„Die Motivation für mich ist, die Geschichte zu erzählen. Und das möglichst gut.“ – Ein Gespräch mit der Dokumentarfotografin Andrea Diefenbach.

Jens Pepper: Als ich vor einigen Jahren Ihr Buch „AIDS in Odessa“ kaufte und darin über die Schicksale aidskranker Menschen in der Schwarzmeerstadt las, die sie dort trafen, und die einfühlsamen Fotografien sah, die sie in dem Band zeigen, war ich zutiefst berührt. Das geschieht mir wahrlich nicht oft, dass ein Fotobuch mich derart bewegt. Aber „AIDS in Odessa“ gehört dazu. Vielleicht liegt es daran, dass ich eine gewisse Affinität zu Osteuropa habe; ganz gewiss aber liegt es an der Art, wie sie die Menschen dort mit der Kamera begleitet und portraitiert haben: in ihrem privaten Umfeld, in glücklichen und traurigen Momenten. Alles wirkt sehr unaufdringlich, so als ob eine enge Freundin den Alltag mit der Kamera begleitet. Ganz offensichtlich haben sie das Vertrauen der Portraitierten genossen, dass es ihnen ermöglichte, diese emotionsbeladenen Bilder zu schaffen.
Als das Buch dann erschien, da waren einige dieser Menschen bereits ihrer Krankheit erlegen. Wie sind sie damals mit dieser Tatsache umgegangen? Waren sie erschüttert? Haben sie vielleicht Trost darin gefunden, dass sie diesen Männern und Frauen mit ihren Fotos eine Art Denkmal gesetzt haben?

Andrea Diefenbach: Drei der Menschen, die ich begleitet habe starben schon während der Zeit, in der ich in Odessa gelebt und fotografiert habe. Bei meinem Besuch ein Jahr später waren noch einige mehr gestorben und ich habe nur noch die Angehörigen getroffen. Ich denke, das hat sicher beim Verstehen und später dann Verarbeiten geholfen – einfach dass es nicht völlig abstrakt geblieben ist. Traurig war ich natürlich, erschüttert oder überrascht aber nicht – es ist Teil von dem was ich erlebt und fotografiert habe. An ein Denkmal habe ich nie gedacht, allerdings ist es mir schwer gefallen, die Bilder in einem Magazin anzuschauen – im Buch sind sie irgendwie „geschützter“.

Jens Pepper: Wenn man so tief in das Leben anderer Menschen eintaucht, auch wenn diese aus vollkommen anderen sozialen Umfeldern kommen als man selbst, entstehen da bleibende Kontakte? Wissen sie, was mit den Überlebenden und mit den Familien bis auf den heutigen Tag los ist?

Andrea Diefenbach: Nein, bei den letzten drei Überlebenden weiß ich es leider nicht mehr. Mein Übersetzer und auch zwei andere Kontaktpersonen sind nach Kiev gezogen, da hat sich alles verlaufen. Mit den Familien aus meinem Buchprojekt „Land ohne Eltern“ versuche ich den Kontakt zu halten. Auch da bin ich einfach in den meisten Fällen auf Übersetzer angewiesen, das macht es immer ein bisschen komplizierter.

Jens Pepper: Welche Rolle spielt die Fähigkeit zur Empathie, um eine Reportage wie „Aids in Odessa“ machen zu können?

Andrea Diefenbach: Ich glaube schon, dass sie eine Rolle spielt; ich zumindest könnte ein solchen Thema nicht anders fotografieren. Mir war es immer wichtig, dass Menschen mir vertrauen können – ich versuche ja das Große am Kleinen zu erzählen – also in diesem Fall die Aids Epidemie an wenigen Einzelschicksalen. Ich denke, das funktioniert nur durch die Nähe zu den Menschen.

Jens Pepper: Auch für ihr Projekt „Land ohne Eltern“ haben sie sich ein osteuropäisches Land ausgesucht, in diesem Fall Moldawien. Wie hat sich ihr Interesse an Osteuropa entwickelt?

Andrea Diefenbach: Eigentlich sage ich immer, es war Zufall und das stimmt auch – ich habe in Odessa ausschließlich wegen dem Thema fotografiert. Ich war so überrascht, dass es innerhalb Europas eine Aidsepidemie gibt, dass ich das unbedingt fotografieren wollte. Im Anschluss wurde ich dann von Magazinen vorwiegend nach Osteuropa geschickt, so kam ich 2007 auch zum ersten Mal für eine Magazingeschichte nach Moldawien …
Allerdings hatte ich schon vorher eine Affinität zu Osteuropa – 1993 hat mein Vater eine Weile in einem ukrainischen Dorf gearbeitet und ich habe ihn dort besucht und 2000 war ich zum ersten Mal im Urlaub in Rumänien. Ich mochte und mag es dort.

Jens Pepper: Die Intensität, die ihre in Bücher gefassten Reportagen haben, lässt sich nicht mit Stippvisiten bei den Portraitierten erreichen. Sie sagten ja auch bereits, dass sie beispielsweise eine Weile in Odessa gelebt haben, um an ihrer Aidsreportage arbeiten zu können.
In Moldawien waren sie zunächst aufgrund eines Magazinauftrags. Entschliessen sie sich während solcher Auftragsreisen, einzelne Themen, die sie erstmals für ein Magazin behandelt haben, auf eigene Faust mit weitergehenden Recherchen fotografisch zu vertiefen, also mit mehr Zeit und auch auf eigene Kosten, oder mithilfe eines Stipendiums? Wie ist beispielsweise die Idee zu „Land ohne Eltern“ entstanden? War das zunächst auch ein Auftrag, oder kam ihnen die Idee zu diesem Projekt während eines Auftragsthemas vor Ort?

Andrea Diefenbach: In Moldawien war ich für eins der beiden damals üblichen Themen, über die westliche Medien berichtet haben, nämlich Organ- und Frauenhandel. Ich war für zehn Tage dort, um für ein deutsches Frauenmagazin eine Reportage über Frauenhandelsopfer zu fotografieren. In Gesprächen habe ich dann erfahren, wie viele Kinder alleine aufwachsen, weil ihre Eltern versuchen im Ausland Geld zu verdienen und habe beschlossen, das als eigenes Projekt zu verfolgen. Daran gearbeitet habe ich dann über zwei Jahre – anders als in Odessa, wo ich zehn Wochen gewohnt habe, bin ich nach Moldawien und Italien – das Land im Westen, in das die meisten Moldauer emigrieren – immer wieder gefahren, jeweils für etwa drei Wochen. Ich hatte Glück, dass ich das Projekt weitestgehend durch zwei Stipendien – den Wüstenrot Dokumentarfotografie Förderpreis und das Grenzgänger Programm der Robert Bosch Stiftung – finanzieren konnte.

Jens Pepper: Genau so wie schreibende Journalisten eine finanzielle Absicherung benötigen, wenn sie mit einer Recherche ausführlich in ein Thema eintauchen wollen, so benötigen sie als Reportagefotografin idealerweise entweder einen anständig bezahlten Magazinauftrag oder aber ein Stipendium, dass ihnen die Möglichkeit gibt, sich, ohne selbst finanziell in Schwierigkeiten zu geraten, tiefschürfend mit einem Thema auseinanderzusetzen.
Nun wissen wir, dass immer mehr Redaktionen ihre Budgets zusammenstreichen und auch für Bildjournalisten die goldene Zeit, wie sie beispielsweise Robert Lebeck so wunderbar in seiner Autobiografie beschrieben hat, vorbei ist.
Immer mehr Fotografen fahren inzwischen auf eigene Rechnung an Orte, von denen sie berichten wollen, auch in Kriegsgebiete. Ihre Reportagen versuchen sie dann an Bildagenturen, Zeitungen und Zeitschriften zu verkaufen. Das sind keine gute Arbeitsbedingungen, insbesondere im Hinblick auf all die Geschehnisse, über die wir gerne jederzeit informiert sein möchten. Stipendien können diese fehlende Finanzierung auch nur sehr begrenzt auffangen. Wie stellt sich diese Situation für sie dar? Gehen sie manchmal in finanzielle Vorleistung, um ein ihnen wichtiges Thema anzupacken? Und was ist dann ihre Motivation?

Andrea Diefenbach: „Aids in Odessa“ habe ich komplett selbst finanziert, allerdings war das auch meine Diplomarbeit. „Land ohne Eltern“ war zu großen Teilen durch Stipendien vorfinanziert – allerdings kann ich nicht sagen wie groß die Teile waren, ich rechne da nicht nach. Die Motivation für mich ist, die Geschichte zu erzählen und ein eigenes Projekt zu fotografieren, und das möglichst gut. Ich denke, wenn man es gut macht, zahlt es sich später irgendwann aus, zumindest war es bei mir so – sei es, dass man dann doch Geld verdient mit den Bildern oder plötzlich Türen aufgehen, hinter denen man dann Geld verdienen kann.
Mich interessieren die eigenen Projekte aber auch schlichtweg am meisten – auch wenn ich derzeit zwischen Brotjobs, Lehre und meinem Leben als Mutter viel weniger dazu komme.

Jens Pepper: Sie interessieren sich vor allem für soziale Themen, die sie anhand von Portraits einzelner Menschen und ihrer Umgebung verbildlichen. Sie wollen Gegebenheiten erhellen, die nicht zu unserer täglichen Wahrnehmung gehören, die uns in ihrer Tiefe und Dramatik, aber auch in ihrer Schönheit nicht so geläufig sind. So wie ich es sehe, gibt es zwei Arbeitsstränge, die sie verfolgen.
Mit „Aids in Odessa“, „Land ohne Eltern“, aber auch mit den Fotografien von an der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose erkrankten Männern, Frauen und Kindern führen sie die Betrachter zu Menschen, die es im Leben nicht leicht haben, von denen viele Unterstützung benötigen, die eine Art Überlebenskampf führen und Hoffnung auf ein besseres, weniger beschwerliches Leben haben.
Mit ihren Portraits von Bewohnern eines jüdischen Altersheims in Frankfurter am Main sowie den Fotografien von Rabbinerfrauen zeigen sie uns, dass es siebzig Jahre nach dem Holocaust wieder ein alle Generationen umfassendes jüdisches Leben in Deutschland gibt. Es ist beinahe so, als ob sie hier, wenn ich parallel dazu auf die Reportagen in Osteuropa oder über die Mokoviszidoseerkrankten schaue, so etwas wie einen Hoffnungsschimmer aufzeigen wollen. Seht her, irgendwann ist der schlimmste Horror überwunden, irgendwann kehrt die Normalität zurück.

Andrea Diefenbach: Um ehrlich zu sein, ist mir das so gar nicht aufgefallen, aber es klingt sehr schön.
Es ist glaube ich vor allem ein Interesse für Randgruppen der Gesellschaft, für gesellschaftliche Phänomene, für andere Menschen. Die „Rabbinerfrauen“ und das“ Jüdische Altenheim“ sind für ein Gemeinschaftsprojekt über jüdisches Leben in Deutschland entstanden, das war der Ursprung. Bei den Rabbinerfrauen hat mich besonders interessiert, was Frauen zu so einem starken Glauben bewegt, dass sie ihr Haar bedecken, und ihre Knie und Ellenbogen, ein Kind nach dem anderen bekommen – und dann ausgerechnet nach Deutschland ziehen, um eine jüdische Gemeinde aufzubauen. Die beiden Geschichten über Jan und Berit, die an Mukoviszidose erkrankt waren, sind auch für ein Buch entstanden. Bei der Arbeit an diesem Projekt habe ich verstanden, dass ich das ganz gut kann: nah am Menschen fotografieren. Dieses Bewusstsein hat mich dann sozusagen nach Odessa gebracht.

Jens Pepper: Sie hatten, bevor sie von 2000 bis 2006 an der Fachhochschule Bielefeld studiert haben, bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung als Fotografin und waren auch schon berufserfahren. Was hat sie damals bewogen als fertige Fotografin nun auch noch ein zeitaufwendiges Studium zu beginnen?

Andrea Diefenbach: Ich wollte mit 15 schon Fotografin werden, ganz klassich habe ich in der Dunkelkammer meines Opas angefangen. Allerdings hatte ich keine Ahnung wie. Nach zwei langen Reisen nach dem Abi habe ich eine Ausbildung bei einem Werbefotografen gemacht und im Anschluss sogar dort im Studio erstmal festangestellt, dann als freie Assistentin für andere Werbefotografen gearbeitet und zusätzlich in einem Design Büro ausgeholfen. Nach einer Weile kam trotz der vielen Arbeit und des vielen Geldes das Gefühl auf, das kann nicht alles sein, und so habe ich 2000 begonnen an der Fachhochschule Bielefeld zu studieren. Dort habe ich dann beinahe ausschließlich Kurse in Dokumentarfotografie und Fotojournalismus besucht. Verrückterweise habe ich schon für die Bewerbungsmappe eine Gruppe rumänischer Bauarbeiter bei der Arbeit und in ihren Containern begleitet – weil ich mir die Frage gestellt habe, wie leben sie dort, so fern ihrer Familien und Heimat.

Jens Pepper: Wie wichtig ist Ihnen das Gespräch mit den Menschen, die sie in ihren großen Bildserien portraitieren?

Andrea Diefenbach: Sehr wichtig. Erstens interessieren sie mich und ich will sie kennenlernen. Zweitens sind die Bilder nicht inszeniert. Das heißt, um die Bilder so beobachtend machen zu könne, müssen die Menschen mir vertrauen. Und das bedeutet, dass wir uns vorher schon kennenlernen müssen.

Jens Pepper: Gab es Vorbilder, die sie inspirierten, als sie den Entschluss fassten, in Bielefeld fast ausschließlich Kurse in Dokumentarfotografie und Fotojournalismus zu belegen?

Andrea Diefenbach: Ich muss gestehen, leider nein. Diane Arbus, Robert Frank, Gary Winogrand …, ich habe sie alle erst im ersten Semester kennengelernt.

Jens Pepper: Gar keine Vorbilder? Auch vorher, als sie die Lehre gemacht haben, hat es niemanden gegeben, den sie im Kopf hatten, dessen Fotos ihnen gefallen haben? War es also wirklich die Erfahrung mit der ersten Kamera und der Dunkelkammer beim Opa, die sie zur Fotografie als Beruf gebracht hat, also das Medium an sich?

Andrea Diefenbach: So habe ich nie darüber nachgedacht, aber ich denke es stimmt. Ich kannte Gisele Freund und Henri Cartier Bresson. Als Vorbilder würde ich sie nicht direkt bezeichnen, aber als Einflüsse. In der Lehre habe ich mich aber wirklich vor allem mit dem beschäftigt, was wir da taten: Stilllife und Modekataloge fotografieren. Meistens auf Dia.

