönlichkeiten reichen doch völlig aus, um sagen zu können, die Aktfotografie bringt nach wie vor Spannendes hervor, auch in unserer Zeit.

Klaus Honnef: Ich halte es mit meinem Lehrer René König. Auch die Haltung der Nackten am Strand ist keineswegs ursprünglich, sondern “parure”, ist Ausdruck eines kulturellen Gepräges, gehorcht den umfassenden Gesetzen der Mode. Was derzeit in den fortgeschrittenen Konsum- und Mediengesellschaften sichtbar wird, gibt ihm recht. Der nackte Körper ist sogar längst zu einer Art undurchsichtigem Anzug geworden, dessen Erscheinungsbild man unbekümmert mit Hilfe von Sport, Diäten und chirurgischem Besteck nach Gutdünken modelliert wie eine Figur aus Ton. Die ostentativ und massenhaft zur Schau gestellte Nacktheit hat ihn förmlich entmenschlicht, indem er ihn entsexualisiert und enterotisiert hat, so dass er längst das Gegenteil von Authentizität “verkörpert”. Der scheinbar auf ewig jung gestylte menschliche Körper weist nur auf die makellosen Körper der “Hubots”, der künstlichen Menschen (Robotern), voraus, die im Fernsehen oder Kino zirkulieren: klischeehaft schön, sauber, mechanisch – und dienstbar. Dass sich in ihnen auch Gefühle entwickeln, bildet den utopischen Ausblick. Dass die Fotografie diesem Prozess auf dem Weg in die Künstlichkeit, dessen Komplize sie ist und war, etwas entgegen setzten kann (und wird), sehe ich nicht.

Jens Pepper: Oh, das sehe ich aber anders, zumindest in einigen Punkten. Ohne Zweifel ändert sich das Bild des Körpers durch die Konsum- und Mediengesellschaft. Das ist aber kein neues Phänomen, sondern Veränderung findet immer statt und wird es auch in Zukunft geben. Auch dass die massenhafte Darstellung des Körpers, also des nackten Körpers bis hin zur Pornografie enterotisierend wirkt, kann ich zumindest für mich nicht behaupten. Doch ich will wieder konkret zurück zur künstlerischen Fotografie kommen. Klar, dadurch, dass heute alles möglich ist, schockiert vieles auch nicht mehr. Ein Robert Mapplethorpe könnte heutzutage nicht mehr seine Karriere mit Aufnahmen aus dem schwulen S/M-Milieu starten, weil die nicht mehr einzigartig wären. Mapplethorpe hatte für seine Themata das, na, sagen wir mal Glück in einer Zeit zu leben, in der Sexualität durch starke Tabus, gesellschaftliche Vorurteile und auch Gesetze eine enge Eingrenzung erfuhr. Da fielen seine Arbeiten auf und wurden kontrovers debattiert. Das hat seine Karriere beflügelt, er wurde international rezipiert. Im Langzeitgedächtnis hingegen sind seine am klassischen Ideal ausgerichteten Akte und seine Blumenstillleben stärker verankert. Also nicht das kontroverse Werk. Und seien wir ehrlich, längst nicht alles was Mapplethorpe fotografiert hat war herausragend sondern einfach nett anzusehen. Denken sie an das Buch über seine langjährige gute Freundin Liza Lyon. Aus heutiger Sicht ist der größte Teil dieser Bilder banal und langweilig. Aber das ist doch Ok so, die Gesellschaft geht weiter, die Interessen und Ansichten ändern sich und eine neue Generation von Fotografen sucht sich ihre Themen und bemüht sich um neue Aspekte. Wenn wir dann mal eine Zeit der netten Bilder erleben ist es eben so. Irgendwann ist es den Leuten langweilig und dann kommt etwas Neues. Man muss auch nicht krampfhaft einen Tabubruch hervorzaubern. Das hat jetzt zwar nichts mit Fotografie zu tun, aber ich denke gerade an Santiago Sierra, der in einer seiner Aktionen vier drogensüchtigen Prostituierten eine Linie auf ihren Rücken hat tätowieren lassen und ihnen dafür den Gegenwert für einen Schuss Heroin gezahlt hat. Er und ein Großteil der Kunstkritik halten diese Aktion für eine großartige provokante Gesellschaftskritik. Ich finde sie nur ekelhaft und dekadent, denn Sierra bringt Frauen dazu sich selbst zu verstümmeln, ihren Körper, mit dem Sie ihr Leben finanzieren, zu verunstalten. Das ist die Aktion eines wohlhabenden, satten Menschen der sich selbst auf Kosten anderer in den Mittelpunkt stellt. Kritik lässt sich auch anders formulieren. Also, ich finde nicht, dass Kunst und Fotografie einem Prozess auf Teufel komm raus etwas entgegen stellen muss. Sobald die L’Art pour l’Art Attitüde in der Aktfotografie langweilt, wird der Blick der suchenden Konsumenten, Kritiker und Kuratoren schon die Positionen herauspicken, auf die es in der nächsten Dekade ankommt.

Klaus Honnef: Dass sich das Verhältnis zum Körper vollständig versachlicht hat, dass der Körper inzwischen als eine Art Maschine begriffen wird, die sich tendenziell bei entsprechender Behandlung regenerieren lässt, ist schon etwas Neues in der Menschheitsgeschichte und hat einschneidende Auswirkungen auf seine Darstellung im Bild. Damit schwindet im Prinzip schon der essentielle Unterschied zwischen Körper und Bild. Der Körper wird in letzter Konsequenz selbst zum Bild. Das Bedürfnis, ihn halb oder ganz nackt in der Öffentlichkeit zu zeigen, wie es von Sommer zu Sommer in ansteigender Form zu erleben ist, wobei dieses demonstrative Zeigen nicht als Appell, ihn zu berühren, missverstanden werden darf, illustriert die Sache hinreichend. Noli me tangere. Nur tiefe Blicke sind gestattet. Die Exhibitionisten begegnen den Voyeuren auf einer Ebene des symbolischen Austauschs – take and give. Laut “Spiegel” soll ja Autoerotik das Gebot der Stunde sein, ebenfalls mit steigender Intensität. In den Bildern von Robert Mapplethorpe tut sich dagegen noch die skandalisierende Kluft zwischen dem klassischen Ideal der Kalokagathie, des schönen Geistes im schönen Körper, und der abgründigen Seite (s)einer exzessiven sexuellen Begierde auf. Mit dem Schwinden der humanistischen Bildung geht allerdings der Sinn für diese kühne Art der Provokation verloren. Im sterilen Körper der neueren Aktfotografie ist das dunkle, das animalische Element des Menschseins gleichsam wegoperiert – mit Hilfe der digitalen Technik kein Problem und schmerzfrei. Narben sind nicht (mehr) zu sehen oder andere kosmetische „Unvollkommenheiten“. Übrig bleiben mehr oder minder attraktive Menschen in mehr oder minder künstlichen Verrenkungen. Ich habe nichts gegen hübsche Dekoration. Doch klinisch saubere Bilder schöner Frauen, schöner Männer in dekorativer Hin-Richtung finde ich eher belanglos und total unnatürlich.

Jens Pepper: Aber wieder sprechen sie von der Masse und negieren, dass es immer auch Fotografen und Künstler gibt, die diesem Trend in keinster Weise folgen. Im vergangenen Jahr habe ich Bilder der Fotografin Benita Suchodrev gesehen, die Frauen um die 50 gebeten hat, sich erotisch bis nackt zu inszenieren, also Frauen, die bereits einen Großteil ihres Lebens hinter sich haben und die Narben der Zeit auf dem Körper tragen. Das sind keine exhibitionistischen Bilder und stehen völlig gegen den Trend der in Hochglanzmagazinen präsentiert wird. Das sind Statements von Frauen, die sagen; hier bin ich, so sehe ich aus, ich bin auch noch da. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie, der sie so viel unterwegs sind und so viel zu Gesicht bekommen, nicht auch die eine oder andere Position entdecken, von der sie sagen: wunderbar, die Aktfotografie gebe ich noch nicht völlig verloren.

Klaus Honnef: Natürlich sind auch die Bilder von Frau Suchodrev im Prinzip exhibitionistische Bilder. Dagegen ist auch nichts zu sagen, es ist unvermeidlich, ebenso, dass sie sich an unsere voyeuristischen Gefühle adressieren. Ich kenne die Bilder aber nicht. Deshalb kann ich mir auch kein Urteil über sie bilden. Dass viele Frauen über 50 eine erheblich erotischere Ausstrahlung haben als die sterilen Puppen-Schönheiten im Alter zwischen 17 und 22 der grassierenden Casting Shows – geschenkt. Im Kino feiern sie von Meryl Streep über Kristin Scott-Thomas und Catherine Deneuve bis Charlotte Rampling derzeit große Erfolge – wunderbar. Nick Knight und andere sind noch weiter gegangen und haben die erotische Kraft von behinderten Körpern gezeigt – ohne Schlüsselloch-Perspektive, aber mit einem Schuss von attraktiver Beunruhigung. “Bilder, die noch fehlten” hieß unsere Ausstellung mit ein paar unglaublich prägnanten und anziehenden Beispielen dieser Sorte von Bildern. Das Schlimme an der gegenwärtigen Aktfotografie ist ja, soweit ich es sehe, dass sie in jeder Beziehung “politically correct” ist. Und penetrant züchtig zugleich. Wie sich ja auch die sexuelle Praxis im deutschen Beamtenfernsehen nur noch in Hut und Mantel, in voller Montur vollzieht, reduziert auf ein gymnastisches Rubbeln, also verzichtbar ist. Deshalb ist die momentane Aktfotografie auch so unerträglich langweilig – wie das meiste in der Kunst und der Kunstfotografie. Leider. In den großen Museen der Welt geht in den Abteilungen für die Kunst und Kultur vor Aufbruch der Moderne, die „alte Kunst“ also, die Post erheblich vehementer ab. Ein Vergleich lohnt, ist aber für viele Aktfotografen deprimierend. Vom Gegenteil ließe ich mich allzu gerne überzeugen.

Jens Pepper: Ach, ich glaube nicht, dass das für die so deprimierend ist, viele werden das eher ignorieren. Aber die, die ein waches Auge haben, finden vielleicht Inspiration in diesen Museumsabteilungen, die ja auch Ethnologische Departments mit einschließen. Haben sie denn gerade einen heißen Tipp, was man sich unbedingt anschauen sollte? Manchmal muss man ja auf etwas gestoßen werden.

Klaus Honnef: Ich befürchte, im ersten Fall haben sie recht. Wer sich allerdings in den Bildentwürfen der Vergangenheit umtut, egal ob in Kunst- oder Ethnologie-Museen, und sich inspirieren lässt, läuft Gefahr, die Grenzen dessen, was “politically correct” vorschreibt, zu verletzen. Der Kunst täte das gut, den Urhebern vermutlich weniger.
Einen heißen Tipp zur Anschauung? Die Kunstgeschichte in den Museen der Welt – Prado, Louvre, Eremitage, die National Galerien von London und Washington, nicht zu vergessen die Gemäldegalerie in Berlin, so lange Kuratorenhochmut sie nicht zerstört, und in der allfälligen Literatur. In puncto erotischer Kunst, ein etwas umfassenderes Gebiet als die Gattung des Aktes, immer noch die vielen Bücher des Sammlers Eduard Fuchs. Vor allem wegen der immensen Fülle der leider schlecht reproduzierten Abbildungen, auch wenn umfangreichen Analysen des Autors nur noch in Grenzen zeitgemäß sind. Nicht vergessen sollte man aber auch, dass der nackte Körper früher nicht allein erotisch-sexuelle Assoziationen auslösen sollte, sondern gerade in der christlichen Mythologie auch die Unschuld und Reinheit symbolisierte. Aus diesem Zwiespalt schlugen viele Künstler indes die ästhetischen Funken.

Jens Pepper: Gibt es für sie gegenwärtige Aktfotografien, von denen sie glauben, dass sie die Zeit überdauern werden? Es müssen jetzt nicht unbedingt Aufnahmen junger Fotografen und Fotografinnen sein.

Klaus Honnef: Obwohl ich – im Rückblick – offenbar eine besondere Intuition für die Künstlerinnen und Künstler hatte, die fotografischen eingeschlossen, und deren Arbeiten bereits früh ausgestellt und kritisch gewürdigt habe, die inzwischen die visuellen Vorstellungen der Zeit maßgeblich prägen, bin ich alles andere als ein Prophet. Aus langer Erfahrung bin ich jedoch davon überzeugt, dass Bilder von Autoren, die selbst den anziehenden nackten Körper im Netz vieldeutigster Bezüglichkeiten zeigen, im Focus seiner hellen und dunklen Punkte, sowie den spezifischen Blick der Betrachter gleich mit thematisieren, die darüber hinaus noch ein Licht auf die kollektiven Erwartungen und Befindlichkeiten ihrer Zeit werfen, überdauern werden. Für die unmittelbare Vergangenheit wären das Bilder von u. a. Helmut Newton, Guy Bourdin, Bettina Rheims, Robert Mapplethorpe, Nan Goldin, Larry Sultan, Jürgen Teller, Miroslav Tichy´, Nobuyoshi Araki, Antoine D´Agata, Boris Mikhailov – und etliche andere, doch alle keine reinen Aktfotografen. Der Akt als Akt, als bloße Vergegenwärtigung eines nackten weiblichen oder männlichen Körpers, ist, glaube ich, kein herausforderndes Bildthema mehr.