Jens Pepper: Da sie an der Fachhochschule in Bielefeld Fotografie studiert haben, gehören sie automatisch zur sogenannten Bielefelder Schule, die erst im vergangenen Jahr in einer umfangreichen, von Enno Kaufhold kuratierten Ausstellung vorgestellt wurde. Mit Bielefelder Schule etikettiert wird aber nun ein jeder, der in den vergangenen fünfzig Jahren dort seinen Abschluss gemacht hat. In der Ausstellungsankündigung wird diese Schule dann auch wie folgt beschrieben; ich zitiere mal: „Arbeiten und Bildergebnisse der „Bielefelder Schule“ beruhen auf Prinzipien des Dialogs und der Interdisziplinarität im Zusammenhang mit außerfachlichen Fragestellungen und Zielsetzungen“. Das ist für mich eigentlich schwammig formuliertes Bla Bla, ein Versuch sich mittels eines Labels Aufmerksamkeit zu verschaffen. Braucht die Fachhochschule Bielefeld so etwas? Wie stehen Sie zu dieser Einordnung, der sie damit automatisch unterliegen?

Andrea Diefenbach: Ich kann eigentlich ganz gut damit leben, nun Teil der Bielefelder Schule zu sein, die für mich zugegebenermaßen zuvor auch eher für Gottfried Jäger und die Generative Fotografie stand. Ich denke eine Besonderheit in Bielefeld ist, dass die Schule die ganze Bandbreite der Fotografie fördert und keine formalen oder thematischen Schranken setzt. Dies hat zur Folge, dass sie sich nicht in „einer“ Bildsprache ausdrückt, sondern in der Schulung von Haltungen zur Welt und zur Fotografie. Auch die Theorie hat in Bielefeld ja einen vergleichsweise hohen Stellenwert, was man ja auch an den Themen der Bielefelder Fotosymposien ablesen kann. Ich habe diese Offenheit sehr genossen und habe mich für einen Weg entschieden, der zunächst einmal in den Bereich der dokumentarischen / journalistischen Fotografie anzusiedeln ist.
Doch gerade in letzter Zeit werde ich vermehrt zu Vorträgen von Soziologen auf Konferenzen und Veranstaltungen eingeladen und mir ist noch einmal aufgefallen, dass mich in meiner Arbeit Themen interessieren, die ja auch Sozial- und Kulturwissenschaftler beschäftigen. Und ich denke, genau so etwas ist mit „Dialog und Interdisziplinarität“ gemeint: das Interesse und die Fähigkeit über Themen mit Hilfe der Fotografie in Kontakt zu kommen und Beiträge zu Diskursen zu leisten.

Jens Pepper: Inzwischen arbeiten sie selbst als Dozentin und geben Workshops. Was möchten sie ihren Studenten vermitteln? Was ist für sie das A und O, das ein junger Fotograf, eine junge Fotografin können und / oder beherzigen sollte?

Andrea Diefenbach: Ich versuche den Studenten meine Freude an der Fotografie zu vermitteln, aber auch das harte Arbeiten für die Fotografie und für ein gutes Bild. Zumindest an der Hochschule bin ich, glaube ich, eine eher strenge Lehrerin. Ich denke, das Wichtigste ist, sich kennenzulernen, zu wissen was man am besten kann, was man will und wie man am besten mit dem Markt, egal mit welchem, sei es der Kunstmarkt, die Magazinwelt, die Werbung, die Fotobücher etc., klar kommt.
Meine Erfahrung gerade bei Langzeitprojekten ist, dass der lange Atem einfach nötig ist, und eine gewisse Hartnäckigkeit. Manchmal denke ich, allein das unterscheidet die erfolgreichen von den weniger erfolgreichen Fotografen. Die Erfolgreichen gehen immer wieder hin und versuchen einen Weg zu finden, um ihre Bilder zu machen. Und später verstehen sie, dass Fotografie eigentlich nur ein kleiner Teil des Jobs ist und versuchen, auch den ganzen Rest zu beherrschen und Spaß daran finden: z.B. die Recherche oder die Genehmigungen vorher. Danach das in die Welt tragen des Projekts. Da versuche ich zu ermuntern.

Jens Pepper: Ihr Lebenspartner Heinrich Völkel ist ebenfalls Dokumentarfotograf. Gibt es da auch mal gemeinsame Fotoprojekte, oder verfolgt jeder nur seine eigenen Ideen?

Andrea Diefenbach: Wir haben schon Jobs zusammen gemacht oder assistieren uns gegenseitig, aber Projekte verfolgen wir jeweils allein. Unser grundsätzliches Interesse an der Welt, an Geschichten oder Phänomenen ist sehr ähnlich. Ich interessiere mich jedoch mehr für Menschen, er für Architektur. Das wäre die ganz platte Unterscheidung. Vielleicht wird es irgendwann zu Überschneidungen kommen oder gar eine Zusammenarbeit geben, das will ich nicht ausschließen. Bisher ist es für uns beide jedoch richtiger alleine zu arbeiten.

Jens Pepper: An was für einem Fotoprojekt arbeiten Sie denn aktuell?

Andrea Diefenbach: Eigentlich an zwei: ein thematisch viel freieres in Moldawien und ein weiteres in Deutschland. Es beschäftigt sich im weitesten Sinne mit Mutterschaft. Mehr möchte ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht verraten.


Das Gespräch wurde im Frühjahr 2015 via Email geführt.

Frau Goldmann, aus der Serie Jüdisches Altersheim
HerrTabakov, aus der Serie Jüdisches Altersheim
Andrea Diefenbach - Foto: Heinrich Völkel

Andrea Diefenbach – Foto: Heinrich Völkel

Andrea Diefenbach wurde 1974 in Wiesbaden geboren, wo sie auch heute noch lebt. Seit sie sich 2003 als Dokumentarfotografin selbständig gemacht hat, hat sie mehrere international stark beachtete und prämierte Bildserien geschaffen und zahlreiche Ausstellungen und Veröffentlichungen gehabt. Sie arbeitet auch als Dozentin für Dokumentarfotografie.

www.andreadiefenbach.com

Die „Alten Meister“ haben ihre religiösen Werke als Huldigung gesehen, und so stehen meine Fotografien ebenfalls in dieser Tradition. – Jens Pepper im Gespräch mit dem Fotografen Andreas Maria Kahn

Tretschlaff

Tretschlaff

Jens Pepper: Du hast seit dieser Woche in Hamburg eine Ausstellung mit inszenierten Darstellungen nach Geschichten aus dem alten und dem neuen Testament. So sind beispielsweise die Susanna im Bade mit den zwei lüsternen alten Herren zu sehen, das Abendmahl, und die zwölf Apostel, denen du jeweils ein Foto gewidmet hast. Das Besondere an den Aufnahmen ist, dass du sie als Aktfotos gestaltet hast, und zwar so, dass sie in meinen Augen nicht provokativ wirken, sondern sehr natürlich, oft regelrecht andächtig. Was hat dich veranlasst, biblischen Themen zu gestalten? Bisher habe ich dich als Aktfotografen kennengelernt, der gerne mit dem Absurden spielt, dem Surreales ebenso wenig fremd ist wie Splatter.

Andreas Maria Kahn: Ja genau, am Freitag wurde die Ausstellung „Holy Arrangements“ in Hamburg eröffnet. Das war eine schöne Eröffnung mit vielen netten Gästen von nah und fern.

Wie bin ich auf die Idee mit den biblischen Personen gekommen? Ich war 2013 mit meiner Frau in Florenz und dort in den Uffizien. Bis dahin hatte ich Bilder des Barock und der Renaissance eher als „Alte Schinken“ abgetan, denn sie erinnerten mich an Museumsbesuche zur Schulzeit, die ich endlos lang und quälend fand und die mir jede Freude an der Kunst nahmen. Ich wollte damals ein wilder junger Künstler sein. Alten Meister interessierten mich nicht, und das blieb bis zu diesem Museumsbesuch so. Da saß ich dann vor dem Botticelli Bild „Geburt der Venus“, mindestens eine Stunde lang. Und alles, was ich in den Uffizien an diesem Tag erblickt hatte, ließ ich in diesem Moment noch einmal vor meinem inneren Auge Revue passieren. Das war eine Offenbarung. Auf einmal erkannte ich all die Bildgestaltungsmöglichkeiten. Ich hatte Ideen, auf die mich diese alten Werke brachten. Ich wusste auf einmal, wie ich Dinge, die ich hier sah, für mich benutzen konnte. Und es waren die biblischen Themen, die mich interessierten.
Was mir auch gefiel, das war die Sinnlichkeit und Unschuld der oft unbekleideten, also nackten Menschen in den Bildern. Ich hatte das in diesen christlichen Kunstwerken gar nicht so erwartet. Aber nicht nur in den Uffizien, sondern gerade auch in den Vatikanischen Museen, in der Sixtinischen Kapelle und sogar im Petersdom gab es irre viel sinnliche Nacktheit zu sehen. Und du weißt ja, dass ich mich in der Aktfotografie am wohlsten fühle. Das war also auch ein Thema für mich.

In den Holy Arrangements habe ich also versucht, etwas von der Natürlichkeit der altmeisterlichen Bilder zu übernehmen. So bekommen einige Betrachter meiner Aufnahmen, meist die, die sich ein wenig mit Gemälden vergangener Zeiten auskennen, das Gefühl, etwas Vertrautem gegenüberzustehen. Und genau deshalb stellen meine Fotos trotz ihrer Nacktheit für die meisten auch keine Provokation dar. Sie wirken richtig.

Mir gefällt es übrigens, mit expressiven Gesichtsausdrücken zu arbeiten. Man kann mit einem Gesicht alles ausdrücken, was menschlich ist: Gier, Neid, Liebe, Verzückung, Verklärung usw. Ich mag das Absurde. Deshalb interessieren mich auch Dadaismus und Neodadaismus. Die Mimik war auch wichtig in meiner Splatterreihe, die du angesprochen hast. Etwas Kunstblut, der richtige Blickwinkel der Kamera, ein irrer Gesichtsausdruck, schon hast du ein schockierendes Bild. Die Wirkung meiner Ausstellung „Morbide Akte“ von 2009 war überwältigend. Das hat mich überrascht. Manche Betrachter fanden die Fotos schrecklich, sogar brutal. Das witzige dabei ist, dass wir, also meine Models und ich, bei der Produktion einen Heidenspaß hatten.

Jens Pepper: Wie hast Du denn die biblischen Themen für deine Arbeit „Holy Arrangements“ verwendet?

Andreas Maria Kahn: Als Künstler lasse ich mich gerne inspirieren von den Großen Meistern und versuche dann diese Eindrücke in meiner Bilderwelt und mit meinen Stilmitteln umzusetzen. Die Frage war also, wie ich diese religiösen Themen in meiner „Fotografie des unbekleideten Menschen“ umsetzen konnte? Für mich ist es wichtig, dass meine Fotos am Ende so wirken, als ob es sie immer schon gäbe, also als ob sie ein Teil des allgemeinen visuellen Gedächtnisses sind. Es gibt Themen bei denen das nicht klappt. Die setze ich dann nicht um. Ich wurde beispielsweise mal gefragt, ob ich zu einer Ausstellung in München Bilder zum Thema „Genitalverstümmelung“ machen wolle. Aber das konnte und wollte ich nicht umsetzen; dafür ist meine Aktfotografie nicht das richtige Mittel. Da habe ich keine Bilder zu im Kopf. Bei den Bibelthemen hatte ich aber sofort Bilder im Kopf. Die musste ich dann nur noch mit einem hohem Menschen- und Materialaufwand umsetzen. Die Fotos sollten eine Hommage an die alten Meister werden. Und ich wollte, dass sie in ihrer Aussagekraft gleichberechtigt mit den alten Bildern dastehen.

Jens Pepper: Wenn du beispielsweise die Apostel darstellst, sollen deine Fotografien dann auch religiöse Inhalte transportieren? Oder sollen die Aufnahmen völlig losgelöst vom religiösen Kontext gesehen werden?

Andreas Maria Kahn: Ich weiß nicht, ob meine Bilder religiöse Inhalte transportieren, sie sind aber auf jeden Fall religiös. Ob man nun an einen bestimmten Gott glaubt oder nicht, für mich stehen diese Bilder für eine Huldigung des Glaubens. Vom künstlerischen her betrachtet sind sie eine Herausforderung. Meine Fotografien spiegeln, was ich denke.

Jens Pepper: Was denkst du denn?

Andreas Maria Kahn: Ich denke, die „Alten Meister“ haben ihre religiösen Werke als Huldigung gesehen, und so stehen meine Fotografien ebenfalls in dieser Tradition. Da ich bei Da Vinci, Carravaggio oder Michelangelo keinerlei Kritik erkennen kann, will ich mit meinen Fotografien auch keine Kritik äußern. Ich sehe in den Bildern menschliche Szenen, die sich vermutlich so zugetragen haben.

Jens Pepper: Das ist aber eine sehr schriftgläubige Aussage, wenn du sagst, die Szenen hätten sich so zugetragen. Oder meinst du jetzt, dass die Maler menschliche Szenen mit Modellen und Statisten nachgestellt haben oder sich durch alltägliche Ereignisse inspirieren ließen, wodurch die gemalten Settings einen Eindruck von Realität vermitteln? Da gibt es ja einen sehr schönen Spielfilm mit Rutger Hauer, „Die Mühle und das Kreuz“, in dem Hauer Pieter Breugel spielt, der sich von selbst erlebten Geschehnissen im Flandern zur Zeit der spanischen Besatzung zu seinem Gemälde „Die Kreuztragung Christi“ inspirieren lässt.

Andreas Maria Kahn: Schwer zu sagen, es gibt ja keine Zeitzeugen mehr, nur diese Aufzeichnungen. Ich bin einer dieser Menschen, die immer in Bildern denken. So haben die Künstler das vermutlich auch getan, als sie die Aufträge für diese oder jene Bibelgeschichte bekamen. Ob und wie es sich damals wirklich zugetragen hat, weiß wohl niemand so genau.

„Die Mühle und das Kreuz“, schön, dass Du gerade diesen Film erwähnst. Für mich ist dieser Film ein lebendiges Gemälde. Unbeschreiblich und einzigartig! Irgendwann werde ich mich mal an so ein reales fotografiertes Wimmelbild heranwagen.

Jens Pepper: Darauf freue ich mich schon heute, ehrlich. Sag, wie entwickeln sich die Bilder, wenn du einmal eine Grundidee hast. Wie lange trägst du eine Idee mit dir rum und lässt sie vor deinem inneren Auge reifen? Machst du Notizen oder Skizzen, oder ist das alles eine rein geistige Angelegenheit?

Andreas Maria Kahn: Wenn die Grundidee da ist, dann werden Notizen und Skizzen gemacht. Bestimmte Bewegungen zum Beispiel halte ich schriftlich fest, Bewegungen die auf dem Bild später zu sehen sein sollen oder die für die Bildsprache- und aussage wichtig sind; ebenso Haltungen, Gesten, Blicke, den Hintergrund. Ideen kann ich jahrelang mit mir rumtragen. Es gibt dann irgendwann einen Auslöser, z. B. ein Erlebnis, einen Menschen, den ich kennenlerne, ein Gespräch, also irgendeine Initialzündung, und ich weiß dann auf einmal, wie ich eine Idee, die ich vor Wochen oder auch Monaten hatte, umsetzen kann.

Jens Pepper: Sammelst du solche Notizen und Skizzen? Ich kann mir vorstellen, dass das mal ganz interessant sein könnte, dieses Material zusammen mit den dann realisierten Fotografien auszustellen oder zu publizieren.

Andreas Maria Kahn: Tatsächlich habe ich drei Moleskine-Notizbücher voll von Skizzen und Notizen und Ideen, viele davon noch nicht realisiert. Bei meinen Shootings habe ich immer einen Regiezettel in der Hosentasche, damit ich beim Fotografieren nichts vergesse. Jeder dieser Zettel, oft mit nicht realisierten Bildideen, ist noch vorhanden. Ab und zu „klaue“ ich mir meine eigenen Ideen, wenn mir mal wieder einer dieser Zettel in die Hand fällt und ich mir dann denke: Genau, jetzt weiß ich, wie das Bild aussehen muß. Und ja, es stimmt; mit der frischen Herangehensweise von vor zehn Jahren dann diese Ideen, wie damals beschrieben, heute umzusetzen, das könnte sehr interessant sein.

Jens Pepper: Und würdest du diese Skizzen und Notizen mal zusammen mit den Fotos, die auf Grundlage dieser Materialien entstanden sind, zeigen wollen? Für einen Betrachter ist das bestimmt spannend.

Andreas Maria Kahn: Spannend wäre das für den Betrachter bestimmt. Viele Ideen sind aber nicht fertig gedacht und daher würde ich sie wohl nicht herzeigen. Halbfertige Kunst mag ich nicht. Außerdem muß man als Künstler vorsichtig sein. Nirgendwo werden Ideen schneller geklaut als in der Kunst. Das musste ich alles schon miterleben.

Jens Pepper: Wie reagieren strenggläubige Christen auf die Fotos? Hast du da Erfahrungen?

Andreas Maria Kahn: Ja tatsächlich. Der spastisch gelähmte Performancekünstler Roland Walter, der auf einigen der Fotografien den Jesus darstellt, wurde in seiner Gemeinde schon angefeindet. Roland Walter ist selbst sehr gläubig und hat sich sehr gefreut, den Jesus darstellen zu dürfen. Seine Glaubensgemeinschaft will ihm diese Darstellung aber nicht zugestehen. Soweit geht die Gleichheit der behinderten Menschen, die ja gerade von den religiösen Gemeinden gefordert wird, dann doch nicht. Das hat uns überrascht. In Hamburg war eine ältere Frau als Gast bei der Ausstellungseröffnung, die sich an der Nacktheit gestört hat. Damit muß man immer rechnen.

Jens Pepper: Ich würde diese Bildserie ja mal den Diözesan-Museen in Köln, Würzburg etc. anbieten. Ich kann mir vorstellen, dass es dort Interesse an deinen Holy Arrangements gibt. Katholische Kirche heißt ja nicht automatisch eine ablehnende Haltung der Aktfotografie gegenüber. Gerade weil du religiöse Themen hast, könnte es die Kuratoren interessieren. In Köln gab es bis zu dessen Pensionierung einen Pater Mennekes, der in seiner mittelalterlichen Kirche regelmäßig spektakuläre Ausstellungen organisiert hat. Ich habe dort einmal eine ganz grandiose Installation von Jenny Holzer gesehen. Der hätte sich deine Arbeiten sicherlich zumindest mal angesehen.

Andreas Maria Kahn: Genau hier werde ich auch ansetzen. Ich warte jetzt erstmal das Ende der Ausstellung in Hamburg ab und dann werde ich mich an die Diözesan-Museen wenden. Mit dem Erzbistum Freiburg war ich wegen einem anderen Fotoprojekt, auch mit Roland Walter, schon in Kontakt. Berührungsängste mit Nacktheit habe ich dort auch nicht verspürt.

Jens Pepper: Lass uns über deine Models sprechen. Den spastisch gelähmten Roland Walter hast du ja bereits erwähnt. Du arbeitest gerne mit außergewöhnlichen Typen zusammen, vor allem bei den Männern. Bei denen reicht das Spektrum von attraktiv und maskulin über kauzig, bärtig und alt bis hin zu äußerst korpulent. Die Frauen sind dagegen eher jung oder in mittleren Jahren und in der Regel sehr schön. Dafür gibt es bei ihnen häufiger Piercings und Tattoos zu sehen. Die Auswahl der Models ist bei deiner Fotografie von großer Bedeutung und trägt sehr zur Intensität der Aufnahmen bei.

Andreas Maria Kahn: Ja die Menschen sind sehr wichtig in meinen Bildern. Besonders bei den Männern bevorzuge ich Gesichter und Charakterköpfe im Caravaggiostil. Viele sind aus dem Freundeskreis. Etliche Fotografen und Schauspieler sind darunter. Einige kamen sogar aus der Schweiz, dem Erzgebirge, aus dem Rheinland und aus Bremen. Berlin und Umland sind natürlich gut vertreten. Als ich eine Jobausschreibung in die Model-Kartei stellte, war ich überrascht wieviele außergewöhnliche männliche Models sich gemeldet hatten. Lange Haare bei Männern, besonders bei älteren Männern, das ist schon nicht so leicht zu finden. In der Model-Kartei sind zum Glück genug vertreten. Bei den Frauen habe ich die jungen, engelhaften gesucht und gefunden, auch viele aus dem Freundeskreis. Meine Frau Wiebke Kahn ist ja auch oft vertreten in den Bildern. Die Tätowierungen waren bei einigen vorhanden, haben den biblischen, alt-meisterlich inspirierten Fotografien aber keinen Abbruch getan. Vielmehr wollte ich auch gerade mit den Tätowierungen den religiösen Bezug der Bilder in die Neuzeit transportieren.

Jens Pepper: Deine Models sind allesamt idealistisch und arbeiten ohne Honorar. Das bedeutet, dass du dich stärker auf die Befindlichkeiten und Allüren deiner Mitarbeiter einlassen musst, als wie es vielleicht bei bezahlten Jobnehmern der Fall wäre. Wenn dann bis zu dreizehn Personen für ein Shooting zusammengetrommelt werden müssen, dann ist das eine ganz schöne Herausforderung. Wie gehst du mit möglicherweise schwierigen Situationen um?

Andreas Maria Kahn: Ich möchte, dass die Menschen, die mit mir zusammenarbeiten, meine Kunst verstehen, und eine Zusammenarbeit nicht als Job ansehen. Mit den Bildern können wir alle etwas anfangen. Ich als Fotograf habe Bilder für meine Ausstellungen, und die Models haben welche für Ihre Sedcards.

Dreizehn Leute oder mehr für ein Shooting zusammenzubekommen hatte ich mir schwerer vorgestellt, obwohl es auch nicht wirklich leicht war. Logistisch war es schon eine Herausforderung. Die Leute müssen ja auch mit Essen und Trinken versorgt werden. Ich finde das gehört sich so. Schließlich opfern die Leute auch ihre Zeit für mich. Also ist es auch mehr als angebracht, für deren Wohl zu sorgen. Es gibt bei solchen Shootings natürlich immer den einen oder anderen, oder die eine oder andere, der oder die aus der Reihe tanzt, unkonzentriert ist oder dem oder der eine Szene zu lange dauert. Das muß ich erkennen und darauf reagieren. Ich muß flexibel sein und die Szene umgestalten können, eventuell eine Person gegen die andere auswechseln. Und man muß sich durchsetzen können. Ich bin immer gut gelaunt, bin aber auch sehr zielstrebig und kann mich bemerkbar machen. Bis jetzt hat immer alles geklappt. Für Großprojekte kann ich nur empfehlen: wenn dreizehn Leute auf dem Bild sein müssen, wie eben beim „Letzten Abendmahl“, dann sollte man mindestens sechzehn Leute am Set einplanen. Denn einer fehlt immer. Diese Eventualität darf einen nicht aus der Ruhe bringen.

Beim Abendmahl-Bild sagte zwei Stunden vor dem Shooting der geplante Jesus ab und der Judas-Darsteller kam einfach nicht. Gerät man hierüber nicht in Panik und hat Reserven, kann das ganze trotzdem großartig funktionieren. Ich bin auf mein „Letztes Abendmahl“ mehr als stolz!

Jens Pepper: Und ausgerechnet der Judasdarsteller ist nicht gekommen? Das ist schon amüsant, zumindest aus heutiger Sicht. Was war den das bisher lustigste ungeplante Ereignis an einem deiner Fotosets?

Andreas Maria Kahn: Ja, das mit Judas war schon irgendwie bezeichnend. Aber die Rolle des Judas war begehrt und schnell neu besetzt. Das bisher lustigste Erlebnis war ein Model aus Bremen, die ich als weiblichen Jesus ins Wasser stellen wollte. Kaum waren wir am See angekommen, bekam sie ihre Tage, und ich mußte für sie im nächstgelegenen Supermarkt eine Packung OBs besorgen, weil sie keine dabei hatte. Sonst hätte das Shooting wohl nicht stattfinden können. Seitdem habe ich auch einen OB im Gepäck.

Jens Pepper: Weshalb hast du die Holy Arrangements digital in Schwarz Weiss fotografiert?

Andreas Maria Kahn: Schwarz Weiss war schon immer mein Element. Farbe gibts bei mir nur in Ausnahmefällen. Bei den biblischen Bildern würden zum Beispiel farbige Gewänder von der Darstellung ablenken. Man würde sich dann zum Beispiel fragen, warum diese oder jene Person ein blaues, rotes oder grünes Gewand trägt, was hier ja keine Rolle spielt.

Jens Pepper: Und wann ist bei dir Farbe angesagt; was ist der Ausnahmefall?

Andreas Maria Kahn: Farbe benutze ich, wenn sie für das Bild erforderlich ist. Als Beispiel nenne ich hier mal die Arbeiten mit der Lomokamera, Langzeitbelichtungen, und die schon angesprochene Splatter- Fotografie. Letztes Jahr habe ich an Bildern mit Holipulver experimentiert. Da muss es farblich richtig schreien. Hier schweben mir Bilder vor, in denen sich der Mensch mit dem Hintergrund komplett vereint. Dazu dann noch andere Gegenstände, und schon habe ich ein surreales Relief.

Jens Pepper: Wirst Du mit diesem Thema weitermachen, also den Holy Arrangements? Oder gibt es bereits andere Bildideen?

Andreas Maria Kahn: Ja, ich werde auf jeden Fall in dieser Richtung weitermachen. Der komplette Kreuzweg Jesu ist ein Herausforderung mit bis zu sechzehn Stationen. Das wird auch aufwendig, was Menschen und Material angeht. Aber es ist alles zu schaffen. Moses und Lot sind Figuren die mich noch reizen. Mein Ziel bei den Apostelbildern ist es, und zwar seit dem ersten Gedanken daran, diese in einer Kirche, ähnlich wie Ikonenbilder, anzubringen. Rechts und links vom Altar an den Säulen stehen sich jeweils die Apostel gegenüber, zwölf Bilder. Gleichgestellt mit gemalten Bildern. Ich muß noch dazusagen, dass ich ein gläubiger Mensch bin. Für mich sind die Holy Arrangements eine Huldigung des Glaubens. Auch meines Glaubens. Daneben werde ich immer wieder ungewöhnliche Ideen umsetzen und ausprobieren, ich liebe es, die gewohnten Pfade zu verlassen. Vielleicht mache ich mal ein Jahr, in den ich nur Männer fotografiere, oder ein Jahr in dem ich ausschließlich wieder analog, also mit Film fotografiere. Ich mag Stilbrüche und ich mag es als Künstler den sicheren Weg zu verlassen.

Apostel Andreas

Apostel Andreas

Apostel Matthäus

Apostel Matthäus

Susanna im Bade

Susanna im Bade

Invasion

Invasion

05

05

Andreas Maria Kahn - Foto von Hendrik Janssen.

Andreas Maria Kahn wurde 1969 in Braunschweig geboren. Er lebt in Berlin.

www.andreasmariakahn.de

Foto links: Hendrik Janssen

„Dann habe ich zum Schluss auch noch ein Lebensbilderbuch meines Körpers .“ – Ein Gespräch mit Lena, Medizinstudentin und Model

Foto: Roland Pum, www.rolandpum.com

Foto: Roland Pum, www.rolandpum.com

Jens Pepper: Bevor wir richtig loslegen, fände ich es schön, wenn Du ein paar Worte zu Deiner Person sagst.

Lena: Also, nachdem ich ja nicht weiß, was Du genau von mir wissen möchtest, gebe ich Dir jetzt einfach mal die Basics. Ich bin 26 und komme ursprünglich aus Österreich, lebe nun aber schon seit fast zwei Jahren in Berlin und liebe es sehr. Ich studiere hier Humanmedizin an der Charitè, habe aber auch bereits ein abgeschlossenes erstes Studium der Transkulturellen Kommunikation und seit Mai diesen Jahres auch eine abgeschlossene Zusatzausbildung zur Sexualberaterin. Nebenbei arbeite ich als Tutorin an der Uni und eben als Model im Fotokunstbereich.

Jens Pepper: Ich sehe mich manchmal dem Vorwurf ausgesetzt sexistisch zu sein, nur weil ich als Fotograf auch Aktfotos von Frauen mache, die dann in Galerien ausgestellt und in Büchern publiziert werden. Das ist interessant, denn weder mache ich pornografische Aufnahmen – wobei ich nichts gegen Pornografie habe – noch fotografiere ich Frauen gegen ihren Willen. Dennoch gibt es Menschen, die sich negativ äußern, was ja auch erst mal in Ordnung ist. Jeder soll seine eigene Meinung haben und diese äußern dürfen. Mich beginnt es aber dann zu stören, wenn diese Personen sich herausnehmen, auch im Namen der Frauen zu reden, die als Aktmodel arbeiten oder sich aus purer Freude auch mal Akt fotografieren lassen, wenn sie also ein gewisses Sendungsbewusstsein entwickeln. Dieses Phänomen ist ja nicht neu. Ich erinnere mich noch an die Debatte „PorNO“ der Zeitschrift Emma in den 1980er Jahren, in der u. a. gegen Helmut Newton gegiftet wurde. Dabei gibt es kaum einen Aktfotografen, der so massiv starke, dominante Frauen dargestellt hat wie er. Eine Opferrolle kann ich bei Newtons Frauen nur selten erkennen. Alice Schwarzer hatte seinerzeit kaum kein schlechteres Beispiel wählen können.

Wie erlebst Du dieses Unbehagen mancher Menschen der Aktfotografie gegenüber?