Jens Pepper: Wie bewerten sie eine Position wie die von Terry Richardson, der sich erfolgreich im Spektrum zwischen harter Pornografie und Modefotografie bewegt?

Klaus Honnef: Grundsätzlich ist er einer der Fotografen, die realisieren, was ich von einem “notwendigen Bild” (Robert Bresson) erwarte. Seine Gefahr ist allerdings, dass er den Verlockungen des Kommerzes und des Spektakulären allzu oft nachgibt. Viele seiner Bilder fallen demzufolge ziemlich vordergründig aus und huldigen lediglich dem Voyeurismus, ohne dass sie jenes Quäntchen Erschrecken und Schaudern mitliefern, das sie von einer auf pornographische Elemente setzende Werbefotografie abhebt.

Jens Pepper: Ich denke, dass Richardson ein Phänomen unserer Zeit ist. Sexualität bis hin zur harten Pornografie ist heutzutage in unserer Gesellschaft kein Tabu mehr und wird von vielen auch nicht mehr als anstößig empfunden, was meiner Meinung nach auch in Ordnung ist. Interessant ist aber etwas, das mir eine befreundete Studentin kürzlich erzählt hat, nämlich dass etliche ihrer Kommilitonen und Kommilitoninnen gar nicht mehr in der Lage sind zwischen einem künstlerischen Akt und reiner Pornografie zu unterscheiden. Und genau deshalb, weil es immer häufiger keinerlei Unterscheidung mehr gibt, kann eine Person wie Richardson beispielsweise für ein Modelabel wie Sisley erfolgreich Kampagnen mit starken pornografischen Andeutungen fotografieren. Es irritiert dann auch keinen, dass er parallel dazu reine Pornografie, zum Teil mit ihm selbst als Akteur, in einem Buch wie „Kibosh“ publiziert. Dabei ist das, was in „Kibosh“ zu sehen ist grottenschlecht. Und ich wage zu bezweifeln, dass er in Zukunft wegen seiner Künstlerischen Qualität im Bewusstsein bleiben wird. Ich halte da einen Fotografen wie Nobuyoshi Araki für sehr viel interessanter. Klar, auch Araki macht viele banale pornografische Aufnahmen, aber sein Spektrum ist doch wesentlich vielschichtiger. „Tokyo Lucky Hole“ beispielsweise geht über das Pornografische und Narzisstische hinaus – Araki zeigt sich darin ja auch selbst als teilnehmenden Akteur – weil es eine konsequente fotografische Dokumentation eines berühmten Rotlichtviertels in Tokyo ist. Auch etliche seiner Bondagefotos haben eine klare ästhetische Qualität und reichen über den bloßen Skandal und die reine Pornografie weit hinaus. Ich habe beispielsweise die Ausstellung „Kinbaku“ in der Jablonka Galerie 2008 in Berlin noch in guter Erinnerung.

Klaus Honnef: Womöglich haben sie recht. Ich ziehe ebenfalls Araki vor. Er scheint ernsthafter und obsessiver zu sein. Richardson schielt mit einem Auge – nach meiner Ansicht – immer auf die Betrachter. Er will seine Bilder stets verkaufen, und da schreckt er offenbar vor nichts zurück. Andererseits ist sein Vorgehen symptomatisch für unsere auf Verkauf und Konsum versessene Gesellschaft. Als Dokumente einer primär konsumorientierten Einstellung sind seine Bilder außerordentlich signifikant. Wenn auch nicht mein Ding. Aber an diesem Beispiel lässt sich leicht illustrieren, wie unsere ästhetischen Urteilskategorien durch ästhetische Praxis ihre Griffigkeit eingebüßt haben. Niemand würde Richardsons Bilder unter dem Begriff “Dokumentarfotografie” subsumieren. Dabei besteht kein Zweifel, dass sie “dokumentarisch” sind, weil sie das Inszenierte als Inszenierung sichtbar machen und nicht so tun als ob. Deshalb bin ich auch mit einer Bewertung vorsichtiger als Sie. Sie mögen von einem bestimmten ästhetischen Gesichtspunkt “grottenschlecht” sein. Gleichwohl waren “Bad Paintings” Ende des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Beitrag der zeitgenössischen Malerei zur Bildkunst, weil sie mit herkömmlichen Konventionen brachen. Ich bereite gegenwärtig eine Rede über Andy Warhols Fotografien für eine Galerie in Zürich vor. Über den Künstler habe ich schon 1989 eine Monografie veröffentlicht, die in über zehn Sprachen übersetzt wurde und bisher x-Auflagen erreicht hat. Nicht von ungefähr. Denn ich habe beschrieben und analysiert, wie seine künstlerische Haltung und sein Werk die Maßstäbe der Kunst – Fotografie und Film eingeschlossen – regelrecht umgestürzt haben. Seither müssen wir unsere Maßstäbe auch in Sachen Aktfotografie völlig neu justieren. Und in puncto dieser Bestrebungen stehen wir noch ganz am Anfang.

Jens Pepper: Ja, da mag ich nun meinerseits etwas zu voreilig und impulsiv in meiner abschließenden Bewertung sein. Ich lasse mich da mal überraschen. Dass Sie jetzt über die Fotografie von Warhol reden werden, finde ich ja interessant. Ich hatte Ende der 1990 Jahre in der Hamburger Kunsthalle eine Ausstellung über alle Aspekte der Fotografie in Warhols Gesamtwerk gesehen und war seinerzeit sehr beeindruckt. Welche Bedeutung hat die Warholsche Fotografie in Ihren Augen für die Gegenwart? Gehen von ihr noch wichtige Impulse aus?

Klaus Honnef: Warhol hat die Kunst wie kein anderer Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verändert. Er hat ihre Parameter geradezu umgepolt. Man kann die Kunst der letzten Jahrzehnte in eine Kunst vor und eine nach Warhol einteilen. Seither sind ästhetische Kriterien wie “gut gemacht” oder “gut gemalt” hinfällig, haben den gleichen Rang wie das inhaltsleere “gefällt mir” bei FB, haben als ästhetische Maßstäbe ausgedient. Warhol Impulse sind mit anderen Worten längst wirksam.

Jens Pepper: Unter anderem hat Warhol sich intensiv mit dem nackten, erotischen männlichen Körper auseinandergesetzt, auch ganz explizit mit dem männlichen Geschlechtsteil und dem Sexualakt, den er fotografiert und als Silkscreen veröffentlicht hat. Für Warhol war die Fotografie aber vor allem Ausgangspunkt für seine kommerziellen Portraits und für seine freien Arbeiten; die eigentlichen Werke waren dann die Bilder und Siebdrucke. Später hat er dann Berühmtheiten für seine Zeitschrift Interview fotografiert. Für mich sind es gerade die Fotografien Warhols, die in ihrer Authentizität und ihrem Materialcharakter noch heute betören.

Klaus Honnef: Nachdem er die Madison Avenue und damit eine erfolgreiche Karriere als Designer aufgegeben hatte, um „freier“ Künstler zu werden, unterschied Andy Warhol nie zwischen freier und Auftrags-Kunst. Ebenso wenig wie zwischen Fotografie, Malerei (meist ja Siebdruck), Skulptur, Film, Zeitschrift, zwischen malen, fotografieren, filmen, drucken, schreiben oder sammeln. “All is pretty”, einer seiner vielen inflationär zitierten Sätze, fasst seine Haltung präzis zusammen und bezieht sich nicht auf Äußerlichkeiten. Entsprechend gleich-gültig waren ihm die Motive seiner ästhetischen Bearbeitungen. Mit ihm ist in der zeitgenössischen Kunst an Stelle des bürgerlichen Kunstgenies der coole Beobachter, Kommentator, Macher, Organisator (eher eine Haltung, die in der Fotografie zählt) getreten. Auch nicht mehr im Einzelbild äußert sich seither die Essenz des künstlerischen Wollens, sondern in der Bildserie, der Bildreihe. Warhols entscheidender Beitrag zur Kunstgeschichte ist, dass er den künstlichen Charakter der Kunst ernst genommen hat. So war Marilyn Monroe nie eine individuelle Person, sondern ein Geschöpf Hollywoods und als „Sexsymbol“ ein Produkt millionenfacher (meist männlicher) Phantasie. Daran ist Norma Jean Baker zerbrochen. Indem Warhol sie zur Ikone erhob – zu ihren Lebzeiten gab es höher bezahlte weibliche Stars und berühmtere – hat er ihr gleichsam ein Stück Lebendigkeit zurückgegeben – um den Preis des Lebens allerdings.

Jens Pepper: Der männliche Akt ist in der öffentlichen Wahrnehmung nicht so verbreitet, obwohl er natürlich genau so existiert wie der weibliche. Im künstlerischen Bereich waren es seit den 1960er Jahren unter anderem Robert Mapplethorpe, Arthur Tress, Duane Michals, Herb Ritts, Peter Hujar und ein paar andere, die hier neue Akzente gesetzt haben. Gibt es in ihren Augen eine unterschiedliche Entwicklung zwischen männlichem und weiblichem Akt? Also in den vergangenen Jahrzehnten.

Klaus Honnef: Schwierige Frage. Ich sehe Unterschiede, bin aber ein Mann. Die männlichen Akte, die ich kenne und die vor allem von den Fotografen stammen, die Sie nennen, sind direkter, fordernder und vielleicht (????!!) weniger voyeuristisch als die weiblichen Akte, die Männer fotografiert haben. Vermutlich nur in einem anderen Sinne anziehend und verführerisch. Würde man jedoch ein Auto, das vorwiegend auf weibliche Käuferschicht zielt, mit einem halbausgezogenen Mann bewerben? Andererseits kenne ich von Fotografinnen fotografierte weibliche Akte, die sexuell herausfordernder, appellativer und abgründiger sind als die meisten von Fotografen fotografierten Akte. Ich kann die Frage also nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten.

Andrea Diefenbach - Foto: Heinrich Völkel

Das Gespräch wurde im Frühjahr 2013 geführt und Anfang 2014 in der Zeitschrift Brennpunkt veröffentlicht.

Klaus Honnef ist Kunst- und Fotohistoriker. Er war von 1974 bis 1999 Ausstellungschef des Rheinischen Landesmuseums in Bonn, wo er 1987 die erste museale Einzelausstellung Helmut Newtons in Deutschland ausgerichtet hat. Derzeit arbeitet er als freier Ausstellungsmacher und Autor, u.a. für Eikon, Photonews und die Kunstzeitung.  Seit 2002 ist er zudem Vorsitzender der „Gesellschaft Photo Archiv e.V.“  in Bonn.  Eine Liste der von ihm verfassten Bücher und Ausstellungskataloge ist auf seiner Homepage zu finden. www.klaushonnef.de

„Die Taktung in Moskau ist härter als in anderen Metropolen“ – Ein Gespräch mit Andreas Herzau über Moskau, Straßenfotografie und seine Fotobücher

Alle Fotos zu diesem Interview sind dem Buch “Herzau | Moscow | Street” entnommen. © Andreas Herzau

Alle Fotos zu diesem Interview sind dem Buch “Herzau | Moscow | Street” entnommen. © Andreas Herzau

Andreas Herzau ist einer der bekanntesten Vertreter der Straßenfotografie in Deutschland. Anlässlich der Veröffentlichung seines Buchs “Herzau | Moscow | Street” haben wir uns im März 2012 in seiner Wohnung in Hamburg getroffen. Das Interview wurde damals auf der Website von Seconds2Real veröffentlicht.

Christian Reister: Dein neues Buch „Herzau | Moscow | Street“ führt uns durch Moskau, eine Metropole, die wie du im Vorwort zum Buch schreibst, auch über zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs den meisten aus dem Westen noch recht unbekannt ist. Wie kam es zu dem Buch?

Andreas Herzau: Nun, die ehrlichste Antwort ist: ich war einfach neugierig. Ich wollte Moskau kennenlernen, auch ein bisschen als Pendant zu New York. Das erste mal war ich für dieses Projekt alleine in Moskau, ohne Anlass, einfach um mich der Stadt anzunähern. Dann fügte sich irgendwie alles: ich hatte zu der Zeit ein Arbeitsstipendium in Sibirien und kam auf meinen Wegen immer über Moskau. So konnte ich Moskau als neues Terrain für mich erschließen. Ein Ansporn für das Buch war auch, dass es über Moskau nicht meterweise Bildbände gibt, im Gegensatz zu beispielsweise New York.

Christian Reister: Du hast dann mehrere Jahre an dem Projekt gearbeitet?

Andreas Herzau: Nein, ich habe das sehr konsequent innerhalb von ca. eineinhalb Jahren fotografiert. Ich bin bei einer solchen Arbeit sehr fleißig. Ich gehe da hin und arbeite 10 Tage von morgens bis nachts. Ich mache da sonst nichts anderes. Insgesamt waren es fünf Aufenthalte von unterschiedlicher Länge.

Christian Reister: Wie fühlt es sich an, in Moskau auf der Straße zu fotografieren? Hast du dich manchmal unsicher gefühlt?