Lena: Ich muss sagen: das ist wirklich kein einfaches Thema und dementsprechend schwer fällt es mir auch gerade, Dir eine Antwort zu geben, die dann auch tatsächlich das wiedergibt, was ich denke und mit der ich auch beim zweiten Mal Lesen noch zufrieden bin. Das allein zeigt aber auch schon, wie komplex und auch emotionsbehaftet dieses Thema für mich – und ziemlich sicher auch für viele andere – ist. Ich persönlich wurde noch nie für meine Tätigkeit als Aktmodel angefeindet oder als Antifeministin bezeichnet, muss da aber auch fairerweise dazu sagen, dass ich leider aus karrieretechnischen Gründen häufig verschweigen muss, dass ich nebenbei als Aktmodel arbeite, weshalb das Thema Aktfotografie leider gar nicht so oft zur Sprache kommen kann, und dass jene Menschen in meinem Umfeld, die davon wissen, sehr aufgeschlossene und liberale Personen sind, die an meiner Nebentätigkeit nichts Anstößiges oder gar Falsches finden. Ich kenne das Ganze allerdings aus einem anderen Bereich: ich betreibe schon seit Jahren recht begeistert als sportliches Hobby Poledance und musste mir deshalb schon so manches Mal anhören, wie ich es denn wagen kann, mich als Feministin zu bezeichnen und dann trotzdem „so etwas“ zu tun. Und ich kann das eigentlich ganz leicht beantworten: Ich weiß, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen sehr oft immer noch nicht mal auf Gleichberechtigung hoffen dürfen und die Frauen oft gegen ihren Willen sexualisiert und objektifiziert. Und ich verstehe die Wut dagegen. Die habe ich auch. Deshalb bin ich Feministin. Und deshalb setze ich mich auch privat wie beruflich dafür ein, dass dieser widerwärtige Mist ein Ende hat, sei es in meiner Funktion als Sexualberaterin oder als Privatperson mit Demos, Petitionen, Stellungnahmen und dem konstanten Versuch, ein gutes Vorbild zu sein, was Geschlechtergerechtigkeit angeht. Und ich weiß auch, dass Kunst manchmal als Deckmantel für Sexismus verwendet wird, aber: nur weil manche eine Kunstform auf diese Art und Weise missbrauchen, macht das nicht die ganze Richtung an sich zunichte. Sei es nun Aktfotografie, Poledance oder etwas ganz anderes: Keine Kunstform ist per se sexistisch. Außerdem ist das Ziel des Feminismus meines Erachtens, jeder Person zu ermöglich, so zu leben, wie sie es möchte, sofern sie dabei niemand anderen einschränkt. Soll heißen: egal, ob ich Karriere machen oder hinterm Herd stehen will, egal, ob ich Männer, Frauen, alle darüber hinaus und dazwischen oder gar keine bzw. keinen lieben möchte, egal ob ich mich verhüllen oder als Aktmodel arbeiten will: diese Entscheidungen für mein Leben sind alle valide und ganz allein meine und sie zu treffen ist mein verdammtes Recht. Und das: lasse ich mir von niemandem nehmen.

Jens Pepper: Ab wann wird denn eine Frau gegen ihren Willen sexualisiert und objektifiziert? Und was genau muss ich mir darunter vorstellen? Ab wann ist es wirklich unzulässig und, wie du sagst, widerlich? Lässt sich das so klar definieren? Eine Art der Sexualisierung und Objektifizierung deiner Person passiert streng genommen doch schon, wenn dich jemand auf der Straße oder im Café mit Interesse ansieht. Und ganz sicher passiert es, wenn sich jemand Aktfotos von dir anschaut und sich dann dabei nur für deinen Körper und dein Gesicht interessiert, nicht aber für die Fotos an sich. Es ist doch Realität, dass die meisten Menschen attraktive Angehörige des Geschlechts, das sie sexuell präferieren, mit Interesse, Neugierde, und manchmal auch mit stillem Begehren anschauen. Das passiert bei alltäglichen Begegnungen genauso wie bei der Konfrontation mit Fotografien. Da ist es dann auch egal, ob die Fotos eine künstlerische Qualität aufzuweisen haben. Das alles geschieht in der Regel gegen deinen Willen, denn du hast keinen Einfluss darauf.

Lena: Das ist schon richtig: was sich Leute denken, die mich anschauen, kann ich nicht wirklich beeinflussen, das wird immer gegen meinen Willen geschehen, ganz egal, um welches Thema es geht. Aber das ist auch egal, denn was andere Leute denken, geht mich nichts an – denn der Punkt ist: solange sie es nur denken, tangiert es mich auch nicht. Meines Erachtens darf man also denken, was man will – der kritische Punkt ist nämlich nicht das Denken, sondern das Tun. Denn da beginnt dann die Sexualisierung und Objektifizierung, die nicht nur heikel, sondern meines Erachtens auch widerlich ist. Wenn ich durch die Straßen laufe und jemand schaut mich an und findet, dass ich einen schönen Körper habe, dann ist das vollkommen ok. Denkt diese Person aber dann, dass sie mir deshalb einfach mal irgendwelche anzüglichen Bemerkungen nachrufen oder vielleicht sogar einfach so, ohne mich zu fragen, meinen Körper berühren und mir so im Vorbeigehen an den Hintern fassen darf, dann haben wir ein massives Problem. Und genau das ist für mich ein ganz großer Teil dieser Sexualisierung und Objektifizierung von Frauen gegen ihren Willen, nach der Du gefragt hast. Die Lösung dieses Problems liegt aber meines Erachtens nicht darin, Dinge wie z.B. die Aktfotografie zu verbieten. Denn nur, weil ich keine nackten Frauen mehr sehe, macht mich das nicht automatisch respektvoller im Umgang mit Frauen. Man braucht sich da ja nur mal die Länder ansehen, in denen Frauen komplett verhüllt durch die Gegend laufen und auch in der Werbung keine halbnackten Frauen zu sehen sind: diese Länder sind trotzdem Meister darin, Frauen zu unterdrücken. Das Problem liegt also nicht an der Sache an sich, sondern am Umgang damit, also quasi auf der Metaebene. Und genau deshalb liegt die Lösung dafür nicht darin, die Sache an sich zu verbieten, sondern darin, den Umgang damit zu verändern – es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, Bilder von Menschen verschiedener Hautfarben zu verbieten, um rassistische Kommentare zu vermeiden und genauso bringt es nichts, Bilder von nackten Frauen zu verbieten, um Sexismus zu bekämpfen. Natürlich wäre es schön, wenn das Ungleichgewicht von männlichen und weiblichen Körpern in der Werbung ausgeglichen würde – da gibt es im Übrigen auch schon ein paar sehr lustige Projekte dazu -, damit einfach auch auf dieser Basis ein Gleichberechtigungsgefühl entsteht. Aber alle anderen Lösungsansätze müssen gesellschaftspolitisch sein, um eine Welt zu schaffen, in der Menschen sich so geben dürfen, wie sie sind, natürlich immer mit dem Zusatz „ohne jemand anderen dabei in seiner/ihrer Freiheit einzuschränken“. Denn derzeit ist es so, dass man es als Frau eigentlich nur falsch machen kann, da wir in einer Gesellschaft leben, die sagt, wie Margarete Stokowski kürzlich so schön in einem Artikel für die TAZ geschrieben hat: „Falls ihr eine Burka tragen wollt: bloß nicht! Zeigt mehr Haut! Falls ihr gerade nackt seid: Zieht euch gefälligst was an, ihr Schlampen!“ Worauf ich hinaus will: wer sich dafür einsetzt, dass Frauen sich nicht an- oder ausziehen dürfen, setzt sich meines Erachtens für eine Kultur der Unfreiheit und der Limitation ein und das: ist kein Feminismus.

Jens Pepper: Du hast auf der Internetseite von Model-Kartei eine Sedcard, was bedeutet, dass du dich als Fotomodell selbst vermarktest. Was muss man dabei beachten, und was ist dir bei der Selbstpräsentation wichtig?

Lena: Was dabei wichtig ist, hängt natürlich immer auch ein bisschen von dem ab, was man über diese Plattform machen möchte und von den individuellen Präferenzen des jeweiligen Models. Ich finde, dass es wichtig ist, dass man neben hochwertigen Bildern von sich selbst, die man auch selbst mögen sollte, vor allen Dingen auf klare Kommunikation achten sollte. Allein der SC-Text sollte unmissverständlich zeigen, wofür man gebucht werden kann und wofür nicht, und die Kommunikation mit den einzelnen FotografInnen sollte dies ebenso tun. Denn Menschen, die hier nach Darstellerinnen für Pornos und Models für pornografische Bilder oder nach – ich sage es jetzt mal plakativ – einem hübschen, aber dummen Mädchen zum Vögeln oder anderen eher unseriösen Dinge suchen, sind hier leider keine Seltenheit. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man nicht zu leichtgläubig an das Ganze rangeht und sich den Fotografen/die Fotografin gut anschaut, bevor man zum ersten Mal mit ihm/ihr shootet – in welchem Stil schreibt er/sie mir, was hat er/sie für Bewertungen, wie sehen seine/ihre Bilder aus, können wir konstruktiv über den Shooting- und den Vertragsinhalt sprechen, usw.? Und dann ist es natürlich ebenso wichtig, dass man sich selbst gut präsentiert – ich versuche, eine möglichst große Bandbreite an Bildern zu zeigen, damit die FotografInnen einerseits sehen können, was ich akrobatisch und tänzerisch drauf habe und andererseits dass ich auch recht wandlungsfähig sein kann, und ich versuche auch, in regelmäßigen Abständen immer wieder neue Fotos hochzuladen, damit man sieht, wie ich derzeit aussehe und dass ich immer aktiv am Shooten bin. Und ansonsten: versuche ich einfach höflich, klar und ich selbst zu sein – das ist ein Satz, der zwar wahrscheinlich auch in jeder zweiten Teenie-Dating-Ratgeber-Kolumne steht, aber eine gewisse Wahrheit besitzt er halt trotzdem. Ich habe in den letzten Jahren dazu jedenfalls viele sehr gute Rückmeldungen bekommen – und auch die Menge an hübschen und interessanten Bildern, sowie die vielen, mittlerweile zum Teil schon langjährigen Shootingkontakte sprechen da sehr für sich, wie ich finde.

Jens Pepper: Ist es in der Regel so, dass du von Fotografen und Fotografinnen angefragt wirst, und dich dann für oder gegen eine fotografische Position entscheidest, oder gibt es auch Fotografen, deren Arbeiten dir gefallen und zu denen du dann initiativ den Kontakt aufnimmst?

Lena: Also, bisher war es immer so, dass mich Fotografen und Fotografinnen angeschrieben und für verschiedene Projekte bei mir als Model angefragt haben und ich dann, wenn vom Projekt, der Zeit und auch vom Vertrag her alles gepasst hat, zu ausgewählten Projekten zugesagt habe. Da ich bisher allein durch diese Anfragen immer alle meine freien Shootingtermine besetzen konnte, bin ich eigentlich gar nicht auf die Idee gekommen, aktiv nach Fotografen oder Fotografinnen für Projekte zu suchen. Und da ich den größten Teil meiner Zeit doch mit meinem Studium verbringe, bin ich eigentlich auch ganz froh, wenn der organisatorische Aufwand für meinen Model-Nebenjob so auf einem angenehmen Minimum bleibt. Was ich aber schon manchmal mache ist, dass ich bei ausgewählten Projekten, also wenn mir die Bilder eines Fotografen/einer Fotografin, der/die mich angeschrieben hat, besonders gut gefallen oder wenn sie mir anbieten, langgehegte Shootingwünsche von mir – davon habe ich immer eine ganze Liste auf meiner Sedcard – zu erfüllen, ich diese dann auf TfP Basis mache. Denn auch wenn Modeln für mich hauptsächlich ein Nebenjob ist, so geht es mir dann doch nicht ausschließlich ums Geld. Die Freude am Shooten und an schönen Bildern, die ich auch gern meine „ideelle Altersvorsoge“ nenne, ist auch ein gewichtiger Grund, das Ganze zu machen.

Jens Pepper: Ideelle Altersvorsorge ist ja ein schöner Begriff.

Möchtest du nach Abschluss des Studiums weiter modeln? Es wird dir bestimmt gefallen, wenn du später Fotos von dir aus mehreren Jahrzehnten hast. Und falls du eines Tages Kinder haben solltest, wird das für die bestimmt auch interessant sein. Es ist natürlich auch ein Zeugnis des Verfalls und der Vergänglichkeit.

Lena: Ja, ich finde, der Begriff trifft’s ganz gut. Wie lange ich vor der Kamera stehen möchte, weiß ich noch nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, auch nach dem Studium und auch in späteren Lebensaltern noch Bilder von mir machen zu lassen – sicherlich nicht in dem Ausmaß, wie ich das heute mache, aber immer wieder mal ein Projekt mit einem Fotografen/einer Fotografin, mit dem/der ich schon immer gerne gearbeitet habe, das, glaube ich, ist gut möglich. Und ich stelle mir das eigentlich auch ganz schön vor, denn dann habe ich neben der ideellen Altersvorsorge zum Schluss quasi auch noch ein Lebensbilderbuch meines Körpers – eine Vorstellung, die mir eigentlich ganz gut gefällt.

Jens Pepper: Ich höre jetzt schon die Stimmen, die da sagen: mein Gott, Bilderbuch meines Körpers, wie oberflächlich. Viele andere Frauen, und sicherlich auch Männer, werden dich aber für diese Einstellung und deine diesbezüglichen Aktivitäten beneiden. Ich kann mir denken, dass es viele Menschen gibt, die auch gerne solch ein Lebensbilderbuch von sich hätten, sich aber nicht trauen, das anzugehen, oder sich nicht attraktiv genug finden, oder in einer gesellschaftlichen Umgebung leben, die eine Tätigkeit als Aktmodell nicht zulässt. Was würdest du einer Person sagen, die dich als Sexualtherapeutin aufsucht, und dir von solch einem, vielleicht unterdrückten Wunsch, erzählt?

Lena: Also, wenn jemand zu mir in die Beratung käme – Achtung, ich bin Sexualberaterin, keine Therapeutin! – und im Rahmen unseres Gesprächs herauskommt, dass zumindest ein Teil der sexuellen Problematik vielleicht auf ein, sagen wir mal, wenig liebevolles Verhältnis zum eigenen Körper zurückzuführen ist, dann würde ich natürlich in erster Linie versuchen, herauszufinden, woher das kommt. Und dann kann man schauen, wie man das vielleicht mit Übungen, näherer Erforschung der Hintergründe oder anderen Tricks aus der Beratungskiste angehen und besser machen kann – was aber genau zum Einsatz käme, das ist individuell ganz verschieden. Ich finde es jedenfalls sehr schade, dass so viele Menschen ein schlechtes Verhältnis zu ihrem Körper haben bzw. dass all jene, die ein gutes Verhältnis zu ihrem Körper haben als oberflächlich abgestempelt und in die Feindbildecke gestellt werden. Mir ist jedenfalls schon oft aufgefallen, dass man sich keine Freunde und Freundinnen macht, wenn man offen dazu steht, dass man den eigenen Körper voll und ganz liebt – und ich glaube, dass sich auch deshalb viele Menschen verbieten, ihren eigenen Körper wunderschön zu finden, einfach, weil wir es als einen unsympathischen Charakterzug, als „oberflächlich“, definiert haben, wenn das jemand tut. Nur das Äußere zu schätzen mag problematisch sein, auch das Äußere zu schätzen ist wundervoll, vor allem, wenn es das eigene Äußere betrifft. Denn das macht auch noch etwas ganz Entscheidendes: es macht nicht nur zufriedener mit sich selbst, sondern es macht auch oft eine Ausstrahlung, die andere erstaunen lässt. Mein Lieblingsbeispiel ist die Sedcard eines Models, auf die ich vor ewigen Zeiten mal zufällig gestoßen bin: Das Model hatte über 120 Kilo, aber man hat auf jedem einzelnen Bild gemerkt, dass sie sich in dem Moment total sexy und wohl in ihrem Körper fühlt und ich habe beim Betrachten der Bilder vermutlich aus genau diesem Grund ganz unwillkürlich sofort gedacht: Wow, schöne Frau.

Jens Pepper: Toll. Es gibt übrigens einige Fotografen und Fotografinnen sowie Maler und Malerinnen, die sich auf eine Zusammenarbeit mit beleibteren Modellen spezialisiert haben. Leonard Nimoy zum Beispiel, den die meisten wohl eher als Mr. Spock aus Enterprise kennen, fotografiert stark übergewichtige Frauen in Schwarz/Weiss. Das sind sehr lebensfrohe Aufnahmen. Und die Malerin Jenny Saville ist in den 1990er Jahren mit Portraits sehr, sehr dicker Frauen bekannt geworden.

Angenommen, Du selbst würdest Lust bekommen zur Kamera zu greifen. Wen oder was würdest Du fotografieren? Wären Akte für Dich interessant? Wie würden dann Deine Fotos aussehen? Und mit was für Modellen würdest Du in dem Fall arbeiten: schlanke oder dicke, junge oder alte, männliche oder weibliche?

Lena: Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, da ich bisher zwar wirklich gerne vor der Kamera gestanden bin und stehe, aber zumindest bis jetzt noch nie den Wunsch verspürt habe, selbst Bilder zu machen. Ich denke, wenn ich Bilder machen würde, dann ziemlich sicher fast ausschließlich in schwarz-weiß, weil ich finde, dass solche Bilder eigentlich immer, egal, was sie zeigen, eine ganz eigene Stimmung und Eleganz besitzen, die mir sehr gefallen. Und dann würde ich wahrscheinlich einfach mal durchprobieren, mit welcher Art von Modellen ich am besten arbeiten kann bzw. welche Bildergebnisse mir dann am meisten zusagen, wobei ich mir vorstellen könnte, dass es mich dann doch zu Körpern und Gesichtern ziehen würde, die man tendenziell wahrscheinlich als „weiblich“ bezeichnen würde, weil ich diese Art von Körper einfach auch privat am hübschesten bzw. anziehendsten finde. Ansonsten glaube ich, dass Bilder, die verwirren und ein bisschen vor den Kopf stoßen, die durch irgendetwas provozieren, durchaus auch meins sein könnten – ich denke da an unkonventionelle Kompositionen, Spiele mit Genderstereotypen und an Sichtbarmachung von Menschen, Körpern und Lifestyles, die für die meisten Menschen nicht zum Alltag gehören oder die für manche gar ein rotes Tuch darstellen. Ich merke allein schon beim Schreiben: macht mir dieser Gedanken Spaß. Aber für jemanden, die die Provokation auch ab und an als privates Hobby pflegt, ist das wahrscheinlich nichts Ungewöhnliches.

Jens Pepper: Wie pflegst du denn die Provokation als privates Hobby. Du meinst jetzt nicht dein Modeln und den Poledance, oder? Denn diese Beschäftigungen würde ich als ehrliche, lebensbejahende und selbstbewusste Statements verstehen, als authentischen Ausdruck deiner selbst.

Lena: Nein, Modeln und Poledance meine ich da in der Tat nicht, die sind tatsächlich einfach nur Nebenjob und Hobby. Obwohl, sie lassen sich manchmal auch für mein „Provokations-Hobby“ nutzen, auch wenn es nicht ihr Hauptzweck, sondern nur ein schöner Nebeneffekt ist. Es ist überhaupt so, dass ich nichts in meinem Leben wirklich dezidiert mache, um zu provozieren – ich mache alles nur, weil ich es schön finde, es mich erfüllt oder es einen anderen hübschen Zweck hat oder auch einfach ein Teil von mir ist. Was ich mit Provokation als Hobby meine, ist, dass ich es mag, sehr offen über Details aus meinem Leben zu sprechen und das bewusst einzusetzen, um Leute ab und an kurz und unerwarteterweise aus ihrer gedanklichen Komfortzone zu stoßen. Da spielt mir natürlich auch in die Hände, dass man, wenn man mich so im Alltag sieht, mich meist für das brave, biedere Mädchen von nebenan hält, dem man beim ersten Hinsehen auch nichts großartig Exzentrisches oder auch einfach nur „Anderes“ zutraut. Da war und ist die Überraschung für manche dann schon manchmal groß, wenn sie erfahren, dass ich eine Ausbildung zur Sexualberaterin mache. Oder gerne auch Frauen date. Eine polyamore Veranstaltungsreihe mit ins Leben gerufen habe. Oder auch einfach nur die Tatsache, dass ich in einer glücklichen Beziehung mit einem wunderbaren, transidenten Mann bin. Und für manche: reicht auch schon die Erwähnung von Poledance, um in kurzes mentales Stocken zu geraten. Das Wichtige dabei für mich ist, dass ich diese Dinge nie reißerisch verkünde oder sie ohne Zusammenhang auf Leute einregnen lasse – ich erwähne sie dann, wenn es auch ins Gespräch passt, und vor allem: erzähle ich ganz normal darüber. Denn, auch wenn ich den kurzen, minimalen Schock-Zustand meines Gegenübers schon sehr genieße, so geht es mir bei meinem ganzen „Provokations-Hobby“ vor allem um eins: zeigen, dass auch „anders“ ganz normal ist.

Obst und Muse zeigt, in Absprache mit Lena, an dieser Stelle nur Fotografien, auf denen ihr Gesicht nicht zu erkennen ist, denn leider besteht für sie in unserer Gesellschaft noch immer die Gefahr, dass sie wegen der Aktfotos Schwierigkeiten in ihrem Beruf bekommt, verursacht durch Intoleranz und zum Dogma erhobene Moralvorstellungen anderer.

 

Foto: Marcus Weber

„Auch in der Inszenierung bleibt genug Freiraum für Entfaltung und Spontanität.“ – Jens Pepper im Gespräch mit Marit Beer

Mondlicht, Foto: Marit-Beer

Mondlicht, Foto: Marit-Beer

Jens Pepper: Als ich dich kürzlich um ein Interview gebeten hatte und dir sagte, dass ich deine Arbeit in eine von mir beobachtete neue romantische Fotografie einordnen würde, die ich zur Zeit vor allem bei jüngeren Fotografinnen beobachte, da wusstest du zunächst nicht so richtig etwas mit dieser Einordnung anzufangen. Ich hatte dann geantwortet, dass ich das Poetische, Traumhafte, Märchenhafte und Symbolische meine, das ich in Deiner Arbeit sehe. Und als weiteres Beispiel, das meine Behauptung illustrieren soll, hatte ich die bei Krakau lebende Polin Laura Makabresku angeführt. Wie siehst du selbst deine Arbeit?

Marit Beer: Mit deiner Frage fühlte ich mich auch ziemlich überrumpelt, weil ich normalerweise die Fotografen für das Online-Magazin kwerfeldein ausfrage, warum sie machen was sie tun. Aber ich fand es sehr spannend, wie du meine Arbeiten einordnest und konnte die genannten Begriffe gut mit meiner Arbeit in Verbindung bringen. Ich bin also selbst gespannt wo wir am Ende des Interviews stehen.

Ich sehe meine Arbeiten als das Resultat eines Gespräches, indem nicht zwingend Worte vorkommen. Die Bilder müssen subtil sein, etwas unausgesprochenes soll den Betrachter herausfordern. Ich mag es, wenn sie mir manchmal selbst ein Rätsel sind – diffus, dunkel, eben poetisch.

Jens Pepper: Was meinst du mit dem Gesprächsresultat? Eine stille Zwiesprache mit dem Gegenstand, den du ablichten bzw. inszenieren möchtest? Oder eine – vielleicht einvernehmliche und wortlose – Kommunikation mit einem Modell? Das ist mir jetzt nicht so klar.

Marit Beer: Wenn ich mit Menschen arbeite, dann ist das immer eine Zusammenarbeit, in der beide bereit sind etwas zu geben. Auch in der Inszenierung bleibt genug Freiraum für Entfaltung und Spontanität. Ich habe kein bestimmtes Bild im Kopf, das ich inszenieren und ablichten möchte. Da ist oft nur ein vages Gefühl, das ich vor der Zusammenarbeit kommuniziere und das die Bilder, die entstehen sollen, trägt. Aus diesem Grund arbeite ich vor allem gerne mit anderen Künstlern zusammen, die selbst fotografieren, schreiben, schauspielern oder sich anders künstlerisch betätigen. Ich mag den Gedanken, nicht einen Menschen zu inszenieren, ohne dabei auf seine Persönlichkeit einzugehen. Die Fotos sind dann das Resultat.

Jens Pepper: Du sagst, dass du vor einer Fotosession kein bestimmtes Bild im Kopf hättest, das du gerne inszenieren und ablichten möchtest. Aber wenn ich mir deine Homepage ansehe, so sehe ich doch eine gewisse Orientierung in Deiner Arbeit. Du übertitelst deine Homepage ja auch direkt mit den Worten “Tales & Photography”. Du möchtest Geschichten erzählen, oder? Und du magst eine märchenhafte und poetische Atmosphäre. Also scheint mir eine eigene Grundidee doch vorhanden zu sein, wenn du mit einem Modell arbeitest, oder irre ich mich da?

Marit Beer: Ich habe eine Weile über deine Fragen nachdenken müssen, aber du hast Recht. Die Idee bin ich wohl selbst. Nehmen wir als Beispiel meine Geisterserie. Am Anfang stand lediglich das Gefühl von Fremdheit. Ich fing gerade an, Menschen zu fotografieren, die ich zuvor nicht kannte. Was ich von ihnen wusste, war lediglich das, was sie mir im Erstgespräch von sich erzählten. Das war für mich etwas komplett Neues, denn bis dato ließ ich nur Freunde und gute Bekannte in meine Wohnung. So kam ich auf die Idee, dieses Fremde zu verbildlichen, und zog zwischen mich und die fremde Person eine durchsichtige Mauer in Form einer einfachen Malerfolie, die Teile des jeweils Anderen nur schemenhaft abbildete. Und je nachdem, wie nah man an die Folie kam, wurden die Konturen der Körper schärfer oder unschärfer. Denn genauso nahm ich die Fremdheit war.

Ich überließ es dann den Menschen hinter der Folie, wie sie sich bewegten. Einige tanzten, andere berührten vorsichtig die Folie oder rissen sie sogar ein und versuchten, hindurchzusteigen. Diesen Prozess fand ich total spannend. Denn ich glaube, Menschen bekommen nicht nur gerne Geschichten erzählt, sondern sie erzählen auch selbst gerne Geschichten. Ich versuche also mit jeder Idee, die ich habe, den Anderen ebenfalls herauszufordern, mitzuwirken. Als letztes ist mir das mit Gloria und Julia gelungen. Wir haben zusammen an einer Serie gearbeitet, die die Spannung zwischen zwei Schwestern widerspiegeln soll. Ich ließ sie vor der Kamera verschiedene Gefühle wie Hingabe, Liebe und Eifersucht selbst ausloten.

Schwestern, Foto: Marit Beer

Schwestern, Foto: Marit Beer

Jens Pepper: Das aktive Mitwirken der Portraitierten ist also von elementarer Bedeutung in deiner Arbeit. In gewisser Weise bist du so etwas wie eine visuell arbeitende Psychologin, die die Menschen vor ihrem Kameraobjektiv aus sich herauskommen lässt. Dabei geben diese dann einiges von sich Preis. Doch, das hat wirklich etwas von der Arbeit eines Psychologen, nur dass Du an keine Schweigeverpflichtung gebunden bist und die Portraitierten das auch gar nicht von Dir erwarten. Du ermunterst sie zum – ich meine das jetzt positiv – Exhibitionismus, zum Offenlegen ihres Seelen- und Gefühlslebens. Die Arbeit mit deinen Modellen Julia und Gloria, so wie du sie schilderst, hat für mich fast etwas therapeutisches.

Marit Beer: Deine Gedanken zu meiner Arbeitsweise sind sehr interessant. Aber ich sehe das eher als eine Kulisse, die ich vorbereite und eine Stimmung, die ich vorgebe. Ich möchte es daher lieber als Theater beschreiben, wo der Mensch eine Bühne erhält auf der er sich austoben darf wie ein Schauspieler. Nur das ich Regisseur und Publikum in einer Person bin und mit der Wahl des Bildausschnitts bestimme, wie das Bild am Ende auf den Betrachter wirken wird. Und ich gehe dabei sehr empathisch vor, weil mich der Mensch an sich interessiert.

Jens Pepper: Das heißt, dass du beim Fotografieren zwar eine Idee von dem erwünschten Ergebnis hast, aber erst durch anschließendes Auswählen eines Bildausschnitts im Negativ oder in der Datei das finale Werk kreierst? Oder sprichst du von dem Bildausschnitt des inszenierten Geschehens, den du bereits im Sucher deiner Kamera festlegst?

Marit Beer: Ein befreundeter Fotograf nannte seine Fotografie einmal Prozessorientiert. Ähnlich sehe ich das bei mir auch. Die Idee kommt während der Aktion. Ich sehe, begreife und wähle dann den Ausschnitt den ich haben möchte. Manchmal wiederholen wir dann auch eine Szene die mir gefiel, wo ich aber nicht schnell genug war, um das Foto zu machen. Das finde ich an dieser Arbeit auch so spannend. Keiner weiß am Anfang, wie das finale Bild aussehen wird. Wir bewegen uns langsam darauf zu. Da ich nur analog arbeite und sehr gern mit Mittelformat, werden es auch maximal 24 Bilder, also zwei Rollfilme, die ich belichte.

Schwestern 2, Foto: Marit Beer

Schwestern 2, Foto: Marit Beer

Jens Pepper: Warum hast du dich dazu entschieden, nur analog zu arbeiten?

Marit Beer: Weil es mir ein besseres Gefühl gibt. Ich habe analog und digital damals die gleichen Chancen eingeräumt, aber die Arbeitsweise mit Film gefiel mir am besten, und ich verstehe sie.

Jens Pepper: Nur maximal 24 Aufnahmen zu machen, wenn man ein Model oder mehrere für eine Session einlädt und dafür dann auch ein Setting, eine Art Kulisse arrangiert, das scheint mir doch sehr konzentriert zu sein. Da kann viel schief gehen. Die Models sind anfangs evtl. noch nicht locker genug, um sich auf deine Ideen einzulassen, sie sind vielleicht noch zu steif und gezwungen in ihrer Haltung, in ihrer Mimik. Wenn ich selbst mit neuen Modellen arbeite, und ich bevorzuge Laienmodelle, die noch nicht diese vorgefertigten Posings beherrschen, dann merke ich, dass es schon mal eine Stunde des Fotografierens bedarf, bis ich die Leichtigkeit und Natürlichkeit beim Model sehe, die ich im Bild haben will, bis sich das Model also an die Situation und an mich als fremde Person gewöhnt hat. Ich spreche jetzt natürlich von Laienmodellen, mit denen ich bis dahin noch nicht zusammengearbeitet habe. Würde ich mich also da auf 24 Aufnahmen beschränken, würde ich möglicherweise scheitern.