Andreas Herzau: Nun – ich bin ein Kind des Kalten Krieges. Ich habe gelernt, dass alles was östlich der Elbe liegt suspekt und böse ist. Das ist natürlich – auch wenn man sich offen macht – in einem drin. Wir sind es auch nicht gewohnt, die Mimik und die Gesten zu lesen und zu verstehen, die die Leute, die in Moskau leben, an den Tag legen. Die sind einfach anders als hier. Verhaltener und für unseren Geschmack wirken sie teilweise ruppig oder unfreundlich, was aber nicht so gemeint ist. Das ist eher eine Art von Zurückhaltung oder Skepsis.

 

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Als Europäer ist man in Moskau eingeschüchtert aufgrund der Größe der Stadt, aber auch weil man die Zeichen und die Schrift nicht lesen kann. Man spricht die Sprache nicht und man kann nicht mit vielen Konversation auf englisch betreiben. Man ist sehr allein.

Insgesamt ist natürlich auch aufgrund der wirtschaftlichen Situation die Taktung in Moskau härter als in Berlin, New York oder anderen Metropolen. Die Leute, die in Moskau leben, kämpfen ums Überleben. Sie kämpfen für ihr Dasein, für ihre Arbeit. Und die Wege sind irrsinnig weit. Man muss als Moskauer jeden Morgen mit hundertaused Anderen, die die Gänge verstopfen, eine Dreiviertel Stunde mit dreimal Umsteigen durch diese Metro hindurch. Das ist einfach anstrengend. Das prägt die Atmosphäre. Ich habe aber bis auf einen durchgeknallten Typen, der mich als Spion verhaften lassen wollte, keine negativen Erfahrungen gemacht.

 

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Christian Reister: 2003 erschien das Buch „New York“ von dir, es gab „Istanbul“ (2010), ein „Deutschland-Buch“ (2006) – mehrere Bücher, die Städte oder Länder zum Thema haben. Sind sie als eine Art Serie zu sehen oder eher „so entstanden“? Gibt es eine Masterplan und Pläne für weitere Städte?

Andreas Herzau: Es gibt eher den Masterplan, keine Städte mehr zu machen…

Nein – jedes Buch ist mit einem ganz anderen Hintergrund entstanden. Nach New York war ich z.B. von der Zeitschrift art zu einem Streitgespräch zu Sinn und Unsinn von über die Zukunft des Fotojournalismus mit Gilles Peress eingeladen. Da war ich das erste Mal in New York und fand das spannender als gedacht. Ich habe dort angefangen zu fotografiere und hatte das für mich als Projekt zuerst auf ungefähr 10 Jahre angelegt. Durch die Anschläge vom 11. September wurde mir ein Strich durch die Rechnung gemacht und aus dem Projekt wurde etwa ganz anderes als ursprünglich geplant – ich konnte dann nicht mehr einfach weiter als Flaneur durch die Staßen gehen. Es war für mich eine Herausforderung, mich mit diesen vorhandenen Bildern von der meistfotografierte Stadt der Welt, die jeder kennt, auseinander zusetzen und mich daran zu reiben. Die ersten Bilder haben damals sehr viel Zuspruch erfahren, auch in Form von Printverkäufen, was dem Projekt enormen Rückenwind gab.

Das Buch „Calcutta Bombay / Eight days by Taxi“ war eigentlich ein Auftrag für die Zeitschrift Brigitte, aus dem dann auch ein Buch wurde.

„Deutschland“ wiederum war der Startschuß für meine Idee gewesen, mich mit Europa auseinander zusetzen. Ich wollte bewusst erst mal vor der eigenen Haustüre kehren, weil das immer das schwierigste ist. Daraus sind dann die Ideen zu „Istanbul“ als Stadt an der Schnittgrenze Europas und Moskau als Stadt hinter der Grenze entstanden. Ich wollte mich auf Europa eher von den Rändern aus hinbewegen. Es gibt also ein paar lose Ideen, die die Bücher zusammenhalten, aber keinen Masterplan.

Christian Reister: Auch schon mal über ein Hamburg-Buch nachgedacht? Du wohnst in dieser Stadt ja seit über 20 Jahren. Fotografierst du hier viel auf der Straße?

Andreas Herzau: Ich finde Hamburg eher langweilig. Hamburg ist so… (überlegt) …behäbig, rundgelutscht und sozialdemokratisch weichgespült.

Ich bin einmal spät – so gegen halb elf, elf – alleine, mit Zeit und mit der Kamera durch die Stadt gelaufen und habe dort fotografiert. Ich bin sonst nie nachts in der Innenstadt. Das fand ich ziemlich spannend – diese Zwischenzeit: Verkäuferinnen gehen nach hause, die Leute räumen auf, dazwischen ein paar Fetengänger, die ersten Straßenreinigungsarbeiten. Das ist jetzt aber nicht speziell Hamburg – eher „die Stadt bei Nacht“. In der Straßenfotografie kommt das in einzelnen Bildern zwar immer mal wieder vor, aber nicht als konzeptionelle Arbeit. Etwas in die Richtung würde mich reizen, aber Hamburg im speziellen interessiert mich nicht so sehr.

 

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Christian Reister: Was ist deine Auffassung von guter (Straßen-) Fotografie und was fasziniert dich so an ihr?

Andreas Herzau: Diese Städtethemen machen mir großen Spaß, weil das Machen an sich so toll ist. Ich mache das einfach mit einer unglaublichen Begeisterung, komme da ein bisschen in einen anderen Aggregatzustand, sauge alles in mich auf. Zu gestalten, zu formen, in dieses Rechteck zu pressen, auch das was ich empfinde – diese Übersetzungsleistung. Das funktioniert für mich so reibungslos, so dass mir das einfach großes Vergnügen macht.

Es ist auch eine Methode, mich mit der Fragestellung auseinander zusetzen: Wie fotografiere ich als dokumentarischer Fotograf, der überwiegend an gesellschaftlichen Zuständen interessiert ist, heute bestimmte Themen, die gesellschaftliche Relevanz haben? Die Street Photography in der Art wie ich sie mache, ist da eine Antwort darauf, wobei sie aber sehr allgemein bleibt. Die Bilder spiegeln eine gewisse gesellschaftliche Realität wider und jedes mal, wenn ich auf die Straße gehe, bin ich mit der Jetztzeit konfrontiert. Die Straße ist die Bühne und die Stadt bildet die Kulisse für ein zeitgemäßes Stück.

Aber: es bleibt auch ein bisschen undefiniert. Und ich habe das Gefühl, dass es für Dokumentarfotografen wichtig geworden ist, wieder mehr Stellung zu beziehen. Straßenfotografie ist sehr feuilletonistisch und ich habe manchmal das Gefühl, man ist mit diesem – ich nenne es jetzt einfach mal Fotojournalismus – ein bisschen am Ende. Jedenfalls mit so ganz bodenständigen Themen wie z.B. Armut. Wie fotografiere ich heute Armut, ohne einer 80er-Jahre-Betroffenheitsfotografie zu verfallen sondern einen intelligenten Beitrag zu leisten und etwas sichtbar macht, was heutzutage nicht mehr so einfach sichtbar ist? Oder: wie fotografiere ich Krieg?

 

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Christian Reister: Stilistisch fallen an deinen Arbeiten zwei Stilmittel auf, die für dich sehr markant sind: Die oft geringen Tiefenschärfen und der Mix aus Farbe und Schwarzweiß. Gerade letzteres ist gemeinhin eher verpönt, funktioniert aber in deinen Büchern als wäre das die normalste Sache der Welt. Ist das ein bewusstes Verweigern von Konventionen?

Andreas Herzau: Ich unterscheide zwischen Buntfotografie und Farbfotografie. Farbfotografie ist für mich eine Fotografie, in der Farbe als bewusstes Gestaltungsmittel eingesetzt wird. Bilder, die in Schwarzweiß keinen Bestand hätten. So wie es auch Schwarzweißfotos gibt, die durch die Abstraktion ins schwarzweiße nur als Schwarzweißfoto funktionieren.

Buntbilder hingegen sind eher langweilig. Da ist zwar Farbe drin, es ist aber egal, ich nehme sie nicht wahr. Aus diesen Standpunkten heraus gibt es in meinen Serien Bilder, die nur mit oder nur ohne Farbe funktionieren.

Die Fotos im Moskau sind noch analog entstanden. Ich habe mit zwei Gehäusen gearbeitet – eins mit Schwarzweiß-, eins mit Farbfilm. Das wurde nicht nachträglich umgewandelt und entstand aus dem Bedürfnis heraus, beide Möglichkeiten bewusst einzusetzen und es nicht als Gegensatz zu empfinden.

Es gibt auch einen inhaltlichen Aspekt: in Moskau z.B. ist es sehr interessant, wie ich um eine Ecke biege und mich wie in der tiefsten Sowjetunion fühle, um die nächste Ecke habe ich aber plötzlich das Gefühl, in Paris oder Mailand gelandet zu sein. Das Schwarzweiße steht für eine Referenz in die Vergangenheit, die Farbe für die Jetztzeit.

Letztlich ist die Mischung aber auch ein Spaß am Scratchen. Denn das ist es letzlich: wie das Scratchen in der Musik.

Christian Reister: Welche zeitgenössischen Fotografen haben dich in letzter Zeit beeindruckt?

Andreas Herzau: Aktuell gibt es immer wieder einzelne Arbeiten, die ich sehr spannend finde und wo ich merke, da ist klug nachgedacht worden. Wenn professionelle, lang arbeitende Fotografen klug nachdenken, kommen in der Regel auch kluge Fotos dabei raus. Pieter Hugos „Permanent Error“ hat mich zum Beispiel sehr begeistert. Ein interessantes Thema, auf eine Art und Weise fotografiert, die nicht auf Emotionen abzielt, sondern mir einfach etwas klar macht.

Christian Reister: Die Straßenfotografie war ja recht lange eher eine Nische, wenn nicht sogar als altmodisch und überholt angesehen. In den letzten Jahren ist das Genre wieder sehr populär geworden. Es gibt immer mehr, die sich Straßenfotograf nennen und eigentlich nur Klischees reproduzieren. Siehst du dich als Teil des Genres oder gehst du lieber auf Abstand?

Andreas Herzau: Ich sehe mich schon als Teil dieses Genres. Ich bin – zumindest in Deutschland – recht bekannt für das was ich tue und das war auch vor zwanzig Jahren der Beginn meiner Karriere: ich bin einfach vor die Tür gegangen, habe fotografiert und habe diese Fotos angeboten. Sie sind gedruckt worden. So konnte ich bald besser davon leben als vom Schreiben, was ich zuvor gemacht habe. Erst als ich für die Magazine gearbeitet habe, wurden es Themen. Davor bin ich durch die Gegend gelaufen und habe fotografiert, was bei drei nicht auf den Bäumen war.

Für unseren Blog „Hello New York Hello Hamburg“, den ich mit Stefan Falke zusammen betreibe, erhalten wir viele Einsendungen von Fotografen. Manches ist gut, aber es kommt da auch unglaublich viel Scheiß. All diese Motive „alte Oma auf dem Balkon mit Lockenwickler“, „kleine Kinder mit Wasserspritzpistole“, angeschnittene Hundeschwänze… Fotos, die nett sind, aber eine flache ästhetische Oberfläche sind, nichts mehr. Das Problem bei vielen dieser Fotos, die ich sehe, ist die enorme Beliebigkeit. Ich kucke mir das an, weil irgendjemand „Straßenfotografie“ drübergeschrieben hat und bin dann bitter enttäuscht. Es gibt da ja auch ein paar Hyperaktivisten, die jeden Furz, den sie machen twittern, posten, facebooken… unerträglich finde ich das.

 

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Christian Reister: Was gibt es als nächstes von dir zu erwarten? Ausstellungen, sonstige Projekte?

Andreas Herzau: Jetzt kommt erstmal das neue Moskau Buch in die Läden, dann wird es im Sommer (Eröffnung 22.Juni 2012) bei meinem Galeristen Robert Morat eine Ausstellung mit neuen Arbeiten aus den letzten 4 Jahren geben. Für das kommende Jahr 2013 habe ich nun eine Anfrage für eine Werkschau …. also es gibt viel zu tun, aber es sind alles Projekte auf die ich mich sehr freue und in solchen Fällen kann ja Arbeit auch richtig Spaß machen.

Christian Reister: Besten Dank für das Gespräch.

Andreas Herzau, * 1962 in Mainz, lebt in Hamburg und ist ein deutscher Fotograf und Dozent für Fotografie.
Website | Blog | Intragram

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Trailer zum Buch„Herzau Moskow Street“
„Herzau Moskow Street“ bei BRAUS

„Es braucht mehr Fotobuchkultur.“ – Jens Pepper im Gespräch mit Markus Schaden

Das mittlerweile eröffnete Museum. Foto: Daniel Zakharov

Das mittlerweile eröffnete Museum. Foto: Daniel Zakharov

 

 

 

Markus Schaden ist Fotobuchvermittler und Initiator des ersten Fotobuchmuseums in Köln.
Dieses Interview wurde im Frühsommer geführt und ist in der aktuellen Ausgabe des Brennpunkt erschienen (3/2014)

Jens Pepper: Man liest und hört gerade viel über Dein aktuellstes Projekt, das PhotoBookMuseum. Was hat Dich, der du dich als Fotobuchhändler, Verleger, Kurator und Dozent wie kaum jemand sonst in Deutschland für das Fotobuch einsetzt, dazu bewogen, nun auch noch ein Museum für Fotobücher zu gründen?