Sind die Menschen, mit denen du zusammenarbeitest, überwiegend Bekannte und Freunde von Dir oder Menschen, die du durch deinen Freundes- und Bekanntenkreis kennenlernst?

Ich fasse die zwei Fragen noch mal zusammen. Ist die kontingentierte Bildmenge immer ausreichend für dich? Und woher kommen deine Modelle?

Marit Beer: Konzentriertes Arbeiten trifft es. Ich arbeite mittlerweile mit einer Handvoll Leuten die ich über die Jahre kennengelernt habe. Ein Freund fragte mal, ob ich mein „Ensemble“ schon zusammen hätte. Das ist eine schöne Bezeichnung. Die Leute kennen mich, ich kenne sie, und mit einigen bin ich auch gut befreundet. Manchmal kommt es noch vor, dass Menschen auf mich zukommen und fragen, ob ich sie fotografieren möchte, weil sie meine Arbeit schätzen. Auch hier merke ich dann, dass es da keine große Scheu mehr gibt, und dass sie sich drauf einlassen können. Das macht es möglich, konzentriert zu arbeiten und ich bekomme das auch als Rückmeldung: dass sie das langsame Arbeiten angenehm finden.

Ich beschränke mich einfach sehr gern und möchte das Wesentliche aus allem rausarbeiten. Dafür braucht es natürlich Zeit. Aber nicht hinter der Kamera mit dem Finger auf dem Auslöser, sondern schon vorher. Sich mit den Leuten beschäftigen, eine angenehme Beziehung aufbauen, nimmt den Leuten die Angst vor dem Unsichtbaren.

Geister, Foto: Marit Beer

Geister, Foto: Marit Beer

Jens Pepper: Gibt es einen bestimmten Typus Mensch, den du bevorzugt fotografierst?

Marit Beer: Ich fotografiere gerne Menschen die sich ebenfalls künstlerisch betätigen. Das gibt oft sehr gute Gespräche und bringt auch mich im Denken weiter. Weniger gute Erfahrungen habe ich gleich ganz am Anfang mit Freizeit-Modellen gemacht. Da gab es oft eine Diskrepanz zwischen dem was die wollten und dem was ich wollte. Anfänglich hatte ich da noch probiert einen Weg zu finden der beide Seiten glücklich machte. Aber mit der Zeit war mir klar, dass so nicht die Bilder entstehen, die mich glücklich machen.

Jens Pepper: Wenn Du erlebt hast, dass ein Model seine Ideen mit einbringen wollte, dann hast du aber immer auf einer Time for Print Basis gearbeitet. Bei bezahlten Fotosessions könnte Dir das nicht passieren. Eine Gefahr bei TfP liegt doch darin, dass ein Model dir irgendwann untersagen kann, die gemeinsam gemachten Fotos zu verwenden, denn rechtlich hast du in so einer Situation keinen Anspruch darauf. Hast du da keine Angst, dass du Teile Deines Werkes, das mit viel Mühe und Engagement entsteht, irgendwann einmal nicht mehr zeigen darfst? Vielleicht trifft solch ein Bann dann ausgerechnet deine besten Fotos? Mir wäre das Risiko zu hoch.

Marit Beer: Das ist ganz richtig. Aber als ich anfing Menschen zu fotografieren, habe ich nicht im Traum daran gedacht eines Tages Bilder irgendwo auszustellen, geschweige denn zu verkaufen. Im Vordergrund stand für mich etwas ganz anderes: Der Umgang mit Menschen, die man für kurze Zeit trifft; zu üben, auf sie einzugehen und herauszufinden, wo meine Fotografie hingeht bzw. was ich mit ihr zu sagen habe. Und um diese Anfangszeit bin ich auch sehr dankbar und auch um alle Erfahrungen, die positiven wie auch die negativen. Sie haben mich zu Entscheidungen gezwungen und ich habe mir über diese Zeit meinen philantropischen Umgang bewahrt sowie eine eigene Bildsprache entwickelt.

Seit Jahren nun habe ich eine Handvoll Leute mit denen ich immer wieder zusammen arbeite und im vorletzten Jahr hatte ich meine erste Ausstellung mit Dvorah Kern zusammen in der aff Galerie. Bei der Vorauswahl der Bilder passierte dann auch genau das, von dem du sprichst. Ich durfte zwei Bilder nicht zeigen und der Grund war für mich auch nachvollziehbar. Auf dem Bild war ein Paar zu sehen das mittlerweile nicht mehr zusammen ist und sich genau zur Zeit der Ausstellung in der Trennungsphase befand. Das Model hatte kein gutes Gefühl mit den Bildern an der Wand. Für mich war das vollkommen ok und mir fiel auch kein Zacken aus der Krone als ich diese Bilder dann eben nicht zeigen konnte.

Mittlerweile gibt es jedoch mehr Interessenten an meinen Bildern und auch mehr Ausstellungsmöglichkeiten. Für die bereits freigegebenen Bilder für Ausstellungen in Galerien und Magazinen werde ich in Zukunft die beteiligten Personen und mich noch besser absichern, damit das Moma keine Angst haben muss die Bilder wieder abhängen zu müssen.

Metamorphosis, Foto: Marit Beer

Metamorphosis, Foto: Marit Beer

Jens Pepper: Du arbeitest gerne mit Frauen deiner Generation. Weil ihr generationsbedingt möglicherweise ähnlich empfindet, gerade in bezug auf Themen und Bildinhalte?

Marit Beer: Die Frauen sind zwischen zwanzig und vierzig, ich muss also verneinen. Allerdings muss ich zugeben, das sich jüngere Frauen ungezwungener vor einer Kamera bewegen können. Ältere Frauen vergleichen sich oft mit jüngeren Modellen, die sie auf Fotos anderer sehen. Ich habe mir schon den Mund fusselig geredet über Stereotype und Schönheitsideale. Hängende Brüste, schlaffe Haut an den falschen Stellen, das lässt das Selbstwertgefühl ganz schnell sinken und macht mich manchmal regelrecht wütend. Aber nicht auf die Frauen, sondern auf das Ideal, das wir alle überall mit Bildern produzieren und ich schließe mich da nicht aus. Ich hoffe wirklich, ich kenne meine Handvoll Leute auch noch in zwanzig und dreissig Jahren und darf sie dann immer noch mit all ihren wundervollen Lebensfalten und grauen Haaren fotografieren. Ich würde auch gern mit älteren Menschen arbeiten, aber es ist gar nicht so einfach an diese heran zu kommen. Meine bisherigen Versuche waren diesbezüglich leider vegebens. Wenn du aber ältere Damen kennst die Geistergeschichten mögen, dann sag mir bitte Bescheid.

Jens Pepper: Du würdest gerne Geistergeschichten mit älteren Menschenen inszenieren? Weisst du, dass Elemente des englischen Schauerromans von der Literatur der Romantik aufgenommen wurden? Da nähern wir uns ja ganz allmählich meiner These, dass deine Fotografie etwas Romantisches an sich hat.

Marit Beer: Als du meine Bilder mit dem Wort romantisch beschriebst, ging ich von der Bedeutung in unserem heutigen Sprachgebrauch aus und sah vor mir eher bunte Blumenbuketts. Dass die Romantik, bzw, die schwarze Romantik Elemente des englischen Schauerromans aufnahm kann ich daher mit ja beantworten. Du möchtest sicher auf die gequälte Seele hinaus, die zu einem Grundthema der Romantik gehört?

Waiting for the fox, Foto: Marit Beer

Waiting for the fox, Foto: Marit Beer

Jens Pepper: Nicht nur, aber auch, ja. Gerade in den Arbeiten der eingangs von mir erwähnten Laura Makabresku ist das ja überdeutlich zu spüren. Soweit ich weiß, leidet die Fotografin unter Schizophrenie und lebt ziemlich zurückgezogen in der Nähe von Krakau. Ihre Fotografie scheint ihre Art der Kommunikation mir der Außenwelt zu sein, mit der sie sich mitteilt. Das ist bei anderen Fotografen auch so, aber für jemanden, der so abgeschieden lebt, ist das vielleicht noch von größerer Bedeutung. In ihren Arbeiten kommen Selbstverletzungen bzw. Verletzungen vor, aber auch große Zärtlichkeit. Zudem ist die Natur in ihren Aufnahmen wichtig: Laub, ausgestopfte Tiere, Wald. Und diese Hinwendung zur Natur ist ja ebenfalls ein Aspekt der Romantik.

Allerdings habe ich bei meiner Begriffswahl nicht nur an die Romantik des 19. Jahrhunderts gedacht, sondern ich sehe das zeitloser. Es ist eher eine zarte Empfindung, die sich mir in vielen aktuellen Fotografien vermittelt. Zwischenmenschliche Zärtlichkeit ist ein auffälliges Thema, manchmal sehr poetisch und in gewisser Weise verschwommen, unscharf gestaltet.

Dann fällt mir die Verwendung alter Requisiten, wie beispielsweise Mobiliar und Wohnaccessoires aus den 1920er und 1930er Jahren auf, und die Verwendung von Kleidungsstücke aus Vorkriegsjahrzehnten (ich meine den zweiten Weltkrieg). In deiner Serie Gloria & Juliet arbeitest Du ja auch in solch einem Interieur. Dieser Rückgriff auf Altes hat für mich auch etwas Romantisierendes an sich, zumindest in der Art wie sie von Dir und anderen – vielleicht ja unbewusst – eingesetzt wird.

Ich habe vor nicht allzu langer Zeit ein paar interessante Fotos gesehen, deren Urheber ich allerdings nicht kenne. Zu sehen ist auf ihnen ein zartes junges weibliches Wesen, das auf einem Teich oder einem Flüsslein treibt, bekleidet mit einem wallenden Kleid. Ich musste sofort an das Gemälde Ophelia von dem Präraffaeliten John Everett Millais aus der Mitte des 19. Jahrhunderts denken.

Marit Beer: Die Hinwendung zur Natur in unserer Zeit ist sicher ein Zeichen dafür, das wir etwas vermissen oder suchen. Die Natur ist ausgesperrt, jene, die vor den Toren der Stadt liegt, und jene in uns drinnen. Der Mensch wird gemaßregelt, die Natur beschnitten. Ich sehe viele Bilder anderer Fotografen als das Resultat eines Gefühls von Verlorenheit und die Suche nach dem Ursprung. Die Fotografien, die du ansprichst, werte ich als Spiegelbild unserer Zeit. Darin werden ausgestopfte Tiere an den Kaffeetisch eingeladen, wie bei Laura Makrabesku, oder Unmengen von Ophelias in Seen, Badewannen oder Schwimmbädern „ertränkt“. Und in all dem Schönen, Leichtem und Zartem schwingt etwas Dunkles mit. Bei den toten Tieren von Laura stockt mir manchmal der Atem. Sie schafft es ein oberflächliches Gefühl von Poesie und Zärtlichkeit zu vermitteln, doch schaut man weitere Arbeiten von ihr an, ist das Unaussprechliche in den Bildern bemerkbar – nämlich die geschundene Seele und damit wären wir wieder in der Romantik angekommen.

Jens Pepper: In diesem Sinne siehst du also auch einen romantischen Aspekt in der Arbeiten einiger junger Fotografen und Fotografinnen. Wen von ihnen schätzt du denn besonders? Und warum?

Marit Beer: Ich sehe das eher als Konglomerat und mir fällt keiner im speziellen ein, den ich einem anderen vorziehen würde. Es ist eine Strömung aus der ich mich manchmal bediene und damit arbeite, wie in der von dir angesproche Serie mit Gloria und Julia. Ich schätze aber Künstler wie Francesca Woodman, Mascha Kaleko oder Sylvia Plath sehr. Und ich denke das diese Künstler auch großen Einfluss auf viele andere junge Künstler haben. Weil in ihren Arbeiten ihre wahre Natur sichtbar ist, ihr Leiden, aber auch immer Humor, versteckt zwischen den Zeilen.

Jens Pepper: Wovon laesst du dich noch in deiner fotografischen Arbeit beeinflussen und inspirieren?

Marit Beer: Skurille und bizarre Dinge inspirieren mich. Ein Thema, von dem ich nie ganz weg komme, ist der Tod und der Umgang damit allerorten. Auch die Unterweltansichten verschiedener Religionen spielen da mit hinein. Wie stellen sich Menschen die Hölle vor, was ist die Hölle auf Erden usw. Oder Fragen nach dem Bösen, was ist das genau, wie wird es beschrieben. Jetzt kommen wir vom romantischen Mädchenthema aber ganz schön weg, oder?

Waiting for the fox 2, Foto: Marit Beer

Waiting for the fox 2, Foto: Marit Beer

Jens Pepper: Das macht doch nichts. Unser Gespräch handelt ja auch von deiner eigenen Fotografie. Und da ist es spannend zu hören, was dich noch so umtreibt. Wie thematisierst du in deiner Arbeit den Tod?

Marit Beer: Ich versuche meine Bilder nicht in einer bestimmten Zeit zu verorten aber gleichzeitig mit bestimmten Hilfsmitteln den Tod zu realisieren. Bilder sollen wie eine Erinnerung wirken, die nichts direkt mit der Gegenwart zu tun hat. So ist es mit dem Tod ja auch. Er liegt irgendwie in der Ferne, irgendwie aber auch hinter uns mit all unseren Ahnen und Urahnen. Das ganze wird dann noch mit abgestorbenen Blüten, Knochenwirbeln oder bestimmten Lichtstimmungen verziert. Am Ende wünsche ich mir ein Gedicht, das jeder selber lesen kann.

Jens Pepper: Schaffst du eigentlich auch literarische Gedichte, die eine Ergänzung zu deiner visuellen Lyrik darstellen? Vielleicht ist das ja klischeehaft, aber das würde jetzt perfekt zu dem Bild passen, dass sich gerade vor meinem inneren Auge auftut.

Marit Beer: Gedichte schreibe ich nicht. Wenn überhaupt, dann mal Vignetten. Aber erzähl mir mal was zu dem Bild vor deinem inneren Auge. Beschreib es!

Jens Pepper: Das wäre jetzt ein schönes, kischeebeladenes Bild: Junge Fotografin schafft träumerisch-nachdenkliche Fotos mit Vanitassymbolen darin, und nach getaner Arbeit, oder in einer Pause, gibt es einen Tee, vielleicht in diesem alten Ambiente, zusammen mit dem Modell, das noch in dem leichten Kleid oder worin auch immer gewandet ist, und dann wird sich über Gedichte ,eventuell ja Selbstgedichtetes unterhalten. Das wäre doch auch ein schönes Bild; Mädchenromantik vielleicht?

Also das ist jetzt nicht als Werkkritik zu sehen, aber das Bild poppte gerade vor meinem inneren Auge einfach auf. Ein bisschen denke ich auch an meine eigene Jugend, als ich, so mit 18, in einem Lyrikkreis war.

Marit Beer: Das ist doch ein schönes Bild und mit 17 war ich auch so wildromantisch. Nur das ich damals die Mädels lieber mit Artur Rimbaud ersetzt habe. Liest du eigentlich gern Gedichte? Es gibt ja auch recht unromantische.