Markus Schaden: Nach all den Jahren im Fotobuchgeschäft war die Entscheidung ein Fotobuch-Museum aufzubauen der finale Schritt dem Medium Buch innerhalb der Fotografie Tribut zu zollen. Öffentlich und mit der Mission neues Publikum dafür zu begeistern. Es braucht mehr Fotobuchkultur.

Jens Pepper: Was ist für Dich eine Fotobuchkultur? Was muss sich hier verändern?

Markus Schaden: Eine bessere Fotobuchkultur zu fördern und zu entwickeln heißt für mich, dass Fotobücher mehr Aufmerksamkeit im Feuilleton erhalten, dass Fotobücher eine bessere Akzeptanz innerhalb der Fotografie als autonome Form erlangen, dass es eine Art Ausbildung gibt, um gute Fotobücher kreieren zu können, sowohl für Fotografen, Editoren, Gestalter und auch Rezensenten, und natürlich die Förderung einer visuellen Bildlesekultur.

Jens Pepper: Viele Punkte, bei denen man nachhaken kann. Gibt es denn keine visuelle Bildlesekultur? Wir werden doch täglich vollgeschüttet mit Bildprodukten. Und wenn ich mir, nur als Beispiel, den Zeitschriftenmarkt ansehe, dann habe ich den Eindruck, dass wir gerade eine Renaissance der fotolastigen, gut gestalteten Hefte erleben.

Markus Schaden: Zur Lesekultur: es ist letztlich dasselbe wie bei der geschriebenen Kultur. Nicht jeder der den Stern lesen kann, ist auch in der Lage James Joyce Ulysses zu lesen und zu verstehen. Dasselbe gilt auch für ein Fotobuch wie beispielsweise Robert Franks „The Americans“ . Bilder schauen und zu verstehen ist anspruchsvoll. Dazu braucht es natürlich auch eine Art von Bild- bzw. Foto-Leseerfahrung. Und die lernt man leider nicht in der Schule. Also muss man das langsam aufbauen. Und zur Renaissance: klar, es gibt einen enormen Boom. Fotografie und das Fotografieren stehen hoch im Kurs. Von privat bis zu museal. Aber das heißt nicht automatisch eine Qualitätsverbesserung der Bildkultur.

Jens Pepper: Wie würdest du denn vorgehen, also pädagogisch. Wie schult man ein Publikum in Bildlesefähigkeit, und ganz allgemein im Umgang mit Bildern?

Markus Schaden: Der Umgang mit Fotos sollte möglichst früh im Leben beginnen. Schon in der Schule sollten Lehrpläne dies berücksichtigen. Dann geht’s weiter an der Uni. Und dazu braucht es natürlich Lehrer, Eltern usw. die Bildleseerfahrung und Kommunikationserfahrung haben. Man muss über Fotos sprechen können. Da gibt es noch richtig viel zu tun. Kurz gesagt: man sollte einfach viel gutes Material sehen. Das schult das Auge. Mir gefällt Wolfgang Tillmans Zitat „Pictures are replacing words as messages“. Das ist die Zukunft.

Jens Pepper: Kann Dein Photobuchmuseum beim Umgang mit Fotos, beim Lehren einer Leseerfahrung einen Beitrag leisten?

Markus Schaden: Ich hoffe doch. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Umgang mit und das Verständnis von Fotos steigt, je mehr jemand gesehen und darüber reflektiert und kommuniziert hat. Das PhotoBookMuseum möchte die Leute begeistern und zum “ Lesen“ anregen!

Jens Pepper: Erzähle mir von deiner Idee zu diesem Museum, und wie es konzipiert ist.

Markus Schaden: Die Idee hat sich ja aus dem ganzen Schaden.com-Kosmos heraus entwickelt. Wir haben uns immer neue Dinge – z.B. die PhotobookMasterClass und die PhotoBookStudies – ausgedacht, um die Dinge verständlicher zu machen und nach vorne zu treiben. Als der Fotobuchhandel wegen Strukturschwierigkeiten immer schwieriger wurde, wollte ich auf diesem Feld nicht mehr weiter machen. Zu dieser Zeit besuchte mich Julien Frydman, Chef der ParisPhoto, in Köln … und nachts auf dem Bürosofa sagte er dann plötzlich: „Schaden, du bist durch deine bisherige Arbeit ja schon so was wie eine Institution in Sachen Fotobuchvermittlung, also mach auch eine offizielle daraus!“ Nach ein paar Monaten war mir, meinen Kollegen und Freunden dann klar: Es braucht ein Museum. Und dann haben wir das ein Jahr lang entwickelt.

Jens Pepper: Und wohin hat euch die Projektentwicklung nun geführt? Wie stelle ich mir ein lebhaftes Photobuchmuseum vor, dass nicht nur Aufbewahrungsort, also Bibliothek ist?

Markus Schaden: Wir haben unterschiedliche Aspekte im Portfolio. Wir zeigen historische Aspekte, präsentieren in BookShows zeitgenössische Fotografen, bieten PhotoBookStudies und Collection-Profiles an, zeigen also, wie man Fotobücher sammeln kann. Und dann wird es ein paar Großprojekte geben, an denen man die Komplexität und die Wirkungsgeschichte nachverfolgen kann. Das alles, also der von uns so genannte Parcour, wird mit einem Manifest enden . Wir erarbeiten so viel neue Lösungen wie möglich, um Fotobücher zu zeigen und zu erklären. Und dabei wollen wir die Objekte nicht nur in eine Vitrine legen. Das ist Oldschool. Wir lieben die Aura des Originals, aber nicht ausschließlich. Zum Beispiel haben wir das CAFE LEHMITZ von Anders Petersen aus seinem Buch und seinen Fotos rekonstruiert und bauen es 1:1 wieder auf … in Schwarz/Weiß und mit eigenem Bar-Betrieb. Das ist dann ein gelebtes Fotobuch. Und wir werden einen speziellen Skateboard Container mit Rampe zum Skaten draußen aufstellen. Dieses Teil wird gestaltet und kuratiert von Skateboard-Fotografen-Legende Ed Templeton. Und so geht es weiter. Da wird es noch sehr viel mehr geben.

Jens Pepper: Ok, also ist das Museum als festes Gebäude mit Bibliothek und Showfläche nur ein Teilaspekt eines künftigen PhotoBookMuseums. Euch kommt es vor allem darauf an, durch Aktivitäten Menschen auf die Materie Fotobuch zu stoßen und so einen neuen Zugang zu diesem Thema zu eröffnen. Ihr fangt jetzt erst einmal mit Einzelprojekten an, die in Containern zu sehen sein werden, in dem real Bücher zu sehen sein werden, präsentiert auf ganz verschiedene Arten. Und diese Container gehen dann auch auf Reisen. Ein reales, festes Gebäude ist die Zukunft.

Markus Schaden: Genau. Stufe eins heißt: Es gibt einen Prototypen. Der wird ab August auf der Expo im Kölner Carlswerk präsentiert, und wenn die dann vorbei ist, wird der Prototyp in 14 Schiffscontainer verpackt auf Reisen gehen, zu Festivals, in andere Museen, etc. Mobilität ist hier unser Credo! Dazu wollen wir eine Online-Version der Präsentation aus dem Carlswerk anbieten. Da kann dann jeder noch mal durchs Museum gehen. Und langfristig suchen wir natürlich nach einer dauerhaften Residenz. Wo auch immer die sein wird. Wir wollen uns aber die Zeit nehmen das PhotoBookMuseum bis dahin möglichst oft irgendwo zu zeigen und vielleicht Leute zu inspirieren ähnliches zu tun. Der Aufbau, der Ankauf einer eigener Sammlung oder mehrerer steht natürlich auch auf dem Plan. Dafür brauchen wir aber Zeit. Es gibt also viel zu tun !

Jens Pepper: Was wird von euch auf der Expo im Carlswerk, die von der PhotoSzene Köln präsentiert wird, zu sehen sein? Der Lehmitz-Nachbau, der Scater-Container. Was noch?

Markus Schaden: Es gibt fünf Studies zu sehen geben, ein von mir entwickelter neuer Zugang zum Fotobuch. Eine Studie ist eine Art visuelle Sekundärliteratur zu einem Fotobuch. Auf Stellwänden werden Fotos, Buchseiten, anderes Bildmaterial grafisch in Zusammenhang gesetzt und mit schriftlichen Anmerkungen ergänzt. Diese Studies veranschaulichen, in welchem künstlerischen, historischen und gesellschaftlichen Umfeld das vorgestellte Fotobuch entstanden ist. Und durch welche Ereignisse, Entwicklungen und Personen der Autor in seiner Arbeit beeinflusst worden ist. Ein Buch, das wir so präsentieren ist Ed van der Elskens „Liebe in Saint-Germain des Prés“. Außerdem gibt es noch Studies zu Büchern von Stephen Shore, Todd Hido und Daido Moriyama. Weiterhin zeigen wir ca. 28 Ausstellungen rund um das Thema Fotobuch, um so die stilistische und inhaltliche Vielfalt internationaler Fotobücher darstellen zu können. Es gibt historische Übersichten. Zum Beispiel präsentiert Martin Parr eine Sammlung wichtiger Fotobücher zum Thema Protest. Und es gibt einen Fokus auf aktuelle Fotobücher. Wir zeigen unter anderem Bücher von Christina de Middel, Oliver Sieber, Stephen Gill, Hans-Jürgen Raabe, Deanne & Ed Templeton, Ali Taptik, Carolyn Drake und Andrea Diefenbach usw.. Etwas das ich auch auf der Expo zur Diskussion stellen will, ist meine These, dass es einen Paradigmenwechsel in der Fotografie gibt. Das Fotobuch hat sich in den vergangenen zehn Jahren zu einer eigenständigen Kunstform entwickelt, die immer mehr Sammler findet. Ich zitiere mich mal selbst aus unserem Flyer: „Eine junge Generation von Fotografen, Kuratoren, Historikern, Sammlern und Verlegern schätzt das Fotobuch als eine Art visuelles Esperanto. Kein Fotofestival ist inzwischen mehr ohne eine Sektion für Fotobücher denkbar. Auch von den Museen wird der Paradigmenwechsel zunehmend akzeptiert. Bedeutende Häuser wie die Londoner Tate Modern und das Museum of Fine Art in Houston erwerben Fotobuchsammlungen, um der gegenwärtigen Entwicklung visueller Kultur Rechnung zu tragen.“ Ja, und genau hier will ich mit dem PhotoBookMuseum ansetzen.

Jens Pepper: Das alles zu organisieren kostet Geld und Zeit. Welche Unterstützung hast du, wie groß ist dein Team?

Markus Schaden: Also, mir liegt es erst mal am Herzen, dass wir das alles aufbauen können und dann auch weiterentwickeln. Wir haben Erfahrung, aber natürlich können wir auch nicht alles von vorneherein wissen. So ist die auf der Expo gezeigte Präsentation auch erst mal ein Protyp bzw. ein Proposal, eine Idee. Wir nennen sie Edition. Und diese zu gestalten ist der erste Schritt. Dazu kommt, das wir das alles nur privat und mit Crowdfunding stemmen müssen. Wenn es uns gelingt Leute mit Geld, andere Stiftungen oder wen auch immer zu überzeugen, uns Geld zu geben, dann können wir natürlich mehr entwickeln. Die Ideenkiste ist groß!

Jens Pepper: Wie ist die bisherige Resonanz auf euer Projekt? Wird es bereits außerhalb der Fotografie-Szene wahrgenommen? Denn diesen Personenkreis wollt ihr ja gerade auch erreichen.

Markus Schaden: Sehr, sehr gut …. wenn man diese neuen Leute erreicht. Das aber ist nicht einfach, man braucht Geduld und muss langsam ein neues Netzwerk aufbauen. Wir machen ein tolles Chargesheimer Projekt mit der Photoszene in Köln zur Eröffnung der Expo und hoffen, dass da viele Leute mitmachen. Das ist dann Chargesheimer Reloaded. Ich hoffe natürlich auch auf Presse und Resonanz, wenn das Ding mal da steht.

Jens Pepper : Wie sieht die Kooperation mit den Fotografen oder Rechtsnachfolgern aus? Geben die euch freie Hand?

Markus Schaden: Bis jetzt ist alles ok. Wir versuchen so gut wie möglich zusammenzuarbeiten. Das ist kein Problem bei den Zeitgenossen, zumindest meistens. Grundsätzlich ist zu sagen: Wenn wir Bücher ausstellen …, besser: gegen das Auseinandernehmen eines Buches kann ja erst mal keiner was sagen. Das ist ein interessantes Feld. Wenn man Foto-Originale besitzt, dann darf man damit ja auch Ausstellungen machen und ein Plakat dazu. Das was wir machen, hat bis jetzt halt kaum jemand gemacht!

Jens Pepper: Also leistet ihr im wahrsten Sinne Pionierarbeit in Sachen Fotobuchvermittlung und Präsentation von Fotografie mittels Präsentation von Büchern, in denen diese abgebildet sind.

Markus Schaden: So kann man‘s sagen. Schwierig aber spannend, diese neuen Wege! Das Feld ist noch nicht wirklich beackert .Das gibt uns aber auch viele Möglichkeiten, um neue Ideen einfach mal auszuprobieren. Wir haben aber auch gute Partner. Die Halle wird von der BEOS AG gesponsert. Der Kettler Verlag druckt uns nahezu alles für gesponsert. Und Kummer und Herrman sind eine wunderbare Agentur und haben ein tolles Corporate Design entworfen.Und dann gibt es noch viele gute andere Unterstützer.

Jens Pepper: Gibt es eigentlich schon Fotobuchmuseen?
Markus Schaden: Nein, bisher kein einziges.

Christian Reiser - Photo by Pepper

Markus Schaden ist einer der profiliertesten Fotobuchkenner Deutschlands. Er war Fotobuchhändler und -verleger, arbeitet als Dozent und kümmert sich derzeit vor allem um die Etablierung des PhotoBookMuseums.

www.thephotobookmuseum.com

Foto: © Thekla Ehling

 

 

„Für mich sind meine Aufnahmen Portraits, auch die Akte.“ – Christian Reister interviewt Jens Pepper

Vanessa, aus der Serie “Bloom of Youth 2″

Vanessa, aus der Serie “Bloom of Youth 2″

 

Christian Reister: Du startest mit mir den Blog Obst & Muse. Warum eigentlich?

Jens Pepper: Im vergangenen Jahr hatte ich begonnen Interviews mit Fotografen, Fotohändlern, Fotohistorikern etc. zu führen, die ich dann auf einer an meine Homepage gekoppelte Blogseite gestellt und teilweise auch in der kleinen Berliner Fotozeitschrift Brennpunkt veröffentlicht habe. Meine Blogaktivität habe ich später etwas vernachlässigt, auch weil ich diesen notwendigen technischen Aspekt des fachgerechten Einstellens der Texte und Begleitfotos auf diese Seite und das Formatieren der Daten nicht sonderlich gut beherrsche und mag. Als Du dann vorschlugst, Deine eigene Interviewtätigkeit mit meiner zusammenzulegen und einen neuen gemeinsamen Blog zu gründen, war das für mich einen wunderbare Gelegenheit, bereits vorhandene Gespräche aus ihrem digitalen Grab zu befreien und erneut einer Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen sowie eine neue Publikationsplattform für zukünftige Gespräche zu schaffen. Dabei gewährleistet mir die Kooperation mit Dir einen unkomplizierten technischen Support, was ganz wunderbar ist, denn Du bist in Sachen Webdesign immerhin Profi. Außerdem erhoffe ich mir natürlich viele spannende Einsichten in die Fotografie durch die von Dir selbst geführten Interviews. Und zu guter Letzt glaube ich, dass wir unkompliziert miteinander umgehen können.

Christian Reister: Das Schreiben über Fotografie und Kunst ist für dich ja nichts Neues. Neben deiner Tätigkeit als Fotograf – dazu kommen wir noch – hast du ja schon die unterschiedlichsten Rollen im Kunstbetrieb gespielt. Autor, Galerist, Kunstvermittler. Hab ich was vergessen? Lässt sich dieser Werdegang in ein paar Sätzen zusammenfassen?

Jens Pepper: Schon während meines Studiums der Kunstgeschichte und Geschichte habe ich für eine kleine Offgalerie – die Galerie paranorm – in Berlin gearbeitet. Unter anderem haben wir Künstler, Musiker und Designer besucht und interviewt, d. h., ich habe die Gespräche geführt und der Galerist, Ralf Roszius, hat diese auf Video aufgezeichnet. Dabei habe ich ziemlich viel gelernt und überhaupt erst einmal richtigen Zugang zur Kunstszene Berlins erhalten. 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, habe ich dann mit einer damaligen Freundin, Lena Braun, meine erste eigene Galerie eröffnet, die Galerie Loulou Lasard in Schöneberg. Das war ein ziemlich angesagter Ort. Ich habe vor allem die Ausstellungen organisiert, beispielsweise mit Ampelio Zappalorto, dessen von uns präsentierte Klanginstallation später auch auf der Biennale in Venedig zu sehen war. Lena dagegen hat sich primär um ein spannendes Veranstaltungsprogramm gekümmert. So ist damals beispielsweise Lotti Huber mit ihrer autobiografischen Lesung bei uns aufgetreten und wir haben eine wilde Zwanziger-Jahre-Party organisiert für die uns der spätere Tresor-Gründer Dimitri Hegemann einen kleinen Roulettetisch geliehen hat, an dem man dann im Keller sein Geld verspielen konnte.

Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass mir noch ziemlich viel Wissen in Sachen zeitgenössischer Kunst fehlte und als Marius Babias mich fragte, ob ich ab und an mal einen Artikel für die Stadtzeitung Zitty schreiben wolle, habe ich das Angebot angenommen. Ich bin dann auch aus der Galerie ausgestiegen und habe für verschiedene Blätter geschrieben, am Anfang eher schwache Texte, wie ich heute sagen muss. Außerdem habe ich für andere Galerien gearbeitet, habe kleinere Ausstellungen kuratiert und ein wenig Kunsthandel betrieben.

Anfang der 2000er Jahre habe ich dann wieder einen eigenen kleinen Raum ins Leben gerufen: pepperprojects. Dort habe ich u.a. mehrfach mit der Klang- und Lichtinstallationskünstlerin Christina Kubisch zusammengearbeitet oder mit Wolfgang Petrick, einem großartigen Maler und Zeichner, mit dem ich seit sehr langer Zeit gut befreundet bin. Dieses Projekt ging dann irgendwann über in ein Galerieprojekt, das ich mit einem Bekannten aus Schultagen gegründet habe, dass dann aber wegen völlig unterschiedlicher Ansichten bald wieder auseinander ging. Für diese Galerie habe ich unter anderem die Fotografen Arthur Tress und Brigitte Maria Mayer gewinnen können, die beide großartige Ausstellungen gezeigt haben.

Derzeit arbeite ich mit einem Kunstliebhaber und Sammler aus den USA an der ersten englischsprachigen Monografie zu Leben und Werk von Wolfgang Petrick, die demnächst in den USA erscheinen wird. Und, last but not least: Aufgrund einer Wette habe ich mit dem Fotografieren begonnen. Da ich damit Erfolg habe – ich hatte im vergangenen Jahr eine Einzel- und zwei Gruppenausstellungen und es wurde auch über mich geschrieben – mache ich damit weiter. So, kurz ist das alles jetzt nicht geworden, aber es gibt Dir einen kleinen Überblick.

Christian Reister: Na, jetzt kokettierst du aber. Wette verloren und aufgrund erster Erfolge „mache ich weiter“. Das klingt ja nicht sehr ambitioniert. Dabei steckst du in deine Arbeiten recht viel Zeit und Enthusiasmus.

Jens Pepper: Oh, kommt das so rüber? Das war nicht meine Absicht.

Verloren hatte ich die Wette übrigens nicht, sondern gewonnen. Ein befreundeter Fotograf erzählt mir schon seit den 1990er Jahren immer mal wieder, dass ihn Aktfotografie reizen würde, aber irgendwie hat er das nie umgesetzt. Als er diesen Gedanken vor einigen Jahren noch einmal äußerte, habe ich mit ihm gewettet, dass ich, der Laie, wenn ich jetzt loslegen würde, schneller als er zu einer Einzelausstellung und einem Buch mit meinen eigenen Aktfotos kommen würde. Die Einzelausstellung hatte ich dann im vergangenen Frühjahr in der Galerie Carpentier in Berlin, das Buch ist gestaltet, harrt aber noch der Drucklegung in diesem Jahr. Ich habe übrigens nicht nur Aktfotos für dieses Projekt gemacht.

aus der Serie

Kasandra, aus der Serie „Bloom of Youth“, 2012

 

Und zu Deiner Frage nach der Ambition. Klar bin ich ambitioniert. Die Fotografie macht mir Spaß und ich habe sehr viele Ideen, die ich realisieren möchte. Dafür muss ich mir aber auch noch einige Dinge beibringen, also technischer Natur, denn wie gesagt, ich komme aus der Kunstvermittlung und bin kein ausgebildeter Fotograf. Aber ich habe ein gutes Auge. Ich weiß, ob ein Foto gut ist oder nicht. Selbst kreativ zu sein war bis vor einigen Jahren nie mein Ziel gewesen. Die Rolle des Vermittlers hatte mir immer sehr gut gefallen. Jetzt merke ich, dass es eine Prioritätenverschiebung gegeben hat. Ich habe die Seiten gewechselt, bin vom Vermittler zum Produzenten geworden, zumindest zu einem beträchtlichen Teil.

Christian Reister: Die Mädchen, die du fotografierst, sind sehr jung und keine typischen Models – sie wirken eher wie die unbedarfte Studentin von nebenan. Wie lernst du sie kennen?

Jens Pepper: Für mein erstes Projekt „Snapshot Beauties“ habe ich in der Tat ziemlich junge Frauen fotografiert. Da die ersten, mit denen ich dafür zusammengearbeitet habe, zwischen 18 und 22 Jahre alt waren, habe ich dieses Alter dann für dieses Projekt beibehalten, um die ganze Bildserie einheitlich zu gestalten. Einheitlich waren auch die Wahl der Kamera – ich habe eine analoge Kodak FunSaver Einwegkamera mit eingebautem Blitz und Plastiklinse genommen – und der Aufnahmeort: meine Wohnung.

Die ersten Models habe ich über Modelnetzwerke im Internet wie Model-Kartei und fotocommunity bekommen. Andere sind mir von Freunden vermittelt worden, wieder andere habe ich auch einfach angesprochen. Ein Model, mit dem ich noch heute zusammenarbeite, habe ich mit ihrem Freund auf dem Mauerparkflohmarkt gesehen und einfach angesprochen. Ich habe den beiden mein Projekt erläutert und sie eingeladen, sich irgendwann einmal Aufnahmen bei mir im Atelier anzusehen. Das haben die zwei dann auch gemacht und ein paar Wochen später haben wir die Fotos für das Projekt aufgenommen.

Du sagst die Models wirken unbedarft. Das halte ich für eine unglückliche Wortwahl. Unbedarft war und ist keines von ihnen. Es sind im Gegenteil alle sehr starke Persönlichkeiten die genau wussten, was sie machen. Diejenigen, die vor unserer Zusammenarbeit schon Fotos von mir gesehen hatten, konnten sich ja auch vorstellen, in welche Richtung das Shooting gehen würde. Die hatten Lust, sich ebenso portraitieren zu lassen. Für mich sind diese Aufnahmen nämlich Portraits, auch die Akte. Das Sexuelle steht nicht im Vordergrund, sondern die Person, der Mensch. Gerade weil ich keine Profimodels engagiert habe, sondern Laien, kommt dieser Portraitaspekt in meinen Augen ziemlich stark zur Geltung. Zwar sind die Fotos in gewisser Weise inszeniert, aber die Mädchen wirken dennoch sehr natürlich und authentisch. Das ist es auch, was meine Fotos für Frauen und Männer gleichermaßen interessant erscheinen lässt. Übrigens war es jedem Model freigestellt sich bekleidet, akt oder halbakt fotografieren zu lassen. Wichtig war mir nur, dass die Aufnahmen einen erotischen Touch haben, und dass die Mädchen, die kein Akt oder Halbakt machen wollten, damit einverstanden waren, dass ihre Fotos auch im Kontext mir Aktaufnahmen zu sehen sind. Mit einigen der Models, die ich für die „Snapshot Beauties“ fotografiert habe, arbeite ich auch heute noch zusammen.

Paula, aus der Serie "Snapshot Beauties", 2012

Paula, aus der Serie „Snapshot Beauties“, 2012

 

Christian Reister: Die Beschreibung „unbedarft“ war von mir als Beschreibung der Wirkung der Frauen auf den Fotos gemeint, nicht als Charakterisierung der Person. Unbedarft im Sinne von unroutiniert und daher eigenständig im Umgang mit geposten Fotos. Das macht für mich den Charme der Arbeit aus. Eben weil die die tyischen Modelposen und lasziven Blicke und Gesten konsequent vermieden werden. Genauso wie die Technik ja auch nicht auf dicke Hose macht und gekonnt jeden Kitsch und Mackeransatz umschifft.

Vermutlich sieht das aber nicht jeder so. Kommst du öfter in die Situation, dass du dich gegenüber Vorwürfen und Vorurteilen rechtfertigen musst? Und falls ja: ist das ein Problem für dich?

Jens Pepper: Ja genau, dass das alles unroutiniert wirkt war mir auch wichtig. Wie schon gesagt, ich denke, dass durch dieses ungeübt sein der Models intimere Portraits entstehen. Bei einem übermäßigen und professionellen Posing werden persönliche Gesten und Mimiken eher getilgt oder überspielt.

Vorwürfe die in Richtung „ich sei ein Sexist“ gehen gibt es ab und zu, aber eher selten, und wenn, dann werden sie meistens von Frauen meiner Generation geäußert, Frauen, die vielleicht gerade in der Midlife-Crises stecken oder mit dem Älter werden nicht zurechtkommen und in der Zusammenarbeit zwischen älterem Fotografen und jüngerem Modell möglicherweise einen persönlichen Affront sehen. Manchmal auch von ausgeprägt linksfeministisch eingestellten Frauen der jüngeren Generationen. In den vergangenen drei Jahren habe ich so etwas aber keine zehn Mal erlebt. Vielleicht schweigen die meisten möglichen Kritikerinnen ja auch einfach, ich weiß es nicht, und es interessiert mich auch nicht ernsthaft. Jeder soll seine Meinung haben. Ich präsentiere mich ja mit meinen Fotos einer Öffentlichkeit. Da kann ich kaum erwarten, dass alle meine Arbeit mögen.