Jens Pepper: Gelegentlich. Derzeit Heiner Müllers gerade neu bei Suhrkamp erschienenen Gesammelten Gedichte. Sehr viel schönes dabei, vom Sprachklang vor allem. Aber ich bin kein Lyrik-Vielleser. Es hat bisher auch nur wenige Autoren gegeben, die mich wirklich interessiert haben. Erich Fried habe ich gerne gelesen, und Albert Ostermaier. Einiges von Brasch. Na, ein paar mehr Autoren sind es wohl doch. Von den Klassikern natürlich Celan., insbesondere die Todesfuge, das für mich bis heute eines der wichtigsten Gedichte ist. Ich habe es mal von Gert Fröbe gelesen gehört, das war der pure Wahnsinn.

Haben literarische Leseerfahrungen oder visuelle Seherfahrungen aus Theater und Film Einfluss auf deine Bildfindungen?

Marit Beer: Ich habe über die Zeit bestimmte Vorlieben entwickelt und schaue mir beispielsweise gern die Arbeitsweisen von Regisseuren wie Lars von Trier, Jim Jarmusch, Tarantino oder Terry Gilliam an. Und ohne Zweifel haben mich deren Filme in ihrer Groteskheit und Intensivität stark beeinflusst.

Jens Pepper: Gib mir doch zum Schluss unseres Gesprächs noch einen Ausblick auf dein fotografisches 2015. Woran arbeitest du, was für Projekte möchtest du realisieren?

Marit Beer: Ich werde in diesem Jahr an einer dritten Serie arbeiten und mir viel Zeit dafür nehmen. Sie wird die Weiterführung der Geister und Metamorphis Reihe sein und sich inhaltlich mit dem Thema „wahre Natur“ beschäftigen.

Das Gespräch wurde Anfang 2015 geführt.

Blind, Foto: Marit Beer

Blind, Foto: Marit Beer

Marit Beer, Foto: Lisa Zappe

Marit Beer geht auf Geistersuche in den Köpfen der Menschen und versucht die Essenz in zeitlosen, meist schwarzweiss gehaltenen Bildern zu manifestieren. Sie ist Autodidaktin und hat sich während ihes Studiums mit Totenkulten und den Gebeinen 4000 Jahrer alter Menschen beschäftigt. Die Fotografie ist ihre liebste Sprache weil sie gern in Bilder denkt. Sie ist auch als Autorin für das Onlinemagazin kwerfeldein tätig.

www.maritbeer.de
www.flickr.com/photos/einuhr

„Berlin Wonderland wird nicht das einzige Buch von bobsairport bleiben.“ – Anke Fesel und Chris Keller im Interview

Fotos: Ben de Biel (1, 2, 4, 5) und Rolf Zöllner (3, 6) aus dem Buch „Berlin Wonderland“

Christian Reister: Wer ist Bob?

Anke Fesel: Bob ist die Kurzform für bobsairport, eine von uns – Anke Fesel und Chris Keller – 2007 in Berlin gegründete Fotoagentur. Der Name geht auf eine whisky-selige Anekdote von Tom Waits zurück, die er in der Bühnenshow zu „Big Time“ erzählt: „Well… I had a rough flight down here, you know. I don’t know, we came in… we didn’t come into L.A. actually, we came into Bob’s Airport! (laughter) Eh, actually my reaction was the same as yours. Eh, but when you think about it, Bob’s there all the time, you know? It’s very simple, they have a little lobster bar there and eh… I gotta introduce you to Bob, you’ll love Bob.“

Christian Reister: Aja, verstehe: der Name bobsairport gibt für eine Fotoagentur also ungefähr so viel Sinn wie Obst und Muse für einen Blog mit Gesprächen über Fotografie. Was hat euch vor acht Jahren dazu veranlasst den Fotomarkt um eine weitere Agentur zu bereichern? Wo lagen und wo liegen heute eure Schwerpunkte und was unterscheidet euch von anderen Stockagenturen?

Chris Keller: Anke hat mit ihrem Grafikbüro ja schon lange Buchcover gestaltet, für die wir auch viel selbst fotografiert haben. 2005/2006 wollte die Bildagentur photonica eine Auswahl unserer Fotos in ihr Portfolio aufnehmen. Leider wurden sie genau zu dem Zeitpunkt von Getty aufgekauft. Getty und Corbis verleibten sich damals viele der kleineren spezialisierten Agenturen ein und es wurde immer schwieriger, in diesen riesigen Archiven taugliches Bildmaterial zu finden, das sich für die Gestaltung von Buchcovern eignete. Aus dieser Situation entstand die Idee, dem Missstand mit einer eigenen Agentur zu begegnen. Der Schwerpunkt bei bobsairport liegt in der Buchcover-Fotografie, es zeigt sich aber, dass die Kollektion auch für Magazine und Feuilletons interessant ist. Wir möchten die einzelnen Fotografen und ihre Bildsprache zeigen und bieten die Bilder ausschließlich in Form von RM Lizenzen an.

Christian Reister: Eure Website listet über 80 Fotografen, die meisten sind zumindest unter Insidern in Berlin recht bekannt. Wie würdet ihr euer Spektrum beschreiben? Was muss ein Fotograf mitbringen, um bei euch aufgenommen zu werden?

Chris Keller: Unser Spektrum ist vielfältig, da wir Bildautoren mit einer eigenen fotografischen Handschrift vertreten. Die Fotografen müssen ein ausreichend großes Portfolio mitbringen, wobei egal ist, ob das Material sw oder farbig ist, analog oder digital aufgenommen wurde. Eine Besonderheit von bobsairport gegenüber anderen Bildarchiven besteht darin, daß wir keine Kollektionen vertreten, sondern uns ganz auf die Arbeit mit unseren Fotografen verlassen. Durch dieses Vorgehen und die damit verbundene Verfahrensweise, das Archiv aus handverlesenen Motiven zu bestücken, ist über die Jahre eine Sammlung mit zeitgenössischer Fotografie entstanden, die sich von gängigen Stockarchiven abhebt und Material zulässt, das mit seiner künstlerischen Position in diesem Kontext überrascht.

Christian Reister: bobsairport ist mittlerweile nicht nur als Agentur, sondern auch als Herausgeber bekannt. Oder kann man dazu schon Verlag sagen? Euer Buch „Berlin Wonderland“ über die frühen 90er in Berlin steht jedenfalls in jedem Buchladen und geht bereits in die zweite Auflage. Erzählt uns doch ein bisschen wie es dazu kam…

Anke Fesel: Die Idee zu dem Buch hatten wir schon lange. Zum einen spiegelt es unsere eigene Geschichte – wir sind beide 1990 nach Berlin gekommen und haben uns durch unsere Beteiligung an Projekten wie Tacheles, Eimer und Schokoladen kennengelernt. Zum anderen wußten wir um das großartige Bildmaterial, das sich in den Archiven verschiedener Fotografen befand. Von Ben de Biel, der ungefähr die Hälfte der Bilder zum Buch beigesteuert hat, stand eigentlich immer ein Satz Archivordner in meinem Grafikbüro, weil Ben und ich die Bilder für Flyer seines Clubs Maria am Ostbahnhof genutzt haben. Chris und er sind schon seit Schulzeiten befreundet und haben sich auch in Berlin bei vielen gemeinsamen Projekten begleitet. Hendrik Rauch, Philipp von Recklinghausen und Rolf Zöllner kannten wir durch die gemeinsame Arbeit bei der Stadtzeitung „scheinschlag“, für die ich als Gestalterin tätig war, Stefan Schilling aus dem Tacheles, Hilmar Schmundt aus dem Schokoladen und Andreas Trogisch war uns als begnadeter Gestalter vertraut.

Als es dann tatsächlich um die Realisierung des Buches ging, haben wir das Projekt verschiedenen Verlagen vorgestellt, mussten aber feststellen, dass sich niemand so recht an das Thema heranwagen wollte. Wir hatten uns fest vorgenommen, das Buch im Frühjahr 2014 und damit rechtzeitig vor dem Jubiläum zum 25-jährigen Mauerfall herauszubringen und haben es dann kurzerhand selbst verlegt.

Christian Reister: Ich würde ja mal tippen, dass eure Insidersicht genau das ist, was das Buch so faszinierend macht und von konventionellen Berlinbüchern abhebt. Man merkt einfach, dass ihr dieser Szene sehr verbunden seid, nicht zuletzt, weil eure Gesichter ja auch immer mal wieder in dem Buch auftauchen. Aber auch die Buchgestaltung ist großartig – alles selbst gemacht?

Anke Fesel: Ja, für die Gestaltung zeichnet unser Grafikbüro capa verantwortlich, es war also sozusagen eine Kooperation unserer beiden Unternehmen. Dadurch, dass wir das Buch selbst verlegt haben, hatten wir auch, was die Gestaltung betrifft, freie Hand und konnten das Buch in genau die Form bringen, die wir haben wollten.

Christian Reister. Mir fiel auf, dass sehr bald nach der Veröffentlichung viele große Onlineportale (n-tv, Spiegel, Die Zeit, Morgenpost…) Bildergalerien zu dem Buch brachten, auch offline ist das Buch viel rezensiert und beachtet worden. Hat euch der Vertrieb – der „Gestalten Verlag“ – viel von der Pressearbeit abgenommen oder habt ihr diesen Part selbst übernommen?

Chris Keller: Unser Vertrieb Gestalten hat eine hervorragende Pressearbeit gemacht und zudem hatten wir natürlich auch einige eigene Kontakte. Es ist aber auch so gewesen, daß das Thema von der Presse sehr dankbar aufgegriffen wurde.

Christian Reister: Anke, du hast gesagt, ihr seid beide 1990 nach Berlin gekommen. Ihr wohnt noch immer in Berlin-Mitte, auch die Agentur hat ihren Sitz in Mitte. Das ist ja jetzt fast ein viertel Jahrhundert! Kriegt man da nicht auch mal den Mitte-Koller? Und hättet ihr die Wahl – würdet ihr euch die 90er zurückwünschen?

Anke Fesel: Wir sind immer noch gerne hier, auch wenn wir nicht jede Entwicklung begrüßen. Das funktioniert aber nur, weil wir auch versuchen, die Stadt so häufig wie möglich in verschiedene Richtungen zu verlassen. Das gelingt nicht immer gleich gut, während wir das Buch gemacht haben z.B. überhaupt nicht, dann droht doch Lagerkoller. Ich glaube, die 90er wünschen wir uns beide nicht pauschal zurück. Ich vermisse aber das Unfertige, Unperfekte und Improvisierte dieser Zeit.

Christian Reister: Plant ihr als bobsaiport weitere Bücher oder werdet ihr euch jetzt wieder mehr auf die Agentur konzentrieren?

Chris Keller: „Berlin Wonderland“ herauszugeben hat uns schon sehr viel Spaß gemacht. Es war ja auch eine sehr gute Gelegenheit, unsere unterschiedlichen Tätigkeitsfelder in einem Projekt zusammenzubringen. Dass das Buch mit so viel Interesse aufgenommen wurde, ist für uns natürlich zusätzlich ermutigend. Ich denke, es wird nicht das einzige Buch von bobsairport bleiben, auch wenn wir uns nun verstärkt wieder dem Tagesgeschäft der Agentur zuwenden werden.

Ausstellung

Noch bis 22.11.2014, Mo–Sa 12–18 Uhr
Gestalten Space, Sophie-Gips-Höfe, Sophienstraße 21, Berlin Mitte

What we found and what we lost

Fr 21.11.2014, 17 Uhr, Radialsystem V, Holzmarktstraße 33, 10243 Berlin
Ein langer Abend mit Filmen, Performances, Diskussion, Suppe, Ausstellung und Musik.
Filmbeiträge Klaus Tuschen und Marco Wilms
Diskussion mit Tim Renner, Dimitri Hegemann, Christoph Langscheid, Steffi Lotta, Christoph Klenzendorf, Jutta Weitz, Brad Hwang und Francesca Miazzo, Moderation Jochen Sandig und Chris Keller
Performance Marva Maschin Klan
Videoinstallation Manuel Zimmer – AK Kraak
DJ ED 2000
mehr Informationen unter www.radialsystem.de

Anke Fesel und Chris Keller, bobsairport

Die Bildagentur bobsairport wurde 2007 von der Gestalterin Anke Fesel und dem Musiker und Fotografen Chris Keller in Berlin gegründet. Das Archiv der Agentur umfasst eine hochwertige Auswahl zeitgenössischer Fotografie.
Mit dem Bildband „Berlin Wonderland“ trat bobsairport 2014 erstmals auch als Verlag in Erscheinung.

www.bobsairport.com
www.berlin-wonderland.de

„Die Digitaltechnik führt zu einer erheblichen Dynamisierung in der Stadt- und Straßenfotografie“ – Ein Gespräch mit dem Galeristen Manfred Carpentier

Foto: Holger Biermann (aus: Terassen am Zoo)

Foto: Holger Biermann (aus: Terassen am Zoo)

 

Jens Pepper: Seit dem Frühjahr widmest du dich in deiner Galerie der Berliner Stadt- und Straßenfotografie seit 1989, also seit dem Fall der Mauer. In insgesamt acht Ausstellungen mit je vier fotografischen Positionen zeigst du damit so etwas wie eine kleine Geschichte dieses Sujets für diesen Zeitraum. 2015 soll das Projekt dann mit einer Publikation abgeschlossen werden. Was hat dich zu dieser Ausstellungsreihe veranlasst?

Manfred Carpentier: Pepper! Was für eine Frage! (lacht). Die kurze Antwort lautet: Veranlasst hat mich mein Interesse am Thema. Die längere – allerdings kaum erschöpfende – Antwort lautet: Die Ausstellungsserie zum Thema „Stadt- und Straßenfotografie in Berlin“ startete im Frühjahr 2014 nach mehr als einem Jahr intensiver Vorbereitungszeit. Über 160 Fotografinnen und Fotografen wurden um die Einreichung ihrer Arbeiten gebeten. Eine Jury, der neben Ursula Kelm, Boris von Brauchitsch, Marc Barbey und Peter Fischer-Piel auch ich angehörte, wählte aus den Einreichungen 32 Arbeiten aus. Kriterium für eine Auswahl war neben der formalen und inhaltlichen Qualität der Arbeit ihre zeitliche Aktualität. Dabei war mit der zeitlichen Vorgabe „seit dem Fall der Mauer“ keine Jahreszahl gemeint, sondern eher der historische Impuls für eine umfassende Veränderung des Stadtbildes von Berlin und der soziokulturellen Präsenz der in ihr lebenden und agierenden Menschen. Das Medium Fotografie ist ja bestens geeignet, mit sowohl dokumentarischen als auch mit künstlerischen Mitteln solche „Zustandsbeschreibungen“ abzugeben oder besser: sie „einzufangen“. Neben meinem Interesse am Thema veranlasste mich der Gedanke, nicht nur eine einzelne Sicht oder Position zu zeigen, sondern die urbane Verschiedenartigkeit mit der Verschiedenartigkeit der fotografischen Sichtweisen zu parallelisieren. Schon jetzt – quasi zur Halbzeit der Ausstellungsserie – kann man behaupten, dass diese Idee trägt und funktioniert. Da liegt der Gedanke einer alle Positionen nebeneinander stellenden Publikation doch recht nahe, zumal wenn es gelingen sollte, ein Haus zu finden, in dem alle Arbeiten gleichzeitig gezeigt werden können. Einen Abschluss sollen diese Aktivitäten allerdings nicht bilden, sondern eher die Fortschreibung eines fortlaufenden Projektes.