Ich freue mich aber darüber, dass ich viel Zuspruch erhalte, gerade auch von Frauen. Beispielsweise die Mutter eines meiner Modelle, eine Lehrerin, die findet es toll, dass sich ihre Tochter von mir Akt fotografieren lässt. Eine bekannte Schriftstellerin hat sich ein Foto von mir in ihre Wohnung gehängt, und ebenso hat das eine bekannte Filmemacherin und Fotografin getan.

Christian Reister: Irgend ein kluger Mensch hat mal gesagt: „Mindestens 50% einer Fotografie entsteht im Auge des Betrachters“. Ich bekomme mit meiner Fotografie auch ab und an die abfälligsten Reaktionen ab, weil für manche Menschen das Fotografieren von Menschen in der Öffentlichkeit per se schon eine Schweinerei zu sein scheint. Andere interpretieren in meine Fotos Dinge und Absichten hinein, die in Abgründe blicken lassen, die wohl weder der Fotografierte und ich je gesehen haben.

Jens Pepper: Dazu möchte ich Dir noch eine Anekdote erzählen, denn sie ist ein Beispiel dafür, wie vermeintlich engagierte Menschen im Wust ihrer eigenen Vorurteile und Klischees gefangen sind. Vor ungefähr zwei Jahre hatte mich eine Redakteurin der Tageszeitung taz besucht und hat sich die „Snapshot Beauties“ angesehen. Eines der Mädchen, das ich für diese Serie fotografiert habe, ist vietnamesischen Ursprungs; also ihre Eltern stammen aus Vietnam. Sie selbst ist aber gebürtige Berlinerin. Zur Zeit des Shootings stand sie gerade vor der Entscheidung, ob sie gleich ein Studium beginnen soll oder erst einmal ein Jahr lang durch die Welt reisen will. Die Tazredakteurin sah nun zwei Fotos von diesem Model, mit dem ich übrigens weder Akt- noch Halbaktfotos gemacht habe, und sagte mir dann, dass sie durch diese Fotos an Thai-Sextourismus erinnert würde. Da war ich wirklich baff. Wie kann ein erwachsener, politisch gebildeter Mensch so einen Bullshit von sich geben? Das war purer Rassismus. Das was die Redakteurin eigentlich mit ihrer Äußerung sagte war, dass eine junge Frau die asiatisch aussieht mit Sicherheit eine Prostituierte sei. Sie hat das gewiss nicht so gemeint, dachte bestimmt auch viel mehr so, dass, wenn ich als deutscher Mann eine asiatisch aussehende Frau fotografiere, dieses etwas von „Mann kauft Prostituierte“ an sich hat. Aber das ändert nichts daran, dass ihre Äußerung im Grunde vorurteilsbeladen und rassistisch war. Hätte sie das vor dem Model geäußert hätte sie sich mit Sicherheit eine eingefangen. Doch solche Vorfälle sind wirklich selten. Die meisten Menschen denken glücklicherweise nach, bevor sie den Mund aufmachen.

Christian Reister: …oder respektieren zumindest die Freiheit der Kunst und der Berichterstattung.

Auf deiner Website findet sich noch ein Fotoprojekt ganz anderer Art. Was hat es mit dem Langzeiprojekt über Gorzow Wielkopolski auf sich? Sag jetzt bitte nicht, du hättest da eine Wette gewonnen…

aus der Serie "Gorzow Wielkopolski 2006 - 2010"

aus der Serie „Gorzow Wielkopolski 2006 – 2010“

 

Jens Pepper: Gorzow Wielkopolski ist eine Stadt im Westen Polens, ungefähr 130 km von Berlin entfernt. Sie ist aber kaum jemandem ein Begriff. Nur ältere Menschen und Germanisten kennen die Stadt, die bis zum Kriegsende Landsberg an der Warthe hieß. Christa Wolf wurde dort geboren und Gottfried Benn war um 1943 dort als Militärarzt stationiert. Nach dem Krieg wurden die deutschen Bewohner von dort vertrieben und ihrerseits vertriebene Polen aus Galizien wurden dort zwangsangesiedelt. Nach der Wende dann, als Polen den sowjetischen Einfluss abgeschüttelt hatte, ging es mit Gorzow wirtschaftlich bergab und die Arbeitslosigkeit stieg rasant an.

Als ich 2006 erstmals dorthin kam, hatte man der Stadt den jahrzehntelangen Verfall und die relative Armut angesehen. Und obwohl sie so nah an Berlin gelegen ist und bereits 17 Jahre seit der Wende vergangen waren, wirkte die Stadt atmosphärisch noch ziemlich osteuropäisch. Aber Gorzow war ganz offensichtlich auch im Wandel begriffen. Die anstehende 750-Jahr-Feier in 2007 hatte es wohl möglich gemacht, dass Gelder flossen und ziemlich viel im öffentlichen Raum gebaut und restauriert wurde. Vieles war also ganz heftig im Wandel begriffen und das wollte ich fotografieren. Aber das Ganze fing erst einmal so nebenher an, denn der eigentliche Grund warum ich in Gorzow war, war eine Beziehung. Ich habe zunächst auch gar nicht an eine Nutzung der Fotos gedacht und habe deshalb nur eine ziemlich simple Digitalkamera von Praktica benutzt, dieselbe, die ich später für die Serie „Bloom of Youth“ verwendet habe. Aber wie es so ist: das Projekt hat sich verselbstständigt und ist nun mit der Auswahl von 60 Gorzow-Aufnahmen aus den Jahren 2006 bis 2010 der Beginn einer Auseinandersetzung mit Polen.

Das Land interessiert mich zusehends mehr und derzeit arbeite ich an einer Langzeitdokumentation über Warschau. Ich habe auch noch allerlei andere Ideen, die ich mit den Jahren in Polen umsetzen möchte.

Christian Reister: Ich bin gespannt.

Willst du noch einen kleinen Ausblick auf deine kommenden Interviews geben, die wir hier in nächster Zeit veröffentlichen werden?

Jens Pepper: Ich werde ein bereits publiziertes Gespräch mit Klaus Honnef über zeitgenössische Aktfotografie aus dem letzten Jahr auch noch mal auf dieser Plattform veröffentlichen. Dann ein Gespräch mit der Kunsthistorikerin Helen Adkins über Schadographien und ein Interview mit dem Fotografen André Wagner. Es gibt noch so viele Fotografen, Galeristen, Kuratoren, Fotohistoriker usw. beiderlei Geschlechts mit denen ich über ihre Arbeit sowie Fotografie ganz im allgemeinen reden möchte. Ich denke, dieser ganze Blog wird für mich genau so spannend werden wie für fotografieinteressierte Leser.

August 2014

Christian Reiser - Photo by Pepper

Pepper ist Fotograf, Kunstvermittler und Autor. Geboren 1964 in Bremen, lebt seit 1987 in Berlin. Nach langjähriger Tätigkeit als Galerist, Kurator und Autor heute vor allem Fotograf. Interviews mit Fotografen, Kuratoren, Fotohändlern und Fotohistorikern sowie Essays zu fotografischen Themen.

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Foto links von Jan Sobottka, www.catonbed.de

„Die, die nach uns kommen, werden sehen wollen, wie es bei uns ausgesehen hat.“ – Frank Silberbach im Gespräch mit Christian Reister

Berlin 140°

Dieses Interview wurde im Mai 2012 geführt. Mittlerweile sind Frank Siblerbachs Panoramaaufnahmen aus Berlin bei BRAUS in Buchform erschienen.

Christian Reister: Straßenfotografie mit der Panoramakamera – wie kommt man auf so eine Idee?

Frank Silberbach: Ich habe 1996 ein Projekt in einem Dorf in China gemacht. Da habe ich „normal“ mit einer Leica und einem 35er Objektiv gearbeitet. Ich war dort für zwei Monate und als ich vorübergehend zurückkam, dachte ich mir, ich mache einfach mal ein zusammengesetztes Panorama, um zuhause zu zeigen, wie diese Dorfstraße hier aussieht. Das kam auf einem einzelnen Bild einfach nicht so gut rüber.

So habe ich also ganz einfach und analog vier separat belichtete Bilder aneinander gesetzt. Da sah ich, dass z.B. ein Passant vom einen Bild ins andere gelaufen war. Er war also doppelt drauf. Dann dachte ich: nun, diese Zeit, die zwischen den einzelnen Bildern vergeht, die kann man ja bewusst nutzen: ich merke mir ungefähr die Anschnittstellen zwischen den Bildern und gucke, was in den einzelnen Segmenten passiert. Für jedes Segment habe ich dann auf einen Höhepunkt des Geschehens gewartet, quasi auf den entscheidenden Augenblick. Zusammengesetzt gab es dann plötzliche mehrere entscheidende Augenblicke auf einem Bild. Davon ausgehend wollte ich herausfinden, ob es das auch in der Wirklichkeit gibt. So bin ich zu meiner Schwinglinsenkamera gekommen. Bis jetzt ist es so, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, Straßenfotografie mit einer Kamera mit feststehender Optik zu machen.

Mengwang China 1997

Mengwang China 1997

Erste Panoramen: manuell zusammgesetzte Einzelbilder aus Mengwang, China

 

 

Christian Reister: Mit deinen Panoramafotos hattest du über Jahre eine eigene Kolumne im Magazin der Berliner Zeitung. Wie kam es dazu?

Frank Silberbach: Bei der Berliner Zeitung war Ende 2004 kurzfristig der Autor für eine Textkolumne ausgefallen und da hat mich ein befreundeter Bildredakteur angerufen und gefragt, ob ich mit meiner Panoramakamera Straßenfotografie für eine eigene Bildkolumne machen wolle. Das sollte zunächst für acht Wochen laufen, dann wurde es aber mehrmals verlängert bis es schließlich über vier Jahre wurden. Jede Woche ein Bild, das war ein gutes Training und manchmal ganz schön anstrengend.

Denn je länger die Sache lief, desto mehr hatte ich den Ehrgeiz entwickelt, dass das jetzt richtig gut werden muss. Am Anfang war es „nur“ ein Job, der mir zwar sehr nahe war, aber mit der Zeit habe ich es mir immer schwerer gemacht, indem ich die Meßlatte für mich deutlich höher gelegt habe. Gemessen am Honorar war der Aufwand meist ziemlich hoch, um jede Woche ein gutes Bild abzuliefern. Aber ich habe es geschafft, in all den Jahren nicht einen Ausfall zu liefern und manchmal hatte ich auch Zeiten, in denen ich drei oder vier Bilder im Vorlauf war.

Christian Reister: Gab es inhaltliche oder formale Vorgaben für die Kolumne?

Frank Silberbach: Die Proportionen des gedruckten Bilds waren noch extremer als die meiner Kamera: 4:1. Du musstest eigentlich immer einen Schritt zurücktreten, was du als Fotograf ja ungern machst. Bestimmte Bilder, wie zum Beispiel das vor der Oper (siehe Abbildung oben), das später entstanden ist, wären nicht gegangen. Zu nahm dran, da kann man nichts mehr abschneiden. Während der, der in der Friedrichstraße im Regen steht (siehe Abbildung unten) und die Arme ausbreitet, gut oben und unten beschnitten werden konnte. Manchmal war das eine ungeheure Zirkelei, das gerade noch so hinzukriegen, dass es zu beschneiden geht. Das sah nicht immer so schön aus und war eigentlich immer ein Kompromiss.

Inhaltlich aber gab es keine Einschränkungen. Es gab niemand, der gesagt hätte „Geh dahin“ oder „Mach das nicht“. Man kannte sich auch schon ziemlich lange. Wenn ich mit meinen Kontaktbögen ankam, hatte ich schon immer markiert, was ich ausgewählt hatte, manchmal auch ein, zwei Alternativen, da waren wir uns immer sehr schnell einig. Das war sehr schön, ich konnte wirklich machen was ich wollte.

Christian Reister: Hat sich mal jemand bei der Zeitung gemeldet, der sich auf deinen Fotos erkannt hat?

Frank Silberbach: Auf die Kolumne gab es eine sehr positive und breite Resonanz, aber die ganze Zeit hinweg hat sich nie jemand gemeldet, der sich erkannt hätte oder sich gar beschweren wollte. Und die Berliner Zeitung ist immerhin die größte Abonnement-Zeitung Berlins. Es war eher andersrum: wenn mich auf der Straße jemand gefragt hat, was ich denn da für eine Kamera habe, habe ich, um nicht so viel erklären zu müssen, immer gefragt, ob er/sie Berliner-Zeitungs-Leser ist. Da waren die Reaktionen dann immer sehr positiv – „Ach, Sie sind das!“, „Das schauen wir uns immer gerne an.“ Niemals hat mich jemand gefragt „Dürfen Sie das überhaupt?“.

Es herrscht ja bei manchen mittlerweile die Vorstellung, dass es so gut wie verboten sei, auf der Straße zu fotografieren und moralisch zumindest zweifelhaft. Das ist erstens falsch und zweitens dumm. Denn diese Ansicht übersieht, dass die, die mal nach uns kommen, sehen werden wollen wie es bei uns ausgesehen hat. So wie wir heute gerne die Bilder von Zille und Seidenstücker anschauen, um zu sehen, wie es damals ausgesehen hat. Die direkte Anschauung ginge verloren, wenn diese Art der Fotografie verboten wäre. Drauf kommen manche gar nicht, die so sehr auf ihr Recht am eigenen Bild beharren. Oder auf dem ihres Dackels.

Berlin 140°

 

Berlin 140°

Berlin 140°

Christian Reister: Du arbeitetst seit 2004 an „Berlin 140°“ – es ist jetzt eine sehr umfangreiche Arbeit und da wurde sicher Unmengen an Material verbraucht…

Frank Silberbach: Ja. Es gibt zwei Auswahlen: 213 wurden in der Berliner Zeitung gedruckt. Danach, seit 2009, habe ich im eigenen Auftrag weitergemacht. Die A-Auswahl, die in Ausstellungen gezeigt wird, sind knapp über 70. Dafür habe ich über 1000 Filme belichtet, 21 Bilder passen auf einen Film. Also 21.000 Bilder für die A-Auswahl von knapp über 70.

Christian Reister: Das ist eine gute Anzahl für ein Buch. Gibt es dahingehend Pläne?

Frank Silberbach: Nun, ich habe bisher schlicht und ergreifend keinen Verleger davon überzeugen können, das zu produzieren. Der Großteil der Fotobücher, die auch bei den großen Verlagen gemacht werden, werden ja zum Großteil aus Mittel von dritten finanziert oder von den Fotografen selbst. Die großen Verlage sind zunehmend Dienstleister und keine Verlage mehr. Sie bieten die Herstellung und den Vertrieb an, allerdings gegen Gebühr. 20.000 Euro ist eine gängige Größenordnung. Das bin ich nicht bereit zu zahlen.

Das ist auf der einen Seite ein bisschen traurig, auf der anderen Seite bin ich aber auch ganz zufrieden mit meiner Projektwebsite. Aus mehreren Gründen: zum einen erreiche ich ganz klar mehr Menschen als mit einem Buch. Ich habe dort die ganze Serie zusammen und kann sie auch um neue Arbeiten ergänzen, während ein Buch ja ein Endprodukt ist. Die Website ist prozessorientiert und dynamisch. Da ich an den Panoramen stetig weiterarbeite, ist das eigentlich die bessere Form der Präsentation. Und es ist auch nicht so, dass die Website ein vielleicht doch noch kommendes Buch überflüssig machen würde.

Christian Reister: Es gibt eine Vortrag von dir mit dem Titel „Straßenfotografie in Berlin“, den du schon zweimal gehalten kannst und der am 12.6. in der Galerie Tempelhof wieder hältst. Wie kam es dazu?

Frank Silberbach: Wir haben mal eine Einladungskarte zu einer Ausstellung gemacht und wollten noch eine zusätzliche Veranstaltung drauf schreiben. So wie man das heute so macht – ein Künstlergespräch, einen Rundgang oder so was. Schließlich wurde daraus ein „Vortrag“ – so stand es dann jedenfalls auf der Karte. Ich habe mir das erst etwas salopper vorgestellt, dann kamen aber immer wieder Menschen auf mich zu, die mich gezielt auf den kommenden Vortrag angesprochen haben. Dann dachte ich irgendwann, dass das vielleicht doch etwas substantieller werden sollte. Die Fotografen und das Thema waren mir natürlich gut vertraut, ich wollte mich aber nicht drauf verlassen, das so aus dem Stegreif zu machen. Jetzt erweist sich das als sehr positiv, da ich ihn immer wieder halten kann.

Christian Reister: Die Geschichte der Straßenfotografie in Berlin wird in deinem Vortrag anhand von Heinrich Zille, Friedrich Seidenstücker, Fritz Eschen, Bernd Heyden und Frank Silberbach erzählt…

Frank Silberbach: …ja, und das sind noch nicht mal die prominentesten. Es gab ja noch viel mehr – Arno Fischer, Sibylle Bergemann, Will McBride, Rudi Meisel, Harald Hauswald. Die Zahl derer, die in Berlin auf der Straße fotografiert haben, ist sehr groß… Ich habe einfach die ausgewählt, die mir ganz persönlich am nächsten sind. Ich mag zum Beispiel an Hyden, dass er so unheimlich unspektakulär und auch unspekulativ ist. Ich wollte nicht 150 Fotografien von 150 Fotografen zeigen, sondern lieber auf wenige genauer eingehen.

Christian Reister: Es fällt auf, dass unter denen die du gerade aufgezählt hast, Harald Hauswald wahrscheinlich der jüngste ist, die meisten anderen sind schon tot. Gibt es auch Fotografen, die jünger sind als du, die du mit ähnlichem Interesse verfolgst?

Frank Silberbach: Ich verfolge genauso auch jüngere Fotografen, ich war ja z.B. auch bei eurer Vernissage in Berlin (gemeint ist die Gruppenausstellung „Fascination Street“ im Kunsthaus Meinblau, Anmerkung der Red.). Dass die Fotografen im Vortrag alle schon älter sind, kann damit zusammenhängen, dass es von denen was gedrucktes gibt. Die kenne ich quasi aus dem FF, die begleiten mich schon eine sehr lange Zeit, da ich deren Bücher immer wieder anschaue und die sind immer noch frisch.

Christian Reister: Gibt es neben der Berlin 140° Serie Arbeiten, die du ähnlich konsequent betreibst?

Frank Silberbach: Im Moment nicht. Noch ein Projekt in dieser Größenordnung ginge auch gar nicht.

Ich habe kurz vor meiner Ausreise aus der DDR in den Achtzigern schon mal ein Straßenprojekt in Ost-Berlin gemacht. Über eine sehr lange Zeit, mindestens 15 Jahre, habe ich dann aber in Berlin überhaupt nicht fotografiert. Die Voraussetzung, überhaupt Lust zum Fotografieren zu bekommen, war, Berlin zu verlassen. Das war meine Reisezeit. Da war ich so ziemlich überall. Russland, China, Indien, Afrika, USA, Südamerika, Australien… Diese Bilder habe ich mal unter dem Titel „Wohin die Reise geht“ zusammengefasst und ausgestellt. Dann gab es das eingangs erwähnte Chinaprojekt, das ein Jahr lang dauerte und dann erst hatte ich wieder Spaß, in Berlin zu fotografieren. Das ist bis jetzt so geblieben und es gibt immer noch sehr viel zu entdecken. Ich bin sehr froh, dass sich das so gefügt hat, auch über die Ausschließlichkeit, nur das zu machen. Das ist organisatorisch, finanziell und logistisch natürlich auch wesentlich machbarer als vier Wochen Australien, von denen du dann mit einem Bild nach hause kommst, das wirklich gut ist.

Christian Reister: Das klingt ein bisschen wie Nachhausekommen. Downsizen und unnötigen Schnickschnack hinter sich lassen….

Frank Silberbach: Ja. Ich habe mit Erschrecken, aber auch mit Schmunzeln und Staunen, festgestellt, dass vor drei Jahren mein Reisepass abgelaufen ist. Ich hatte das tatsächlich vergessen und gar nicht nötig, den zu verlängern. Ich habe damals meine Reisezeit sehr genossen und ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe, aber es hat sich irgendwann erschöpft. Ich glaube auch, wenn das damals mit der wöchentlichen Berlin-Kolumne nicht gekommen wäre, wäre ich wahrscheinlich nicht in der Lage gewesen, mich so intensiv mit Berlin einzulassen. Deshalb bin ich sehr froh, dass das so zu mir gelangt ist. Ja, und ich glaube schon, dass das nach den Lehr- und Wanderjahren ein bisschen was mit „Versöhnt-nach-hause-kommen“ zu tun hat.

Berlin 140°

Frank Silberbach

Frank Silberbach wurde 1958 in Zeitz geboren. Der Fotograf lebt und arbeitet in Berlin.
Sein Bildband „Berlin 140°“  ist bei BRAUS erschienen.

Links
Website Frank Silberbach
Interview auf Kwerfeldein

 

 

„Man möchte als Fotograf immer etwas Neues, Einzigartiges schaffen.“ – Ein Gespräch zwischen den Fotografen Fay Nolan und Jens Pepper

Foto: Fay Nolan

„Hülle“, 2013

Jens Pepper: Du schließt in diesem Jahr eine dreijährige Ausbildung zur Fotografin am Berliner Lette-Verein ab. Wie sieht die Abschlussprüfung dort aus, was für Aufgaben werden dir gestellt?

Fay Nolan: Am Ende der Ausbildung steht die Abschlussausstellung, auf die man im gesamten letzten Semester hinarbeitet. Dort wird die Abschlussarbeit präsentiert; dieses Jahr zum zweiten Mal in den Schindler Hallen in Alt-Mariendorf mit der Mode und Grafik zusammen. Am 20. Juni ist übrigens die Vernissage. Die Abschlussarbeit ist Teil der Prüfung und wird bewertet. Ein weiteres praktisches Fach sind die Digitale Medien: Photoshop usw. Und Schriftlich wird man in Fotogeschichte und Sozialkunde geprüft, was auch Steuerrecht und Fotorecht einbezieht.

Jens Pepper: Was wirst du für eine Abschlussarbeit machen?

Fay Nolan: Meine Abschlussarbeit wird aus mehreren Kapiteln zu einem Thema bestehen, die dieses aber unterschiedlich abstrakt und assoziativ behandeln. Ich möchte ein bisschen mit dem Medium Fotografie spielen und experimentieren.

Jens Pepper: Kannst du das inhaltlich ein bisschen näher erläutern: Welches Thema interessiert dich und wie wirst du mit dem Medium experimentieren?

Fay Nolan: Ich beschäftige mich mit dem Phänomen der Dekonstruktion von Menschen in der Öffentlichkeit, also von Politikern aber auch von Menschen die in Ungnade gefallen sind oder beispielsweise etwas Kriminelles aufgedeckt haben, Menschen, die öffentlich neue Grenzen abstecken oder es wagen, bestehende Grenzen neu auszuloten. Technisch möchte ich multimedial arbeiten und mal wieder das verstaubte Fotogramm aus der Schublade holen.

Jens Pepper: Lässt Lette euch Studenten Freiraum in Bezug auf die Themenfindung, oder gibt es Vorgaben? Und überhaupt: Wie frei seid ihr in eurer dreijährigen Ausbildung? Ich stelle mir vor, dass die Berufswünsche der angehenden Fotografen und Fotografinnen sehr unterschiedlich sind. Der eine möchte vielleicht in den Fotojournalismus gehen, ein anderer in die Werbe- oder Modefotografie und wieder andere wollen eher künstlerisch arbeiten. Ist eure Ausbildung für all diese Berufswünsche gleich geeignet, oder würdest du sagen, dass der Lette-Verein bevorzugt in eine Richtung ausbildet und manche Bereiche weniger berücksichtigt werden?

Fay Nolan: Am Lette-Verein bekommt man eine sehr fundierte handwerkliche Ausbildung. Die drei Jahre Ausbildung sind so gegliedert: Im ersten Jahr arbeitet man ausschließlich schwarz/weiß, im Labor und mit Groß- und Mittelformat. Im zweiten Jahr kommen dann Farb- und Digitalfotografie dazu. In den ersten beiden Jahren gibt es pro Semester ein festgelegtes Pensum mit Aufgaben zur Porträt-, Architektur-, Sach- und Modefototgrafie sowie zur Reportage.Zusätzlich hat man pro Semester eine freie Serie zu entwickeln, die dann zu Semesterende präsentiert wird. Das ist sozusagen das Herzstück jedes Semesters. Hier ist man technisch und inhaltlich wirklich vollkommen frei. Im letzten Jahr arbeitet man schließlich auf die Abschlussausstellung hin, man hat kein Pensum mehr und ist auch thematisch ohne Vorgaben. Am Lette-Verein gibt es viele unterschiedliche fotografische Richtungen. Insgesamt kann man aber sagen, dass Lette mit den Jahren immer künstlerischer und konzeptioneller wurde. Bei mir im Semester gibt es allerdings eine große Bandbreite: von kommerzieller Mode- und Sachfotografie über großangelegte Reportagen bis hin zu konzeptuellen Langzeitarbeiten. Es kommt aber auch immer auf das Semester an. Meines hat einen ziemlich starken Schwerpunkt in Richtung konzeptionelle und dokumentarische Sichtweisen. Ich persönlich halte die Ausbildung am Lette Verein in Sachen Technik und Handwerk ziemlich gut, damit kann man viel angfangen und insgesamt gibt es auch einen guten Einblick in künstlerische Arbeitsweisen. Wer aber sehr frei und unabhängig arbeiten möchte und seinen Stil schon gefunden hat, dem wäre eine Kunsthochschule eher zu empfehlen.

Jens Pepper: Was für eine berufliche Zielsetzung hattest du, als du vor drei Jahren mit dem Studium begonnen hast, und wie sieht deine Berufsplanung jetzt aus?

Fay Nolan: Meine berufliche Zielsetzung war am Anfang noch ziemlich vage. Ich wollte als Porträtfotografin redaktionell in einem eigenem, kleinem Büro arbeiten, hauptsächlich für die Printmedien. Mittlerweile ist mein “Berufsprofil” wieder bzw. immer noch sehr vage. Ich kann sowieso nicht länger als maximal ein Jahr im Voraus planen. Zurzeit mache ich neben dem Studium eine Assistenz bei einem Fotografen und möchte das erstmal nach meiner Ausbildung weitermachen.