 

Foto: Andreas Muhs (aus: Schöne Stadt)

Foto: Andreas Muhs (aus: Schöne Stadt)

 

Jens Pepper: Du planst also auch eine Gesamtausstellung der von dir in der Carpentier Galerie gezeigten Arbeiten in einem Museum oder einem Kunstverein? Soll sich diese Ausstellung nur auf die von Dir bereits vorgestellten Fotografen beschränken oder kannst Du Dir vorstellen diese noch um weitere Fotografen oder gar um historische Aspekte der Berliner Straßenfotografie zu erweitern?

Manfred Carpentier: Ich sitze da zur Zeit noch an der Erarbeitung eines tragfähigen Konzeptes. Die geplante Ausstellung aller Arbeiten in einem Haus und die Publikation betrachte ich als Gesamtheit. Es wird darum gehen, einen Ausstellungsort und einen Verleger zu finden sowie Autoren zu gewinnen, die sich nicht nur mit den fotografischen Arbeiten dieser Ausstellung auseinandersetzen, sondern das Thema Stadt- und Straßenfotografie in Berlin in einen historischen und aktuellen Kontext stellen. Aber auch die Wiederbelebung Berlins zur Metropole sollte nicht nur fotografisch, sondern auch essayistisch abgebildet werden. Weitere aktuelle fotografische Positionen, die nicht älter als zehn Jahre sind, in der Ausstellung zu zeigen und in die Publikation aufzunehmen, halte ich für denkbar.

Jens Pepper: Als ihr, also Du und die anderen Mitglieder der Jury, die eingereichten Fotografien gesichtet habt – es waren ja Arbeiten von eingeladenen als auch von sich selbständig bewerbenden Fotografen dabei -, ist euch da so etwas wie ein Trend aufgefallen, eine Art von zeitgeistiger Straßenfotografie? Oder habt ihr es ausschließlich mit individuellen Blicken zu tun gehabt, aus denen ihr dann die interessantesten ausgewählt habt?

 

Foto: Henrik Vering (aus: die Stadt und die Beute)

Foto: Henrik Vering (aus: die Stadt und die Beute)

 

Manfred Carpentier: Das ist eine interessante Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Im Grunde kreist diese Frage um den zentralen Punkt der Ausstellungsserie. Ich bin kein Fotohistoriker, der eine entsprechend fachlich kompetente Antwort geben könnte. Auch für die anderen Jurymitglieder kann ich nicht sprechen. Ich beantworte diese Frage also aus meiner ganz persönlichen, unverbildeten Sicht. Erst einmal haben wir in den letzten Jahren in der Fotografie einen enormen Technologiewandel erlebt. Die Etablierung der Digitalfotografie dürfte im Bereich der Stadt- und Straßenfotografie ähnliche Auswirkungen haben, wie die Einführung der Kleinbild-Leica vor genau einhundert Jahren. Nicht nur die damalige künstlerische und journalistisch-dokumentarische Avantgarde hat sich durch Handhabbarkeit der technischen Ausstattung inspirieren lassen. Fotografie wurde nun – und das ist vielleicht der entscheidende Aspekt – ein „demokratischeres“ Medium, dessen Einsatz einer wesentlich größeren Anzahl von Interessierten möglich war. Die Folge war eine Verbreiterung und Differenzierung der fotografischen Gattungen und Sujets, ihrer theoretischen Durchdringung sowie der Entstehung von fotografischen Strömungen und Schulen. Die Digitalfotografie führt nun erneut zu einer erheblichen Dynamisierung auch im Bereich der Stadt- und Straßenfotografie sowohl in der Bildfindung und -sprache, als auch in den Präsentationsformen der Fotografie. Zugleich ist bei den Fotografen eine starke Differenzierung und Individualisierung feststellbar, die eher eine Entfernung von traditionellen Strömungen zum Ausdruck bringt. Um also auf die Frage zurück zu kommen. Eine Art zeitgeistige Straßenfotografie habe ich in den eingereichten Arbeiten der Fotografinnen und Fotografen nicht entdecken können. Entdecken kann man jetzt in der Ausstellungsserie eine große Vielfalt in der fotografischen Auseinandersetzung mit der Stadt Berlin. Sie reicht von der künstlerischen bis zur dokumentarischen, von der konzeptionellen bis zur augenblicksorientierten, von der narrativen bis zur abstrakt ästhetischen Fotografie. Das Wunderbare an der Stadt- und Straßenfotografie ist ja, dass bei entsprechendem zeitlichen Abstand die Bilder zu zeithistorischen Dokumenten werden, die auch immer ein stückweit den Zeitgeist transportieren und überliefern. Es wäre ein großes Kompliment, wenn in 20 oder 30 Jahren jemand in den einzelnen Positionen dieser Ausstellungsserie die Ansätze einer zeitgeistigen Fotografie zu Beginn des 21. Jahrhunderts wiederfände, wenn wir darunter zeitgemäße Form, Technik, Stil und Strömung verstehen.

 

Foto: Oliver Scholten (aus: Splash)

Foto: Oliver Scholten (aus: Splash)

 

Jens Pepper: Bei der Auswahl der letztendlich an dem Ausstellungszyklus beteiligten Fotografen, war sich die Jury schnell darüber einig, welche der eingereichten Positionen in der Galerie präsentiert werden sollten?

Manfred Carpentier: Na ja, das war ja kein Abstimmungsprozess, so wie man sich das vielleicht vorstellt: Da sitzt eine Gruppe von Menschen über einem riesigen Stapel mit Fotografien und diskutiert nächtelang bei ordentlich Wein und Nikotin. So viel Zeit hat ja heute kein Mensch mehr. Nein. Die Einreichungen der Fotografinnen und Fotografen erfolgten digital per Online-Formular, die Jurymitglieder erhielten die aufbereiteten Dokumente und bewerteten die eingereichten Arbeiten im Rahmen eines Punktesystems. Die Entscheidung, welche Positionen in der Galerie präsentiert werden sollten, erfolgte einfach durch die Addition der vergebenen Punkte. Wichtig für eine ausgewogene Entscheidung war mir vor allen Dingen im Vorfeld die Zusammensetzung der Jury mit ausgewiesenen Fachleuten. So unspektakulär die Entscheidungsfindung vielleicht gewesen sein mag, so spannend war die eher kuratorische Arbeit, jeweils vier Positionen zu einer Ausstellung zusammenzufügen. Bei dieser Arbeit hat mich das Jurymitglied Peter Fischer-Piel maßgeblich unterstützt. Ihn konnte ich auch für das Vorwort eines kleinen Katalogs und für die Eröffnungsrede der Ausstellungsserie gewinnen. Das alles kann auf der Webseite der Galerie unter der Adresse www.carpentier-galerie.de eingesehen werden.

 

Foto: Silvia Sinha (aus: Brandmauern)

Foto: Silvia Sinha (aus: Brandmauern)

 

Jens Pepper: Wie sind denn die acht Ausstellungen jeweils konzipiert?

Manfred Carpentier: Hier will ich aus verständlichen Gründen nicht allzu sehr ins Detail gehen. Aber erst einmal ging es darum, innerhalb der Ausstellungsserie einen bestimmten Rhythmus zu finden. Einen Auftakt, ein Ende, und es gab ja mit einer Ausstellung im Rahmen des Monats der Fotografie einen Termin mit der sicherlich stärksten Resonanz in den verschiedenen Medien. Dem galt es Rechnung zu tragen. Es wurde also erst einmal ein „äußerer“ Rahmen abgesteckt. Innerhalb dieses Rahmens, also bei der Konzeption der einzelnen Ausstellungen, wurde angestrebt, die Verschiedenartigkeit der Positionen in ihrer thematischen wie formalen Ausprägung deutlich werden zu lassen. Nehmen wir doch einmal als Beispiel die Arbeiten, die während des Monats der Fotografie gezeigt werden. Silva Sinha dokumentiert in ihrer Farbserie „Brandmauern“ nicht vordergründig die Architektur Berlins, sondern zeigt uns in eher grafisch-malerischen Erscheinungsbildern ihre Eigenästhetik. Stephanie Steinkopf – in ihrer Konzeptualität am weitesten von der klassischen Stadt- und Straßenfotografie entfernt – fügt in einem Veränderungen unterworfenen städtischen Raum fotografische Porträts mit biographischen Anekdoten sowie textlichen Informationen zu einem Ganzen zusammen. Eric-Jan Ouwerkerk ist ein Vertreter der klassischen Straßenfotografie, ein Beobachter und Geschichtenerzähler, der uns in seinen „Short Stories“ kleine Skurrilitäten und poetische Momente aus dem Alltag der Metropole erzählt. Frank Silberbach wiederum hat in seinem 2004 begonnenen Langzeitprojekt BERLIN 140° die klassisch-dokumentarische Schwarzweiss-Fotografie durch den Gebrauch der Optik einer Panoramakamera erweitert. Ich glaube, an diesem Beispiel wird die Verschiedenartigkeit der fotografischen Positionen deutlich, die in der Ausstellung selber noch einmal durch die Unterschiedlichkeit der formalen Präsentation der Fotografien unterstrichen wird. Wenn es gelungen ist, in den einzelnen Ausstellungen diese Vielfalt, aber auch ihre Gleichberechtigung zu zeigen, darf man darauf hoffen, dass einmal von einer erfolgreich kuratorisch konzipierten Ausstellungsserie die Rede sein wird.

 

Foto: Frank Machalowski (aus: Mulitexpo)

Foto: Frank Machalowski (aus: Mulitexpo)

 

Jens Pepper: Gibt es Fotografen, die einen für dich völlig unerwarteten Blick auf Berlin dokumentiert haben?

Manfred Carpentier: Ich glaube, dass ist eine Frage, die sich so weder stellen noch beantworten lässt. Was ist mit einem „unerwarteten Blick“ denn gemeint? Eine bisher inhaltlich oder formal noch nie da gewesene Sichtweise auf die Stadt und ihre belebte und unbelebte Natur oder ein phänomenales Thema? Ich könnte eine Frage beantworten, die dahin geht, welche Positionen ich formal, inhaltlich und ästhetisch am interessantesten finde. Das will ich aber erst tun, wenn die Ausstellungsserie abgeschlossen ist und ich alle Exponate in ihrem kontextuellen Zusammenhang und als Originale gesehen habe. Im Augenblick – und da wiederhole ich mich gerne – ist für mich die Verschiedenartigkeit der Sichtweisen innerhalb der Ausstellungsserie von größerer Bedeutung als ein einzelner Blick, eine einzelne Sicht oder Position.

 

Foto: Maximilian Meisse (aus: Ready Places Berlin 2000-2013)

Foto: Maximilian Meisse (aus: Ready Places Berlin 2000-2013)

 

Jens Pepper: Gibt es Fotografen, die ihr gerne dabei gehabt hättet, die aber – aus welchem Grund auch immer – nicht im Rahmen dieser Ausstellungsserie in deiner Galerie zu sehen sein werden? Fotografen, die dann vielleicht in der geplanten institutionellen Präsentation dabei sein sollen?

Manfred Carpentier: Ja, natürlich. Bei einigen Fotografinnen und Fotografen habe ich sehr bedauert, dass sie gar nicht an der Ausschreibung teilgenommen haben, obwohl sie eingeladen worden waren. Ohne Namen zu nennen betraf dass kurioserweise zum einen die etwas älteren Fotografinnen und Fotografen, die sich teilweise mit dem doch sehr technischen Einreichungsverfahren nicht haben anfreunden können. Zum anderen betraf es aber auch jüngere Fotografinnen und Fotografen, deren bevorzugte Präsentationsform gar nicht mehr der traditionelle Print an der Wand ist, sondern die ihre Arbeiten fast ausschließlich im Netz zeigen. Nicht zuletzt wurden – aus welchen Gründen auch immer – interessante Positionen mit den dahinter stehen Fotografinnen und Fotografen gar nicht eingeladen oder wahrgenommen. Das zeigt ja auch, wie erfreulich groß die Anzahl derer geworden ist, die sich ernsthaft dem Thema Stadt- und Straßenfotografie in Berlin widmen. Die geplante institutionelle Präsentation wäre eine schöne Gelegenheit, das bisher schon breite Spektrum an Arbeiten zu erweitern, genau so wie das die geplante Publikation leisten könnte und auch sollte.

Jens Pepper: Am 23. November wirst du in der Galerie einen Buchmarkt veranstalten, auf dem aktuelle und antiquarische Bücher über die Berliner Stadt- und Straßenfotografie zum Verkauf angeboten werden. Wie kam es zu dieser Idee?

Manfred Carpentier: Erst einmal sind es fast ausschließlich aktuelle Verlagsproduktionen, die im Rahmen von „Berlin Photo Book“, dem 1. Berliner Büchermarkt zur Stadtfotografie zum Verkauf angeboten werden. Es werden aber auch Fotobücher erhältlich sein, die im Selbstverlag erschienen sind und teilweise im Rahmen von Publishing on Demand produziert werden. Das Wesentliche an dieser Veranstaltung soll sein, allen am Thema „Berliner Stadt- und Straßenfotografie“ Interessierten Gelegenheit zu geben, persönlich mit den Fotografen ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen und ein signiertes Buchexemplar erwerben zu können. Natürlich steht auch der Gedanke dahinter, den Fotografen die Möglichkeit zu geben, ihre Bücher zu bewerben und bei Verkauf einen größeren Anteil der Einnahmen zu erhalten, als das gemeinhin bei Verkäufen über den Buchhandel üblich und möglich ist.

Die Idee zu „Berlin Photo Book“ kam im übrigen von den Fotografen selbst. Als Initiatoren sind insbesondere Frank Silberbach und André Kirchner zu nennen. Die Galerie stellt lediglich ihre Räume für diese Veranstaltung zur Verfügung.

Ich sehe in dieser Veranstaltung eine erste Initiative, die den Kerngedanken des Ausstellungsprojektes der Galerie weiterträgt. Nämlich keine singuläres und abgeschlossenes Ereignis zu sein, sondern ein sich entwickelndes Forum für all diejenigen, die mit ihren fotografischen Arbeiten zum Entstehen eines Gedächtnisses dieser wunderbaren Stadt Berlin für die nachfolgenden Generationen beitragen.

Manfred Carpentier

Manfred Carpentier wurde 1954 in Gerolstein / Eifel geboren, wuchs in Leverkusen auf und lebt seit 1975 in Berlin. 2010 gründete er in Berlin-Wilmersdorf eine Privatgalerie. Unter dem Titel „Berlin Photography“ führt die Carpentier Galerie 2014/2015 eine Ausstellungsreihe zur aktuellen fotografischen Auseinandersetzung von Fotografinnen und Fotografen mit der Stadt Berlin durch. Carpentier ist Herausgeber einer Edition von Fotokünstlerbüchern und Publikationen anderer Verlage. Er ist auch als Autor und Fotograf tätig.

www.carpentier-galerie.de
www.berlin-photography.de
www.edition-carpentier.de