Foto: Fay Nolan

„Marienetta Jirkowsky † 22.11.1980, aus „Der letzte Blick“, 2012-2013

Jens Pepper: Was für eine Assistenz ist das?

Fay Nolan: Die Assistenz mache ich bei Mark Pillai, einem tollen Modefotografen, der lange in Paris gelebet hat und der unter anderem für die französische und italienische Elle gearbeitet hat, für die deutsche und die russische Vogue, für Dazed & Confused und Sleek, aber auch für Givenchy.

Jens Pepper: Und was sind dort deine Aufgaben?

Fay Nolan: Meine Aufgaben umfassen Recherche, die Vor- und Nachbereitung von Produktionen inklusive Casting und Digital Operating während einer Produktion, Kundenkontakt, Archivierung, Datensicherung Buchhaltung, Portfolios zusammenstellen und Layouts erstellen. Für mich ist das Wichtigste, dass der Fotograf mit mir jemanden hat, auf den er sich immer verlassen und auf dessen Meinung er zählen kann.

Jens Pepper: Das klingt, als ob du selbst einen gewissen kreativen Spielraum im Rahmen der gestellten Aufgaben hast. Eine wunderbare Situation für eine Studentin. Ist es bei der Lette-Ausbildung eigentlich üblich, dass man sich bereits während des Studiums so intensiv als Fotoassistentin oder in einem anderen Bereich außerhalb der Schule betätigt?

Fay Nolan: Ja, also der kreative Freiraum bewegt sich aber immer innerhalb des Stils des Fotografen, dem man assistiert. Es ist eher üblich, Assistenzen oder kleine Fotojobs auf Abruf zu machen. Man hat auch nur im letzten Ausbildungsjahr wirklich Zeit für eine Assistenz, weil man da eben weniger Unterricht und dafür mehr Zeit für freie Projekte oder Jobs hat. Eine feste Assistenzstelle ist da eher die Ausnahme. Aber hilfreich ist so eine natürlich immer. Man lernt dabei noch einmal vieles auf ‘ner anderen Art und Weise und viel intensiver als im Studium.

Jens Pepper: Du hattest in den Semesterferien nach Deinem zweiten Jahr ein längeres Praktikum bei einem Fotografen in München gemacht. Wer war das, und was war der Grund zu eben diesem Fotografen zu gehen?

Fay Nolan: Thomas Dashuber. Ein großartiger Porträt- und Theaterfotograf. Ich kenne ihn schon länger und habe vor ein paar Jahren ab und zu bei ihm assistiert, als ich nebenan in einem Büro für Buchgestaltung ein Praktikum gemacht habe. Ich wollte ihm nochmal ein bisschen länger über die Schulter schauen. Thomas Dashuber hab ich schon immer als Vorbild gesehen und er war der Fotograf, wo ich dachte “da möcht ich auch mal hin”. Ich mag die Art, wie er beim Porträtieren vorgeht, wie er mit den Menschen umgeht und seit Jahren bzw. Jahrzehnten seinen Stil beibehält, aber auch weiterentwickelt.

Jens Pepper: Ein interessanter Fotograf, in meinen Augen ein typischer Vertreter der jungen deutschen Fotografie der frühen 90er Jahre. In Deinen Portraits und Stadt- bzw. Landschaftsaufnahmen ist durchaus sein Einfluss zu erkennen, wenn man von dieser Zusammenarbeit weiß, was jetzt keinesfalls negativ gemeint ist. Gibt es noch andere Fotografen und Fotografinnen, die dich inspirieren?

Fay Nolan: Auf jeden Fall Albrecht Fuchs, den ich sehr für seinen klaren Porträtstil bewundere. Sehr inspirierende und große Vorbilder sind für mich Rineke Dijkstra, Gilian Wearing, Pieter Hugo, Viviane Sassen und Taryn Simon. Dann finde ich die Arbeiten von Benten Clay und Simon Menner sehr interessant. … und Wolfgang Tillmans, Duane Michaels und Thomas Demand nicht zu vergessen.

Jens Pepper: Die Aufzählung spiegelt Dein Interesse am Portrait wider, vor allem an den Arbeiten der jetzt mittleren Generation von Fotografen. Vom Alter und von der Art seiner Arbeiten her fällt in dieser Liste der 82jährige Duane Michals auf. Was reizt dich an seinem Werk?

Fay Nolan: Ich finde es spannend, wie er in Bildabfolgen eine Geschichte erzählt, aber den Betrachter dabei vollkommen verwirrt und eine Erklärung offen lässt. Er ist sehr cineastisch oder?

Jens Pepper: Hast du selbst schon mal mit narrativen Bildfolgen gearbeitet?

Fay Nolan: Am ehesten könnte ich da meine Serie “Der letzte Blick” nennen. Dort ergibt sich das Narrative aus Fakten, also den Bildtiteln sowie der Anordnung als Serie. Die Bilder sind sehr sachlich aufgenommen, immer dieselbe Kameraeinstellung und -aufstellung. Die Serie ist oder wird spannend, wenn man die Hintergrundinformationen dazu hat. Ich mag es, mich solchen Themen behutsam und sensibel zu nähern. Gerade wenn man – wie ich – die Ära der Berliner Mauer gar nicht miterlebt hat und es jetzt eine “neue”, sehr vom Geschehen distanzierte Generation gibt, die dazu Standpunkt bezieht.

Foto: Fay Nolan

Kate, 2013

Jens Pepper: In der Serie “Der letzte Blick” imaginierst du den letzten Blick von jungen Menschen, die zwischen 1980 und 1989 aus der DDR fliehen wollten und, beim Versuch die Mauer zu überwinden, erschossen wurden. Du verwendest also fotografische Mittel, um ein historisches Thema präsent zu machen, und indem du ausschließlich das Schicksal junger Menschen zwischen 18 und 25 vorstellst, sprichst du natürlich auch gerade deine Generation an. Du machst sie auf schreckliche Zustände und Ereignisse aufmerksam, die zwar rund drei Jahrzehnte zurückliegen, für jemanden wie mich aber, der ich Berlin und Europa noch zu Mauerzeiten erlebt habe, in der Erinnerung ziemlich gegenwärtig sind. Je nach Alter der Betrachter erreichst du also Unterschiedliches. Bei Älteren weckst du Erinnerungen, bei Jüngeren machst du Geschichte bewusst und regst zum nachdenken über die Gegenwart an, die ja auch anders hätte aussehen können, wenn beispielsweise die DDR nicht aufgelöst worden wäre. Wozu ist in deinen Augen Fotografie fähig, die sich historischer Themen annimmt?

Fay Nolan: Ich denke, dass Fotografie viel vermitteln kann. Ich finde es nur spannender, wenn historische Themen subtil und eher abstrakt und assoziativ behandelt werden. Wenn Fotos also nicht moralisieren sondern lediglich Möglichkeiten aufzeigen und Raum für Interpretation lassen.

Jens Pepper: Kannst du dir vorstellen politische oder soziale Reportagen zu machen?

Fay Nolan: In dem Bereich der Reportage sehe ich mich nicht. Gerade bei politischen Themen bevorzuge ich eine abstraktere, konzeptionelle Herangehensweise. Man wird so mit Pressebildern des aktuellen Tagesgeschehens überflutet. Da prägen sich mir viel eher solche distanzierten, sachlichen Kriegsbilder im Großformat von Luc Delahaye ein oder lang angelegte Serien von Taryn Simon wie “A Living Man Declared Deadand Other Chapters”.

Jens Pepper: Luc Delahaye ist in meinen Augen ein Reporter mit einem großartigen Blick, aber wenn ich mir beispielsweise seine Fotos aus Afghanistan und den Irak ansehe, fällt mir das Wort distanziert dazu nicht so recht ein. Er ist doch mittendrin im Geschehen und zeigt die fürchterliche Wahrheit, gerade in seinen Kriegsberichten. Taryn Simons Arbeit ist dagegen klar konzeptuell angelegt – so wie du es ja auch beschreibst – und stellt das Portrait in den Mittelpunkt. Ich mag beide Positionen, wobei mich Delahaye mehr berührt und Simons eher kalt lässt.

Fay Nolan: Ich dachte da jetzt an die späten Sachen von Luc Delahaye, als er sich schon der Kunst zugewandt hat. Ich finde, er hat da schon eine sehr andere Herangehensweise und einen anderen Blick als die “typischen” Kriegsfotografen. Das zeigt ja letztendlich auch die Hängung seiner Großformate in Galerien… Und ja, dasskann ich nachvollziehen, dass Taryn Simon einen kaltlassen kann. Aber ich finde, dass ihre aufwendigen, über Jahre sich entwickelnden Arbeiten meist ein größeres Puzzleteil in einem ganz bestimmten Zusammenhang zeigen, was eine noch viel stärkere erschüttendere Wirkung auf mich hat.

Jens Pepper: Was ist übrigens ein gutes Portrait für dich?

Fay Nolan: Ich mag den fotografischen Blick sehr, der zwar distanziert und sachlich ist, aber dennoch ein ganz besonderes Vertrauen zur fotografierten Person herstellt Das ist für mich die Kunst. Deshalb bewundere ich Albrecht Fuchs so sehr, er hat dies meiner Meinung nach gemeistert. Ich selbst freue mich immer besonders, wenn ich merke, dass sich die Person mir gegenüber öffnet, die ich fotografiere, auch wenn ich sie gar nicht kenne. Und einen starken, durchdringenden Ausdruck im fertigen Bild, der etwas in einem Betrachter aufwühlt, dass finde ich stark. …wenn der Betrachter merkt, dass es zwischen Fotograf und Modell “klick” gemacht hat.

Jens Pepper: Portrait scheint ja definitiv dein großes Thema zu sein. Wen würdest du gerne portraitieren, oder was für ein Portraitprojekt würdest du gerne realisieren?

Fay Nolan: Ich hab in meiner Serie “Die Neuen” junge Künstler und Kulturschaffende fotografiert. Das war eine Herausforderung, bei der ich viel gelernt hab. Ich würde mich ganz gern à la Albrecht Fuchs auf Künstler, Fotografen, Maler usw. spezialisieren. All diejenigen also, die man schwer vor die Kamera bekommt und die sich ungern fotografieren lassen. Das ist eine echte Aufgabe!

Jens Pepper: Wieso lassen die sich schwerer fotografieren? Fotos von Künstlern etc. gibt es doch reichlich. Die Ausstellung von Barbara Klemm im Gropiusbau mit all den Portraits von Kulturschaffenden ist gerade erst zu Ende gegangen. Wenn ich mir Zeitschriften wie Interview, Vogue, Zoo Magazine und wie sie alle heißen ansehe, sind sie doch voll von Künstler- , Musiker- , Schauspieler- und Fotografenportraits. Dass diese Menschen eine Herausforderung darstellen, dass verstehe ich allerdings schon. Du als Fotografin möchtest Dich ja vor einer bekannten Person ungern blamieren und möchtest etwas Besonderes machen, etwas Außergewöhnliches. Ich glaube, dass hierin eher die Herausforderung liegt, oder?

Fay Nolan: Fotografen und Schauspieler wissen wie sie wirken und wie sie sich inszeniert haben wollen, wie sie gesehen werden wollen. Hier ist’s also schwer, den eigenen Stil beizubehalten und gleichzeitig dem Portraitierten entgegen zu kommen. Das kann eine Gratwanderung sein. Und dazu kommt auch, dass diese “Typen” exzentrisch, scheu oder arrogant sein können. Und klar, man möchte als Fotograf immer etwas Neues, Einzigartiges schaffen. Dieser Frage gehen wir auch im neu gegründeten “Triptyk Magazin” nach, das im Mai erscheint. Ziel ist, die Fotografierten so zu zeigen, wie sie sich selbst noch nicht gesehen haben, so dass sie eine neue Facette an sich selbst entdecken können.

Jens Pepper: Was ist das für ein neues Magazin?

Fay Nolan: Das “Triptyk Magazin” wurde von den diesjährigen Abschlussjahrgängen der Foto-, Mode- und Grafikklassen des Lette-Vereins gegründet. Der visuelle Teil stammt von Letteschülern aller Jahrgänge. Die Essays, journalistischen Texte und experimentellen Fragmente stammen von unterschiedlichen, externen Autoren, die sich mit Fotografie, Musik und Philosophie beschäftigen. Das Thema der ersten Ausgabe ist “Über das Neue”. Was ist das Neue? Was ist neu? Was nur frisch aufgebrüht? Was kommt erst noch und was war schon da, aber keiner hat es gesehen?!

Jens Pepper: Ah ja, davon hast Du mir ja schon erzählt. Ein schönes Abschlussprojekt für ein kreatives Studium. Du bist in der Redaktion von Tryptik, oder? Und wird das Heft über den Buch- und/oder Zeitschriftenhandel vertrieben werden?

Fay Nolan: Ja genau. Wir werden es in den Zeitschriftenhandel geben und wir planen dazu ein Release Event im Juni. Ursprünglich sollte das “Triptyk Magazin” nur der Aufmacher für die Abschlussausstellung der Lette-Design-Klassen am 20. Juni sein. Wir hatten aber tolle Zuläufe, so dass wir uns entschieden haben, das Heft als Ausgabe eins und als unabhängiges Magazin zu gestalten.

Das Gespräch wurde Anfang März 2014 in Berlin geführt und wurde erstmals in der Zeitschrift Brennpunkt, Ausgabe 2/2014 (Heft April – Juni), veröffentlicht.

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